Adolfas Ramanauskas ... Aufstand 1941

Deutsche Übersetzung

Adolfas Ramanauskas Vanagas Litauen

Litauen feiert im Jahre 2018 stolz seine 100-jährige Unabhängigkeit, die es 1918 am Ende des 1. Weltkrieges erklärte.

Das litauische Parlament hat trotz hitziger Diskussion – in Litauen und internationalen Medien – entschieden, das Jahr 2018 mit der Ehrung eines litauischen Idols zu feiern.

Adolfas Ramanauskas (Kampfname "Vanagas" = Habicht), war ein litauischer Partisanenführer bei den Waldbrüdern. Waldbrüder waren Litauer, die sich 1944 in die Wälder zurückgezogen hatten, um gegen die sowjetische Besatzung zu kämpfen.

Übersetzt aus dem Englischen von Christine Bombeck (A.K.: vielen Dank!)

Veröffentlicht und übersetzt mit freundlicher Genehmigung des Autors. Zuerst erschienen auf der Webseite "Defending History" von Dovid Katz in Vilnius.

 

Ein trauriger Fehler, das Jahr 2018 nach jemandem zu benennen, der im Juni und Juli 1941 in Litauen einen Pro-Nazi “Partisanen-Trupp” führte.

Von Evaldas Balčiūnas

 

Der nationale Skandal, der von der Litauerin Rūta Vanagaitė und dem jüdischen Efraim Zuroff durch ihre Aussagen über Adolfas Ramanauskas- Vanagas ausgelöst wurde, ebbt allmählich ab. Entgegen der allgemeinen Tendenz zur Beruhigung machte der Seimas (Parlament) weiter, und erklärte das kommende Jahr 2018 zum Jahr des Ramanauskas- Vanagas – was traurig ist. Drei Jahre zuvor hatte ich noch über die Machenschaften dieser Person in Druskininkai im Jahr 1941 geschrieben. Die Gesellschaft schwieg damals zu diesem Thema. Es war lediglich der Wunsch einiger Politiker, diese Persönlichkeit zu glorifizieren, die dazu führte, dass die oben erwähnten litauischen bzw. jüdischen Kommentatoren über ihn reden.

Sie diskutierten laut und brachten damit eine antisemitische Blase zum Platzen.
Vanagaitė's Aussage hatte einige Ungenauigkeiten, welche, genau wie die Aussage selbst, von der Mehrheit als Beleidigung aufgefasst wurde. Öffentliche Details von Zuroff’s Aussage waren kaum vorhanden. Mein Artikel aus 2014 befand sich aber darunter.

Ich möchte ungern mit den Diskussionsteilnehmern streiten, daher versuche ich nur etwas Ordnung in die Argumente zu bringen, die sowieso schon geäußert wurden. Ich werde aber die unsinnigen Fragen wie „Wer arbeitet für Russland?“ überspringen - genauso wie die Personen, die nur über Russland und „Info-Kriege“ zu diesem Thema diskutieren, um die vielen ungelösten Themen über Litauen zu verschleiern. Lasst uns die einfach vergessen.

Es gab nur zwei Aussagen von wirklichen Historikern, die ernst genommen werden könnten; sie haben sich jedoch auch nicht mit dem Sachverhalt befasst. Der deutsche Historiker Christoph Dieckmann, Mitglied der ‚International Commission for the Evaluation of the Crimes of the Nazi and Soviet Occupation Regimes‘, fasste es recht schlicht in seinem kürzlich erschienenen Artikel zum Thema zusammen: “Sie [Vanagaitė] verleitete nicht zu Gewalt oder Hass, genauso wenig wie sie vorhatte, irgendwen zu töten. Was sie tat, war lediglich, einige Informationen der Litauischen Archive der Sowjetischen Geheimpolizei über einen berühmten Nachkriegs-Anti-Sowjet-Waldbruder zu veröffentlichen. Es gibt aber auch Personen, die sich ihrer Interpretation entgegenstellen und behaupten, dass ihre Quellen unzuverlässig und nicht vertrauenswürdig seien. Insgesamt ist das ganze aber immer noch eine ganz normale öffentliche und historiografische Diskussion, ein Teil des öffentlichen Lebens in einer Demokratie. Anstatt Vanagaitė zu verteufeln und zu verbannen, sollten wir besser klären, ob sie ihre Quellen in historiografisch angemessener Form verwendet hat.“

Die Hauptaussage des zweiten Historikers, der in die Debatte eintrat, Alvydas Nikžentaitis (habilitierter Doktor der Humanwissenschaft, seit 2004 Präsident des Nationalen Litauischen Komitees der Historiker) war, dass es bei der „Diskussion nicht um Geschichte geht, sondern um den nationalen Mythos, der der Litauischen Gesellschaft wichtig ist.“

Trotzdem sprach er nicht wirklich viel über die Fakten. „Der Punkt ist, dass die Fakten, die vom fraglichen Verfasser genutzt wurden, unter Historikern gut bekannt sind. Sie analysierten die Daten des Sowjetischen Sicherheitsdienstes und kamen zu der Erkenntnis, dass diese Quellen voreingenommen und die offengelegten Informationen unwahr seien.“

Ich kann beiden zustimmen. Gleichzeitig verstehe ich aber auch nicht, wieso der nationale Mythos selbst nicht auch einer rigorosen Untersuchung unterzogen werden sollte.

Natürlich beinhaltete der Skandal nicht gerade viele Fakten und Tatsachen. Ein von Vanagaitė angesprochener Punkt war sogar falsch: sie sagte, dass Ramanauskas nicht gefoltert wurde, sondern sich selbst umgebracht habe. Vielleicht wusste sie nichts von den Erkenntnissen der Experten des modernen unabhängigen Litauens, die zeigten, dass es menschlich unmöglich gewesen wäre, sich einige der Wunden und Verstümmelungen selber zuzufügen, die auf Ramanauskas’ Körper gefunden wurden. Ein weiterer falscher Punkt war, dass Ramanauskas vom sowjetischen Geheimdienst während der sowjetischen Besetzung (1940 – 1941) rekrutiert wurde. Offensichtlich wurde er nur in der Zeit nach dem Krieg (nach Juli 1944) angeworben. In der patriotischen Version der Geschichte muss die versuchte Nachkriegs-Rekrutierung der Grund gewesen sein, um den Partisanen beizutreten.

Vanagaitė behauptete, dass Ramanauskas während seines Verhörs 22 Menschen verriet, die ihm geholfen hatten, sich zu verstecken. Die patriotische Version dagegen sagt, dass er lediglich die Namen nannte, die bereits tot oder inhaftiert waren. Dies wird angeblich durch das Versäumnis der Behörden bewiesen, relevante neue Strafverfahren einzuleiten.

Vanagaitė erwähnte auch, dass Ramanauskas während seiner letzten Rede vor dem Gericht positiv über den Kommunismus sprach. Patriotische Quellen sind der Ansicht, dass das eine Konsequenz der Folter und der dunklen Kreativität der sowjetischen Strafverfolgungsbehörden gewesen sein muss.

Aber dann kommen wir zu seiner angeblichen Beteiligung an der Judenverfolgung von Druskininkai, einer Stadt im Südosten Litauens. Die patriotischen Versionen stellen hier nur wenig Fakten bereit, von denen manche aber so interessant sind, dass wir einen näheren Blick darauf werfen. Zum Beispiel die Behauptung des Politikers und Historikers Arvydas Anušauskas, mit dem ich eine kleine Diskussion auf seiner Facebook-Seite hatte, dass Ramanauskas die Weißarmbändler Pro-Nazi-Militanten am 7. Juli 1941 verlassen hatte. Er wiederholt hier die Aussagen von Ramanauskas während seiner Nachkriegs-Befragung: „Die einzigen Mitglieder der Sicherheitskräfte, die Waffen hatten, waren diejenigen, die auf Patrouille waren an diesem Tag.“ Es wird sogar noch interessanter, als Anušauskas einen Zeugen erwähnt: “Zeuge Visockas der gleichen Truppe  bestätigte während seiner Befragung durch den KGB, dass er Ramanauskas nicht bewaffnet gesehen habe: ‚Ich habe Ramanauskas während der Märsche der inhaftierten sowjetischen Bürger oder während neuer Arreste nicht gesehen.‘“
Alles in allem bedeutet das, dass die Truppe von Ramanauskas zu der Zeit, als die jüdischen Bürger sowie die „sowjetischen Aktivisten“ grausam in Druskininkai verfolgt wurden, durchaus Waffen besaß und Mitglieder der Truppe auch Menschen sahen, die verfolgt wurden.

Es gibt keinen direkten Beweis, dass sie auch aktiv an der Verfolgung teilgenommen haben. Sobald es aber um die historische Wahrheit geht, ist ein indirekter Beweis trotzdem wichtig. Und die Fakten sind wie folgt: Bis die litauischen Weißarmbändler Milizen entwaffnet und von den Nazis aus Druskininkai hinausgejagt worden sind, haben sie aktiv Juden und sowjetische Aktivisten verfolgt. Das wurde auch in den Reports der lokalen Polizei gegenüber ihren Behörden in Alytus belegt. Da ich darüber bereits in meinem Artikel von 2014 geschrieben habe, wiederhole ich mich hier nicht. Die „patriotische Version“ dagegen sagt, dass Ramanauskas’s Truppe zum Schutz gegen die Plünderei durch die Deutschen diente, was auch der Grund war, weshalb die Deutschen sie entwaffnen und auflösen wollten. Das ist natürlich eine ziemlich nette und patriotische Sichtweise, und vielleicht wollte Ramanauskas so auch in den Augen der sowjetischen Vernehmer erscheinen. Der Polizei-Report sagt auch: „Wir sehen einen Zusammenhang zwischen der Entwaffnung und den Nachfragen der Polen und ihrer Beschwerden an den Deutschen Kommandeur.“

In ihrem Report erwähnt die litauische Polizei im Juli 1941: “26 Kommunisten wurden in der Stadt und im Bezirk um Druskininkai erschossen, genauso wie ein Dieb und ein Provokateur, der ein Denunziant war, insgesamt also 28 Menschen.“

Ich finde es sehr merkwürdig, dass das Schicksal dieser Menschen (sie wurden damals und in der Zeit nach dem 23. Juni 1941 von den Weißarmbändlern Kommunisten genannt) die Politiker nicht interessiert und die Historiker unsere heutigen vorherrschenden historischen Mythen bilden. Diejenigen, die über-„patriotisch“ sind, sagen, dass das Töten der Kommunisten während des „Aufstands“ erlaubt war. Aber gab es überhaupt einen „Aufstand“ in Druskininkai? Die litauische Miliz betrat den Ort, nachdem die Deutschen diesen eingenommen hatten - und sie betraten ihn als unerschütterliche Nazis.

[A.K.: Dazu der Hinweis, dass Litauen von 1795 bis 1918 zum Russischen Zarenreich gehörte und Druskininkai am Ende des I. Weltkrieges (genau wie Vilnius) von den Polen unter Federführung von Józef Piłsudski eingenommen wurde. Deshalb kam die litauische Miliz auch nach den Deutschen in die Stadt]

Genauso wenig gibt es Daten darüber, dass diejenigen, die getötet wurden, irgendein Verfahren oder Untersuchungen über ihren „Kommunismus“ hatten.

Wenn es um Juden geht, in diesem Moment der nationalen Hysterie nach dem Motto "Alle Juden sind Kommunisten und müssen getötet werden", könnte ein Jude überhaupt irgendeine Gerechtigkeit erwarten, wenn er "Kommunist" genannt wird?

 

Auszug aus den Memoiren von Adolfas Ramanauskas-Vanagas:

„Während der ersten sowjetischen Besatzung diente ich der Armee (von Juli 1939 bis Oktober 1940) und arbeitete dann als Lehrer in der Gegend von Leipalingis, daher hatte ich nicht viele Möglichkeiten, um zu erfahren, was Kommunismus ist. Aber selbst dann wurde mir klar, dass dies eine große Katastrophe für unser Heimatland darstellt, und in den Tagen, in denen wir uns von der bolschewistischen Besatzung befreiten, führte ich eine Gruppe von Partisanen in und um Druskininkai. "

 

 

Tatsächlich gibt es keine eindeutigen Daten, die beweisen, dass Adolfas Ramanauskas, Anführer der Truppe der bewaffneten Weiß-Armbändler, zu der Zeit, als die Weiß-Armbändler Juden verfolgt, gedemütigt, ausgeraubt, verletzt und ermordet haben, persönlich bei den Morden oder Verfolgungen der Juden dabei war.

Tatsächlich sah ich Arūnas Bubnys vom Genocide Research Center im Fernsehen, der sagte, dass es keine Dokumente in den Archiven in Litauen darüber gibt. Ich habe keine Gründe, ihm nicht zu glauben, da er unter den Leuten war, die die Listen der Juden-Mörder zusammengestellt und untersucht hatten. Natürlich sind diese Listen immer noch geheim und niemand, ausgenommen der Mitarbeiter des Genocide Research Centers, kann überprüfen, ob diese korrekt zusammengestellt wurden.

Ohne respektlos werden zu wollen: Wenn die Ergebnisse eines Forschers nicht getestet und überprüft werden können und die benutzte Methodik unklar ist, würde kein Wissenschaftler oder Jurist sagen, dass sie verlässlich sei.

Wenn es um andere Disziplinen geht, ist Theologie die einzige, die eine Ausnahme macht und das nur bezogen auf Gott selbst. Doch weder das Genocide Research Center noch ihre Tätigkeiten wurden bisher vergöttlicht. Ich bin auch daran interessiert, zu erfahren, was sie mit „dem Holocaust“ meinen, wenn sie sagen, dass es 2055 Menschen gab, die daran beteiligt waren, den Holocaust auszuführen?  Diejenigen, die die finale tödliche Phase des Holocausts austrugen, mussten einige Schritte vorher gehen: die Juden ins Visier nehmen, sie von anderen Einwohnern trennen, sie anschließend in einer Gefängnisumgebung isolieren, zu den Massaker-Orten bringen und sie dort töten. Verschiedene Versionen sagen, dass es 200.000 bis 250.000 Juden gab, die in Litauen getötet wurden und noch mehr durch den Export von lokalen Schützen nach Weißrussland, Lettland und darüber hinaus.

Die Liste von Tätern könnte kurz sein, weil es keine ausreichenden Daten in den Archiven gibt, denn die Menschen, die schon früh am Holocaust teilnahmen, oder selbst die, die “nur” an den Todes-Transporten teilnahmen, wurden in diesen Listen nicht aufgeführt. Es gibt auch keinen Weg, das herauszufinden. Diese spezielle Genocide-Center-Liste ist Fiktion. Und genau diese Fiktion ist es, die es den Leitern des Genocide Research Center ermöglicht, zu verbreiten, dass „keine Anführer der Nachkriegs-Partisanen am Holocaust teilnahmen.“

Aber kommen wir zurück zu Druskininkai. Neben direkten Hinweisen, gibt es auch indirekte Hinweise. Die Erschaffer des patriotischen Mythos wollen den Polizei-Chef Bajertis und den Führer der vereinten Weißarmbändler-Truppe Jakavornis als die Verantwortlichen für die Judenverfolgung und Morde der o.g. 28 Menschen sehen. Es macht Sinn, sich die Schlussfolgerungen, der "(Presidential) Commission for the Evaluation of the Crimes of the Nazi and Soviet Occupation Regimes" [A.K.: „Internationale Kommission zur Bewertung der Verbrechen der Nazi- und Sowjetbesatzungen“]  gemacht wurden, in Erinnerung zu rufen, insbesondere den Teil, der definiert, welche Organisationen für die Verfolgung und die Morde an den Juden verantwortlich waren.

 

Verantwortliche Organisationen. Es gab viele Organisationen, die daran beteiligt waren, Juden zu identifizieren, ihren Besitz zu konfiszieren, sie zusammenzutreiben und sie schließlich zu vernichten. Die deutschen Hauptorganisationen waren die folgenden:

  • a) Deutsche Sicherheitspolizei und SD;
  • b) Wehrmacht, insbesondere die 207., 281., 285., und 403. Sicherheitsdivision und die Feldkommandanturen;
  • c) Bataillone der deutschen Polizei, zuallererst die 11., genauso wie die 2., 9., 65., 105., und 131., die auf litauischem Gebiet operierten und an den Inhaftierungen von Juden teilnahmen;
  • d) Die Deutsche Zivilverwaltung nahm auch am Prozess der Vernichtung teil, genauso wie ihre Teilbereiche Politik und Wirtschaft und das Arbeitsamt.

 

Um die Größe und Geschwindigkeit des Genozids zu kontrollieren und die Juden zu verfolgen und auszurotten, nutzten deutsche Organisationen die Hilfe vieler militarisierter litauischer Polizei- und Verwaltungs-Organisationen. Diese beinhalten:

  • a) Elemente der irregulären Militärkräfte, die zu Anfang des Krieges spontan zusammengekommen oder zusammengesucht wurden;
  • b) Einheiten der TDA (Tautinio darbo apsauga; Nationale Arbeitssicherheit), später bekannt als Schutzmannschaften, spielten eine Hauptrolle im Holocaust und nahmen an den Morden an Juden in Litauen und anderen Ländern (insbesondere: Ukraine und Weißrussland) teil;
  • c) Polizeidienststelle Kaunas und eine Anzahl an lokalen Polizisten in ganz Litauen;
  • d) Agenten und Offiziere der litauischen Sicherheitspolizei;
  • e) eine Anzahl an Einheiten der litauischen Behörden

 

Wie unangenehm.  Ramanauskas diente in einer dieser Organisationen im Juni und Juli 1941. Tatsache ist, dass Ramanauskas in diesen Monaten Anführer einer Truppe bewaffneter Menschen in Druskininkai war (sie sagen, dass nur diejenigen, die auf Patrouille gingen, Waffen hatten; aber in Wahrheit sagt der Text das aus, was er sagt: Sie waren bewaffnet).

Zu der Zeit, in Druskininkai und Umgebung, wurden Juden und Menschen, die von diesen bewaffneten Rebellen für Kommunisten gehalten wurden, verfolgt und sogar getötet. Die Quelle hier ist der litauische Polizei-Report, der diese 28 getöteten Menschen (mehr als zehn inhaftiert und Juden in Zwangsarbeit) alle während der Tage des Ausbruchs des litauischen Holocausts im Juni und Juli 1941, erwähnt. Die Leute wurden ausgewählt, inhaftiert, zur Arbeit gezwungen und von den litauischen Partisanen und Polizeioffizieren, deren Namen in vielen Fällen vollkommen unbekannt sind, getötet. 

Was heißt das also alles? Dass wir offen über Ramanauskas als ein potentieller Holocaust-Kollaborateur und Verursacher reden müssen. Dass er in der Nazi-Zeit ein Nazi-Kollaborateur war, ist sicher. Das waren die faschistischen, Pro-Nazi-Milizen, über die wir sprechen – einer dieser Milizen, über die er schrieb, dass er sie „führte“. Welche Rolle er genau spielte, ist nicht klar. Aber solange wir das nicht klären, werden wir uns in Minenfeldern aus ständigen Info-Kriegen bewegen, real und erfunden, aufrichtig und von unterschiedlichen Unruhestiftern.

Und hier müssen wir uns übrigens an manche anderen Details aus Ramanauskas‘ Biografie erinnern, die durch den kürzlich aufgetretenen Skandal zu Tage befördert wurden. Nach dem Skandal sah ich Pseudonyme, die von Vanagaite und anderen genannt wurden, von Leuten aus sowjetischen Behörden, die versuchten, Ramanauskas zu rekrutieren.

Sie sagen, dass sie an ihm als Lehrer interessiert seien. Auf der anderen Seite wurden damals gar nicht alle Lehrer rekrutiert. Vielleicht war der zukünftige Agent Rimšelis auch ein leichtes Ziel.

Sein kurzer Dienst [A.K.: als Partisan] in Druskininkai war Grund genug für lange Jahre im Gulag … Hier werden die Details dieser mutmaßlichen Rekrutierung sehr interessant und wichtig; die Hauptfrage ist dennoch, ob irgendjemand diese Anschuldigungen nach den lächerlichen „nationalen“ Bestrafungen, die  Vanagaitė auferlegt wurden (einschließlich eines grässlichen höhnischen Angriff eines früheren Staatsoberhaupt [AK: Landsbergis] sowie des Embargos gegen all ihre veröffentlichten Bücher von ihrem Verlag, welches auch das 2016 erschienene Mūsiškiai beinhaltet), nach dem kürzlichen Skandal untersucht.

Natürlich ist das schade. Eine Zusammenarbeit mit den Nazis war ein Schandfleck auf der weißen Weste vieler Nachkriegs-Waldbrüder. Es machte sie verletzbar. Und die Sowjets nutzten diese Verletzbarkeit während der ganzen Periode des Guerilla-Kriegs brutal aus. Ich kann verstehen, dass es nicht einfach ist, deinen Ruf wiederherzustellen, während du dich im Untergrund befindest. Aber gibt es irgendwelche Gründe, weshalb das nicht gemacht werden kann, wenn die Fakten doch so dafürsprechen? Es gibt oft den Wunsch, großmütig und heldenhaft zu wirken. Aber wie können wir das erreichen, ohne der Wahrheit ins Auge zu blicken? Helfen diese Skandale, Hexenjagden und Hetzkampagnen gegenüber den "Überbringern der Nachricht" wirklich, wenn irgendeine unbefriedigende Information oder Möglichkeit über unsere Helden erscheint? Sind uns diese Mythen wirklich so wichtig, wenn es um die potentiellen Mitwirker und Täter des Holocausts in unserem Land geht?

Während ich versuchte, diese lästige Frage zu beantworten, stolperte ich über Enrika Žilytė’s interessante Monografie, Collective Biography of the Partisan Leaders, welche 2016 in der Serie Lietuvos istorijos studijos [Studien im Litauischen Geschichts-Journal Nr. 38.] erschienen ist. Einer der interessantesten Punkte dieser Ausgabe ist, dass der Autor uns einen digitalen Zugang zu den Biografien der Partisanenführer gibt:

Die Biografien liefern Informationen über die Aktivitäten dieser Leute während der 1. sowjetischen Besatzungszeit (1940 -1941) und des Nazi-Regimes (1941 – 1944).

Die Autorin präsentiert ihre Methodik, einschließlich der Kriterien, wie sie bestimmte Leute in ihre Liste miteinbeziehen ließ oder eben nicht.

Für mich persönlich war es wichtig, dass ich nicht derjenige war, der die Liste zusammenstellte. Auf solche Anschuldigungen, wie es denjenigen widerfahren ist, die unsere „patriotische Geschichte“ angezweifelt haben, zu antworten ist total kontraproduktiv, vor allem, wenn man es vor Gericht oder im Büro des Staatsanwaltes machen muss. Es ist erbärmlich zu sehen, dass diese Institutionen weiterhin aktiv am Markt der Ideen teilnehmen, wie sie es während der Sowjetzeit getan haben.

Die Autorin zitiert ein paar Szenarien, die sich auf den „Aufstand“ von 1941 und die Nazi-Besetzung im Kapitel 5 beziehen: „Aktivitäten während der ersten sowjetischen und Nazi-Besetzungszeit“ und es kann aufschlussreich sein, daraus zu zitieren.

„18 Menschen (35 % aller [Nachkriegs-]Partisanenanführer waren zu irgendeiner Zeit mit Strukturen des Nazi-Militärs verbunden: Vier Menschen dienten in der staatlichen Polizei, neun dienten in diversen Bataillonen, zwei in der Garnison der Litauischen Armee in Vilnius und je eine Person in der Feuerwehr, als Leiter des Kriegsgefangenenlagers und als Militärkommandant.“

„Zukünftige Partisanen waren recht gut gebildet, was einer der Gründe gewesen sein könnte, warum viele (zehn) in verschiedenen Agenturen, Kooperationen und städtischen Institutionen gearbeitet haben.“

„… Untergrund-Organisationen während der sowjetischen Besatzungszeit begannen sich mit der LAF [A.K.: Litauische Akktivisten Front] zu verbinden. Drei spätere Partisanen-Anführer waren in solchen Organisationen.“

„Die Litauische Freiheitsarmee (LFA) ist eine der Untergrund-Organisationen, denen nachgesagt wird, dass sie die Nazis bekämpft haben, aber die genaue Definition muss auf jeden Fall geklärt werden [AK: Außer von Juden und Kommunisten gab es in Litauen keinen gewaltsamen Widerstand gegen die Nazis]. Die LFA wurde 1941 gegründet, zu Beginn der Nazi-Besetzung. Sie begann im Jahre 1944 mit den Deutschen zu kommunizieren, als diese sich aus Litauen zurückzogen und anboten, einige Mitglieder der LFA in Deutschland zu trainieren, um den Widerstand gegenüber der sowjetischen Armee zu stärken. Verantwortliche der LFA akzeptierten dieses Angebot. Drei zukünftige Anführer der Partisanen hatten solche kurzen Trainings (einige Monate) in Nazi-Militärschulen und kamen als Fallschirmjäger nach Litauen zurück.“

Viele der Fakten sind unwichtig, abgesehen von denen, die den kritischen Anteil derer enthüllen, die zu den Nazi-Militär-Strukturen gehörten (35 %). Die Biografien erlauben uns andererseits, Daten zu sammeln und zu sehen, welches der Anteil an Partisanenführern war, die irgendwie mit den Nazis "verbündet" waren. Das Ergebnis ist atemberaubend. Ich konnte lediglich zehn Namen finden, welche keine Daten hatten, die sie mit den Nazis verbanden (aber das Fehlen solcher Daten ist keine finale Antwort in solchen Angelegenheiten). Alle anderen dienten entweder in Militärstrukturen oder in Behörden, oder waren Mitglieder des LAF bzw. des LFA. Es gibt absolut keine Daten über zwei der zehn Personen, genauso wenig wie über Aktivitäten von zwei anderen während der Nazi-Besetzung. Mit anderen Worten: Wir haben hier Lücken über diese Personen vorliegen, „Fehlende-Daten" anstatt eine Erklärung, was sie während des Nazi-Genozids an ein paar hunderttausend litauischen Juden gemacht haben. So bleiben also sechs Leute übrig. Zwei von ihnen waren junge Studenten, zwei waren Landwirte, einer war Schulleiter und einer war ein Buchhalter. Was bedeutet, dass die Sowjets eine absolute Mehrheit der Partisanenführer anklagen konnten, mit den Nazis kollaboriert zu haben.

Natürlich bedeutet das nicht, dass alle an der Mord-Phase des Holocausts beteiligt waren. Ich habe einiges über ihre „Beziehungen zum Holocaust“ in anderen Artikeln in Defending History herausgefunden, an dieser Stelle möchte ich aber nicht weiter darauf eingehen.
Der Punkt ist aber, dass solch eine empirische Zusammensetzung ihrer Führerschaft den Nachkriegs-Waldbrüdern wenig Chancen ließ, auch wenn sie tatsächlich unschuldig waren, ihre Unschuld auch zu beweisen. Den Sowjets waren sie alle wahllos als „Faschisten“ bekannt. Und, wie die fragliche Liste zeigt, gab es ja auch in vielen Fällen Gründe dafür. (Selbst im Westen zu Hochzeiten des Kalten Kriegs wurde die Bestrafung von Nazi Kriegs-Kriminellen und Kollaborateuren als eine der wenigen positiven Aspekte der Nachkriegs Sowjet-Regierung angesehen.)

Einige Teile der Biografien über die Militärränge und Orden, die von der aktuellen Demokratischen Republik Litauens posthum vergeben wurden, zeigen das Verhältnis von diesen Leuten zur Gegenwart. Sieben Namen wurden nicht gewürdigt. Das sind die zwei, über die keine Daten vorlagen und die drei, über die herausgefunden wurde, dass sie mit den Sowjets kollaboriert haben. Mit anderen Worten bedeutet das, dass diejenigen nicht gewürdigt wurden, die keine Beziehungen zu Nazi-Machenschaften während des Holocausts hatten.

Es ist erstaunlich zu sehen, dass einige Details vom aktuellen litauischen Staat nicht als Hürde gesehen wurden, bestimmte „Partisanen-Helden“ posthum zu ehren. Diese Details beinhalten:  dass an den Massakern in Weißrussland teilgenommen wurde, dass den Nazis in Majdanek oder als Kommandeur eines Nazi-Kriegsgefangenenlagers für gefangene Rote-Armee-Soldaten gedient wurde (wir wissen, was in solchen Camps passierte).

Das wiederum bringt uns zu der deutlichen Erkenntnis: Es gibt noch keine Anzeichen eines wirklichen Wunsches, den intensiv umworbenen Partisanen-Mythos aufzuklären, indem diejenigen, die am Holocaust oder an der Kollaboration mit Hitler beteiligt waren, entglorifiziert werden.

Es ist bedauernswert, dass die Machteliten des modernen Litauens nur eine “Sünde” in der Zusammenarbeit mit den Sowjets sehen, während die Kollaboration mit den Nazis (einschließlich der Teilnahme an den Genoziden des Holocausts) für sie von geringer oder garkeiner Bedeutung ist, wenn eine Person zum Held ernannt und unserer Jugend als Vorbild vorgestellt wird oder das Jahr 2018 nach ihnen benannt wird.

Das ist Staatspolitik.

Wo wird uns das hinführen? Ich denke, das hat uns bereits zu einem Bann (oder laut einiger Berichte: Ausschluss) aller Bücher von Vanagaitė geführt, einschließlich, wie bereits erwähnt, ihr 2016 erschienenes Buch über den Holocaust (Manche denken, dass das vielleicht der zugrundeliegende Punkt der ganzen Buch-Verbannungs-Aktion war, die angeblich von ihren Herausgebern alleine durchgeführt wurde.)

Es kann aber auch sein, dass das kollektive Bild der Nachkriegs-Waldbrüder-Partisanen unterschiedlich ist zu dem kollektiven Bild des Partisanenführers. Die Anzahl derjenigen, die mit den Nazis zusammengearbeitet haben, würde unter gewöhnlichen Soldaten kleiner sein, es würde mehr von denen geben, die es einfach vermieden hätten, der sowjetischen Armee zu dienen oder diejenigen, die von anderen Partisanen rekrutiert wurden. Aber das ändert nicht den sehr beunruhigenden und traurigen Punkt, dass der “nationale Mythos, der von der ‚patriotischen‘ Elite der litauischen Gemeinschaft gepflegt wird“ einige Pro-Nazi-Tönungen beinhaltet. Das, was wir jetzt für unser Land tun können, ist, solche Mythen zu verbannen, bevor sie noch mehr Schaden in Litauen anrichten, ein Dreivierteljahrhundert nach dem Massaker an der jüdischen Minderheit.

 

 

Appendix

List of the partisan leaders’ names and pseudonyms [with the English translation of Lithuanian noms de guerre in brackets]

Adolfas Kubilius–Balys, Šilo Velnias [Forest Devil], Vaišvila

Šarūnas Jazdauskas–Nurmis

Jonas Semaška–Liepa [Linden], Rikis [Bishop], Gaučas [Gaucho]

Fortūnatas Ašoklis–Pelėda [Owl], Silkoša, Jonas, Vilkas [Wolf]

Kazimieras Antanavičius–Tauras [Aurochs]

Kazimieras Juozaitis–Račkauskas, Juozaitis, Meteoras [Meteor]

Juozas Ivanauskas–Vygantas–no data found

Aleksandras Milaševičius–Ruonis [Seal], Radvila

Vladas Montvydas–Etmonas [Hetman], Dėdė [Uncle], Žemaitis [Samogitian]

Petras Bartkus–Žadgaila, Alkupėnas, Dargis

Leonardas Grigonis–Užpalis, Krivis [Druid], Kalnius, Danys, Žvainys

Povilas Morkūnas–Rimantas, Ežerietis

Juozas Paliūnas–Rytas [Morning], Saulė [Sun], Rimgaudas

Juozas Kasperavičius–Visvydas, Angis [Viper], Šilas [Forest]

Jonas Žemaitis–Vytautas, Tylius, Žaltys [Grass Snake]

Henrikas Danilevičius–Vidmantas, Danila, Kerštas [Revenge], Žinys, Algis

Aleksas (Aleksandras) Miliulis–Algimantas, Neptūnas [Neptune]

Antanas Bakšys–Klajūnas [Vagabond], Germantas, Senis [Old Man]

Krizostomas Labanauskas–Justas–no data found

Jonas Vilčinskas–Algirdas, Svajūnas

Juozas Krikštaponis (Krištaponis)

Danielius Vaitelis–Briedis [Moose], Atamanas [Ataman]

Alfonsas Smetona–Žygaudas

Mykolas Šemežys–Putinas [Guelder-Rose]

Bronius Karbočius–Algimantas, Bitė [Bee]

Antanas Slučka–Šarūnas

Antanas Starkus–Montė, Blinda

Jonas Kimštas–Dobilas [Clover], Žalgiris, Žygūnas

Vladas Algirdas Mikulėnas–Lubinas [Lupine], Liepa [Linden], Storulis [Fat Man]

Bronius Zinkevičius–Artojas [Plougman], Kalvis [Smith]

Vincas Kaulinis–Miškinis [Forest Man]

Bronius Kalytis–Siaubas [Horror], Liutauras

Jonas Misiūnas–Žalias Velnias [Green Devil]

Mečislovas Kestenis (Mykolas Kareckas)–Serbentas [Currant]

Alfonsas Morkūnas–Plienas [Steel]

Leonas Taunys–Kovas [Rook]

Zigmas Drunga–Mykolas Jonas, Šernas [Boar]

Antanas Baltūsis–Žvejys [Fisherman]

Jonas Petras Aleščikas–Rymantas, Margis, Gintautas, Gediminas

Aleksandras Grybinas–Faustas

Viktoras Vitkauskas–Karijotas, Saidokas

Juozas Jankauskas–Demonas [Demon]

Juozas Vitkus–Kazimieraitis

Dominykas Jėčys–Ąžuolis

Adolfas Ramanauskas–Vanagas [Hawk]

Benys Labėnas (Benediktas Labenskas)–Kariūnas [Soldier]

Lionginas Baliukevičius–Dzūkas [Dzūkian]

Juozas Gegužis–Diemedis [Southernwood]

Vincas Daunoras–Ungurys [Eel], Kelmas [Stump]

Vytautas Gužas–Kardas [Sword]

Bronius Liesys (Liesis)–Naktis [Night], Kaukas [Goblin], Ėglis [Juniper]

Juozas Šibaila–Merainis, Diedukas [Grandpa]

Vaclovas Ivanauskas–Gintautas, Leonas, Vytenis

Sergijus Staniškis–Litas, Viltis [Hope], Antanaitis, Tėvukas [Dad]

 

Zurueck