Letter of german soldier Sandt

 

English translation of Heinrich Sandt's letter to his wife Elisabeth from 29.6.1941. He writes about what he saw at the "Lietukis Garage" in Kaunas (Vytautas Prospect Massacre).

Translation made by Christine Bombeck. (Thanks a lot!)

 

My dear Elizabeth,

we are still situated in Kowno with the complete division baggage train. How far the companies have come yet, I don't know. Anyhow, for K. the war is over. She has become a stage town overnight. By the way, today is thought to be Sunday. I do not know. I just know that it is currently raining. Therefore I've retired into the driver's seat of my car. The blotting pad is lying on the wheel, so everything is ok.

As farer you get eastwards, the dirtier and more disgusting -by our standards- the cities become. K. indeed has certain beautiful and wide streets with modern boulevards. But it all looks so modern, very  built overnight. The advanced objectiveness of the time of World War and the following periods characterizes the city center. But once you turn off the boulevard into the side alleys: small, partially unpaved, derelict wooden houses, smelly from dirt. You really have to hold your nose. This smell neither disappears in the big streets. Instead K. is draped in a cloud of smog that smells of all lifestyle habits and filthiness of the East. How deeply and freely you breathe while reaching the city boundary!

My first action in K. was to get some beer. Fortunately I was one of the first. The run was so large, because all units wanted to drink beer, that finally the Field Gendarmerie had to intervene imposing order. The brewery expended beer and the grunts made ample use of it.  Somewhen the women who worked in the factory arrived. They have been very outgoing and soon pictures have been   developed  that just could not be tolerated anymore. Yes, this is war. Only good that during army the iron broom is still prevailing, it just doesn't work without it. In the afternoon I drove into Kowno again. The setting became more lively. The Lithuanian self protection and White Russians speeded on trucks through the city and hunted the Jews down. In front of a cemetery, which layed on the one side of the street and a garage on the other side, a big crowd of people was gathered. Already from far one could see the excitement with which the crowd participated in the incidents that happened on the wide square before the garage.

While bending my steps toward this square, I heard a crying and groaning, a laughter and hooting, swearing and screaming. Then I saw iron bars, gunstocks, wooden cudgels and other items speeding downwards, as if someone was striking on something with anger and ire. And right: the Jews have been herded up and battered here. It was a scene that could not be exceeded in scariness and gruesomeness. Therefore I refuse to go into great detail. This evening the … people celebrated a public festival on top of the corpses of the Jews battered to death. An accordion played and the mob danced on top of the corpses jeering and whooping. The women have been the worst. Even heavily pregnant women delighted in this dance of the dead. Meanwhile the Field Gendarmerie has intervened. From that moment on the Jews have been treated more humanly, i.e. they have still been herded together in hundreds with weapons and then shot. But before they have to dig their own's grave. Only the Slav can be that cruel.

Naturally the Lithuanians are favorably disposed towards us as we have disabused them of the terror of the Reds. But they neither have anything to eat. Everything is rationalized resp. formalized.
The head functionaries who brought all this misery have fled early. But they will also be seized.
The large encircled areas that we've built are death areas for all those that are inside. You cannot imagine with which weapons such encirceled areas are surrounded. Guns in vast numbers and then always in with uncle Otto. Prisoners are not made, so cruel the war is here. -

In a moment the first breaking news will come. I want to listen to them. - The successes are enormous aren't they? Do you also have heard the S.-message about the tank battle north of Kowno?

A few days ago I had a nice dream! On the march I came near to Weddewarden. I asked the Lt. for holidays to visit you. This holiday have just been wonderful. We sat together in the  parlor and told each other and were pleased to have us back again. The night has also been indescribably pleasant. When I woke up I unfortunately didn't  lie right beside you but in a Lithuanian barn and had only dreamt successfully. I had to switch right after waking up because reality hasn't been reality.

 

With best regards for you

the children and everyone        yours, Heinrich

 

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Feldpostbrief vom 29.6.1941

 

English translation

 

Im Jahre 2016 tauchte ein Feldpostbrief von einem Soldaten einer Versorgungseinheit der 10. Kompanie des Infanterie-Regiments 89 (später Grenadier Regiment 89) auf.

Der Soldat Heinrich Sandt, geboren am 30.7.1908, schreibt in diesem Brief an seine Frau Elisabeth über die Geschehnisse in Kowno (Kaunas) im Juni 1941. Bekanntlich wütete ein Teil der litauischen Volksseele gegen ihre mutmaßlichen Peiniger: Kommunisten und Juden. Sandt erreichte als Mitglied des Gepäcktrosses des 89. Infanterie-Regiments die ehemalige litauische Hauptstadt. Das 89. IR scheint am 25. Juni 1941 die Memel überquert zu haben und blieb 10 km östlich von Kaunas stehen. Am nächsten Tag ging es weiter nach Osten (die kämpfenden Einheiten). Sandt schrieb an seine Frau am 29.Juni 1941, der Brief wurde auch an diesem Tag abgestempelt.

 

Die ca. 500 Briefe von Heinrich Sandt wurden von seinem Sohn aufbewahrt und das heute schwer lesbare Altdeutsch mit dem Computer abgetippt. Kurz vor seinem Tod übergab der Sohn die gesamten Familienunterlagen an seinen Bekannten Chris Steinbrecher aus Bremen. Der Kunsthistoriker (der sich für das Projekt 3.000 Schicksale Theresienstadt/Riga engagiert) digitalisierte den kompletten Nachlass. Ich habe ihn besucht und die gesamten Briefe gesehen. Bis ein Gutachter die Briefe untersucht hat, müssen die geschilderten Geschehnisse natürlich mit Vorsicht betrachtet werden. Für mich sahen die Briefe allerdings echt aus. Auch die geschilderten Familienstrukturen stimmen. Dass Frauen bei den Garagenmorden anwesend waren, kann man auf den vorhandenen Bildern auch eindeutig sehen.

Mittlerweile ist der Brief unterwegs nach Yad Vashem, der bedeutendsten Gedenkstätte über den Holocaust. Wieder ist durch Zufall ein Teil unserer Geschichte klarer geworden.

 

 Feldpostbrief Kowno Pogrome 1941

Feldpostbrief Heinrich Sandt 29.6.1941

 

O.U. den 29.VI. 41
Meine liebe Elisabeth!

Noch liegen wir mit dem gesamten Divisionsgepäcktroß in Kowno. Wie weit die Kompanien wo sind, weiß ich nicht. Für K. ist der Krieg jedenfalls vorbei. Sie ist über Nacht eine Etappenstadt geworden. Übrigens, heute soll Sonntag sein. Ich weiß es nicht. Nur soviel weiß ich, daß es augenblicklich regnet! Daher habe ich mich in den Fahrersitz des Wagens zurückgezogen. Die Schreibunterlage liegt auf dem Steuerrad und so geht es einiger maßen. -

Je weiter man nach dem Osten kommt, desto dreckiger und für unsere Begriffe abstoßend, werden die Städte. K. [AK: Kaunas] hat zwar einige schöne und breite Straßen mit modernen Prachtbauten. Aber es sieht alles so modern, so aus dem Boden gestampft, aus. Die moderne Sachlichkeit der Weltkriegszeit und der folgenden Jahre gibt dem Mittelpunkt der Stadt das Gepräge. Aber wehe, wenn Du von diesen Prachtstraßen abbiegst in die Nebengassen. Klein, z.T. ungepflastert, baufällige Holzhäuser von Schmutz stinkend. Man muß sich wirklich die Nase zuhalten. Dieser Schmutzgeruch verliert sich auch nicht in den großen Straßen. Dafür ist ganz K. in eine Dunstwolke gehüllt, die nach sämtlichen Lebensgewohnheiten und Unsauberkeiten des Ostens riecht. Wie man tief und erlöst beim Erreichen der Stadtgrenze aufatmet!

Meine erste Tätigkeit in K. war, Bier besorgen. Glücklicherweise war ich einer der ersten. Der Andrang wurde so stark, denn sämtliche Einheiten wollten Bier trinken, daß schließlich die Feldgendarmerie eingreifen mußte, um Ordnung zu schaffen. Die Brauerei gab für die Käufer Bier ohne Entgelt, dort zu trinken, aus, und die Landser machten dann reichlich Gebrauch. Dazu kamen die Weiber, die in der Fabrik arbeiteten. Sie waren sehr zugänglich und bald boten sich Bilder, die einfach nicht mehr geduldet werden konnten. Ja, das ist der Krieg. Nur gut, beim Kommiss herrscht immer noch der eiserne Besen, ohne den es einfach nicht geht. Am Nachmittag fuhr ich wieder nach Kowno hinein. Das Bild wurde belebter. Der litauische Selbstschutz und die Weißrussen jagten auf Lastwagen durch die Stadt und machten Jagd auf die Juden. Vor einem Friedhof, der auf der einen Seite der Straße lag und einer Garage auf der anderen Seite, war eine große Menschenmasse versammelt. Von weitem schon sah man die Erregung, mit der sie an den Geschehnissen teilnahm, die sich auf dem weiten Platz vor der Garage abspielten.

Während ich meine Schritte diesem Platz zu lenkte, hörte ich schon von weitem ein Geschrei und Gestöhne, ein Lachen und Johlen, ein Fluchen und Kreischen. Da sah ich, wie Eisenstangen, Gewehrkolben, lange Holzknüppel u. andere Gegenstände mit Macht nach unten sausten, so als man mit Wut und Ingrimm auf irgend etwas nieder schlug. Und richtig. Die Juden waren hier zusammen getrieben und wurden einfach niedergeschlagen. Es war ein Bild, das in seiner Schauderhaftigkeit und Grausamkeit nicht übertroffen werden konnte.

 

Kaunas Pogrome Vytautas Prospect 1941

Daher will ich Dir keine Einzelheiten hierüber schreiben. Des Abends feierte die ... [AK: unleserlich] Volksseele ein Volksfest auf den Leichen der erschlagenen Juden. Ein Akkordeon spielte und johlend und schreiend tanzte der Mob auf den Leichen umher. Die Frauen waren die Schlimmsten. Sogar hochschwangere Frauen ergötzten sich leidenschaftlich an diesem Totentanz. Jetzt hat die Feldgendarmerie eingegriffen. Die Juden wurden hinfort humaner behandelt, d.h. sie wurden nach wie vor in Waffen zu Hunderten zusammengetrieben und dann erschossen; vorher aber müssen sie ihr Grab geschaufelt haben. So grausam kann eben nur der Slawe sein.

Uns sind die Litauer natürlich sehr gewogen, haben wir sie doch von dem Terror der Roten befreit. Aber zu beißen haben sie auch nichts. Es ist alles rationalisiert bzw. formalisiert. Die Hauptfunktionäre, die all dieses Elend gebracht haben, sind vorzeitig geflüchtet. Gefaßt werden sie aber doch. Die großen Kessel, die wir gebildet haben, sind Todeskessel für alle die da drin sind. Du kannst Dir keine Vorstellung machen mit welchen Waffen solche Kessel umstellt sind. Geschütze in unüberschaubarer Zahl und dann immer hinein Onkel Otto. Gefangene werden nicht gemacht, so grausam ist hier der Krieg. –

Gleich kommen die ersten Sondermeldungen. Die will ich mir eben anhören. –  Die Erfolge sind gewaltig nicht wahr? Hast Du auch die S.- Meldung über die Panzerschlacht nördlich Kowno gehört?

Vor einigen Tagen ...

Herzlichen Gruß an Dich die Kinder u. alle
von Deinem Heinrich.

 

Kowno Massaker Feldpost 1941

Einer der ca. 500 Briefe von Heinrich Sandt

 

Heinrich Sandt SA 1933

Heinrich Sandt bei der Ausbildung in der SA Frühjahr 1933 (4. von rechts).

 

Die recht entspannte Art, wie der Soldat Sandt die Morde schildert ("Die Juden wurden hinfort humaner behandelt, d.h. sie wurden nach wie vor in Waffen zu Hunderten zusammengetrieben und dann erschossen ...) lässt sich vielleicht aus seiner Geschichte erklären. Er wurde am 15.4.1933 Mitglied der NSDAP und der SA. Sandt arbeitete als Lehrer für Deutsch und Geschichte. Er leistete seinen Wehrdienst 1939 ab, nahm am Polenfeldzug teil und war anschließend in Frankreich eingesetzt.

 

Heinrich Sandt hat sich auch für den Dienst bei der Feldpolizei und der Gestapo beworben, darüber gibt es aber keine weiteren Informationen. Er scheint versucht zu haben, sich durch Beziehungen vor dem Dienst in der kämpfenden Truppe zu drücken und landete bei dem Gepäcktross der 10. Kompanie des 89. IR. Deren Bierdurst haben wir diese Zeugenaussage über das Lietukis-Massaker zu verdanken.

 

Feldpostbriefe Litauen

Sandt schrieb etwa 500 Briefe an seine Frau Elisabeth.

 

 

Was ist das Besondere am Feldpostbrief des Heinrich Sandt?

Der bisher unbekannte Brief bestätigt einige kontrovers diskutierte Handlungen beim Lietukis-Pogrom. Schon der Fotograf Gunsilius (siehe Zeugenaussagen) sprach in seiner Aussage:

"Nachdem alle erschlagen waren, legte der Junge die Brechstange beiseite, holte sich eine Ziehharmonika, stellte sich auf den Berg der Leichen und spielte die litauische Nationalhymne. Die Melodie war mir bekannt, und ich wurde von Umstehenden belehrt, daß es sich um die Nationalhymne handle. Das Verhalten der anwesenden Zivilpersonen (Frauen und Kinder) war unwahrscheinlich, denn nach jedem Erschlagenen fingen sie an zu klatschen, und bei Beginn des Spiels der Nationalhymne wurde gesungen und geklatscht. Es standen Frauen in der vordersten Reihe mit Kleinkindern auf den Armen, die den ganzen Vorgängen bis zum Ende beigewohnt haben."

 

Sandt bestätigt also das Verhalten der anwesenden Frauen, sowie das Spielen des Akkordeons.

 

[Diese Schilderung gibt es auch bei Mejer Yelin in seinem Buch Festung des Todes wo ein Weissarmbändler mit einem Akkordeon auf den Leichen Musik spielt.]  To be confirmed...

 

Interessant ist auch die Aussage, dass die Litauer und Weißrussen mit LKW Jagd auf Juden machten. Tatsächlich scheint sich der "litauische Selbstschutz" am Vytautas Prospekt immer neue Opfer gesucht zu haben. Dass Weißrussen an den Aktionen beteiligt waren, ist mir aber neu.

 

Es ist überflüssig darauf hinzuweisen: Natürlich wusste die Wehrmacht (hier stellvertretend Soldat Sandt) von den Verbrechen, die mit ihr oder hinter ihr verübt wurden.

 

 

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Juozas Lukša – Partisanen

 Partisanen Juozas Luksa

Baltische Bibliothek im BaltArt Verlag, übersetzt aus dem Litauischen von Markus Roduner, erschienen am 1. August 2010.

Anhand des Buches von Juozas Luksa, der im Pariser Exil sein romantisierendes  Buch über die litauischen Partisanen (Waldbrüder) schrieb, möchten wir hier die Diskrepanz zwischen eigener litauischer Wahnehmung und vermeintlicher Wahrheit über den litauischen Widerstand untersuchen.

Dieser Text ist in Arbeit...

 

"Partisanen" wurde von Juozas Lukša in den Jahren 1948 bis 1950 in Paris geschrieben.

Es gilt als eines der authentischsten Zeugnisse der litauischen Partisanenbewegung. Da es mit einer einfachen Buchrezension hier nicht getan ist, werde ich diesen Text in drei Teile gliedern:

I.    Entstehung, Übersetzung

II.  Handlung

III. Juozas Lukša – kontrovers

 

I.

Juozas Lukša wurde 1921 südlich von Kaunas in einer Bauernfamilie geboren, machte sein Abitur und begann mit einem Architekturstudium in Kaunas. Er schloss sich der "Litauischen Aktivistischen Front" (LAF) an und wurde von den Sowjets verhaftet, konnte aber beim Einmarsch der Wehrmacht flüchten (laut Alex Faitelson aus dem "Gelben Gefängnis") und nahm mit der "LAF" am Aufstand gegen die Sowjets teil, die Litauen im Rahmen des Hitler Stalin Paktes seit 1940 besetzt hatten.

 

Mehr Details dazu im Abschnitt III.

 

Nachdem die Deutschen aus Litauen vertrieben waren, und die Sowjets wieder brutal weitermachten, wie schon 1940/41, ging Lukša, wie viele andere junge Männer (aber auch Frauen), in den Untergrund. In Litauen, wahrscheinlich eine Besonderheit des internationalen Partisanenkampfes, in die Wälder.

Deshalb auch der Name "Waldbrüder". Schnell stieg er bei den Waldbrüdern auf, wurde einer der berühmtesten Führer der Partisanen unter den Decknamen Daumantas und Skirmantas. 1946 wurde er das erste Mal über die gut bewachte litauisch-polnische Grenze geschickt. Im Dezember 1947 sollte er diese Reise erneut machen. Mittlerweile war die Grenze aber zu gut gesichert und man entschied sich zu einem Umweg über Ostpreußen, in der Hoffnung auf eine leichtere Grenzüberquerung. Mit einigen Verlusten gelang die Reise und Lukša kam über Schweden (laut Faitelson auch über die USA) nach Paris. Hier schrieb er 1948-50 sein Buch "Partisanen". Es wurde später mehrfach ins Englische übersetzt. Außerdem erschien es auf Schwedisch und mit dieser Übersetzung von Markus Roduner, einem Schweizer der in Litauen lebt, erstmals auf Deutsch.

Die Übersetzung durch Markus Roduner ist sehr gut gelungen. Der Text ist plausibel und sehr gut zu lesen. Im Gegensatz zu früheren englischen Übersetzungen fehlt hier auch nicht die Charakterisierung von einigen Protagonisten der Handlung als Juden.

 

Nach der litauischen Unabhängigkeit 1990 wurde das Buch "Partisanen" zu einem Bestseller –  und Lukša zum Nationalhelden. 

 

"Partisanen" wurde 1950 vollendet. Der Kampf in Litauen war noch in vollem Gange und Lukša ein bedeutender Anführer der litauischen Waldbrüder. Somit kann man das Buch als einen der authentischsten Tatsachenberichte über den antisowjetischen Widerstand in Litauen bezeichnen. Lukša hat sein Buch in Romanform geschrieben und manche Stellen sind so detailliert, dass diese Details wahrscheinlich ausgedacht sind (das ist meine Interpretation). (Siehe hier auch: Antanas Sileika in Lituanus).

 

II.

Am Beginn des Buches sitzen einige deutsche Wehrmachtssoldaten in Lukšas elterlicher Stube und nehmen sich mit vorgehaltenem Gewehr, was an Essen da ist. Dann kommen die Russen. Die russische Besatzung von 1940-41 geht also 1944 weiter. Einige Litauer gehen sofort in den Untergrund, Lukša selber wird erst mal an der Universität in Kaunas arbeiten. Der Autor schildert das Leben unter den Okkupanten, die Lebensmittelversorgung (Selbstversorgung), den Umgang mit den Rotarmisten, die beginnenden Inhaftierungen von Freunden, die Bestechung der russischen Verantwortlichen. Den zunehmenden Partisanenkampf versuchten die Sowjets mit der Aufstellung von sogenannten "Zerstörern" (russisch Istrebitel oder litauisch Stribai genannt) zu bekämpfen. Stribai waren Litauer, die, aus welchen Gründen auch immer (z. B. Befreiung vom Wehrdienst), bereit waren für die Sowjets zu arbeiten.

 

Lukša bezeichnet sie als: "... diejenigen, die bereits in der Zeit des unabhängigen Litauen als unerwünschte kriminelle Elemente hervorgetreten waren – der Abschaum der Gesellschaft." (Zum Abschaum der Gesellschaft hier die Details des Lietukis Massakers) Allerdings fängt hier schon die Grauzone des Partisanenkampfs gegen die Besatzer und gegen das eigene Volk an. Es wurden ja nicht nur die Sowjets und deren (litauische) Spitzel bekämpft, mit der Zeit wurden die Hemmungen auch auf Partisanenseite immer geringer, der Kampf brutaler. Nahrung musste besorgt werden. Und irgendwann war der Wille (und die Kraft) der Landbevölkerung nicht mehr in ausreichendem Masse da, die Waldbrüder zu versorgen. Die begannen dann mit Gewalt Lebensmittel zu besorgen. Nachdenklich macht sicherlich auch folgende Partisanenaktion in Marijampole. Die Vytautas Partisaneneinheit wollte die sowjetischen Sicherheitsmitarbeiter in der Stadt Marijampole liquidieren. Sie hatten die Idee zu einer Verlobungsfeier, bei denen Mitglieder des MWD und MGB (sowjetische Sicherheitsorgane) vergiftet werden sollten. Da man aber kein Gift auftreiben konnte, sollten die Gäste nun erschossen werden. Es kamen aber nicht alle Gäste und einige der anwesenden Russen schöpften Verdacht. Besonders erwähnt wird der "Jude Gurewitsch", Chef der Presseabteilung von Marijampole. (Zur typischen Nennung jeglicher jüdischen Nationalität/Rasse/Religion bei Lukša siehe Abschnitt III.). Der weibliche Part dieser inszenierten Verlobung wurde von Anele Senkute übernommen. Zum damaligen Zeitpunkt war sie Verbindungsfrau der Partisanen und arbeitete bei den Gewerkschaftsorganen in Marijampole. Sie war 24 Jahre alt.

Es starben im Kugelhagel drei Gäste, sowie die Mitbewohnerin von Anele Senkute (Ona Karvelyte, die bei der Staatsbank in Marijampole arbeitete und gegen die Partisanen war). Senkute ging nach dieser Aktion in den Untergrund und starb nach Verrat im gleichen Jahr. Auffällig sind die in den Fußnoten genannten Geburts- und Todesdaten. Die meisten Partisanen, auch die Mädchen, sind sehr jung gestorben (meist mit 25 Jahren).

 

Der Versuch der Partisanen gegen die Kolchosierung der Landwirtschaft vorzugehen, indem Gewalt gegen die russischen Kolonisten ausgeübt wurde, erscheint im Nachhinein als völlig hilflos. Etwas überheblich kommt mir die Aufforderung an zugewanderte Russen auf Flugblättern vor, das Land innerhalb eines Monats zu verlassen.

 

In ihren Erdbunkern produzierten die Partisanen ihre Untergrundpresse, und versuchten zu überleben.

 

Mit einer aus Königsberg stammenden deutschen Bettlerin, die den Partisanen bei einem Verbindungsmann begegnet, entwickelt sich laut Lukša folgender seltsamer (Propaganda?) Monolog (S. 270):

"Ja. Erst jetzt habt ihr die Bolschewisten kennen gelernt, begann Sakalas, der aufmerksam zugehört hatte. Vor ein paar Jahren hattet ihr trotz eurer Männer an der Ostfront noch keine Ahnung, dass die Politik der Bolschewisten die versklavten Völker physisch und geistig zu vernichten sucht ... Wir waren in einer glücklicheren Lage, denn wir hegten keine Illusionen. Wir waren überzeugt, dass Hitler nicht unbesiegbar war, ahnten, dass in unserem Land die deutsche von der neuerlichen bolschewistischen Okkupation abgelöst wird. Doch der Litauer beugt nicht gern sein Haupt vor dem Feind. Wenn schon sterben, dann mit Musik – sagt der Litauer heute, wenn er vor der Wahl steht: Deportation oder geistige Vernichtung.

Und ihr gebt euch mit der Freude an unserer Maschinengewehr-Musik zufrieden? Warum existiert bei euch kein stärkerer aktiver Widerstand gegen den Okkupanten? Ihr habt doch in den vergangenen zwei Jahren die Auswirkungen der bolschewistischen Vernichtungsmaschinerie zu spüren bekommen. ...

Zwei Gruppen meiner Männer hatte ich ins Landesinnere von Preußen geschickt, als Keimzelle für eine Untergrundbewegung – so hofften wir. Doch unsere Hoffnungen wurden enttäuscht. Sie konnten nicht einmal funktionierende Verbindungen aufbauen, von weiterer wirkungsvoller Tätigkeit ganz zu schweigen. Und nach den Ursachen des Scheiterns muss bei den Einheimischen dort gesucht werden. ... Euch Preußen fehlt es an Nationalbewusstsein."

 

Wobei auf S. 313 über Ostpreußen steht: "Zu diesem Land passte nun der Name Todesland".

 

Ähnlich beschreibt Lukša die Partisanensituation in Polen. Der illegale Grenzübertritt von Litauen nach Polen war fast komplett zum Erliegen gekommen. Die Partisanen in Polen hatten ihren Kampf im Rahmen einer Amnestie 1947 fast vollständig eingestellt. Wie blutig der Kampf bei den verbliebenen polnischen Partisanen weiterging, kann man bei B. Chiari (Die polnische Heimatarmee) nachlesen.

 

Der russische Druck wurde aber immer größer. Die Bevölkerung konnte und wollte den Kampf nicht mehr mittragen. Die Strategie mit den Stribai (Zerstörern) und der Unterwanderung der Partisanen wurde immer erfolgreicher. Viele Partisanen wurden von Freunden verraten und starben durch die Sowjets in den Bunkern oder töteten sich vor der Verhaftung selber. (Unter Folter und mit den Methoden der sowjetischen Sicherheitsorgane unter Stalin ist Verrat durch Kameraden leider verständlich.).

 

Lukša wird mit einem Hilferuf erneut in den Westen geschickt. Durch Ostpreußen ("Todesland") geht es über die Grenze nach Polen. Die schreckliche Lage im Gebiet von Königsberg wird beschrieben. Diesmal kommt es mit den russischen Grenzschützern zu heftigen Kämpfen mit vielen Toten. Auf polnischer Seite werden die Litauer von den polnischen Sicherheitsorganen verfolgt. Lukša erreicht einen Bahnhof und reist nun gen Westen. Wohin die Reise geht, wird leider nicht mehr geschildert.

Hier hört das Buch auf.

 

Juozas Lukšas Buch ist ein  Zeitzeugenbericht über die litauischen Partisanen. Man bekommt ziemlich deutlich das Leben und den Tod der Waldbrüder mit. Aber auch das Leid der Zivilbevölkerung und deren mangelnden Willen, die Untergrundkämpfer zu unterstützen. 

 

Trotz Mängel in der redaktionellen Bearbeitung sollten "Partisanen" alle die lesen, die sich für Litauen nicht nur als touristisches Ziel interessieren.

 

Unsere Empfehlung.

 

 

III.

 

Auch wenn das Buch über die litauischen Partisanen ein interessanter Beitrag zur litauischen Geschichte ist, kann man über die antisemitischen Tendenzen (Wie schon erwähnt werden alle jüdischen Personen explizit als Juden benannt, natürlich sind alle genannten Juden in Diensten der sowjetischen Sicherheitsorgane, sie jagen und töten die Partisanen.) nicht hinwegsehen.

 

Hier liegen auch die Schwachstellen der redaktionellen Bearbeitung der deutschen Ausgabe. (In einer früheren englischen Übersetzung ließ man die Benennung der Juden gleich weg.). Juozas Lukša schrieb sein Buch zwischen 1948 und 1950. Die Schreckenstaten der Deutschen, der Holocaust und das Wüten in Russland müsste Lukša mittlerweile bekannt geworden sein. Vielleicht muss er 1948 über die unrühmliche Rolle der LAF (Litauische Aktivistische Front) beim Einmarsch der Wehrmacht in Litauen und bei den Massakern an den Juden nicht berichten, es geht ja hier um den Widerstand gegen die sowjetischen Okkupanten. Wenn man aber selbst 1941 an Aktionen gegen Juden beteiligt war, ist die Kennzeichnung des politischen Gegners als Jude verständlich.

 

Im ganzen Buch kein Wort über den Umgang mit den jüdischen Mitbürgern oder die Kollaboration. Stattdessen kämpft man mit deutschen Waffen weiter.

 

Auch das Juozas Lukša, heute ein Nationalheld in Litauen, durchaus umstritten ist, dass die "LAF" teils von den Nazis  aus Berlin gesteuert wurde und während der deutschen Besatzung die Drecksarbeit bei der Judenvernichtung machte, wird mit keinem Wort erwähnt.

 

Als Lukša in der Universität seine Personalakten aus der deutschen Besatzungszeit findet (S. 35) bekommt er einen Schreck. Für den Inhalt kann man von den Sowjets sofort liquidiert werden. Mit ein bisschen Fantasie kann sich der Leser denken, was die Litauer den Deutschen für die Fragebögen diktiert hatten.

 

Stattdessen steht in der Einleitung: " Nicht wenige Litauer begrüßten die einmarschierenden deutschen Truppen als Befreier. Eine Ausnahme bildeten die Juden, die etwa 10 Prozent der Bevölkerung ausmachten, sowie diejenigen, die mit den Sowjets kollaboriert hatten."

 

Ich finde es unverantwortlich diesen Satz unkommentiert zu schreiben, ohne für weniger informierte Leser den Zusammenhang zu erläutern. Stand die Wehrmacht doch an Litauens Grenze und den allermeisten Juden war klar, was ihnen bei einem deutschen Einmarsch blühte. Ethnische Litauer mochten von den Deutschen ihre Unabhängigkeit erhoffen, für die litauischen Juden waren sie der sichere Tod!

 

 

Auch die Aussage im Vorwort, die Litauer seien ein beinahe geschlossenes Volk, welches Katholizismus und Nationalismus eng verband, ist nicht ganz richtig. Viele Städte hatten einen hohen Anteil an Juden (in über 200 Ortschaften lebten Juden, die zwischen 25 und 50 % der Bevölkerung ausmachten), woran in Kedainiai und Rokiskis noch die komplette Innenstadt erinnert. Vilnius war gar gänzlich in polnischer und jüdischer "Hand". Ethnische Litauer gab es hier weniger als 3 %.

 

 

Es gab zwar litauischen Widerstand gegen die Deutschen, allerdings erst als alle litauischen Erwartungen nach Eigenständigkeit enttäuscht wurden. Und der Widerstand war passiv, aktiver militärischer Widerstand ist mir nicht bekannt. Vielmehr hat die "LAF", deren Mitglied Lukša ja war, aktiv am Judenmord teilgenommen. Große Teile der litauischen Polizei machten beim Holocaust mit. Litauer machten bei den Massenerschießungen in den Dörfern, im Fort IX. und in Paneriai bei den Erschießungen die Drecksarbeit.

 

" Zweifellos waren nicht alle baltaraiščiai Judenmörder, aber an diesen Tagen zwischen Juni und August 1941 trugen alle Judenmörder weiße Armbinden, sie waren baltaraiščiai." S. Ginaite Holocaust in Litauen, S.44  (AK: baltaraiščiai= Weissarmbindler=LAF)

 

Interessant wäre hier eine Untersuchung, wie viele der Partisanen vor dem sowjetischen Einmarsch 1944 die Deutschen aktiv (auch bei der Judenvernichtung) unterstützt hatten. Dann sähe man die Waldbrüder vielleicht aus einer anderen Sicht oder zumindest differenzierter.

 

(Über die Zusammensetzung der Waldbrüder schreibt Ruth Leiserowitz:

"Die ersten widerständischen Gruppen, deren Mitglieder im Volksmund "Waldbrüder" genannt wurden, rekrutierten sich aus Angehörigen der Litauischen Aktivistenfront (im folgenden LAF)7, Soldaten der Plechavičius-Armee (prodeutscher Einheiten), der militärischen Organisation "Kes­­tu­tis", geflüchteten Soldaten, Angehörigen der Schutzbataillone und der Polizei in der deutschen Besatzungszeit." Waldbrüder)

 

Neben diesen ins Detail gehenden Wahrheiten über die LAF vermisse ich einen Hinweis darüber, dass Lukša durchaus kontrovers gesehen werden muss. Neben seiner Mitgliedschaft in der LAF gibt es eine Reihe von Anschuldigen durch (meist jüdische) Autoren und Organisationen, dass Lukša während der deutschen Invasion an Judenmorden beteiligt war.

 

Holocaust Kaunas Litauen

Angeblich Lukša beim Massaker in Kaunas

 

Lukša war angeblich am Massaker an der Lietukis Garage in Kaunas beteiligt. Seine Partisanenfreunde Vitkauskas, Naujokas usw. gelten als Freunde von Algirdas Klimaitis, der wohl der Anführer beim genannten Massaker war (siehe Stahlecker Bericht 1941).

 

Alex Faitelson (Jüdischer Überlebender aus dem 9. Fort in Kaunas) schildert Lukša in seinem Buch "The Truth and Nothing But The Truth") als den Schlächter von Kaunas auf dem (o.a.) berühmten Bild:

 



... "Jonas Barshketis began to note down details of the horrendous crimes committed by the Lithuanian activists of LAF against Jews in Lithuania. He noted the names of Gestapo agents, which he knew from the lists of personnel entitled to be given produce from the canteen. He noted names of the special command of Joachim Haman who murdered Jews, killers from the battalion led by Antanas Impulevichus and others. He also noted the names of those Lithuanians who collaborated with the LAF and with the Gestapo. They frequently visited the Gestapo and dropped into the canteen. After Kaunas was liberated (on August 1, 1944) he transferred his notes to a Russian officer of the SMERSH for the NKVD.
Jonas Barshketis was a living witness of the killings of Jews in the Lietūkis garage. He remembered well the faces of the killers, many of whom had been freed from the Kaunas “Yellow Prison” on June 23, 1941. That’s why SMERSH-NKVD and the KGB sent him to places where lots of people gathered for public meetings and lectures. There he was easily able to recognize Lithuanian criminals and members of the Gestapo who had executed Jews.
In the autumn of 1944, some months after the liberation of Kaunas, the famous Soviet author Ilya Ehrenburg arrived there. Throughout the town there were notices of his forthcoming meeting with Lithuanian intelligentsia, which was to take place in the hall of the nursing school.
The hall was full. Professors, doctors and students from the newly opened Kaunas University medical faculty were present. The front was far away, somewhere on German territory. Jonas was also there. The SMERSH officer he knew sat not far from him.
In his lecture, Ilya Ehrenburg spoke of Nazism, of its cruel role in the Second World War, and called on all present to assist the Red Army to defeat Hitler.
He asked that questions should be as short as possible. One young student asked for an explanation of the difference between the Stalinist and Hitlerite occupation of Lithuania. At this moment Jonas Barshketis recognized this student. He had seen him in the Lietūkis garage on June 25,1941, where he had participated in the killings of Jews, having been freed a mere two days prior to this from the “Yellow Prison” as an LAF activist. Jonas told this to the Russian officer from SMERSH whom he knew. Later it transpired that this was Juozas Luksha, now well known in Lithuania as a “freedom fighter.”
Luksha evidently sensed that he was being noticed and instantly vanished. He never showed his face at the university and went off into the forest.
His photograph was found and shown to witnesses who were interrogated. They all confirmed his participation in the torture of Jews in the garage. Luksha escaped to Western Europe through Poland. Later he returned to Lithuania, hid in the forests, called himself by the nickname “Daumantas,” and participated in terrorist acts. Later still he made his way to the United States, where he published in Lithuanian his anti-Semitic book Partisans. In 1950, Luksha, together with a band of saboteurs, armed with weapons and radios, were parachuted into Lithuania from a military aircraft into the Lithuanian forests. In September 1951, he was held and killed near Kaunas. In Lithuania he is a national hero. The street I. Lukshos-Daumanto in the vicinity of the fort where the mass execution of Kaunas Jews took place is named after him. Who can imagine any greater cynicism on the part of the authorities?" ...

 

Faitelson nennt noch weitere Zeugen für die Lietukis-Morde.

 

Natürlich sind Zeitzeugen die mit Antanas Snieckus (Chef der Litauischen Kommunistischen Partei) bekannt sind, nicht die besten Zeugen.

Es spricht aber so viel gegen Lukša, dass man es zumindest im Buch erwähnen sollte.

 

Der Vollständigkeit halber wäre auch erwähnenswert gewesen, dass Historiker (hier Alexander Statiev, Professor der Universität Waterloo, Kanada) in 'The Soviet Counterinsurgency in the Western Borderlands' den litauischen Partisanenkampf als Bürgerkrieg bezeichnen, da die meisten Opfer zivile Opfer waren.

 

Betrachtet man die Taten der "LAF" und Lukšas eventuelle Beteiligung am Lietukis Massaker, dann klingen folgende Sätze zumindest sonderbar:

... "Wir (Studenten) glaubten fest an die Unteilbarkeit von Freiheit, Menschenrechten und Völkerrechten – so stand es in der Atlantik-Charta und so wurde es auf Konferenzen feierlich bekräftigt. Wir glaubten nicht an das Aufgeben des Kampfes für die Prinzipien der Freiheit und des Humanismus sowie für die Menschenrechte und an das Zulassen schamlosen Auslieferns ganzer Völker an den Tod."

 

Über die 400.000 Toten durch die deutsche Besatzung kein Wort.

 

Eine Betrachtung von Juozas Lukša und seiner Partisanentätigkeit im Hinblick auf den litauischen Holocaust wäre für die nächste Ausgabe wünschenswert.

 

Zu beziehen bei:

BaltArt 22 Euro 

oder im Buchhandel

 

 

Im Vorwort wird der litauische Widerstand gegen die Nationalsozialisten erwähnt. Darüber gibt es fantastische Bücher. In "Kollaboration in Nordosteuropa“, (herausgegeben von J. Tauber) stehen z. B. folgende Sätze:

"Der litauische Widerstand bemühte sich, gegenüber den Deutschen so wenig Konflikte wie möglich aufkommen zu lassen ...

Doch die Deutschen reagierten mit Terror auf den unbewaffneten und erfolgreichen Widerstand gegen die Zwangsmobilisierungen zur SS (AK: Litauen und Polen waren die einzigen besetzten Länder, in denen die Deutschen keine SS Verbände gründen konnten) zur Wehrmacht und zur Zwangsarbeit.

Im Frühjahr 1943 wurden einige Dutzend litauischer Repräsentanten in das Konzentrationslager Stutthof gesperrt. Darunter befand sich eine ganze Reihe litauischer Politiker und Funktionäre, die noch im Sommer 1941 in hohem Maße an der Ghettoisierung und Ermordung der litauischen Juden beteiligt waren."

 ...

"Gleichzeitig teilten wesentliche litauische Gruppen sowohl die weltanschauliche Ausrichtung der Deutschen auf "Volk" und "Kampf" als auch auf die Definition der "Volksfeinde": in erster Linie Kommunisten und Juden, aber auch Polen und Russen".

...

"Zu Beginn der deutschen Besatzung sahen wesentliche litauische Gruppen es als nützlich für die Zukunft der litauischen Nation an, gegen die Juden zu agieren und mit den Deutschen zusammen zu arbeiten".

 

Als sich die litauischen Hoffnungen auf Souveränität als falsch heraus stellten "ging man teilweise auf Distanz und in Opposition zu den Deutschen. Gleichzeitig blieb man antijüdisch ausgerichtet und im Vilnius-Gebiet dazu noch antipolnisch".

 

 

Danke an alle Korrekturleser!

 





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Vilnius auf litauisch, Wilna auf polnisch.

 

Vilnius war seit seiner Gründung durch Balten immer eine internationale Stadt. Eine litauische, polnische, ruthenische  und jüdische Stadt.

Sie war und ist weltoffen und ihr Charme ist anders als die vom Deutschen Orden gegründeten anderen baltischen Hauptstädte. Trotzdem gibt es seit der litauischen Staatsneugründung 1918 immer wieder Spannungen zwischen Polen und Litauen.

Beiträge dazu finden hier in dieser Rubrik ihren Platz.

 

Dazu ein Zitat aus einem Brief von Czeslaw Milosz (litauisch-polnisch-amerikanischer Dichter *1911 im litauischen Sateiniai) an Tomas Venclova

 

Lieber Tomas,

 

Zwei Dichter, Litauer der eine, Pole der andere, sind in der gleichen Stadt aufgewachsen. Das dürfte eigentlich Grund sein, daß sie über ihre Stadt sprechen, und das sogar öffentlich. Zwar gehörte die Stadt, die ich kannte, zu Polen, hieß Wilno, und auf den Schulen und in der Universität wurde polnisch gesprochen: Deine Stadt war die Hauptstadt der Litauischen SSR [A.K.: Sozialistischen Sowjet Republik], hieß Vilnius, und Du hast die Schule und Universität in einer anderen Epoche, nach dem Zweiten Weltkrieg besucht.


Dennoch ist es ein und dieselbe Stadt, und ihre Architektur, die Landschaften ihrer Umgebung und ihr Himmel haben uns beide geformt. Gewisse, sozusagen tellurische [A.K.: die Erde betreffend] Einflüsse sind nicht auszuschließen. Außerdem habe ich den Eindruck, daß Städte ihren Geist und ihre Aura haben, und manchmal, wenn ich die Straßen von Wilna entlanggegangen bin, kam es mir so vor, spürte ich diese Aura auf beinahe sinnliche Weise.
(...)

Im 20. Jahrhundert war das Programm der polnischen Nationalisten für die ethnisch nichtpolnischen Gebiete dumm, da Wilna oder Lemberg [A.K.: heimliche Hauptstadt der Ukraine] Enklaven waren.Ich denke, daß es jungen Leuten heute recht schwer fällt, diesen Enklaven-Charakter des Vorkriegs-Wilna zu verstehen: das war weder Polen noch Nicht-Polen, weder Litauen noch Nicht - Litauen, weder Provinz noch Hauptstadt, obwohl doch vor allem Provinz.
Und natürlich war Wilna, wie ich es aus der Perspektive sehe, absonderlich, eine Stadt mit vermischten, einander überlappenden Gebieten wie Triest oder Czernowitz.


Dort aufgewachsen war nicht das gleiche wie in ethnisch einheitlichen Gebieten aufzuwachsen. Die Sprache selbst wurde anders empfunden. Es gab keinen volkstümlichenstädtischen oder dörflichen Dialekt mit rein polnischen Wurzeln, es gab die "hiesige" lustig wirkende Sprache, die vielleicht dem Geist der weißrussischen näher war als dem der polnischen, obwohl sie freilich viele polnische Worte bewahrt hatte, die im 16. und 17. Jahrhundert üblich, in Polen jedoch aus dem  Sprachgebrauch verschwunden waren. Die Grenze zwischen der "hiesigen" Sprache und der Sprache der adligen Gemeinde (die Mickiewicz sowohl in der Kindheit als auch später in Paris mit dem inneren Ohr hörte) war natürlich fließend, genauso wie die zwischen der Sprache des Kleinadels und der des Hofes oder auch der vom Hof kommenden Intelligenz. All das war jedoch dem polnischen Bauern-Dialekt wirklich fremd.

In der "hiesigen" Sprache sprach das Proletariat von Wilna, sie hatte keine Ähnlichkeit mit der Warschauer Volkssprache, wo sich wahrscheinlich ein gewisses bäuerliches Substrat erhalten hat. Für mich ist zum Beispiel ein Dichter wie Miron

Bialoszewski exotisch. Diese Sprachquellen habe ich nicht. Ich riskiere die Feststellung, daß unsere Sprache empfänglicher war für Korrektheit und auch für rhythmische Prägnanz, deshalb empfinde ich das klare Polnisch der Dichter des 18. Jahrhunderts wie Krasicki oder Trembecki als "das meine". Es ist schwierig, das zu analysieren. Was mich betrifft, so würde ich sagen, meine Sprache wurde davon beeinflußt, daß ich der Versuchung der ostslwischen Sprachen, in erster Linie des Russischen, widerstanden und ein Register gesucht habe, in dem ich - in Bezug auf die rhytmische Modulation - mit den ostslawischen Elementen wetteifern konnte.

 

Ich weiß nicht, wie sich der Widerstand gegen das Russische auf Dein Litauisch ausgewirkt hat. Ich weiß, daß es für mich und für jeden, der ein empfindsames Ohr für das Russische hat, schädlich ist, dem starken Beat des russischen Jambus nachzugeben, und daß dies nicht die Hauptrichtung des Polnischen ist.

 

Das Wilna Problem in der Polnischen Aussenpolitik

 

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