Vydunas

 

Skaiste Austeja Budreviciute beschäftigte sich in ihrer Bachelorarbeit 2014 mit dem Werk von Wilhelm Storost "Vydunas" ´Sieben Hundert Jahre Deutsch-Litauischer Beziehungen`.

Wir veröffentlichen ihre Arbeit mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

 

 

Universität Vilnius
Philologische Fakultät
Lehrstuhl für Deutsche Philologie

SKAISTE AUSTEJA BUDREVICIÜTE

  1. Studienjahr

Fachrichtung Deutsche Philologie und eine andere Fremdsprache (Schwedisch)

ZUR REZEPTION DER ABHANDLUNG
"SIEBEN HUNDERT JAHRE DEUTSCH-LITAUISCHER
BEZIEHUNGEN” VON VYDÜNAS
IN DEUTSCHLAND UND LITAUEN

Bacherlorabschlussarbeit

Wiss. Betreuer: Doz. Dr. Saulius Lapinskas

Vilnius 2014

Inhaltsverzeichnis

Einleitung............................................................................................................................................. 3

  1. Vydünas als Symbolfigur der deutsch-litauischen Völkerverständigung und der

Kulturbeziehungen............................................................................................................................... 5

  • Die zweifache Angehörigkeit und das Lebensziel von Vydünas.......................................... 5
  • Die kulturelle Tätigkeit von Vydünas................................................................................... 6
  • Vydünas in den Kriegszeiten: die Zuspitzung der Spannung zwischen Deutschland und

Litauen............................................................................................................................................. 9

  • Die Philosophie und die sozialen Ideen von Vydünas........................................................ 13
  1. "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen": Ein Werk zwischen zwei Feuern ... 16
    • Der kulturhistorische Kontext der Entstehung des Buches................................................. 17
    • Die Hauptideen der Abhandlung und ihre Rezeption durch die Deutschen und Litauer.... 19
      • Die Vydünas'sche Auffassung der deutschen und der litauischen Mentalität und ihre

Kritik.......................................................................................................................................... 19

  • Die Untrennbarkeit der Sprache und des Volkstums: die Idee und ihre Rezeption .... 23
  • Vom bedrohlichen Nebeneinander zum friedlichen Miteinander der Völker: eine

humanistische Sicht................................................................................................................... 29

Schlussfolgerungen............................................................................................................................ 35

Literaturverzeichnis........................................................................................................................... 37

Santrauka............................................................................................................................................ 40

 

Einleitung

Das Thema der vorliegenden Arbeit lautet "Zur Rezeption der Abhandlung "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" von Vydünas in Deutschland und Litauen". Im Zentrum der Arbeit steht der berühmte preußisch-litauische Dichter, Philosoph und Humanist Vydünas (eigtl. Wilhelm Storost) und sein Werk "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen". Im ersten Teil der Arbeit werden das Leben und die Tätigkeit von Vydünas dargestellt und in dem Zweiten wird das oben genannte Werk analysiert, indem das Hauptgewicht auf die wichtigsten Gedanken und Ideen und auf ihre Rezeption seit der Veröffentlichung bis in die heutigen Tage in Deutschland und in Litauen gelegt wird. Die Abhandlung wurde 1932 in Tilsit herausgegeben, 1982 in Chicago nachgedruckt und 2001 ins Litauische übersetzt und in Litauen veröffentlicht.

Die Tätigkeit von Vydünas war vielfältig. Einige Aspekte, nämlich seine dichterischen Werke, sein kultureller Einsatz im Rahmen der Wiederbelebung litauischer Kultur und sein Beitrag zum philosophischen Diskurs Litauens sind relativ gut erforscht worden. Doch seine aus dem damaligen komplexen politisch-kulturellen Kontext resultierende außerordentliche Stellung zwischen zwei Kulturen und Sprachen, nämlich dem Deutschen und Litauischen, supponiert auch eine weitere Forschungsrichtung, die seine Stellung zu historischen Geschehnissen und interkulturellen Beziehungen sowie seine gesellschaftlich-kulturellen Einsichten umfasst. Da es sich nämlich um die Frage deutsch-litauischer Beziehungen handelt, dürfte dieses Thema auch für das germanistische Studium relevant sein.

Das Forschungsziel besteht darin, die grundlegenden Ideen im Buch "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" zu erörtern und ihre Rezeption anhand der Stellungnahmen und Kritik verschiedener Forscher zu analysieren. Dabei sollen historisch-anthropologische und vergleichende Methode zur Anwendung kommen. Aus der Zielsetzung ergeben sich folgende Forschungsaufgaben:

  1. Das Leben, die kulturelle Tätigkeit und die philosophischen Ansichten von Vydünas als Kontext für sein Buch "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" zu beschreiben;
  2. Die Gedanken von Vydünas über die historisch-kulturellen Entwicklungen im Rahmen deutsch-litauischer Beziehungen vorzustellen;
  3. Seine Ansichten kritisch zu analysieren, indem die Berichte der litauischen und deutschen Forscher sowie die damaligen und heutigen politisch-kulturellen Tendenzen berücksichtigt werden;
  4. Die (nicht)stattgefundene Rezeption des Werkes in Deutschland und in Litauen und die Gründe dafür zu erläutern.

Neben dem analysierten Werk "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" werden auch andere Werke von Vydünas zu Hilfe genommen sowie die Beiträge zahlreicher litauischer und deutscher Geisteswissenschaftler, darunter Jürgen Storost, Vacys Bagdonavicius, Kurt Forstreuter und Viktor Falkenhahn.

 

  1. Vydunas als Symbolfigur der deutsch-litauischen Völkerverständigung und der Kulturbeziehungen

Durch seine Persönlichkeit und einzigartige kulturelle Stellung hat Vydünas sowohl die gefährlichen Spannungen als auch den positiven Austausch zwischen zwei Völkern verkörpert. Im Vorwort in "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" berichtet Vytautas P. Mikunas über den Autor dieses Buchs Folgendes: "Durch seine Herkunft ist er untrennbar mit seinem Heimatland und dessen litauischen Ureinwohnern verwachsen. Durch seine Bildung ist er, zweifellos, ein Mensch der deutschen Kultur. Es ist wohl diese zweifache Angehörigkeit, die ihn angeregt hat nach dem tieferen Sinn und Grundlagen des menschlichen Denkens zu suchen" (Mikünas 1982, 487).

Im ersten Teil dieser Arbeit werden die kulturellen und historischen Zusammenhänge im Rahmen der Herkunft, Bildung und philosophischer Ansichten von Vydünas erörtert, indem verschiedene relevante Ereignisse seines Lebens unter dem Schwerpunkt deutsch-litauischer Beziehungen beschrieben und seine grundlegenden weltanschaulichen Gedanken vorgestellt werden.

  • Die zweifache Angehörigkeit und das Lebensziel von Vydunas

Vydünas (bürgerl. Wilhelm Storost) ist 22. März 1868 in dem ostpreußischen Dorf Jonaten (lit. Jonaiciai) im Kreis Heydekrug (lit.Silute) geboren. Er war preußisch-litauischer Denker, Dichter, Philosoph und eine bedeutende Persönlichkeit des kulturellen Lebens in Ostpreußen[1].

Vydünas stammte aus altem litauischen Bauerngeschlecht, sein Vater war Lehrer und hatte die Absicht, ihn dem Beruf des Geistlichen zuzuführen und hatte ihm folglich den ersten Unterricht in Griechisch und Latein gegeben. Da in dem Land Zweisprachigkeit herrschte - das Deutsche allerdings mehr im öffentlichem Diskurs und hatte dadurch einen höheren Status, während das Litauische dem Privaten überlassen wurde und keine Aufstiegsmöglichkeiten in der Gesellschaft bieten konnte - hat Vydünas sehr früh beide Sprachen beherrschen können. Schon in seiner Kindheit hat er mit seinen schrifstellerischen Experimenten angefangen: "Anfangs hatte ich nur

Deutsch geschrieben, später bediente ich mich fast ausschließlich der litauischen Sprache", berichtet er in seinem Lebenslauf vom 18. Dezember 1917 (Storosta 1988, 156). Vydünas' Mutter hat ihn in die litauische Volkskultur eingeführt: Sie kannte viele Volkslieder und Märchen und pflegte litauische Traditionen. In dem Buch "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" erzählt er über ein prägendes Ereignis seiner Kindheit, dass ihn dazu bewegt hat, das Problem des Litauertums in Kleinlitauen festzustellen und sein Lebensziel darin zu erkennen. Er war mit seiner Mutter zu einer befreundeten deutschen Familie unterwegs, als er sie plötzlich bat, während des Besuchs kein Wort mit ihm auf Litauisch auszutauschen. Dass er sich seiner Muttersprache schämte, war natürlich eine Folge der durch die Germanisierungspolitik in Kleinlitauen hervorgerufenen allgemeinen gesellschaftlich-kulturellen Tendenzen. Das Schamgefühl und die Reaktion der Mutterhaben ihm jedoch zum Nachdenken gebracht und er hat sich folglich zur Lebensaufgabe gemacht, "das Litauertum zu Ehren zu bringen" (vgl. Vydünas 1932, 407). Dieses Ziel hat er sein ganzes Leben eifrig verfolgt.

Bagdonavicius bemerkt, dass das Leben und Wirken von Vydünas mit einem recht dramatischen Abschnitt deutsch-litauischer Beziehungen zusammenfiel. Die Kindheit und Jugend des Denkers verlief in der Zeit der Herrschaft Otto von Bismarcks. Die aktuellen Prozesse des politischen, wirtschaftlichen und geistigen Lebens in Deutschland hatten eine enorme Wirkung auf seine geistige Entwicklung, auf die Herausbildung seiner Weltanschauung, auf die Wahl seiner Schaffensmaximen und seines weiteren Lebensweges. Die Vereinigung Deutschlands 1871 hatte u. a. die Assimilation der Minderheiten zur Folge. Der Assimilierungsprozess erfolgte unter der Losung: "Ein Reich, eine Sprache". Vydünas sah sich mit der aggressiven 'Eindeutschungspolitik' konfrontiert und suchte durch seine Tätigkeit nach den effektivsten Wegen für das Überleben und die weitere kulturelle Entwicklung seines Volkes (vgl. Bagdonavicius, 1992, 83-84).

  • Die kulturelle Tätigkeit von Vydünas

1888 hat Vydünas das Studium im Lehrerseminar in Ragnit abgeschlossen, arbeitete anschließend vier Jahre als Lehrer in Kinten (Kintai) und dann bis zu seiner - aufgrund der schwachen Gesundheit - frühen Pensionierung 1912 an der Knabenschule in Tilsit. Im Jahre 1912 schied er aus dem Schuldienst aus, um sich philosophischen Studien zu widmen. Während der Schulferien und später als Pensionär studierte er als Gasthörer an den Universitäten von Greifswald (1896-98), Halle (1899), Leipzig (1900-02) und Berlin (1913-19) u. a. die Fächer Philosophie, Religion und Mythologie verschiedener Völker und Kunst- und Literaturgeschichte.

Sein Lebensziel verfolgend, schloss sich Vydünas der kulturellen Tätigkeit seiner Landsleute an. 1895 gründete er einen Gesangverein in Tilsit und leitete ihn bis zu seiner Auflösung im Jahr 1935 durch die deutschen Nationalsozialisten. In seinem Artikel "Tautine mano amziaus veikla" ("Meine Tätigkeit") schreibt Vydünas, dass die Vereinstätigkeit unter den Deutschen Anklang gefunden habe: Sie haben die Chorsänger oftmals zu ihren Veranstaltungen eingeladen und gerne litauische Lieder gehört. Doch manche Litauer waren darüber empört: "Sie verstehen es nicht zu begreifen, dass Respekt deutscherseits litauischer Kultur gegenüber den Litauern selbst hilft, sich eine positivere Einstellung zur eigenen Kultur zu verschaffen" (vgl. Vydünas 1937, 70). Auch in anderen litauischen Vereinen bzw. Gesellschaften - z.B. "Birute", "Vereinigung preußischer Litauer", "Litauischer Schriftstellerverband" - wirkte er mit, indem er dort viele philosophische Vorlesungen sowie Vorträge über Philosophie und Kulturgeschichte hielt.

Neben seiner vielfältigen kulturellen Arbeit in der Gesellschaft widmete er viel Zeit auch der schriftstellerischen Tätigkeit. Mit seinen Gesinnungsfreunden gab Vydünas mehrere Zeitschriften heraus, die zum größten Teil von ihm verfassten Publikationen enthielten, und zwar "Saltinis" ("Quelle" 1905-06), "Jaunimas" ("Jugend" 1911-14), "Naujove" ("Neue Zeit" 1915) und "Darbymetis" ("Zeit zur Arbeit" 1921-25). Überdies hat er für das Repertoire des Gesangvereins mehr als 30 Dramen, meist allegorischen Charakters, verfasst, in denen der Kampf der ostpreußischen Litauer um ihre nationale Identität dargestellt und die 'Eindeutschung' ironisiert wird. Laut Kuzborska zeichnet damit Vydünas in seiner frühen Schaffensperiode die Nachbarschaft mit den Deutschen noch im Bereich des bedrohlichen Nebeneinanders (Kuzborska 2003, 116). Bagdonavicius betont dagegen einen anderen Aspekt seines Schriftstellertums und nennt Vydünas einen großen "humanistischen Schriftsteller" aufgrund seines Zieles, seine Landsleute zur Entwicklung und Pflege der Menschlichkeit aufzufordern, wobei der Dichter die Menschlichkeit nicht nur als die zuverlässigste Festung im Kampf gegen jegliche Knechtung, sondern auch als Selbszweck, als höchsten Wert, auffasste (vgl. Bagdonavicius 1992, 87).

Die schriftstellerische Erbe von Vydünas ist sehr groß: Dazu könnten sogar über 60 Bücher unterschiedlichen Charakters aufgezählt werden, nämlich schöngeistige, philosophische, historiographische, sprachwissenschaftliche sowie autobiographische. Man könnte dabei zwischen auf Litauisch und auf Deutsch verfassten Werken unterscheiden. Die Litauischen, die die Mehrheit ausmachen, waren dafür bestimmt, die besten Potentiale des litauischen Volkes zu wecken, damit, wie es Vydünas selbst ausdrückte, "sich das Denken und Bewusstsein der Litauer aufhellt und sie in allerlei Hinsicht Respekt verdienen können" (Vydünas 1937, 70). Hier könnten u. A. folgende Werke erwähnt werden: "Visatos s^ranga" ("Der Aufbau des Weltalls" 1907), "Simone" ("Bewusstsein" 1936), "Tautos gyvata" ("Das Leben des Volkes" 1920), "Müs^ uzdavinys" ("Unsere Aufgabe" 1911). Mit seinen deutschen Werken hatte Vydünas die Absicht, den Deutschen die Geschichte Litauens, die Besonderheiten des Litauertums und litauische Traditionen darzustellen, zur Hochschätzung der Kultur seiner Landesleute beizutragen und somit die zwei Völker näher zu bringen. Als Beispiele könnten folgende Abhandlungen über die Geschichte Litauens und die historisch-kulturellen deutsch-litauischen Beziehungen angeführt werden: "Litauen in Vergangenheit und Gegenwart" (1916) und "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" (1932) sowie seine zahlreichen Beiträge über Litauen, das litauische Volk und Sprache in der "Zeitung der 10. Armee", die während des 1. Weltkrieges als Organ der Information und Propaganda diente. Da Vydünas die Sprache für einen äußerst wichtigen kulturellen Wert des Volkes hielt und den einzigartigen Geist seiner Muttersprache besonders deutlich spürte, hat er ein paar Lehrbücher für das Erlernen litauischer Sprache verfasst: Den "Deutsch-litauischen Wortschatz" (1916) und die "Einführung in die litauische Sprache" (1919). Zusammenfassend lässt sich sagen, das Vydünas bestrebt war, mithilfe seiner Schriften die kulturelle Brücke zwischen Völkern zu bauen und zu der Entwicklung des litauischen Selbsbewusstseins beizutragen.

Seine schriftstellerische Tätigkeit an sich lässt sich jedoch als relativ passiv betrachten. Doch wie wir später im Rahmen seiner Lebensphilosophie erfahren werden, war es nicht Vydünas Absicht, ein Beobachter und Theoretiker zu bleiben, sondern sich aktiv in die aktuellen Geschehnisse einzubringen. Er übte seine Lehrtätigkeit nicht nur in Ostpreußen aus, sondern wurde 1917 zum Orientalischen Seminar in Berlin eingeladen, um dort Litauisch zu unterrichten, was er 1917-1919 auch erfolgreich tat. Forstreuter berichtet, dass das Orientalische Seminar eine Gründung Bismarcks aus den Anfängen der deutschen Kolonialpolitik war. Es sollte die Kenntnis der Kolonialsprachen pflegen. Das Interesse für die litauische Sprache ist durch die Ereignisse des Ersten Weltkrieges entstanden, wobei im Jahre 1915 das ganze litauische Sprachgebiet durch deutsche Truppen besetzt wurde (vgl. Forstreuter 1981, 345-347). Laut Vydünas' Großneffen Jürgen Storost, hat sein Großonkel die Einladung angenommen, weil er gewillt war, die deutsche und die litauische Nationen näher zu bringen (vgl. Storost 1988, 153). Hier können Ansätze einer indirekten Polemik zwischen den deutschen Geisteswissenschaftlern, die die offiziellen Standpunkte Deutschlands ca. im Zeitraum der 20er bis 80er Jahre vertreten, und den Verfechtern von Vydünas, die einen persönlichen Kontakt mit ihm pflegten und eine Beziehung zur litauischen Kultur hatten, bemerkt werden, die sich weiter im Rahmen der Rezeption des Buchs "Sieben Hundert Jahre deutsch­litauischer Beziehungen" ausbreiten wird. Hinsichtlich der Motive von Vydünas an dem Seminar teilzunehmen behauptet Forstreuter, dass "das Seminar für ihn vielleicht ein Sprungbrett zu Höherem sein konnte" (Forstreuter 1981, 347). Seine Argumentation beruht auf dem Bericht von dem Leiter des Seminars Eduard Sachau, der Vydünas als "einen der eifrigsten und gewissenhaftensten Mitarbeiter" bezeichnet (Sachau zit. nach Storost 1988, 160). Im Gegensatzt dazu interpretiert Storost und Falkenhahn Sachaus Aussage und die dahinter steckenden Bemühungen von Vydünas nicht als Streben nach persönlichen Vorteilen, sondern als Wunsch, dem litauischen Volk den größten Nutzen zu bringen. Wie es aus dem Briefwechsel zwischen Vydünas und Sachau herausgeht, pflegten die Beiden eine freundschaftliche Beziehung und Sachau wollte aufgrund seines ehrlichen Respekts vor Vydünas mit seinem Lob auch für einen besseren Lohn für seinen Beitrag zum Seminar sorgen (vgl. Storost 1988, 160).

In Litauen haben die Verdienste von Vydünas eine hohe Würdigung erfahren: 1928 wurde ihm der Ehrendoktor für Philosophie der Universität Kaunas zuerkannt, 1925 wählte man ihm zum Ehrenmitglied des PEN-Clubs und 1933 wurde er Mitglied des Litauischen Schriftstellerverbandes. Vydünas war sogar als Kandidat für den Nobelpreis vorgesehen. Deutschland sah in seiner Persönlichkeit und kulturelle Tätigkeit dagegen Gefahr für seine Nationalinteressen ein.

  • Vydünas in den Kriegszeiten: die Zuspitzung der Spannung zwischen Deutschland und Litauen

Vydünas' Tätigkeit war ausschließlich auf kulturelle Angelegenheiten gerichtet. Doch in jener turbulenten Zeit der beiden Weltkriege, wobei sich der Kampf um Macht sowohl auf der politischen, als auch auf der kulturellen Ebene abspielte, blieb es Vydünas nicht erspart, in den grausamen Geschehnissen verwickelt zu werden. Trotz seiner Abneigung gegen politische Vorgehensweisen, blieb er nicht indifferent: Einerseits nahm er die Position eines Beobachters und unaufdringlichen Kommentators ein, andererseits konnte er dem nicht entgehen, aufgrund der Vertretung litauischer Interessen, ins Visier der deutschen Nationalisten gefasst zu werden.

Laut Bagdonavicius betrachtete Vydünas den Krieg an sich als eine Auswirkung einer geistigen Krise der Menschheit. Am Anfang des Ersten Weltkrieges vertrat der Denker die Meinung, diejenige können und sollen den Sieg an seine Fahne heften, die eine höhere Kultur und mehr Geistigkeit besitzen, um dadurch der Entwicklung der Menschheit dienlich zu sein. Er ist zu der Meinung gekommen, dass diese Eigenschaften bei den Deutschen deutlich besser ausgeprägt sind, indem er die disziplinierte, gut versorgte deutsche Armee, die im eigenen Land ein korrektes Verhalten aufwies, mit der Russischen verglich, die - arm und verstreut - im besetzten Territorium rücksichtlos wütete. Außerdem stand Vydünas mit den gebildeten Deutschen in Kontakt, nach denen er über das Deutschtum an sich urteilte. Anfang des Krieges hatte Vydünas keine Ahnung über die eigentlichen imperialistischen Absichten Deutschlands: Er glaubte, Deutschland würde

Litauen in seinen Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützen. Doch als die Besetzung Litauens durch die kaiserlichen Truppen erfolgte und die Kolonisationspläne zu Tage getreten sind, wurde es klar, dass seine Vorstellung falsch war. Vydünas war schwer enttäuscht und brachte nach dem Krieg 1921-1925 seine Ansichten in "Darbymetis" zu Papier: Deutschland wird da nicht mehr als Hüter der Menschlichkeit, sondern als ein räuberischer und expansiver Staat bezeichnet, der matierielle Güter mehr als Menschlichkeit vereehrt. Als Grund dafür gibt er die Gier nach Macht und Materielles, die Ansätze für den Niedergang des Volkes bilden (vgl. Bagdonavicius 2001a, 134-138).

Aus diesem Beispiel könnte man eventuell die Schlussfolgerung ziehen, dass Vydünas keinen besonderen Weitblick und kaum Einsicht hinsichtlich politischer Entwicklung besaß. Doch er selber sah seine Gedankenschwerpunkte in volkserzieherischer Tätigkeit und ethischen Fragen und nicht in einer politischen Analyse. Laut Stepanauskas war Vydünas "ein Ethiker, kein politischer Mensch. (...) Hatte er nun keine politische Meinung, keine direkte Tuchfühlung zu Zeitereignissen? Doch, aber vom Standpunkt des Dichters, des Sehers" (Stepanauskas 1992, 166).

Das Ende des Ersten Weltkrieges stellt einen Wendepunkt im Leben und Wirken von Vydünas dar. Bagdonavicius bemerkt, dass "während er sich vor dem Krieg auf die Herausbildung des nationalen Selbstwertgefühles, einer hohen geistigen und inneren Kultur seiner Landesleute konzentrierte, bemühte er sich in der Nachkriegszeit aufzuzeigen, was für ein Loch sich diejenigen selbst graben, die die anderen Völker knechten und verschlingen wollen" (Bagdonavicius 2001, 140). Dieses Bestreben wird in "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" besonders deutlich. Doch die deutsche Offensive gegen Vydünas hatte noch früher begonnen, als das Buch erschienen ist.

Die wohl wichtigste Ursache für die Spannungen zwischen den Deutschen und den Litauern lag in der Memelfrage. Das Memelgebiet wurde nach dem Ersten Weltkrieg von Deutschland abgetrennt: Es wurde nach Artikel 99 des Versailler Vertrags 1919 ohne Volksabstimmung an die alliierten Mächte abgetreten. Ein Großlitauen mit Einbeziehung des Memelgebiets war den Deutschen das Schreckgespenst, das ihrer wirtschaftlichen Macht ein Ende bereiten würde. Doch Vydünas glaubte, dass das Gebiet Litauen übergeben wird und dass die Litauer als sein Gebietsverwalter die Deutschen besser behandeln werden als die Letzteren die Litauer. Diese Hoffnung hat er in seiner Rede, die er bei einer Veranstaltung zur Begrüßung der Alliierten in Memel 1919 gehalten hat, zum Ausdruck gebracht. Die Rede wurde in der Zeitschrift "Memeler Dampfboot" wiedergegeben, aber so, dass die Alliierten da als Retter des litauischen Volkes erschienen. Vydünas hat um die Korrektur des Artikels gebeten, weil seine Rede somit entstellt wurde. Trotzdem wurde er vor das Außerordentliche Kriegsgericht gestellt. Der Tilsiter Kreisschulrat Christoph Kairies, ein Gegner von Vydünas, berichtet darüber: "Als unsere Feinde das Memelgebiet übernahmen, begrüßte er [Vydünas] sie als die Retter von der Knechtschaft in deutscher, englischer und französischer Sprache, wurde aber vom Gericht in Tilsit zur Verantwortung gezogen und mit 300 Mark bestraft" (Storost 1992, 107). Dieser Vorfall hat eine ganze Reihe von Konfrontationen in dem deutsch­litauischen Spannungsfeld eingeleitet, in dessen Mittelpunkt sich Vydünas selber befand.

"Nach dem Ersten Weltkrieg brach der Hass der Deutschen den Litauern gegenüber aus. Vor allem wurde es dabei auf mich gezielt", berichtet Vydünas in "Tautine mano amziaus veikla". "Mir wurde Vieles vorgeworfen. Ich habe mich jedoch allen Verdächten überlegen gefühlt. Doch ich musste mehr Erniedrigungen erfahren als viele andere. Die deutsche Regierung hat mir teilweise Schutz gewährt, aber den einzelnen Menschen wurde Handlungsfreiheit gelassen" (Vydünas 1937, 70). Man könnte annehmen, dass er die Schlussfolgerung hinsichtlich des "Schutzes" davon abgeleitet hat, dass er keine direkte Verfolgung erlebt hatte. Doch die richtigen Gründe dafür waren, wie es aus den Berichten des Oberpräsidenten der Provinz Preußen 1930 sowie 1932 hervorgeht, wie folgt: "Disziplinare Maßnahmen gegen Storost sind nicht möglich, weil er pensionierter Beamter ist" sowie "In strafrechtlicher Hinsicht konnte gegen Storost in den letzten Jahren mangels ausreichender Beweise nicht eingeschritten werden" (Storost 1992, 140; 116). Das Ausmaß der Maßnahmen gegen Vydünas und seine Tätigkeit war also juristisch beschränkt und sie wurden immer unter Vorwänden verschiedener Art eingeleitet. Dazu musste man aber natürlich die Person unter die Lupe zu nehmen. Somit wurde 1921 die Überwachung von Vydünas durch deutsche Institutionen eingeleitet, indem dem schon oben erwähnten Tilsiter Kreisschulrat Christoph Kairies der Auftrag gegeben wurde, Informationen über die litauische Bevölkerung und ihre Bewegungen in Ostpreußen zu sammeln. Über den litauischstämmigen deutschen Beamten Kairies berichtet Storost, dass er sich durch besonderen Hass gegen alles Litauische und Vydünas auszeichnete (vgl. Storost 1992, 98).

Kairies kritisiert Vydünas wegen seiner Bemühungen, Litauer "national aufzurütteln", wegen seiner Rezepte, wie man seiner Nation dienen kann, und seiner "Unterstützung Großlitauens, woher das litauische Heil erwartet wird" (Storost 1992, 109). Die Denkschrift, die Vydünas 1930 an den Minderheitenkongress in Genf verfasste und in der er die Interessen der litauischen Minderheit in Deutschland vertrat und die Probleme der Verdrängung litauischer Sprache aus den Schulen und Kirchen und die schweren kulturellen und nationalen Arbeitsbedingungen der preußischen Litauer betonte, wurde als ein heftiger Angriff auf die deutsche Regierung betrachtet (vgl. Storost 1992, 136).

Während die Maßnahmen gegen Vydünas in der Zeit der Weimarer Republik juristisch noch eingedämmt wurden, erfuhr der Philosoph nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in

Deutschland Schikane und Erniedrigungen aller Art. Die von Vydünas erwähnte "Handlungsfreiheit der einzelnen Menschen" hat sich in brutalen Formen geäußert. In einem Artikel der Zeitung "Lietuvos Aidas" von 2. November 1932 wird über das Verprügeln von Vydünas durch Hitlerleute berichtet. Darüber hinaus, steht in dem Artikel Folgendes: "Vydünas ist Vorsitzender des Kulturrates der preußischen Litauer. Aus diesem Grunde ist anzunehmen, dass dieser Übergriff der Hitlerleute nicht allein gegen ihn, sondern auch gegen die preußischen Litauer gerichtet war" (Storost 1992, 143). Ein weiterer Angriff 1938 konnte aufgrund der wachsenden Macht der Nationalsozialisten schon auf gerichtlichem Niveau erfolgen: Unter der Anklage vom illegalen Besitz vov Geld wurde Vydünas verhaftet und für ein paar Monate eingekerkert bis die Proteststimmen in der Welt genug Druck für seine Freilassung ausübten (vgl. Bagdonavicius 1988, 185). Parallel zu diesen Ereignissen erfolgte auch das Konfiszieren bzw. Verbot seiner Bücher, was ihm noch schmerzhafter erschien.

Der zweite Weltkrieg hat das Leben in vielen Ländern auf den Kopf gestellt und bereitete auch Vydünas vermehrt Schwierigkeiten. Infolge der russischen Luftangriffe auf Tilsit im Jahre 1944 floh Vydünas über Königsberg, Stettin und Lübeck ins innerste Deutschland. Nach einigen Monaten in Flüchtlingslagern fand Vydünas nach dem Krieg seine neue Heimat in Detmold, die Hauptstadt des Landes Lippe. Stepanauskas berichtet, dass er zu der Zeit gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, ein weiteres Wanderleben zu führen. Als deutscher Staatsangehöriger und bereits pensionierter Pädagoge nutzte er sein gutes Recht und bekam eine kleine Rente (Stepanauskas 1992, 153).

In Detmold hat Vydünas seine letzten Lebensjahre verbracht. Nach den Turbulenzen des Krieges kam endlich eine ruhigere und sinnvolle Zeit für ihn, die er vor allem für das weitere Schaffen ausnutzte. Stepanauskas bemerkt, dass sich dieser Lebensabschnitt Vydünas durch eine erstaunliche geistige Aktivität auszeichnete, wie es aus seinen Briefen an den Freund hervorgeht. Vydunas versucht, seine eigenen Werke wieder in die Hand zu bekommen. Laut Stepanauskas war es der einzige Wunsch des Schriftstellers und Philosophen Vydünas, trotz seines hohen Alters, tätig zu sein (vgl. Stepanauskas 1992, 158-159). Er nahm gerne teil an dem kulturellen Leben der anderen Exillitauer und hat sich dadurch und durch seine sittliche Lebensführung Anerkennung und Respekt sowohl von den Litauern als auch von den Deutschen verschaffen (vgl. Bagdonavicius, 2001, 148­149). Wie er selbst das Leben in Detmold empfand und was ihn zu dieser Zeit am meisten bewegte, kann man einer Karte vom 29. Dezember 1947 entnehmen: "Meine Situation ist erträglich. Nur drücken mich die Sorgen und insbesondere alles das, was dem litauischen und dem deutschen Volk widerfährt" (Stepanauskas 1992, 155-156).

Der Philosoph starb 1953 im Alter von 85 Jahren in Detmold. 1991 wurde sein letzter Wille erfüllt und seine sterblichen Überreste nach Litauen überführt. Sein Grab befindet sich heute in Bitenen (lit. Bitenai).

Das Thema kulturelle Tätigkeit von Vydünas abschließend, werden im Folgenden nochmals einige wichtige Aspekte betont. Sein Lebensziel war "das Litauertum zu Ehren zu bringen". Laut Bagdonavicius "hatte die vielseitige Tätigkeit von Vydünas eine große Wirkung auf die ostpreußischen Litauer und konnte ihre Assimilierung für einige Zeit aufhalten" (Bagdonavicius 1992, 92). Die deutsch-litauischen Beziehungen sind bei der Betrachtung seines Lebens und seiner Tätigkeit insofern von Bedeutung, als sie besondere Verhältnisse darstellen, unter denen sich der Dichter und Philosoph als schöpferische Persönlichkeit entwickelte. Deutschland erwies sich im Rahmen seiner kulturellen und schriftstellerischen Tätigkeit vor allem als eine gegnerische Kraft, deren Wirken einerseits gegen ihn gerichtet war, andererseits doch neue Impulse für die Fortsetzung seiner Arbeit bot, und am Ende seines Lebens sogar zu einer gewissen Ruhestätte wurde.

  • Die Philosophie und die sozialen Ideen von Vydünas

Die Berücksichtigung der philosophischen Gedanken von Vydünas ist im Rahmen dieser Arbeit insofern wichtig, dass seine in dem Buch "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" zutage tretende Weltanschauung und Einstellung zu bestimmten historischen und kulturellen Gegebenheiten eben darauf basieren. Die Gesamtheit der Vydünas'schen Ideen und Gedanken wird von Bagdonavicius als 'Vydünismus' bezeichnet: Ein Phänomen der litauischen Kultur, dessen Grundlage seine Philosophie bildet (vgl. Bagdonavicius 1992, 88).

Bagdonavicius vertritt die Meinung, dass die Besonderheit der Philosophie von Vydünas darin liegt, dass er Antworten nicht auf theoretische, sondern auf praktische Fragen suchte und bestrebt war, auf die Aktualitäten seines Volkes einzugehen (vgl. Bagdonavicius 1988, 188). Der praktische Aspekt seiner Philosophie ergänzt das Bild von Vydünas als wichtige Figur in damaligen kulturellen Ereignissen und erklärt das vorher erwähnte aktive Sich-Einbringen in die aktuellen Geschehnisse.

Bagdonavicius weist darauf hin, dass sich die Philosophie von Vydünas nicht als akademisches System, sondern als ein theoretisches Lebensmodell entwickelte, durch dessen praktische Anwendung die wichtigsten Aufgaben und Herausforderungen bzw. Probleme nicht nur des litauischen Volkes, sondern aller Völker gelöst werden könnten. Das Modell basiert auf der Überzeugung, dass jedes Volk, jeder Mensch von innen her wachsen und sittlich werden müsste.

Der Denker hat verstanden, dass ein radikaler Kampf seiner Landsleute gegen die sie assimilierenden Kräfte kaum möglich war und nur zu einem verstärkten Handeln dieser Kräfte geführt hätte. Aus diesem Grund hat er eine Lehre der geistigen Vervollkommnung des Menschen und der Nation entwickelt, die die Entfaltung der schöpferischen Kräfte fördern und sie in eine Richtung höchster Menschlichkeit lenken könnte (vgl. Bagdonavicius 1992, 88). Die sog. Theorie des 'wahren Menschenseins' sollte den Litauern helfen, sich der 'Germanisierung' zu widersetzen. Aufgrund der Hervorhebung solcher Prinzipien wie sittliche Normen, geistige Kraft des Volkes und Gewaltlosigkeit, wird die Philosophie und das Wirken von Vydünas von Bagdonavicius mit den Ideen und Verdiensten des indischen Unabhängigkeitskämpfers Mahatma Gandhi verglichen (vgl. Bagdonavicius 2001, 292-306). Er meint, diese Verwandtschaft sei kein Zufall, weil die beiden aus denselben Quellen der altindischen Weisheit schöpften und unter vergleichbaren Bedingungen der nationalen Unterdrückung wirkten (vgl. Bagdonavicius 1992, 91).

Zur Grundlage der Philosophie von Vydünas wurde Vedanta, eines von den acht idealistischen altindischen Philosophiesystemen. Darauf bildete er seine humanistische Konzeption von Kultur, wobei Kultur als "Äußerung der Wesenheit der Menschlichkeit in der Welt, als einen Vergeistigungsprozess dieser Welt" bezeichnet und mit der Sittlichkeit gleichgesetzt wird (Bagdonavicius 1987, 217). Während das sittliche Verhalten für die geistige Vervollkommnung des Menschen sorgt, stellt die Nation eine bedeutsame Stufe dieser geistigen Evolution dar, indem sie als eine Art große Gemeinschaft ihrer Mitglieder die Möglichkeit bietet, in ihrem Rahmen bestimmte Tätigkeiten auszuüben und aus einzelnen Individuen zu gesellschaftlichen Wesen zu werden, was weiterhin dazu beiträgt, dass sich die Menschen als Teile der ganzen Menschheit empfinden und schließlich zum Absoluten streben können. Laut Bagdonavicius "seien die Individualität, das Nationalbewusstsein und die Allgemeinmenschlichkeit die Stufen des Bewusstseins, die Vydünas nicht als ein Ergebnis der historischen und sozialen Entwicklung betrachtet, sondern als metaphysisch gegebene Möglichkeiten der Selbstvervollkommnung des Menschen, die ihn vom individuellen zum kosmischen Bewusstsein führen" (Bagdonavicius 1987, 219).

Das Bild Vydünas'scher Weltanschauung wäre unvollständig, wenn der deutsche Einfluss nicht erwähnt bleiben würde. Während seines Studiums als Gasthörer an den Universitäten zu Greifswald, Leipzig, Halle und Berlin machte sich der Philosoph nicht nur mit der altindischen, sondern auch mit der klassischen deutschen Philosophie sowie mit den Konzeptionen einiger Vertreter der deutschen idealistischen Philosophie des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vertraut, u. A. mit denen von A. Riehl, W. Wundt, J. Rehmke, W. Schuppe und R. Eucke. Darüber hinaus hat er sich mit den christlichen Mystikern Thomas von Kempen, J. Böhme und Meister

Eckhart und mit den Werken vom Universalgelehrten der Frühaufklärung G. Leibniz befasst. Bagdonavicius vertritt die Meinung, der Einfluss deutscher Kultur auf die geistige Entwicklung der philosophischen Gedanken von Vydünas sei somit als ein positiver Beitrag zu den deutsch­litauischen Beziehungen zu bezeichnen und zu werten (vgl. Bagdonavicius 1992, 88).

Die Stellung von Vydünas unter den Philosophen im üblichen Sinne erweist sich jedoch als problematisch und sollte deshalb mit ein wenig Kritik "bereichert" werden. Die Aussagen mancher Geisteswissenschaftler und die Tatsache, dass Vydünas außerhalb vom litauischen philosophischen Diskurs kaum bekannt ist, lassen uns annehmen, dass seine philosophische Vorgehensweise angezweifelt wird. Unter anderen Philosophen vorigen Jahrhunderts sieht er ja ungewöhnlich aus: Er hat keinen akademischen Grad, nicht einmal Hochschulabschluss erworben und keine Philosophiesysteme anderer Denker kritisiert bzw. dekonstruiert. Seine Ideen hat er durch sein eigenes Leben verkörpert: Wie ein Denker des Altertums betrachtete er Philosophie nicht etwa als Beruf, sondern als Lebensweise, als den Weg zum Glück und "wahren Menschensein", was sich natürlich auch in seinen Werken widerspiegelte. Laut Bagdonavicius liegt die suggestive Art seiner Betrachtungsweise der Ungewöhnlichkeit und dem nicht akademischen, sondern eher literarischen Stil seines Philosophierens zugrunde (vgl. Bagdonavicius 1988, 188). Die Unklarheit und das Schwachausgeprägtsein seines philosophischen Systems, Mangel an Kritizismus und strengerer logischen Unterscheidung und die dichterische Art des Schreibens gelten als häufige Vorwürfe gegenüber Vydünas als Philosophen. Doch wenn man das Leben und Werk von Vydünas als Einheit betrachtet und sich die ursprüngliche Bedeutung des "Philosophen" als denjenigen, der stets nach Wahrheit trachtet, das Gute und Schöne liebt und begehrt, wie es Platon in der Politea bezeichnet hat , vor Augen hält, dann erscheint der Titel "Philosoph" im Fall von Vydünas als angebracht und genau richtig. Davon zeugt sogar die Wahl seines Schriftstellernamens: Der Großneffe von Vydünas Jürgen Storost berichtet, 'Vydünas' würde als das Gegenteil eines litauischen 'pavydünas', eines Neiders, Neidhammels, Mißgönners, einer eifersüchtigen Person beabsichtigt, also ein Mensch, der allen alles Gute gönnt (vgl. Storost 1988, 155).

Obwohl 'Vydünismus' von der konventionellen bzw. zeitgenössischen Auffassung eines philosophischen Systems ein wenig abschweift, ist er trotzdem als Erfolg zu betrachten, eine Synthese aus altindischen Weisheitslehren und den Ideen deutscher Denker des Idealismus zu bilden und die Samen des humanistischen Denkens in die damaligen litauischen Realitäten zu säen, was auch zur Herausbildung des Nationalbewusstseins seiner Landsleute beigetragen hat.

2 vgl. Platonas. 1981. Valstybe. Vilnius. S. 230-236.

  1. "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen”: Ein Werk zwischen zwei Feuern

Das Problematische an der Rezeption des Werks von Vydünas macht sowohl die damalige ungünstige politische und kulturelle Situation in der unmittelbaren Umgebung aus, die zugleich auch der Anlass der Veröffentlichung war, als auch die Natur des menschlichen Denkens und Handelns. Es ist immer leichter, eine einseitige Position einzunehmen, als zwei scheinbar gegensetzliche Sachen zu vereinbaren zu versuchen, indem man sich auf abstrakte höhere Prinzipien stützt, die zwar ethisch richtig wirken, aber dazu zwingen, seine vorgefassten bzw. von 'Oben' vorgegebenen Meinungen, Denk- und Handlungsrichtungen aufzugeben. Das Motiv, ein solches Buch zu verfassen, war die Suche nach Gerechtigkeit und ein verständnisvolleres Dasein zweier Völker. Doch dass die deutschen Nationalsozialisten das Werk als pro-litauisch verurteilt haben, erscheint in dem Entstehungskontext gar nicht verwunderlich. Dass manche Litauer es damals als pro-deutsch betrachtet haben wundert schon ein wenig mehr. War das Buch also ein Versuch, zwischen zwei Stühlen zu sitzen?

Heutzutage wird das Werk natürlich ganz anders betrachtet. In der Enzyklopädie "Lietuvos filosofines minties istorijos saltiniai" ("Die Enzyklopädie für die historischen Quellen der litauischen Philosophie") wird "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" als ein in philosophischer Hinsicht bedeutendes Werk hervorgehoben (vgl. Bagdonavicius 1991, 375). Es wird auch in "Encyclopedia Lituanica" zusammen mit der Tatsache der darauf gerichteten deutschen Feindlichkeit erwähnt (vgl. Kapocius 1978, 202). In den deutschen Quellen setzt man sich jedoch mit dem Werk mit ein paar Ausnahmen heutzutage nur kaum auseinander.

In diesem geschichtsphilosophischen Werk offenbart sich eine persönliche Meinung zu der Frage der Beziehungen zwischen zwei Völkern, die zwar subjektiv ist, basiert aber auf ein festes philosophisches und ethisches Fundament, das von dem Autor nicht nur postuliert, sondern auch an der eigenen Haut erfahren und geprüft worden ist. Daran liegt teilweise auch die Glaubwürdigkeit des Dargestellten. "Dies ist ein tragisches Buch, über die zweifache Tragödie, die sich im Leben zweier Völker abspielte, die Tragödie, die von einem Menschen gesehen und durchgelitten wurde, von einem Menschen, dessen gesamte Persönlichkeit und Leben mit beiden Völkern verbunden war", schreibt Mikünas im Vorwort zur zweiten Auflage von "Sieben Hundert Jahre deutsch­litauischer Beziehungen" (Mikünas 1982, 487). Einerseits ermöglicht solch eine enge Beziehung eine besonders wahrheitsnahe Darstellung des Sachverhalts, andererseits kann es als Hindernis im Bezug zur wissenschaftlichen Objektivität gelten. Das ist die Spannung, die sich durch den ganzen

Weg der Rezeption dieses Werkes zieht und sich in den im zweiten Teil dieser Arbeit untersuchten Themen widerspiegelt.

Wir wenden uns nun den von Vydünas hervorgehobenen kultur-historischen Zusammenhängen und Problemen in den deutsch-litauischen Beziehungen sowie der damit verbundenen Rezeption durch die Deutschen und Litauer zu.

  • Der kulturhistorische Kontext der Entstehung des Buches

"Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" war nicht das erste geschichtsphilosophische Werk von Vydünas. Ansätze für gewisse Probleme bei der Betrachtung der geschichtlichen Vorgänge am Beispiel von den deutsch-litauischen Beziehungen und Prozessen im litauischen Volk findet man sowohl in seinen Theaterstücken, als auch in philosophischen Werken. Doch Bagdonavicius bemerkt, dass in seinen früheren Werken die Kritik eher auf die nationale Schwachheit und Gleichgültigkeit des Litauers seinen kulturellen Werten gegenüber gerichtet wurde, während in "Sieben Hundert Jahren" derjenige getadelt wird, der den Litauer zwingt, sein Volkstum aufzugeben, und ihn auf dieser Weise der geistigen Degeneration aussetzt. In dem Theaterstück "Der Weltbrand" plädiert der Schriftsteller für das Recht eines Volkes für die Schaffung seiner Kultur und für die Möglichkeiten sie auszudrücken. In "Sieben Hundert Jahren" wird dieser Disput weitergeführt, indem das Ausmaß und die Auswirkungen der deutschen Schulden gezeigt wird - diesmal anhand der historischen Belege, die, um die Beschuldigung wegen der litauischen Ausrichtung durch die Opponenten zu vermeiden, aus den deutschen Quellen genommen werden (vgl. Bagdonavicius 2001b, 45-46).

Als ein geschichtsphilosophischer Vorläufer für "Sieben Hundert Jahre", so Bagdonavicius, gilt auch das Werk "Unsere Aufgabe", dessen Ziel es war, dem Volk zu helfen, seinen Weg in der kulturellen Entwicklung der Menschheit zu finden. Die Geschichte wird als eine Lektion betrachtet, die Meilensteine für die künftige Entwicklung zu legen hilft. In diesem Werk werden die wesentlichen Punkte Vydünas'scher Vorstellung der historischen Prozesse angeführt, auf die sich Vydünas auch in "Sieben Hundert Jahren" stützt (vgl. Bagdonavicius 2001b, 25).

Die geschichtsphilosophischen Bücher von Vydünas hatten eine ganz klare Intention. Bagdonavicius Ansicht nach sind sie eine Erwiderung auf die historischen Begebenheiten hinsichtlich des litauischen Volkes und die aktuellen Ereignisse jener Zeit (vgl. Bagdonavicius 2001b, 23). Man könnte noch hinzufügen, dass an und für sich "die erzieherische Natur des Autors und das Gefühl der Verantwortung für sein Volk" beim Schreiben und Verbreiten seiner Werke eine große Rolle spielten (Prismantiene 2011, 27). Vydünas hatte die Absicht, die kulturellen Werte beider Völker aufzuzeigen und somit zu ihrem friedlichen Zusammenleben beizutragen.

Das Werk wurde unter ganz schwierigen Bedingungen geschrieben. Aufgrund der Feindlichkeit der nationalsozialistischen Regierung gegenüber dem Autor, wurde ihm den Zutritt zu allen deutschen Behörden, Organisationen und Einrichtungen verwehrt. Professor Viktor Falkenhahn, der damals sein treuer Schüler war, berichtet, dass Vydünas ihn um Hilfe bitten musste, Literaturquellen in der Bibliothek für ihn zu erforschen und allen nötigen Informationen für das Werk zu sammeln (vgl. Falkenhahn 1982, 481).

Schon das Verfassen solch eines Buchs bedeutete damals also ein Risiko, bei den Nationalsozialisten in Ungnade zu fallen. Nach der Publikation 1932 in Tilsit wurde es, so Mikünas, "ein Opfer der Unterdrückung. Obwohl es weder politisch noch staatsfeindlich ist, wurde ihre gesamte erste Auflage (...) beschlagnahmt und vernichtet. Nur wenige Exemplare (...) verblieben" (Mikünas 1982, 488). Bagdonavicius erklärt die Situation wie folgt: Das Verbot wurde dadurch begründet, dass in dem Buch das Litauischtum im Ansehen gehoben und das Deutschtum erniedrigt würde. Außerdem schreibe der Autor Falsches über die zwanghafte Germanisation, weil solche überhaupt nicht stattgefunden habe: Die Litauer wählen freiwillig die höhere deutsche Kultur. Die im Buch angeführten Fakten über die Gewaltakte seien lediglich die deutsche Reaktion auf die Ausbrüche der Litauer. Mit der Publikation und Verbreitung des Buchs verfolge Vydünas die Ziele, zu bestätigen, dass das unrechterweise den Litauern geraubte Memelland seit Altertum litauisch sei, und den Anschluss von Ostpreußen zu Großlitauen vorzubereiten. Der ganze Inhalt des Buchs gelte als Gefahr für die Nationalinteressen des deutschen Staates (vgl. Bagdonavicius 2001b, 56).

Zur Lenkung der Aufmerksamkeit der deutschen Behörden auf "Sieben Hundert Jahre" hat auch eine kritische Rezension von Forstreuter beigetragen. Der Behauptung deren Autor nach habe sich Vydünas selbst die zwanghafte Germanisation ausgedacht. Vydünas wurde auch das Fehlen der Faktentreue und der kulturhistorischen Fähigkeiten vorgeworfen. Auch die panbaltische Position, durch die sich das Buch von Vydünas auszeichnet, wurde in der Rezension als absolut falsch und nicht mehr aktuell bezeichnet (vgl. Forstreuter zit. nach Bagdonavicius 2001b, 57). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" als eine konsequente Fortsetzung geschichtsphilosophischer Gedanken von Vydünas entstanden ist. Es wurde deutscherseits feindlich empfangen; seine weitere Verbreitung wurde - mit einer gewissen Verzögerung - verhindert und konnte deshalb die litauische Leserschaft zu der Zeit kaum erreichen.

  • Die Hauptideen der Abhandlung und ihre Rezeption durch die Deutschen und Litauer

"Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" ist eine ausführliche Abhandlung über die Geschichte und das Volkstum Litauens, über den Einfluss des Deutschen Ordens auf die baltischen Stämme und über die Art und Weise weiterer kultureller und sozialer Konfrontationen beider Völker. Vydünas untersucht die Entwicklung des Zusammenlebens von Deutschen und Litauern und setzt sich mit komplexen Begriffen wie Menschsein, Kultur, Heimat, Volkstum, Macht, Minderheit, Religion u. a. auseinander. Laut Bagdonavicius hat Vydünas interessante und immer noch aktuelle Konzeptionen eines Menschen, Volks, der Beziehung der Völker und der nationalen Kultur geschaffen. Das Buch zeichnet sich durch gründliche Überlegungen der Geschehnisse der Vergangenheit und jener Zeit sowie durch eine sorgfältige Analyse aus (vgl. Bagdonavicius 2001b, 6). Angesichts der offentlichen Diskrimination der Kleinlitauer war der Autor bemüht, "mit Hilfe der historischen Tatsachen zu beweisen, warum die Ureinwohner in ihrer eigenen Heimat keinen Platz mehr haben" (Matulevicius 2001, 607). Mikünas Ansicht nach sollte das Buch der deutschen Nation helfen, "die Tragödie der litauischen Nation zu begreifen" (Mikünas 1982, 488).

Aus der Vielzahl der in diesem Buch beschriebenen Themen sind einige ausgesucht worden, die als Leitmotive für das ganze Werk gelten und somit die grundlegenden Probleme und die wichtigsten Aspekte deutsch-litauischer Beziehungen darstellen. Das sind nämlich die Fragen der Mentalität, der Sprache und des Volkstums sowie des Zusammenlebens beider Völker mit Blick auf die aktuellen Geschehnissen und die Zukunft. Die Stellung von Vydünas zu diesen Themen zeichnet sich durch eine stark humanistisch bzw. ethisch geprägte Geisteshaltung, weshalb man in ihnen ein einheitliches Muster erkennen kann, das man als Vydünas'sche intervölkische Ethik bezeichnen könnte.

2.2.1. Die Vydünas'sche Auffassung der deutschen und der litauischen Mentalität und ihre Kritik

Die spezifischen Charaktereigenschaften der Litauer und der Deutschen haben eine wesentliche Rolle in den Beziehungen dieser Völker gespielt, weil sie diese innerlich geprägt haben. In diesem Kapitel setzt man sich mit den Fragen auseinander, wie Vydünas die litauische und die deutsche Mentalität auffasste, welche Motivation er dabei hatte und wie dieses aus der deutschen und der litauischen Sicht bewertet wurde.

Bevor man anfängt, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was Vydünas' Ansicht nach das Litauischtum und das Deutschtum ausmacht, sollte man definieren, was man heutzutage unter Mentalität versteht. Das Wort kommt in dem Werk von Vydünas gar nicht vor, doch die Überlegungen über den Charakter der jeweiligen Völker lassen sich diesem Oberbegriff gut unterordnen. Benthien beschreibt Mentalität als "eine kollektive, kulturübergreifende Weltwahrnehmung, die heterogene Konzepte und Ideen, aber auch unbewusste Motive einer gesamten Epoche umfasst". Mentalitäten sind komplexe Weltbilder und werden in Einstellungen, Verhaltensweisen und Handlungen sichtbar (vgl. Benthien 2002, 65). Vydünas schildert in seinem Werk die typischen litauischen und deutschen Charaktereigenschaften von verschiedenen Standpunkten aus: wie die Deutschen sich selber betrachten, wie sie die Litauer sehen und wie sich das Deutschtum und das Litauertum in den Liedern und Sagen offenbaren. Anschließend fügt der Autor die Zusammenfassung seiner eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu diesem Thema hinzu.

Die von Vydünas vorgeführten Meinungen der Deutschen über die Deutschen variieren zwischen ziemlich Exaltiertem, Selbstironischem und Selbskritischem. Weiter werden einige Beispiele angeführt.

"Uns Deutschen hat keine Tugend so hoch gerühmt und, wie ich glaube, bisher so hoch erhoben und erhalten, als dass man uns für treue, wahrhaftige, beständige Leute gehalten hat" (M. Luther zit. nach Vydünas 1932, 66)

"Die lieben Deutschen kenne ich schon: erst schweigen sie, dann mäkeln sie, dann beseitigen sie, dann bestehlen und verschweigen sie" (Goethe zit. nach Vydünas 1932,

69)

"Die deutschen Gelehrten glauben immer, dass sie den hassen müssen, der nicht so denkt wie er" (Goethe zit. nach Vydünas 1932, 70)

"Es gibt Völker, welche, indem sie selbst ihre Eigentümlichkeit beibehalten und dieselbe geehrt wissen wollen, auch den andern Völkern die ihrigen zugestehen und sie ihnen gönnen und verstatten. Zu diesem gehören ohne Zweifel die Deutschen" (Fichte zit. nach Vydünas 1932, 72)

"Arbeit und Kampf: das sind die Lebensbedingungen und Daseinszeugnisse der Kultur. Wenigstens entspricht dies dem deutschen Geiste, welcher Welt und Leben nun einmal nicht nur ästhetisch, sondern immer auch sittlich aufzufassen pflegt" (Wolzogen zit. nach Vydünas 1932, 80)

Der Autor selbst erwähnt "die Rastlosigkeit des deutschen Menschen, seine Sucht nach Abenteuern, sein Wandertrieb". Seiner Meinung nach ist der Deutsche von Natur ein Wanderer und ein

Kämpfer. Das könne sich nach der Seite des Guten wie auch der des Schlechten zeigen (vgl. Vydünas 1932, 106). Aus den Aussagen von Vydünas und den berühmten deutschen Personen ergibt sich ein mehrdeutiges Bild der Deutschen, das einerseits von der Sittlichkeit und Kultur, andererseits von der unbändigen Natur der Deutschen zeugt.

In dem Kapitel "Deutsches Zeugnis über Litauer" werden vorwiegend positive Einschätzungen der Litauer angeführt. Es wird u. a. Adam von Bremen zitiert, der Litauer als friedliche, verträgliche Menschen, die stets allen Notleidenden gegenüber hilfsbereit sind, bezeichnet (vgl. Adam von Bremen zit. nach Vydünas 82). Dr. Albert Zwecks Ansicht nach fühlt sich der Litauer mit der Natur innig verwachsen (vgl. Zweck zit. nach Vydünas 1932, 89). Der Verfasser des Buchs vertritt auch die Meinung, dass Litauer ein ganz bestimmtes Verhältnis zur Natur pflegen und sich durch Optimismus, Gutmütigkeit und Verträglichkeit auszeichnen. Im Gegenteil zu den Deutschen führen sie mehr ein Innenleben, wo es kein Gedränge und keine Schwierigkeiten gibt (vgl. Vydünas 1932, 109). Es werden auch einige Gedanken von dem Kriegs- und Domänenrat Heilsberg angeführt, der die preußischen Litauer als gastfreie, edeldenkende, menschenfreundliche und tapfere Menschen sieht (vgl. Heilsberg zit. nach Vydünas 1932, 87). Auffallend ist die Bestrebung von Vydünas, die litauischen kulturellen Interessen durch die Aussagen der Deutschen zu schützen, und zwar soll das folgende Zitat von Heilsberg dazu dienen: "Wer den nachteiligen Einfluss der deutschen Sitten und Sprache auf die Litauer, die an der Grenze und nahe an den Städten wohnen, zu bemerken Gelegenheit gehabt hat, der wird überzeugt sein, dass der Litauer mit seiner Sprache seine Nationalität verliere" (Heilsberg zit. nach Vydünas 1932, 88). Diese Aussage gilt wohl als Befürwortung der Ansichten von Vydünas selbst, der den engen Zusammenhang zwischen der Muttersprache und der litauischen Nationalität betonte und das Aufzwingen einer fremden Sprache und der fremden Sitten auf die Litauer als einen Nachteil betrachtete. Als eine parteiische Haltung könnte auch Folgendes gehalten werden: Bevor Vydünas die Meinung von dem evangelischen Pfarrer und Forscher Theodor Lepner über Litauer darstellt, gibt er einen kurzen Kommentar: "Er ist kein Freund der Litauer. Offenbar hat es ihn tief verletzt, dass er in einem Prozess gegen die litauischen Bauern um 2 Huben Land unterlegen ist. (...) Dennoch schreibt er unter anderem: (...)" und fügt dann eine positive Bewertung des litauischen Volkes von Lepner hinzu (Lepner zit. nach Vydünas 1932, 82-83). Der Kommentar scheint dem ersten Blick nach dazu zu dienen, die Voreingenommenheit und den Mangel an Objektivität von Lepner aufzuzeigen, seine gegnerische Haltung durch einen kleinlichen Grund zu erklären und seine negative Meinung zu relativieren. Doch weiter wird nicht eine negative, sondern eine positive Aussage derselben Person angeführt, wodurch die ganze Argumentation noch mehr des Litauertums zugunsten verstärkt wird. Trotzdem darf es nicht unbemerkt bleiben, dass die Figur eines Gegners der Litauer nicht einfach ausgelassen wird und der Kommentar von Vydünas auch als eine Beleuchtung des Kontexts wichtig ist.

Obwohl aus diesem Kapitel vor allem der Wunsch des Autors sichtbar wird, den Deutschen das Positive an dem Litauertum zu zeigen, werden jedoch auch einige negative litauische Eigenschaften erwähnt, und zwar Stolz, Neigung zur Trunksucht und Spuren des Heidentums (vgl. Vydünas 1932, 85; 89).

Vydünas' Entscheidung, auch die litauische Mentalität aus der Sicht der Deutschen zu beleuchten, erscheint als ein angemessenes Fundament für die Vergleichbarkeit beider Völker. Doch noch wichtiger als das Vergleichen ist das darüber hinausgehende Ziel, die beiden Völker näher zu bringen und die Möglichkeiten für ihr schöpferisches Zusammenspiel zu schildern. Vydünas glaubt an den gegenseitigen Vorteil, den die Deutschen und Litauer gegenseitig schöpfen könnten. In "Tautine mano amziaus veikla" vertritt er die Meinung, dass den Deutschen vieles fehlt, was das litauische Volk ehrenhaft macht. Doch das Deutschtum zeichnet sich durch eine besondere Erhabenheit und der deutsche Verstand durch Größe und Licht aus (vgl. Vydünas 1937, 68). Falkenhahn führt den Gedanken weiter aus, indem er behauptet, Vydünas hätte im Deutschtum ganz spezielle höchste Werte des Menschentums erkannt, auf die das Baltentum zur Ergänzung und damit Vervollkommnung seines eigenen, spezifischen hohen, doch andersartigen Menschentums wartete (vgl. Falkenhahn 1982, 485). Daraus kann man schließen, dass der Denker in den deutsch­litauischen Beziehungen den gegenseitigen Nutzen voraussah und dass er das Menschentum über alles schätzte.

Es ist interessant, dass trotz der allgemein feindlichen Stellung der Deutschen den Vydünas'schen gegenüber, seine Auffassung hinsichtlich der deutschen Mentalität für treffend gehalten wurde. Forstreuter schreibt diesbezüglich, dass Vydünas "eine gute Kenntnis der deutschen Literatur und, bei aller Idealisierung des litauischen Volkstums, auch eine oft treffende Erkenntnis der deutschen Seele besitzt" (Forstreuter 1981, 350). Auf litauischer Seite wurde seine Analyse des Deutschtums ohne Vorbehalt als tiefgründig und die Wesenscharakteristik des Litauertums als klar aufgefasst: Falkenhahn schreibt dem Denker eine von den allgemein herrschenden Denkschemen freie, selbstständig urteilende Intellektualität und ein die Wesenstiefen des Daseins erfassendes intuitives Vermögen zu, die ihn befähigt haben, die wahren treibenden Kräfte und ihre Zusammenhänge zu erkennen (Falkenhahn 1982, 483).

Die Auseinandersetzung mit den deutschen und litauischen Mentalitäten in seiner Abhandlung "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" unternahm Vydünas aufgrund des Wunsches, die Einstellungen und Verhaltensweisen beider Völker zu erschließen. Im Geiste des Kampfes gegen die Unterdrückung seiner Landesleute wollte er den Deutschen vor allem auf die positive Seite des Litauischtums und auf das Wertvolle daran hinweisen. Angesichts des damaligen Ungleichgewichts zwischen den beiden Völkern und der Ungerechtigkeit den Litauern in Kleinlitauen gegenüber erscheint es als absolut verständlich und gerechtfertigt. Die deutsche Beurteilung solch einer Position als "Idealisierung" erscheint in diesem Kontext auch als nicht verwunderlich und zeugt vor allem von der deutschen Unkenntnis des litauischen Volkstums. Die Deutschen haben sich in den Aussagen von Vydünas selbst erkannt und diese folglich als "treffend" anerkannt, während die Aussagen über Litauer abgelehnt wurden, was als eine natürliche Reaktion auf alles Fremde zu betrachten ist.

  • Die Untrennbarkeit der Sprache und des Volkstums: die Idee und ihre Rezeption

In der Vydünas'schen Weltanschauung sind die Sprache und das Volkstum untrennbar miteinander verbunden. Da eine Sprache durch ein Volk innerhalb von hunderten von Jahren geprägt wurde, erkennt man an ihr das Wachstum des Lebensgutes am deutlichchsten, weshalb sie als Erb- und Kulturgut anzusehen ist. Der Reichtum einer Sprache an sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten zeugt von dem Geistesleben des entsprechenden Volkes. Die Ausdrucksstärke hängt also mit dem Inhalt zusammen: je größer der Inhalt, desto reicher der Ausdruck. An dieser Stelle weist Vydünas auf das deutsche Volk hin, indem er behauptet, dass der besondere Reichtum des deutschen Schrifttums in Beziehung mit den menschlichen Werten stehe, die dieses Volk mit den anderen teilen wolle (vgl. Vydünas 1932, 114-115). Obwohl hier seine Hochschätzung deutscher Kultur deutlich zum Ausdruck kommt, entfernt er sich nicht von seinen Zielen und verteidigt die Interessen eines kleinen Volkes. Er führt weiter aus, dass jedes Volk sich entfalten und seinen eigenen Weg gehen soll, indem es seine eigene Sprache verwendet, und bekräftigt seine Aussage mit der Behauptung, dass es eben Deutsche sind, die diese Idee heutzutage am meisten betonen (ebenda). Da weiter kein Zitat folgt, kann man nur zu raten versuchen, woher diese Behauptung kommt. Wahrscheinlich beruht sie auf der Auffassung mancher deutschen Wissenschaftler und Geistlichen, die von Matulevicius in seinem Artikel "Deutsch-litauische Beziehungen in Preußisch-Litauen" erwähnt werden, in dem er sich mit dem Problem der litauischen Sprache in Kleinlitauen auseinandersetzt. Er schreibt über den Widerspruch der anerkannten deutschen Wissenschaftler und Geistlichen gegen die Auffassung, die Verwendung der Sprachen der ethnischen Gruppen stelle ein Hindernis für den Fortschritt in Bildung und Wissenschaft dar und seien deshalb durch das Deutsche zu ersetzen. M. Mörlin, G. Ostermeyer, Ph. Mielke, I. Kant und andere namhafte Persönlichkeiten meinten, jedes Volk sei etwas Einmaliges und in der Sprache äußere sich die

Kultur eines Volkes. Sie suchten Beweise, dass die Litauer eines der ältesten und ehrenvollsten Völker seien. Ihre Sprache sei für Wissenschaft, Bildung und Religion wichtig und überhaupt für die europäische Kultur von großer Bedeutung, deshalb habe sie ein Recht auf Leben und Vervollkommnung (vgl. Matulevicius 1992, 34-35).                                                                                           1852 kam einer der namhaftesten

Indogermanisten August Schleicher nach Preußisch-Litauen, um hier von der einfachen Dorfbevölkerung die litauische Sprache zu erlernen und sie zu erforschen. Später schrieb er mit großem Bedauern, hier ginge eine Sprache unter, die in ihrer Formvollkommenheit mit den griechischen, römischen und indischen Sprachen wetteifern könne (vgl. Schleicher 1856, 3-4). Auch der Königsberger Kriegs- und Domänenrat Heilsberg erklärte Anfang des 19. Jh., dass der Erhalt litauischer Sprache im Interesse Deutschlands insofern liegt, dass die Litauer die Verordnungen der Königlichen Regierung mehr erfüllen und sich an die Gesetze halten würden, wenn sie in ihrer Muttersprache erlassen würden. Seiner Meinung nach trage eine einzige Sprache im Staat weniger zu Kultur und Politik bei, als mehrere (vgl. Heilsberg zit. nach Matulevicius 1992, 34-35). Man kann davon ausgehen, dass eben solche Aussagen Vydünas zu der oben erwähnten Behauptung über die deutsche Unterstützung der freien Entfaltung und sprachlichen Integrität jedes Volkes veranlasst haben.

Vydünas Ansicht nach sind für das Gedeihen des Volkstums auch Einflüsse anderer Völker von großer Bedeutung. Nur dürfen sie das gestaltende Prinzip nicht unterdrücken, das sich sowohl in der Sprache, als auch in der allgemeinen Volksentwicklung offenbart. Laut dem Denker ist es am Besten, wenn "sich ein Volk die fremden Einwirkungen selber aufsucht, wie es das deutsche Volk meist getan hat. Andererseits zeigte sich bei ihm das Bemühen, die Eigenart anderer durch die eigene zu ersetzen" (Vydünas 1932, 115-116). Schon die Absichten der deutschen Kreuzritter, die das litauische Volk mit Gewalt zu christianisieren versuchten, bestätigen diese Aussage. Was die litauische Sprache anbetrifft, so schildert Vydünas in seinem Werk ihre ständige Schwächung in Kleinlitauen aufgrund der Nachlässigkeit und der kolonisatorischen Absichten der deutschen Regierung. Der Wunsch des Königs Friedrich Wilhelm I., dass die litauischen Kinder auch Deutsch lernen und Freude beim Lesen deutscher Büchern haben, wird zwar direkt nicht kritisiert, aber als Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung in Richtung der Verdeutschung der litauischen Umgangsprache und sogar des Geisteslebens genommen (vgl. Vydünas 1932, 320). Als Beispiel für die Austilgung der äußeren Zeichen des Litauischen führt der Autor die verdeutschte Schreibweise der Personen- und Ortsnamen auf (vgl. Vydünas 1932, 318).

Die Entwöhnung der Litauer von ihrer Muttersprache hat nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 eine gesetzliche Basis bekommen und wurde dadurch noch verstärkt: Die Berliner Regierung untersagte den Behörden vor Ort, die litauische Sprache in Ämtern und Schulen zu gebrauchen. Die litauische Sprache sollte aus den Schulen verdrängt werden, denn das Kind musste auf Deutsch lesen, schreiben und denken lernen. Nur der Religionsunterricht in der Unterstufe durfte in der Muttersprache angeboten werden. Folglich musste auch die Kanzleisprache Deutsch werden und die Angestellten mussten nur das Deutsche beherrschen.

Vydünas sah die Verdrängung litauischer Sprache aus den Schulen als Verlust einer wesentlichen Stütze des litauischen Nationalbewusstseins an. Seiner Meinung nach bleibt die Muttersprache immer Hauptsprache und die Fremdsprache hat eine ergänzende Bedeutung. "Die fremde Sprache wird ja nur dann zum Kulturmittel, wenn eine Entwicklung in der angeborenen Sprache bereits bis zu einer gewissen Stufen gediehen ist. Der Unterricht, der den Litauerkindern von Anfang an und auch im 19. zu Teil wurde, war von vornherein auf ein Mindestmaß angelegt. Die deutsche Sprache und das Deutschtum sollte der Lebensausdruck der Menschen litauischer Herkunft sein" (Vydünas 1932, 316). Ein Kind, das eine Schule besucht, wo das Ziel verfolgt wird, die Muttersprache durch die Fremdsprache zu ersetzen, erfährt viele Schmähungen, Beschimpfungen und Strafen, und das verursacht "eine Zerstörung im psychischen Leben, die die Einheitlichkeit des werdenden Menschen unausweichlich vernichtet" (Vydünas 1932, 338). In diesem Kontext hat Vydünas das Deutschtum also als Zwang und Drohung für die natürliche Entfaltung eines jungen Menschens und sogar eines ganzen Volkes aufgefasst.

Solch eine Auffassung, dass sich das Aufzwingen der deutschen Kultur auf die Litauer verhängnisvoll auswirkt, war damals gar nicht neu. Manfred Klein erwähnt in seinem Beitrag über Preußisch Litauen einen Autor, der 1886 einen Vergleich der Litauer mit anderen ausgestorbenen oder vom Aussterben bedrohten Völkern zog, die er als Opfer einer überlegenen Zivilisation sah: "Wie die Cultur die Indianer tödtet, so raffte sie die Preußen dahin und wird auch die Litthauer tödten, ihren Hauch verträgt kein Naturvolk" (Horn zit. nach Klein Grenze, 16). Eine ähnliche Meinung vertrat auch Adalbert Bezzenberger, Mitglied der "Litauischen Literarischen Gesellschaft", indem er, gestützt auf demographische Statistiken des 19. Jh., konstatierte: "Trotz der Schonung, deren die litauische Nationalität sich in Preußen erfreut, steht hier also ihr Aussterben sicher bevor" (Bezzenberger 1915, 2). Vydünas hat auf solche radikale Behauptungen verzichtet, wollte jedoch die Relevanz der Muttersprache durch seinen Gedankengang und zahlreiche Beispiele veranschaulichen.

In der litauischen Rezeption wird die Einstellung von Vydünas unterstützt. Laut Matulevicius bildet die Sprache die Grundlage einer Nationalität. Ein Volk lebe nur so lange, wie seine Sprache im öffentlichen Leben umfassend verwendet wird. Seiner Meinung nach sinkt das Ansehen der Muttersprache und ihre Entfaltungsmöglichkeiten werden geringer, wenn sie nur für den Hausgebrauch genutzt wird. Da die Muttersprache in der Regel in der dritten Generation nicht mehr gesprochen wurde, hat sich die Assimilation in der dritten Generation nach dem Jahr 1872 beschleunigt und sogar die Bemühungen von Vydünas und anderer seiner Gleichgesinnten konnten diesen Prozess nicht aufhalten (vgl. Matulevicius 1992, 34; 37).

Der deutsche Historiker Kurt Forstreuter (1897-1979) betreibte starke Opposition gegen die patriotischen Ideen von Vydünas. In seinem Beitrag "Deutsche Kulturpolitik im sogenannnten Preußischen Litauen" erklärt er, dass "die sentimentalen Klagen großlitauisch eingestellter Schriftsteller, wie Vydünas, sind abwegig, wenn sie behaupten, gerade die deutsche Schule habe die Litauer zur Annahme der deutschen Sprache gezwungen" (Forstreuter 1981, 343). Weiter wird ausgeführt, dass auch Vydünas vor 1872 keine konsequente Verdeutschungspolitik feststellen konnte und dass die neuen Gesetze über die Verdeutschung des Schulwesens nur nachgeholfen haben, die Position der deutschen Sprache in den litauischen Familien zu festigen. Laut ihm waren die Stellung des Litauertums zu dem Zeitpunkt "bereits von innen her untergraben" (vgl. ebenda). Forstreuter sieht also das ständige Dahinschwinden des Litauertums nicht als deutsche Schuld, sondern als einen natürlichen Prozess, der zwangsläufig stattfinden musste. "Die Angleichung ist organisch erfolgt, die Annahme der deutschen Sprache war nur das Ende, nicht der Anfang, keineswegs die Ursache der Verdeutschung" (ebenda).

Seine Einstellung hinsichtlich der Verdeutschung fremder Nationalitäten unterscheidet sich von der von Vydünas ganz stark. Forstreuter behauptet, dass "es allein auf die Annahme der Sprache nicht ankommt (...), weil mit der Gleichheit der Sprache nicht Gleichheit des Geistes erreicht wird" (ebenda). Vydünas vertritt in seinen Schriften dagegen die Meinung, die Sprache sei mit dem Geist eng verbunden. "Die Sprache ist (...) das Merkmal eines Volkstums, wenn sie aus der Gestaltungskraft desselben hervorgeht" (Vydünas 1932, 113). Diese Kraft kommt aus schöpferischen Tiefen und bewahrt sich immer wieder aufs neue. Der Denker versteht sie als das menschliche Prinzip, als das erkennende im Menschen, das Selbsbewusste, das sich in Form von Kunst, Wissenschaft oder Sittlichkeit eines Volkes offenbaren kann. Eine angelernte Sprache kann nie die Muttersprache ersetzen und das Gestaltungsprinzip beseitigen (ebenda).

Obwohl die Einstellungen der beiden Denker aus erster Sicht gegensätzlich erscheinen, kann man bei genauer Betrachtung jedoch bemerken, dass die letztere Aussage von Vydünas der von Forstreuter in gewissem Maße gleicht, und zwar insofern, dass die Annahme einer fremden Sprache den Geist eines Menschens - wenn man den Geist mit dem Gestaltungsprizip gleichsetzen kann - nicht ändern kann. Allerdings sind die beiden Aussagen nicht als eine Übereinstimmung der Meinungen anzusehen, weil Vydünas durch den Zusammenhang Geist-Muttersprache einen Konflikt in der Innenwelt eines Menschens aufzeigen will, der beim Aufzwingen einer Fremdsprache entsteht und ein Hindernis für die Entwicklung - die in diesem Fall dem "Überleben" gleichgesetzt werden kann - eines Volkes bildet. Forstreuter meint hingegen aus seiner pragmatischen Position, durch die Gleichheit der Sprache ist das praktische "Deutsch-Werden" nicht möglich. "Man kann mit der Aufpfropfung einer Sprache einem fremden Volke eben nicht seine Seele rauben. Die Klage, dass dieses bei den Litauern geschehen sein, ist schon deshalb grundlos, weil es gar nicht geschehen kann", führt er weiter aus (Forstreuter 1981, 343). Aus der Sicht von Vydünas wäre der Prozess allerdings nicht als "Raub", sondern eher als "Einsperren der Seele" bezeichnet.

Die litauische bzw. Vydünas'sche Position bezüglich der Rolle der Muttersprache für ein Volk kritisiert auch Dr. W. Markwardt in seinem Artikel über den Vielvölkerstaat und seine Probleme. Er ist der Meinung, dass "nicht die statische Erfassung der Muttersprache, sondern der Wille von Volksgruppe einen bestimmten Volke anzugehören, heute entscheidend für deren Volkszugehörigkeit ist" (Markwardt 1955, 71). Somit negiert er die Konzeption des Gestaltungsprinzips. Die Muttersprache als eine statische Gegebenheit sei nicht der entscheidende Faktor, der ein Volk innerlich prägt. Ein viel wichtigerer Faktor als solche inneren Kräfte ist der Wille: Die Volkszugehörigkeit sei eine willentliche Entscheidung und somit ein dynamischer Prozess. Vydünas' Anschauung ist durch die altindischen Weisheitslehren und die humanistischen Ideen geprägt und deshalb viel komplexer. Er fasst das Volk als einen lebendigen Organismus auf, der einerseits mit der ganzen Menschheit verbunden ist und andererseits in seiner Entwicklung durch bestimmte innerliche Gesetze geprägt wird. Die Muttersprache widerspiegelt die Geisteswelt eines Volkes und ist somit von einer großer Bedeutung.

Ein weiterer Punkt zum Thema Sprache, mit dem sich Vydünas in seiner Abhandlung auseinandersetzt, ist der Zusammenhang zwischen der Sprache und dem Weltbild eines Volkes. Dieser Zusammenhang ist wechselseitig. Einerseits wird durch die Sprache die Innenwelt eines Volkes erkennbar, andererseits vermag die Sprache die Wirklichkeit und das Leben der Menschen zu beeinflussen.

Vydünas Ansicht nach erschaffe jedes Volk seine Umgebung und seine Weltanschauung selbst. Auf den Forschungen von dem Botaniker und Kultur- und Naturphilosophen Raoul H. France beruhend, behauptet er, dass ein Volk seine Umgebung bzw. seine Heimat durch seine Eigenschaften zu beeinflussen vermag. Weiter wird ausgeführt, dass je nachdem, welchem Volk eine Person angehört, sich sich ihre Ausdrucksmöglichkeiten unterscheiden, deshalb sind auch die Sitte und Bräuche sowie Kunst und Wissenschaft bei verschiedenen Völkern unterschiedlich (vgl. Vydünas 1932, 113).

Die Sprache ist wie ein Spiegel des Volkes. Wie es schon früher erwähnt wurde, sei Vydünas' Ansicht nach eine reiche Sprache ein Zeichen für ein reiches Geistesleben. Sogar die Sittlichkeit eines Volkes widerspiegelt sich in der Sprache (vgl. Vydünas 1932, 113). In demselben Sinne behauptete Ostermeyer schon 1817, dass mit der Vernachlässigung der Sprache die Litauer ihre Nationalität verlören, weshalb ihre Moral sinken würde (vgl. Ostermeyer zit. nach Matulevicius 1992, 36). Ein ähnlicher Gedanke wird von Vydünas in "Sieben Hundert Jahren" angeführt, indem er den Kriegs- und Domänenrat Heilsberg zitiert: "Die Vorliebe für die Sprache ist bei den Litauern nicht Starrsinn, sondern Voraussetzung, dass er durch den Wechsel derselben an Sittlichkeit verliere" (Heilsberg zit. nach Vydünas 1932, 88). Die Muttersprache ist also wie ein Band, das einen Menschen an seinen Wurzeln, d.h. an die fundamentalen menschlichen Werte, hält. Durch die Verhaltensweise eines Menschen oder eines ganzen Volkes kommen diese Werte zum Ausdruck. Andererseits könnte man behaupten, dass eine feine und schöne Beschaffenheit einer Sprache von einem guten Charakter des entsprechenden Volkes zeugt.

Die Idee von Vydünas, dass sich in der Sprache ein eigenartiges Weltbild eines Volkes offenbart, stimmt mit den Vorstellungen der heutigen Sprachwissenschaft überein und wird dadurch gestützt. Die Sprache stellt eine Möglichkeit dar, die Erscheinungen und Gegenstände der Realität zu benennen und sie zu bewerten, wodurch die Kultur eines Volkes zum Ausdruck kommen kann. Besonders deutlich ist es bei idiomatischen Ausdrücken zu sehen. Laut Lapinskas spiegelt das Bildhafte in den Idiomen ehemalige Bräuche, Legenden, Volksdichtung eines Volkes wider (Lapinskas 2010, 4). Die Idiome sind untrennbar mit der Kultur der Völker verbunden. „Sie entstehen im Prozess des Begreifens der Notwendigkeit, einen sprachlichen Ausdruck zu finden für bestimmte Ereignisse, Erlebnisse und Situationen, die eng mit dem Menschen selbst verbunden sind, mit seinem Benehmen in der Gesellschaft, mit seinen Beziehungen zwischen den Menschen“ (Cerdanceva zit. nach Lapinskas 2010, 4). Die Metaphern, die die Grundlage der Idiome bilden, sind ein Mittel, die Welt zu erkennen, d.h. der Mensch denkt und erkennt die Welt mit Hilfe der Metaphern, indem er den ganzen Lebensraum konzeptualisiert. Laut Cernyseva ist die phraseologische Nomination "keine rationelle Benennung des Referenten, sondern eine expressiv­wertende, konnotative. In dieser Benennung kommt primär die Stellungnahme des benennenden Subjekts zur Geltung“ (Cernyseva 1984, 18). Jedes Volk verfügt über einen eigenartigen Vorrat an idiomatischen Ausdrücken, in dem sich bestimmte Einstellungen und eine eigentümliche Geisteshaltung widerspiegeln und das ist eben das Weltbild, das auch Vydünas im Sinne hat.

Das Weltbild könnte als ein bestimmter Inhalt eines Volkes aufgefasst werden, der sich ständig offenbart und eben durch die Sprache zum Ausdruck kommt. Vydünas hat den tiefen Zusammenhang zwischen der Muttersprache und dem gestaltenden Prinzip gesehen und meinte, eine Fremdsprache bleibt immer das Angenommene, das dem Ererbten, Angeborenen entgegensteht und es nie ersetzen kann und darum wirkt sie stets wie eine Beschränkung des vollen Ausdruckes des Lebensgehaltes eines Menschen, wenn sie die Muttersprache völlig ersetzt. Deshalb kann der Litauer, der nur die deutsche Sprache erlernt hat, sich beim Ausdruck gewissermaßen nur oberflächlich, nur im allgemeinen kundgeben. Deutscherseits sei allerdings geglaubt, dass das Deutschtum mit seiner reichen Kultur gerade eine innere Belebung des litauischen Menschen bewirke. Und sicher kann der Litauer, der ohne Pflege der angeborenen Sprache aufgewachsen ist, mit der deutschen vieles geläufiger sagen. Aber ein größerer Gehalt an Empfindungen und andern Lebensinhalten wird unmöglich zum Ausdruck kommen (vgl. Vydünas 1932, 336). Das Aufzwingen einer Fremdsprache auf ein Volk bedeutet also das Einsperren dessen Seele bzw. das Zerreissen einer natürlichen Verbindung mit den Wurzeln seines Volkstums.

Die Idee von Vydünas, dass die Sprache in enger Beziehung zum Volkstum und Kultur eines Volkes stehe, dass jedes Volk die objektive Welt anders empfinde und verstehe, stimmt mit den neuesten sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen überein. In der deutschen Rezeption Mitte des 20. Jh. wurde allerdings seine Stellungnahme bezüglich der Rolle der Muttersprache kritisiert. Vydünas selbst baute seine Argumentation auf die Ansichten der Vertreter des deutschen Volkes, die ein aufrichtiges Interesse an der litauischen Kultur zeigten und durch ihre Aussagen die Position der litauischen Sprache in Kleinlitauen unterstützten. Doch der offizielle deutsche Standpunkt war im 20. Jh. gegen den litauischen Denker gerichtet: Man hat die Verdeutschungspolitik verteidigt, und behauptet, die zwangsmäßige Durchsetzung einer Fremdsprache hat zur Entkräftung des Litauertums in Kleinlitauen kaum beigetragen.

  • Vom bedrohlichen Nebeneinander zum friedlichen Miteinander der Völker: eine humanistische Sicht

Das Zusammenleben der Deutschen und Litauer in dem Gebiet Kleinlitauens war schon immer durch kulturelle und soziale Spannungen geprägt. Die für die Entwicklung dieser Beziehung relevanten historischen Gegebenheiten betrachtete Vydünas aus humanistischer Sicht und wollte das schwächere Glied, d.h. das litauische Volk, bestärken, damit das Gleichgewicht wiederhergestellt wird und sich das bedrohliche Nebeneinander der Völker zu einem produktiven und friedlichen Austausch entwickelt.

Der deutsche und der litauische Standpunkt bezüglich des Ursprungs der preußischen Litauer gehen weit auseinander. In seinen historischen Darlegungen versuchte Vydünas zu beweisen, dass die Litauer die Ureinwohner in Ostpreußen waren, d.h. dass sie da gelebt haben, bevor die Deutschen das Land im 12.-13. Jh. eroberten (vgl. Vydünas 1932, 126-128). Forstreuter behauptet dagegen, dass das Gebiet zu der Zeit eine Wildnis war, dass "kein Teil des ostpreußischen Bodens litauisches Stammesgebiet war, als der Orden das Land eroberte" und nennt die Nachnamen einiger Historiker, Philologen und Archäologen, die das festgestellt haben: Mortensen, Karge, Gerullis und Trautmann (vgl. Forstreuter 1981, 334-335). Das Recht der Litauer auf das ostpreußische Gebiet war zu der Veröffentlichungszeit von "Sieben Hundert Jahren" ein brisantes Thema. Der Tilsiter Kreisschulrat Kairies erklärt 1932 in seinem Brief an Reichkanzler Brüning: "Die von Litauen sogenannten 'preussischen Litauer' in Ostpreussen und dem Memellande sind Einwanderer aus den früheren Jahrhunderten, die sich freiwillig (hervorgehoben durch Kairies) der deutschen Kultur erschlossen haben und Glieder der deutschen Nation geworden sind" (Kairies zit. nach Storost 1992, 129). Diese Feststellung hielt Forstreuter für wichtig für die Grundlage einer deutschen Kulturpolitik in diesem Gebiet. Seiner Meinung nach sei es nicht nur die Voraussetzung für die deutschen politischen Ansprüche, sondern auch die Vorbedingung für das kulturelle Einleben und Zusammenleben beider Völker in der Vergangenheit (vgl. Forstreuter 1981, 334). Der hier aufgezeigte Zusammenhang erklärt, warum dieses Thema so wichtig für die Selbstachtung der preußischen Litauer war und warum Vydünas sich so viel Mühe gab, um gegen den offiziellen, kolonisatorisch veranlagten deutschen Standpunkt zu opponieren. Er, wie auch andere Persönlichkeiten litauischer kultureller Bewegung, fühlte sich gezwungen, über die Vergangenheit, Kultur und das Volkstum Litauens zu schreiben, um das bloße Bestehen des Litauertums zu bewahren.

Forstreuter setzt sich auch mit einigen weiteren Punkten auseinander, die im Gegensatz zu Vydünas' Meinung stehen, und zwar hinsichtlich der Beeinflussung der preußischen Litauer durch den deutschen Geist. Er vertritt die Meinung, der deutsche Einfluss war deshalb so groß, weil zunächst eine volkliche Vermischung zwischen Deutschen und Litauern stattgefunden hat (vgl. Forstreuter 1981, 343). Im Gegensatz dazu erklärt der litauische Denker, dem Geblüt nach seien die Bewohner Ostpreußens Litauer (vgl. Vydünas 1932, 318). Weiter behauptet Forstreuter, der deutschen Blutzufuhr entspreche die dauernde Beeinflussung durch den deutschen Geist und solch eine volkliche Vermischung bei der nahen Verwandtschaft zwischen germanischen und baltischen Völkern habe zu einem guten Ergebnis geführt (vgl. Forstreuter 1981, 343). Vydünas hielt die Balten hingegen für ein Volk, das über eine eingentümliche Kultur und Sprache verfügte (vgl. Vydünas 1932, 126; 140-142). Zu diesem Punkt ist noch zu erwähnen, dass seine Auffassung, dass die Balten ein baltisches Volk war und dass ihre Sprachen lediglich Dialekte ein und derselben Sprache waren, fälschlich ist. Laut Matulevicius wollte man durch diese Behauptung die ethnische Einheit und Integrität der Balten trotz der nicht stattgefundenen Vereinigung dieser Völker zu einem starken Staat aufgrund der Aggression des Deutschen Ordens betonen (vgl. Matulevicius 2001, 606). Was die Blutmischung anbetrifft, ist Vydünas der Ansicht, dass in den Menschen mit gemischtem Blut zwei Gestaltungsrichtungen wirken, weshalb an ihrem Gehaben eine Doppelnatur und Zwiespältigkeit zu erkennen ist. Das deutsche Kulturgut berührt die meisten nur an der äußersten Grenze ihres Lebensgefühles. An dem den Litauern zugehörigen Kulturgut haben sie keinen Teil. So sind solche Leute keine Förderer des deutschen Lebensgutes, sondern öfter seine Zerstörer (vgl. Vydünas 1932, 117-121). Das kann auf keinen Fall als ein "gutes Ergebnis" aufgefasst werden und kontrastiert außerdem mit den weiteren Ausführungen von Forstreuter, dass ein Gemeinschaftsgefühl und ein Gleichklang der Seele zwischen den Deutschen und Litauern aufgrund der gemeinsamen Geschichte entstanden ist (vgl. Forstreuter 1981, 343).

Ein harmonischer Zusammenklang der litauischen und deutschen Völker im Sinne eines friedlichen und respektvollen Zusammenlebens war ja das Ziel von Vydünas. Doch "gleich klingen" können zwei verschiedene Völker nicht, und gar nicht, wenn eins sich dem anderen überlegen fühlt und das andere nicht schätzt. Deutscher Ansicht nach mussten die Litauer Deutsch werden, und zwar aus einem pragmatischen Grund, dass "die deutsche Sprache und das Deutschtum die einzige Brücke waren, über die Nichtdeutsche im kulturellen Leben aufsteigen konnten" (Matulevicius 1992, 38). Laut Forstreuter bestand die litauische Intelligenz damals nur aus wenigen Pfarrern und das geistige Leben beschränkte sich nur auf ein Gebiet, die Religion. "Für alle übrigen Gebiete des Geisteslebens war und blieb das Deutsche die einzige Brücke" (Forstreuter 1981, 338). Solch eine nachträgliche Feststellung stellt jedoch schon das Ergebnis dar und kann die deutsche Indifferenz gegenüber der Lage und Entwicklung des litauischen Volkes als ihrer Mitbürger veranschaulichen. Man will sich der Verantwortung entziehen, indem man erklärt, es seien die Umstände, die die Litauer zur Annahme des Deutschtums gezwungen haben.

Während Vydünas die Rolle der ethnischen Zugehörigkeit betont und für die Stärkung des litauischen Volkes plädiert, wird hingegen deutscherseits behauptet, dass "der Streit um ethnische oder historische Grenzziehung die Lösung erschwert und geeignet ist, nur Verbitterung bei allen Beteiligten zu hinterlassen" (Markwardt 1955, 71). Sowohl zahlreiche Beispiele in "Sieben Hundert Jahren", als auch das Leben von Vydünas selbst liefern den Beweis, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Man muss die kulturelle und ethnische Herkunft beachten, um die Spannungen innerhalb eines Staates zu vermeiden und eine friedliche Lösung bei der Grenzziehung zu finden. Heute ist es offensichtlich, dass die damalige deutsche Behauptung, der Wunsch, "den Nationalstaat Westeuropas auf die Verhältnisse im Osten übertragen zu wollen", "unsinnig" sei, gar nicht stimmt: Litauen hat einen nationalen Staat erschaffen, in dem heute im Vergleich mit vielen Ländern Westeuropas eine relativ große sprachliche, kulturelle und ethnische Homogenität herrscht.

Vydünas hatte also Recht, indem er zuversichtlich an die inneren Kultur- und Geisteskräfte des litauischen Volkes glaubte.

Doch es ist nur Großlitauen gelungen, die Selbstständigkeit 1918 zu erlangen und sie später nach den langen Jahren der sowjetischen Okkupation 1990 wiederherzustellen. Hingegen hat sich nur ein Teil von Kleinlitauen - das Memelland - Großlitauen angeschlossen. Man kann dagegen einwenden, wie Forstreuter die Gründe für die Abschwächung der litauischen Kultur in Kleinlitauen erklärt: "Das Einleben des preußischen Litauers in das Deutschtum wurde ja sehr erleichtert, weil das Großfürstentum Litauen, das zunächst russische, dann polnische, dann wieder russiche Einflüsse erfuhr, an besonderen litauischen Werten nichts bieten konnte. Die aus dem litauischen Volksboden hervorgehenden Blüten der Kultur mussten immer in einen fremden Himmel hineinwachsen" (Forstreuter 1981, 343-344). Der Weg zur Selbstständigkeit Großlitauens war natürlich nicht leicht und die fremden Einflüsse haben ihn noch erschwert, aber die Tatsache, dass es doch gelungen ist, beweist, dass man doch über "besondere litauische Werte" verfügt hat. Vydünas hat nach 1918 aktiv an dem kulturellen und geistigen Leben Großlitauens teilgenommen und über die neuen Tendenzen seine Meinung geäußert, u. a. auch in seinem Brief an den Präsidenten Antanas Smetona. Laut Bagdonavicius hat er negative Erscheinungen in der Politik und Gesellschaft Litauens bemerkt und meinte, sie resultieren aus einer falschen Freiheitsvorstellung, nämlich dass man frei ist, uneingeschränkt alle seine Neigungen, Wünsche und Schwächen in Erscheinung treten zu lassen, ohne dafür jegliche Verantwortung zu tragen. Dieses hat er "Selbstständigkeit im Äußeren" genannt, die die Menschen von der wirklichen Freiheit entfernt und die auch die eigentliche politische Selbstständigkeit gefährdet (vgl. Bagdonavicius 2008, 167). Das war eine Warnung, die zu dieser Zeit unerhört blieb: 1940 schien "Stalins Sonne" in Litauen auf, die Selbständigkeit war verloren.

Doch den Volksgeist - das Gestaltungsprinzip des Volkes - konnte man nicht erlöschen. Das Prinzip des "wahren Menschenseins" leuchtete in den litauischen Herzen auch unter den schwierigsten Umständen der völkischen Unterdrückung. Vydünas hat den Exillitauern erklärt, dass derjenige, der die Kraft der Menschlichkeit in sich stark fühlt, über jegliche Unterdrückung steht und sich allmählich davon befreit. Je mehr es solche Menschen in einem Volk gibt, desto freier wird es, weil ihre Menschlichkeit auch auf die Unterdrücker Einfluss ausübt (vgl. Vydünas zit. nach Bagdonavicius 2008, 9). Die Richtigkeit dieser Worten hat sich während der sowietischen Okkupation bewährt: Das Ghandisch-Vydünas'sche Prinzip der Gewaltlosigkeit hat das Volk wieder zur Selbstständigkeit geführt. Man könnte sich an die Worte von Vydünas erinnern, dass die politische Selbstständigkeit Litauens ein Geschenk ist, das sich Litauen dafür verdient hat, dass es sogar während der schwierigen Zeiten seine schöpferische Kräfte bewahrt hat und nicht nur

physisch, sondern auch geistig lebendig geblieben ist (vgl. Vydünas zit. nach Bagdonavicius 2008, 137). Doch darüber hinaus hat er das Volk als einen verantwortlichen Teilnehmer an dem Weltgeschehen gesehen, der durch seinen Beitrag zum Allgemeinwohl, d. h. zur Förderung des "wahren Menschenseins" seiner Existenz Sinn geben muss. Die Nation bzw. das Volk als eine "natürliche Form des Seins" verbinde den einzelnen Menschen mit der ganzen Menschheit (vgl. Kuzborska 2003, 116) und Vydünas als Vertreter des litauischen Volkes hat von den Litauern einen bedeutsamen Beitrag zur Humanisierung der Menschheit erwartet (vgl. Vydünas zit. nach Bagdonavicius 2008, 131-132).

Die Freiheit, die Litauen heute genießen kann, hat Vydünas nicht für einen Wert an sich gehalten, sondern als etwas, das man verdient, um einer größeren, globalen Sache dienlich sein zu können. Sogar die lokalen Vorgänge, die aus erster Sicht nur ein Volk angehen, hat er global betrachtet. Dadurch erscheint auch das Problem des Volkstums in einem anderen Licht: Laut ihm ist die Einstellung zum eigenen Volkstum ein Anzeichen dafür, ob ein Volk zurückbleiben und in der Vergessenheit geraten oder aufblühen wird (Vydünas 1932, 118). Und je stärker die einzelnen Völker, desto stärker die Menschheit. In diesem Sinne war Vydünas damals der Erste im litauischen Kulturraum, der über die Globalisierung gesprochen hat, ohne das moderne Wort zu verwenden. Er sprach über die Vereinigung der Menschheit, die auf geistigen Werten wie Menschlichkeit, Respekt und Verantwortung beruhen soll. Seiner Ansicht nach ergibt sich das Gemeinschaftsgefühl der Völker aus dem Verständnis einer geistigen Gemeinsamkeit (vgl. Vydünas 1994, 71). Das soll die Basis für die zukünftigen Vereinigungsbestrebungen und für ihre Umsetzung in die Praxis bilden. Heutzutage sind zahlreiche Globalisierungstendenzen im Sinne der engen Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Bereichen und Staaten sowie der daraus resultierenden gegenseitigen Abhängigkeiten zu beobachten. Überall auf der Welt gibt es Regionen, wo viele verschiedene ethnische Minderheiten nebeneinander wohnen, die Räume interkultureller Kommunikation darstellen. Darum verlieren die Gedanken von Vydünas ihre Bedeutsamkeit nicht und werden sogar immer aktueller. Die Vereinigung der europäischen Staaten erfolgt heute im Rahmen der EU, aber solche Tendenzen sind auch weltweit zu beobachten: 2011 haben sich beispielsweise 33 lateinamerikanische und karibische Staaten in eine Gemeinschaft zusammengeschlossen (CELAC), 2002 wurde die Afrikanische Union (AU) gegründet. Andererseits wird die Feindlichkeit zwischen den verschiedenen Lagern und Staaten immer größer. Angesichts solcher Entwicklungen muss man sich unbedingt auf die Vorschriften der Sittlichkeit und Menschlichkeit besinnen, denn laut Vydünas resultieren die Konflikte aus einseitiger Orientierung auf materielle Werte (vgl. Bagdonavicius 1987, 220). Eine Neuorientierung der Werte und Handlungsrichtungen ist also heutzutage von großer Notwendigkeit.

Abschließend lässt sich noch in diesem Zusammenhang einiges zum Thema deutsch-litauische Beziehungen sagen. Klein vertritt die Meinung, dass obwohl das Thema "gleichberechtigtes Miteinander der Deutschen und Litauern in Kleinlitauen" schon eine abgeschlossene historische Epoche ist, die historischen Erfahrungen auf diesem Gebiet unbedingt einer Aufarbeitung bedürfen, weil wir in einem zusammenwachsenden Europa leben (vgl. Klein 1992, 22). Gewisse geschichtlich-politische Wenden haben das Gesicht Europas seit Vydünas' Lebzeiten stark verändert, wodurch die Voraussetzungen für eine neue positive Entwicklung geschaffen worden sind. Laut Hermann ermöglichen die Wiedervereinigung Deutschlands und die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens heute einen Neubegin der deutsch-litauischen Freundschaft (Hermann 1992, 5). Vydünas war in seiner Abhandlung "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" voller Zuversicht, dass die deutsch-litauischen Beziehungen eine richtige Richtung einschlagen werden, was heute der Fall zu sein scheint. Im Rahmen verschiedener kultureller Initiativen findet ein produktiver und friedlicher Austausch statt, der durch Respekt und Streben nach gemeinsamen Idealen geprägt wird. Bagdonavicius bemerkt, dass Vydünas schon vor ca. 90 Jahren die Richtung für die künftige Entwicklung Europas, nämlich für die EU, gezeigt hat, indem er behauptete, dass die Einheit der Menschheit nicht nur durch das bloße Zusammenschließen der Staaten und durch Vermeiden der Konflikte verwirklicht wird, sondern vor allem durch die Entwicklung der Menschlichkeit in jedem Menschen und jedem Volk. (URL: http://alkas.lt/2014/05/11/152622/ [Stand: 19. 5. 2014]. Die EU, deren Mitgliedstaaten sowohl Deutschland, als auch Litauen sind, sowie andere neue Unionen auf der ganzen Welt können und sollen den friedlichen Weg des "wahren Menschenseins" auf der Basis der Menschenrechte und der geistigen Gemeinsamkeit gehen.

 

Schlussfolgerungen

In der Bachelorarbeit wurde die Abhandlung "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" von Vydünas analysiert und ihre Rezeption in Deutschland und Litauen erörtert. Um eine bessere Übersicht über das Werk selbst und über seinen Kontext zu verschaffen, wurden die Persönlichkeit des Autors, seine Tätigkeit und seine Ideen sowie die damalige politisch-kulturelle Situation im Erscheinungsland vorgestellt. Vydünas galt als geistiger Führer der litauischen Bewegung in Kleinlitauen und hatte die Absicht, angesichts der kulturellen und sozialen Unterdrückung der preußischen Litauer, mit seinem Werk zum besseren Verständnis und zum produktiven kulturellen Austausch zwischen den Deutschen und Litauern beizutragen.

In der Arbeit wurden die Gedanken und Auffassungen von Vydünas aus historisch­anthropologischer Sicht analysiert und die Meinungen zweier verschiedener Lager, nämlich der Litauer und der Deutschen, verglichen und analysiert. Durch sein Werk wollte Vydünas das Litauertum "zu Ehren bringen", das litauische Volksbewusstsein wecken und die Deutschen mit dem Litauertum bekannt machen, indem er beide Völker gegenübergestellt und verglichen hat und die historischen und kulturellen Entwicklungen analysiert hat. Doch die Deutschen haben vieles an seinen Ausführungen als historisch falsch betrachtet und ihre Verdeutschungspolitik in Kleinlitauen verteidigt. Er wurde wegen seinen Bemühungen die Litauer "national aufzurütteln" kritisiert und sogar verfolgt.

Litauischerseits wurde das Werk sehr positiv empfangen, obwohl es aufgrund der Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten die Leserschaft zu der Zeit kaum erreicht hatte. Die Bedeutung des Werkes für beide Völker konnte jedoch sogar von den Deutschen nicht unbeachtet bleiben: Laut dem deutschen Forscher und Gegner von Vydünas, Kurt Forstreuter, "wird der Name von Vydunas schon durch dieses Werk in der Geschichte deutsch-litauischer Beziehungen unvergessen bleiben" (Forstreuter 1981, 350).

"Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" wurde beiden Völkern gewidmet, doch heutzutage haben die Vydünas'schen Ideen eine noch größere Tragweite erreicht. Die Wiedererlangung der Selbstständigkeit Litauens war ein realer Ausdruck seiner Auffassung, dass sich ein Volk durch seine geistige Stärke den Unterdrückern widersetzen kann. Vydünas hoffte, seine Gedanken könnten zum Nachdenken und zum tieferen Verständnis der Existenzfragen anregen. Sein humanistischer Appell gilt auch heute als richtungsweisend sowohl für die Beziehungen zwischen dem litauischen und dem deutschen Volk, als auch für die soziale, kulturelle und politische Entwicklung Europas (EU) sowie der ganzen im Prozess der Globalisierung begriffenen Welt.

 

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Bagdonavicius V. Vyduno idejinispalikimas Europai. URL: http://alkas.lt/2014/05/11/152622/ (Stand: 19. 5. 2014)

 

Santrauka

Bakalauriniame darbe nagrinejamas filosofo, rasytojo, kultüros veikejo ir humanisto Vydüno veikalas "Septyni simtmeciai vokiecip ir lietuvip santykip" ir jo recepcija Lietuvoje ir Vokietijoje nuo jo isleidimo 1932-aisiais iki sip dienp. Pirmoje darbo dalyje pristatoma Vydüno biografija, atskleidziant jo glaudzius rysius tiek su lietuviskpja, tiek su vokiskpja kultüra, apzvelgiami svarbiausi filosofijos bei veiklos bruozai, o antroje analizuojamas pats kürinys bei tai, kaip jis buvo ir yra vertinimas vokiecip bei lietuvip mokslininkp. Isskiriamos trys germanistikos studijp kontekste svarbiausios veikalo temos: vokiecip ir lietuvip mentaliteto klausimas, kalbos ir tautiskumo spsaja bei vokiecip ir lietuvip sugyvenimo problemos praeityje ir jo ateities perspektyvos. Su siomis temomis susijusios Vydüno idejos aptariamos ir kritiskai vertinamos XX a. politinio bei kultürinio gyvenimo jvykip sviesoje. Isryskeja aiski priespriesa tarp oficialiosios vokiecip, atstovaujancip germanizacijos politikai, ir lietuvip, remiancip Vydüno veiklp, pozicijp. Remiantis lietuvip bei vokiecip mokslininkp teiginiais (Bagdonavicius, Falkenhahn, Forstreuter bei kt.), gilinamasi j veikalo parasymo motyvus, vokiecip ir lietuvip nuomonip skirtumus, aiskinamasi to priezastys. Galiausiai daromos isvados, kokj vaidmenj Vydüno veikalas vaidina lietuvip ir vokiecip santykiuose bei platesniame kultüriniame bei politiniame kontekste.

 

[1]Ostpreußen war eine Provinz des Staates Preußen, der 1871 im Deutschen Reich aufging. Um die in dieser Arbeit zu analysierenden, historisch-kulturellen Zusammenhänge besser zu verstehen, soll ein weiterer Begriff erklärt werden, nämlich 'Preußisch Litauen'. Als Preußisch-Litauen, oder Kleinlitauen, wird gemeinhin eine historische Region in Ostpreußen bezeichnet, die sich durch einen großen Anteil an litauischer Bevölkerung auszeichnete. Allen seinen Bewohnern versprach der Staat religiöse Toleranz. Luthers Regel folgend, gewährte er den litauischen Bauern dazu das Privileg, ihre Sprache und Kultur zu erhalten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts begann allerdings der Staat Druck auf seine fremdsprachigen Bürger auszuüben. Eine 'Germanisierungspolitik' setzte ein, gegen die sich Vydünas mit seinen Ideen sträubte.

 

 

 

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