LAF und der litauische Holocaust

 

Die LAF- Lietuvos Aktyvistu Frontas (Litauische Aktivisten Front) war eine litauische Partisanengruppe die 1940 bis 1941 in Litauen aktiv war.

 

Sie nannten sich "Partisanen - Befreier Litauens". Durch ihre weißen Armbinden wurden sie von der Bevölkerung auch "Weißarmbändler" genannt.

Das einheimische Personal für die deutschen Einsatzkommandos bestand meist aus "Partisanen"

 

 

Gegründet am 17. November 1940 in Berlin durch Kazys Škirpa (ehemaliger litauischer Militärattache in Deutschland), war ihr Ziel die Befreiung Litauens von der russischen Besatzung und die Wiederherstellung der Unabhängigkeit.

Bald bildeten sich lokale LAF Gruppen in den litauischen Städten.

Die Gruppe um Kasys Škirpa bestand hauptsächlich aus Emigranten und ehemaligen litauischen Diplomaten. Durch den Aufenthalt im "Reich" nahm die Gruppe immer mehr von der nationalsozialistischen Ideologie auf.

 

 

Am 22. April 1941 stellte die LAF in Kaunas eine Kabinettsliste für eine "Provisorische Regierung ("PG") für den Fall eines russischen Abzugs auf.

Viele Aktivisten und vorgesehene Mitglieder der PG wurden noch von den sowjetischen Besatzern verhaftet, getötet oder deportiert.

 

Die LAF diente den Deutschen als willige Helfer für Spionage und Sabotage.

Aus einem Flugblatt der LAF: "Wofür kämpft die Litauische Aktivisten Front? Die Litauische Aktivisten Front schafft das neue Litauen indem es das Land sofort und gründlich von Juden, Parasiten und Monstern reinigt. Dies wird eines der wichtigsten Voraussetzungen für den Start in ein neues Leben sein....."

 

Ein wichtiger Autor des LAF Programms war der Philosoph Antanas Maecina.

Seine Hauptthesen für das LAF Programm zur Befreiung Litauens waren:

- die litauische Rasse rein zu halten

- die litauischen Frauen sollten ihre Pflicht erfüllen und dem Staat so viele gesunde Babys wie möglich zu schenken

- Litauer sollten die grossen Städte Litauens ethnisch dominieren (in der Realität gab es in den größeren Städten grosse jüdische Gemeinden. Das Gebiet um Vilnius war polnisch, Vilnius halb polnisch, halb jüdisch. Der Anteil von Litauern lag bei 2-3 %). Dies beschreibt unter anderem Tomas Venclova in seinen Publikationen

- Loyalität und Respekt vor der litauischen Nation und Einheit des Landes (wahrscheinlich wegen der Vilnius Problematik)  müssten gestärkt werden

 

Die Ideologie der LAF war durch den Nationalsozialismus dominiert. Somit wurde sie ein wichtiger Helfer in der Vernichtungspolitik der Nazis. (Juden wurden der Kollaboration mit den sowjetischen Besatzern beschuldigt. Auch wenn Juden überproportional in den sowjetischen Sicherheitsorganen in Litauen arbeiteten, ist die Wahrheit differenzierter. Ich finde, man kann das neben den Statistiken der Historiker auch gut an Dalia Grinkeviciutes Buch "Aber der Himmel-grandios" sehen).

Natürlich war ein Aufruhr der Litauer gegen die Besatzer legitim und notwendig. Trotz der von Deutschland koordinierten LAF (ihr wurde im November 1940 der Angriffstemin mitgeteilt) war es ein spontaner Aufstand gegen die verhassten Bolschewisten. Das Hinterland wurde dadurch unsicher und die russische Kontrolle über Litauen brach wie ein Kartenhaus zusammen.

Die LAF und die PG haben sich aber, wie Tomas Venclova richtig sagte, bei der Entscheidung zwischen Pest und Cholera für das vermeintlich kleinere Übel entschieden. Ein deutscher Einmarsch in Litauen war für die litauischen Juden das sichere Todesurteil. Vielleicht sollte man das damalige jüdische Engagement auch unter diesem Gesichtspunkt sehen.

220.000 litauische Juden mussten dann unter dem Motto sterben: "Ihr habt uns deportiert, jetzt erschiessen wir euch"!

 

 

Mit dem deutschen Angriff vom 22. Juni 1941 sah die LAF ihre Chance auf Verwirklichung ihrer Ziele und verkündete am 23. Juni die Unabhängigkeit Litauens. Die Provisorische Regierung wollte die Amtsgeschäfte übernehmen, hatte aber mit Problemen zu kämpfen. Ein Minister konnte nicht kommen, 4 waren noch am 21. Juni von den Russen verhaftet worden und der angedachte Präsident Kasys Škirpa stand in Berlin unter Hausarrest.

 

 Morde an der Lietukis Garage 1941 Kaunas

Weißarmbändler beim Massaker an der Lietukis Garage in Kaunas am 26.Juni 1941

 

Mit dem antisowjetischen Aufstand am 22. Juni 1941 kam es landesweit zu brutalen Überfällen auf Juden durch LAF Mitglieder und Sympathisanten, mit Tausenden von Toten. Das berühmteste ist das Lietukis Massaker an der Lietukis Garage in Kaunas. Dort wurden Juden vor Publikum die Bäuche mit Wasser aus Wasserschläuchen gefüllt und mit Eisenstangen erschlagen. Wehrmachtsoldaten schauten zu.

Bevor die deutschen Einsatzkommandos ihre Arbeit aufnehmen konnten (Juden umzubringen), hatten die "Partisanen" schon 4.000 jüdische Litauer ermordet. (Jäger Report).

 

Dazu schreibt Walter Stahlecker, Führer der Einsatzgruppe A:

"...In Litauen haben sich bei Beginn des Ostfeldzuges aktivistische nationale Kräfte zu sogeannten Partisaneneinheiten zusammengefunden, um in den Kampf gegen den Bolschewismus aktiv einzugreifen. ...In Kauen [A.K.:Kaunas] hatten sich vier größere Partisanengruppen gebildet, mit denen das Vorauskommando sofort Fühlung aufnahm. Eine einheitliche Führung dieser Gruppen war nicht vorhanden. ... Während ein militärischer Einsatz der Partisanen aus politischen Gründen [A.K.:Wunsch nach eigenem Staat] nicht in Betracht kam, wurde in kurzer Zeit aus den zuverlässigen Elementen der undisziplinierten Partisanengruppen ein einsatzfähiger Hilfstrupp in Stärke von zunächst 300 Mann gebildet, dessen Führung dem litauischen Journalisten Klimaitis übertragen wurde. Diese Gruppe ist in weiterem Verlauf der Befriedungsarbeiten nicht nur in Kauen selbst, sondern in zahlreichen Orten Litauens eingesetzt worden und hat die ihr zugewiesenen Aufgaben, insbesondere Vorbereitung und Mitwirkung bei der Durchführung größerer Liquidierungsaktionen, unter ständiger Aufsicht der EK [Einsatzkommandos] ohne wesentliche Anstände gelöst."

 

Sarah Ginaite schreibt:" Zweifellos waren nicht alle baltaraisciai Judenmörder, aber an diesen Tagen zwischen Juni und August 1941 trugen alle Judenmörder weiße Armbinden, sie waren baltarasciai." Holocaust in Litauen, S.44

 

 

Und im sogenannten Jäger Report heisst es:

"Auf meine Anordnung und meinen Befehl durch die litauischen Partisanen durchgeführten Exekutionen...

Nach Aufstellung eines Rollkommandos unter Führung von SS-OStuf. Hamann und 8-10 bewährten Männern des EK.3 wurden nachfolgende Aktionen in Zusammenarbeit mit lit. Partisanen durchgeführt:  ..."

Es folgen Städte, Daten und Todeszahlen. 137.346 (inklusive der bei Pogromen getöteten Juden).

Quelle: "Schöne Zeiten  Judenmord aus Sicht der Täter und Gaffer S. 52).

 

 

Die Nationalsozialisten versuchten weitere Aktionen der Litauer gegen die Juden zu initiieren. So gab Heydrich am 29. Juni 1941 die Instruktion heraus, dass die Einsatzkommandos, möglichst ohne selbst in Erscheinung zu treten, "Selbstreinigungsaktionen" antikommunistischer und antijüdischer Kräfte in den besetzten Gebieten auslösen sollten. (W.Wette "K.Jäger" S. 50)

Welche Zustände die deutschen Besatzer (selber nicht zimperlich) in litauischen Partisanengefängnissen vorfanden, zeigt der so genannte Jägerbericht auf S.8: 

"Eine der wichtigsten Aufgaben sah das EK3 (Einsatzkommando 3) neben den Judenaktionen, in der Überprüfung der meist überfüllten Gefängnisse in den einzelnen Orten und Städte. Durchschnittlich saßen in jeder Kreisstadt an 600 Personen lit. Volkszugehörigkeit im Gefängnis ein, obwohl ein eigentlicher Haftgrund nicht vorlag. Sie wurden von Partisanen aufgrund einfacher Denunzierungen usw. festgenommen. Viele persönliche Rechnungen waren dabei beglichen worden. Kein Mensch hat sich um sie gekümmert. Man muss in den Gefängnissen gewesen sein und sich mal einen Augenblick in den überfüllten Zellen aufgehalten haben, die in hygienischer Beziehung oft jeder Beschreibung spotten. In Jonava - und das ist ein Beispiel für viele- saßen in einem düsteren Kellerraum von 3 m Länge, 3 m Breite und 1,65 m Höhe, 5 Wochen lang 16 Männer ein, die alle entlassen werden konnten, weil gegen sie nichts vorzubringen war...".

Natürlich hatten die Deutschen kein Interesse an einer Unabhängigkeit Litauens und enthoben die (LAF) Provisorische Regierung schon am 28. Juli 1941 ihres Amtes.

Obwohl die Nationalsozialisten den Litauern offensichtlich keinerlei Unabhängigkeit zubilligten, hatten sie doch keine Probleme um Personal in ihren Verwaltungen und bei den Erschießungstrupps, den Sonderkommandos, zu finden.

Von den 220.000 (94 % der jüdischen Litauern, somit der höchste Prozentsatz aller von Deutschland besetzten Länder) in Litauen ermordeten Juden, starben die meisten innerhalb der ersten Monate der Besatzung.

Während anfänglich bei den Judenmorden noch Unterschiede zwischen Männern und Frauen/Kindern gemacht wurden, so fiel dieses Tabu im Hochsommer 1941. (J. Tauber) (Jäger Bericht).

Innerhalb von wenigen Monaten wurden 130.000 Juden ermordet. Wir reden hier vom Sommer bis Herbst 1941. Die Wannseekonferenz fand am 20.Januar 1942 statt.

 

"... Als wir uns eines Tages auf dem Heimweg vom Fünften Fort ins Getto befanden, hatten wir eine überraschende Begegnung. Bei der zweiten Rampe, wo wir die Waffen verladen hatten, standen Passagierzüge. Darin saßen Litauer in Uniformen der deutschen Polizei mit dem litauischen Wappen am linken Ärmel und am Helm. Wir hatten keine andere Wahl, als an ihnen vorbeizugehen.

Die Litauer kamen aus den Wagen, als sie uns erblickten, spuckten auf uns und sagten zueinander: "Wieso schickt man uns so weit weg, obwohl wir hier noch längst nicht alle Juden liquidiert haben?"

Dies waren die neuen Polizeibataillone, die 'Befreier Litauens', die 'Partisanen' oder 'Weißbänder', wie man sie heute

nannte (Die Zusammenarbeit der Nationalisten mit den Hitler-Leuten, 1970, p. 100). Sie waren an der Ausrottung

der jüdischen Gemeinschaft Litauens wesentlich beteiligt. Nun wurden sie in andere besetzte Gebiete geschickt: Minsk,

Lublin, Rzeszow ... Die Deutschen schienen nicht auf die Erfahrungen dieser Massenmörder verzichten zu können...

                                                        (Massenmorde in Litauen, 1965, p. 323)."

Alex Faitelson "Im jüdischen Widerstand" Seite 108

 

Nach dem Krieg versteckten sich viele Partisanen in den Wäldern, teils aus Angst vor Bestrafung durch die sowjetischen Besatzer, teils aus ehrlichem Freiheitswillen für ihr Land. Andere flüchteten mit der abziehenden Wehrmacht nach Deutschland und konnten später in andere Länder emigrieren.

 

Noch heute zieht sich eine Linie durch die litauische Gesellschaft. Die einen honorieren die ehrbaren Absichten der Provisorischen Regierung und der LAF. Ihr Kampf um die Unabhängigkeit. Andere lehnen eine Ehrung ab, weil die LAF massgeblich am deutschen Holocaust beteiligt war und die PG den Handlanger für die deutschen Besatzer spielte.  Die von der Provisorischen Regierung herausgegebenen "Regelung des Status der Juden" war zwar nicht so scharf, wie die kurz danach  von Gebietskommissar Kramer verabschiedete. Sie waren aber offen antisemitisch und richteten sich gegen litauische Bürger.

 

Eine Auseinandersetzung mit diesem Thema lohnt sich:

When will the truth finally set us free

Lithuanian Historian rehabilitates PG

The PG and the jews: what do we know

Alex Faitelson  "Im jüdischen Widerstand"

Und das Standardwerk: "Holocaust in Litauen"

 

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