Die jüdische Schuld 1940/41

 

In Teilen der litauischen Gesellschaft hält sich bis heute hartnäckig die Meinung, dass die litauischen Juden selber an ihrem Schicksal 1941 schuld waren. Damals sind 200.000 Juden (mit 95% der höchste Prozentsatz an getöteten Juden in allen von den Nazis besetzten Ländern) getötet worden. Schon bevor die deutschen Truppen eintrafen, ging das Morden los.

 

Die Juden waren es, die den sowjetischen Besatzern 1940/41 halfen, die Litauer zu drangsalieren, ihnen ihr Eigentum wegzunehmen und sie massenweise nach Sibirien zu deportieren.

Sie stellten den höchsten Anteil des Personals in den russischen Sicherheitsorganen dar, waren verantwortlich für die brutalen Verhöre und die von den Sowjets verübten Massaker bei ihrer Flucht vor den Deutschen.

 

So die weit verbreiteten Vorurteile, die man in Internetforen, politischen Diskussionen, aber auch unterschwellig in litauischen Museen sieht. 

Juden Bolschewisten

Propagandaplakat der LAF (für die Übersetzung anklicken)

 

Das von Hitler geprägte Synonym, ein Jude sei immer ein Kommunist, wurde von den meisten Litauern aufgenommen und nach dem Abzug der Roten Armee grausame Rache genommen. Teilweise, wie beim Massaker an der Lietukis Garage in Kaunas am 25.6.1941 noch ohne deutsche Anleitung.

 

Dies alles widerspricht natürlich dem gesunden Menschenverstand. Die Wahrheit ist komplexer.

 

1. Für die litauischen Juden war ein deutscher Einmarsch in Litauen das Todesurteil. 1941 war das jedem klar. Für die Juden war demnach die Wahl zwischen Pest und Cholera, zwischen Hitler und Stalin klar.

   Schon am 6.2.1940, also 1,5 Jahre vor dem Einmarsch in Litauen, schreibt der Oberbefehlshaber Ost, Johannes Blaskowitz, über den Irrsinn der deutschen Gräueltaten im besetzten Polen:

   "... Es ist abwegig, einige 10000 Juden und Polen, so wie es augenblicklich geschieht, abzuschlachten; denn damit werden angesichts der Masse der Bevölkerung weder die polnische Staatsidee totgeschlagen noch die Juden beseitigt. Im                   Gegenteil, die Art und Weise des Abschlachtens bringt größten Schaden mit sich, kompliziert die Probleme und macht sie viel gefährlicher, als sie bei überlegtem und zielbewußtem Handeln gewesen wären".                                                           Quelle: Schöne Zeiten-Judenmord aus Sicht der Täter und Gaffer                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

2. Für die religiösen Juden kam ein Engagement bei den atheistischen Bolschewisten natürlich nicht in Frage. 

3. Die litauischen Juden waren überprozentual Besitzer von Unternehmen, besaßen Häuser und Mühlen. Nicht gerade das Klientel des Kommunismus.

 

Neben dem Menschenverstand, der ja manchmal aussetzt, hier ein paar Fakten von Liudas Truska (aus Holocaust in Litauen):

"Über einige Jahrhunderte hinweg gewöhnten sich die Litauer an eine Opferrolle, und es ist heute für sie schwer zu verstehen, dass auch sie anderen Unrecht getan haben sollen.

Zu einem charakteristischen Kennzeichen der litauischen Mentalität ist eine Art von nationaler Rechthaberei geworden, d.h. die Meinung, dass Litauer den Inbegriff aller Tugenden verkörpern oder zumindest sich als solche darstellen müssten.

'Schlecht' sind immer nur "die anderen" - Juden, Zigeuner, Polen, Russen, Deutsche, d.h. Angehörige derjenigen Völker, mit denen die Litauer oft aneinander gerieten.

...

Versuche intellektuell mutiger Historiker, die vielschichtigen Ereignisse in der Mitte des 20. Jahrhunderts differenzierter darzustellen, eingefahrene Stereotype zu durchbrechen, liebgewonnene Mythen zu zerstören, die unangenehmen Ereignisse der jüngeren Vergangenheit ans Licht zu bringen, stoßen in der heutigen litauischen Gesellschaft, vor allem in ihren konservativen Schichten, auf wenig Gegenliebe".

 

Diese Historiker (wie Venclova oder Suziedelis) werden dann nicht selten verunglimpft als Dissidenten, Juden und Landesverräter.

 

Vielleicht kam der Hass auf die litauischen Juden (vergleichbar natürlich auch in Deutschland) wegen "deren unendliche (r) Überlegenheit über die kriegführenden Parteien, ihre äonenweite Weisheit und ihre tiefe Philosophie.",  wie Kurt Tucholsky in einer Buchrezension über das Buch "Der Streit um den Sergeanten Grischa" von Arnold Zweig über die Ostjuden schreibt. Vielleicht waren die Juden den einheimischen ethnischen Litauern einfach überlegen, was Hass und Neid schürte? 

 

Für den historisch interessierten Litauenfreund, sind die folgenden Fakten aber verblüffend.

 (Wobei Informationen aus jüdischen Quellen von litauischen Konservativen meist abgelehnt oder zumindest skeptisch gesehen werden).

Truska schreibt:

"Die fast durchgängig in der litauischen Literatur verbreitete Auffassung von der Schuld der Juden in den Jahren 1940 und 1941 hat mich bewogen, die damaligen Ereignisse in Litauen, insbesondere die Kaderpolitik der Sowjetregierung, zu untersuchen. Die Ergebnisse der Untersuchungen haben mich als Litauer tief bewegt: ich konnte während der Okkupation und Annexion Litauens keinen Verrat der Juden finden, sondern musste eher ein unschönes Verhalten der Angehörigen meines eigenen Volkes feststellen.

Die Regierung Litauens, die am 15. Juni 1940 uneingeschränkt ... das Ultimatum der UdSSR annahm, bestand ausschließlich aus Litauern, in ihr war kein Jude vertreten. 

...

Zu der am 17. Juni gebildeten Marionettenregierung (Volksregierung), die mit ihren Erklärungen die Okkupation verschleierte und damit die Bevölkerung täuschte, gehörte ein einzige Jude - der Gesundheitsminister.

...

Im sogenannten Volksseimas, der am 21. Juli Litauen zur Sowjetrepublik erklärte und Moskau ersuchte, Litauen in den Verband der UdSSR aufzunehmen, waren 67 Litauer, vier Juden, drei Polen, zwei Weißrussen und ein Lette.

 

Bis zur Okkupation machten Juden in der Tat den größten Teil der Kommunistischen Partei Litauens (KPL) aus. Ende 1939 war 1/3 ihrer Mitglieder Juden.

Doch nachdem massenweise Beamte aus Russland in Litauen eingesetzt wurden und in die Kommunistische Partei zunehmend Litauer eintraten, veränderte sich die nationale Zusammensetzung massiv.

 

Im Juni 1941 waren von 4.700 Parteimitgliedern der Litauischen KP 46,4% Litauer, 12,6% Juden und sogar 41% Russischsprechende ... 

Zur gleichen Zeit befanden sich unter den 47 Mitgliedern des Zentralkomitees der LKP 24 Litauer, 5 Juden und 18 Russischsprechende ...

 

Das gleiche Bild ergibt sich für die repressiven Organe. Im Frühjahr 1941 waren unter den 519 Mitarbeitern des NKGB der Litauischen SSR (nicht gerechnet das technische und das Verwaltungspersonal) 55 Juden (10,6%) und unter den 94 Personen der obersten Ränge nur 5 (5,3%).

 

Unter der Sowjetmacht hatten die Juden vielleicht mehr zu leiden als die Litauer. Von den 986 verstaatlichten Industrieunternehmen waren 560 (57%) in jüdischer Hand und von den 1.600 verstaatlichten Handelsunternehmungen sogar 1.300 (83%)".

 

Von den Deportationen nach Sibirien im Juni 1941 lag der jüdische Anteil bei 13,5%, also höher als ihr Anteil an der Bevölkerung in Litauen.

 

Angenehm überrascht war ich von Dalia Grinkeviciutes Buch 'Aber der Himmel - grandios', in der sie ein differenzierteres Bild der Litauer und Juden zeichnet.

 

Inwieweit Habgier (wie in Deutschland, waren die litauischen Juden oft wohlhabender als ihre litauischen Mitbürger), über Jahre gewachsene Spannungen oder einfach nur die Nazipropaganda der Deutschen und ihrer litauischen Helfer (LAF) zur litauischen Unterstützung am Holocaust beigetragen haben, werden hoffentlich weitere Untersuchungen zeigen.

 

Verstörend finde ich das Mauern und Abstreiten von manchem Konservativen in Litauen. Die Angriffe auf Historiker und Intellektuelle, die ihre Sicht der Geschichtsforschung darlegen, auch wenn sie für Litauen beschämend sind.

 

Die historische Realität der über 200.000 ermordeten litauischen Juden, mit 95% Auslöschung die höchste Rate aller von Deutschland besetzten Ländern und die Forschungsergebnisse der letzten Jahre kann man nicht wegdiskutieren.

 

Das ist Geschichte.

  

Auch heute scheint die Existenz von Juden für so manchen Erdenbürger der Grund von fast allen Übel auf der Welt zu sein.

 

Es ist Zeit für mehr Vernunft!

 

 

 

 

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