Ich durfte Herrn Melamed zusammen mit meinem Schwager, der aus dem Litauischen übersetzte, im Sommer 2011 besuchen.

sheftel melamed mit tochter bei Astravas

Sheftel Melamed mit Tochter Leta Vainoriene bei einer Gedenkfeier an der Astravas Gedenkstätte in Birzai (rechts A. Saibutis)

 

Herr Melamed gilt heute als einziger Jude Birzais. Der rüstige 85-jährige berichtete uns im Gespräch, wie er die deutsche Besetzung Litauens überlebte.

Als die Operation Barbarossa am 22. Juni 1941 begann, dauerte es nur wenige Tage, bis Litauen (das bis dahin von der Sowjetunion besetzt war) komplett von der Wehrmacht besetzt war.

Der deutsche Angriff wurde mit Aktionen der LAF (Litauische Aktivisten Front) vom ehemaligen litauischen Militärattache Kazys Skyrpa koordiniert. Die LAF griff die Rote Armee an und erschoss etliche flüchtende Rotarmisten. Das führte wiederum zu blutigen Gegenreaktionen. Deshalb ist der Aufstand der LAF insgesamt durchaus fragwürdig. Mehr zur LAF folgt in einem gesonderten Kapitel.

Melameds älterer Bruder diente in der Roten Armee. Als sie Hals über Kopf flüchteten, konnten sich die Brüder noch in Birzai verabschieden.

Dabei zog der Soldat seinen kleineren Bruder in den LKW. Die Flucht ging immer direkt an der deutschen Front, teilweise dahinter, entlang.

Während Melameds Bruder in der berühmten 16. litauischen Division der Roten Armee kämpfte, arbeitete der 16-jährige Sheftel in einer Fabrik.

Den Juden in Litauen war die Gefahr, die ihnen drohte, durch das Radio bewusst. Eingekeilt zwischen Teufel und Belzebub, hatten sie keine Chance den Deutschen zu entkommen. Entgegen der Propaganda waren nämlich bei weitem nicht alle Juden für die Sowjetunion.

Nach dem Krieg traf Melamed in Birzai Freunde, die den Krieg nur deshalb überlebt haben, weil sie vorher von den Sowjets nach Sibirien deportiert worden waren.

Wird fortgesetzt...