Rainiai-Massaker 1941

 

»Es fällt nicht leicht, in diesem Abgrund des Bösen zu graben. [...] Man ist versucht, sich erschaudernd abzuwenden und sich zu weigern, zu sehen und zu hören: Das ist eine Versuchung, der man widerstehen muss.«

Primo Levi

 

Als der deutsche Vernichtungskrieg gegen Russland am 22.Juni 1941 begann, kam es in Litauen gleichzeitig zu bewaffneten Angriffen der "LAF" gegen die sich zurückziehende Rote Armee. Mit der litauischen "LAF" (Litauische Aktivisten Front) und deren Führung in Deutschland (Kazys Škirpa) war ein gemeinsames Vorgehen mit der Wehrmacht abgesprochen. Die Litauer versprachen sich mit dem deutschen Einmarsch endlich ihre Unabhängigkeit wieder zu bekommen und die brutale russische Besatzung loszuwerden.

 

Der Vormarsch in Litauen fiel der Wehrmacht leicht. Sie stieß auf keinen großen Widerstand und so marschierte man schon am 25.6.1941 in Kaunas und Vilnius ein.

 

Die Sowjets waren auf den Angriff trotz vielerlei Warnungen allerdings nicht vorbereitet. Wie wir wissen, war sogar noch ein mit Getreide beladener Zug auf dem Weg ins "Reich", als Hitler seine Armee in Bewegung setzte.

 

Die sowjetische Besatzungsmacht war in Litauen nicht gerade beliebt. Wie überall in der Sowjetunion kam es zur Verstaatlichung von Bauernhöfen (zu Kolchosen) und Privatfirmen. Jeglicher Widerstand, auch passiver, wurde brutal unterdrückt. So kam es kurz vor dem deutschen Einmarsch zu massiven Deportationen von vermeintlichen Staatsfeinden nach Sibirien. Nach den hier verwendeten Unterlagen von V. Landsbergis (Forgotten Soviet War Crime) wurden ca. 20.000 Menschen in den Jahren 1940-41 nach Sibirien deportiert. Darunter waren 12.560 Litauer (nicht wundern, beide Seiten unterscheiden gewissenhaft zwischen Litauern und Juden), 2.202 Juden, Polen und andere. Beim Rückzug der Roten Armee wurden zudem 595 Gefangene getötet.

Nachdem Hitler (wie schon vor ihm Napoleon) an Russland gescheitert war, wurden diese Deportationen wieder in grossem Stil aufgenommen. 

 

Natürlich waren die Gefängnisse damals voll von Verdächtigen (Verdächtige waren Landbesitzer, Antikommunisten, Mitglieder in verbotenen litauischen Organisationen. wer sich in dieses Thema vertiefen möchte, der kann im Jäger Report lesen, wie die litauischen Patrioten ihre Gefangenen behandelt haben). Als die Sowjets und ihre litauischen Verbündeten [1] nach dem 22. Juni 1941 Hals über Kopf nach Osten flüchten mussten, wollten sie ihre Gefangenen nicht einfach laufen lassen und es kam in ganz Litauen zu brutalen Massakern. Während die einfachen (z.B. Diebstahl) Gefangenen freigelassen wurden, urteilten über die politischen Häftlinge so genannte Dreiertribunale. Das Ergebnis war immer die Todesstrafe.

 

Eines dieser Massaker, das Rainiai Massaker, passierte in der Nacht vom 24. auf den 25.6.1941 in einem Wäldchen bei Telsiai, im heutigen Zemaitija Nationalpark. Es ist ein Massaker von vielen, die damals in Litauen von den Sowjets durchgeführt worden sind. Obwohl es nicht die meisten Opfer aufweist, ist es aufgrund der enormen Brutalität und extremen Folterungen, wohl das bekannteste Massaker der Sowjets in Litauen.

Der bei dem Rainiai-Massaker ausgelebte Sadismus ist fast unbeschreiblich und ich konnte nicht glauben, dass es tatsächlich so stattgefunden hat, wie in der offiziellen litauischen Geschichtsschreibung verzeichnet ist.

 

Die Geschehnisse sind bei Wikipedia und in einer Faktensammlung von Vytautas Landsbergis, Mitglied des Europa-Parlaments (bis 2014), ehemaliger Ministerpräsident und Vorsitzender der Unabhängigkeitsbewegung Sajudis, umfangreich dokumentiert.

 

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion begann am 22.6.1941. Schon am 23.6. nahm die Wehrmacht die Stadt Plunge ein, die etwa 30 Kilometer von Telsiai entfernt ist.

 

Die Telsiaier Angehörigen der sowjetischen Sicherheitsorgane (inklusive des verbliebenen litauischen Personals - die "normalen" Litauer waren mehrheitlich sofort desertiert, einige waren aber überzeugte Kommunisten oder Juden, denen blieb keine andere Wahl) mussten sich beeilen, um mit der Roten Armee abzuziehen.

Die litauische Führung des Gefängnisses von Telsiai machte sich Gedanken, was man mit den 76 vermeintlich politischen Gefangenen machen sollte. Sie baten den sowjetischen Geheimdienst NKWD und die Rote Armee um Hilfe, mit dem Wissen, dass die Deutschen in wenigen Stunden einmarschieren würden (Seite 23). Am Morgen des 24.6. kehrten die Sowjets nach Telsiai zurück und übernahmen das Gefängnis. Es wurde eine Liste mit zu tötenden Gefangenen gemacht.

Nachdem der Gefängniskeller als zu klein für Erschießungen befunden wurde, wählte man den nahen Wald bei Rainiai aus. Da man keine Schaufeln hatte, mussten diese im nächsten Herrenhaus organisiert werden, um Gruben zum Verscharren der Leichen zu schaufeln.

Am 24.6. begann man abends, die Gefangenen zu fesseln und zu knebeln und mit LKWs nach Rainiai zu bringen.

Im Morgengrauen des 25.6. kamen die in Rainiai eingesetzten Soldaten zum Gefängnis zurück, die litauischen Wärter wurden eingesperrt und alles Militär und NKWD Personal flüchtete nach Osten.

Während des Massakers und der Folterungen liefen die Motoren der Kraftwagen, um die Schreie der Gefolterten zu übertönen.

 

An den Toten wurden folgende Folterungen festgestellt:

 

- Verbrennungen der Opfer durch Feuer und Strom

- Verbrühungen von Händen und Füssen mit kochendem Wasser

- Schläge mit Gewehrkolben und mit Bleikugeln

- Schnitte und Stiche mit Messern und Bajonetten in Fußsohlen, Rücken, Schultern und Bauch

- gebrochene Arme und Beine

- Häutungen von verschiedenen Körperstellen bei lebendigem Leibe (die Zeitung i'Laisve [2.] berichtet 1942 über einen ganzen Haufen mit Hautfetzen von Armen und Beinen)

- abgeschnittene Ohren, ausgestochene Augen, herausgerissene Zungen.

- die Schädel der meisten Opfer waren gesplittert

 

In dem von Landsbergis verwendeten Bericht aus dem Jahre 1942 steht außerdem:

 

Die Folterer waren nahezu verrückt und übermannt von einer Art makabrem sexuellen Sadismus:

- bei nahezu allen Opfern wurden Verletzungen im Genitalbereich festgestellt, einigen die Genitalien sogar in den Mund gestopft (Seite 32).

 

Am 28. Juni wurden die Gräber geöffnet. Die Arbeit mussten Juden aus der Umgebung machen (S. 86). Wenig später sind an dieser Stelle dann etwa 800 Juden ermordet worden.

(Der deutsche Einmarsch war für die litauischen Juden das Todesurteil!).

 

Von den 76 Toten waren die meisten in so schrecklichem Zustand, dass nur ein kleiner Teil von ihnen von Angehörigen identifiziert werden konnte.

Auf Seite 88 berichtet der überlebende Zeuge J. Šapalas (bisher wurde gesagt, dass es keine Überlebenden gab):

"Beim Erreichen von Rainiai wurden die ersten zehn Gefangenen in den Wald geführt, von NKWD Offizieren festgehalten (Schreie ertönten) und ihnen wurden die Zungen und Genitalien abgeschnitten. Šapalas ist dann im Dunkeln geflohen."

 

 

Ich gebe zu, dass mich dieser Landsbergis-Report nicht überzeugt hat. Natürlich muss man die Aussagen der NKWD-Leute bezweifeln, aber auch die litauischen Partisanen sind zumindest für mich nicht viel vertrauenswürdiger, wenn man bedenkt, was damals in Litauen los war. Deshalb habe ich mich (als Nicht-Historiker) an ein Forum bei Facebook gewandt, dass heißt "Club der litauischen Geschichtssuchenden" (frei übersetzt).

 

Die Antworten, sicherlich nicht repräsentativ, weil sich nur wenige der über 2.000 Angemeldeten beteiligten, waren beängstigend. Nicht, dass es in Deutschland nicht ähnliche Antworten auf so eine Frage gegeben hätte. Wenn ich sehe, was da in den Foren los ist ...  Aber hier geht es eben um Litauen!

 

Befriedigt hat mich eine Antwort eines leitenden Mitarbeiters eines Museums in Litauen, der mir schon vorher Fragen beantwortet hatte. Er schrieb auf meine Frage einfach unaufgeregt:

 

"Labas, Andreas,

The most terrible things which are said about Rainiai is true. It is
hard for us to understand how it was possible and how it was
possible do "spend the time" like this when Germans were approaching.
But that is the fact. They did this. Later on in the same forest several
thousand Jews were killed."

 

Deshalb habe ich die kurze Diskussion unten angefügt. Die dort erwähnten Exil-Litauer sind sehr interessant zu lesen. Kostproben gibt es hier von T. Venclova und S. Suziedelis.

 

 

Im Landsbergis-Report gibt es einige Unklarheiten, weswegen ich anfänglich Probleme hatte, die Schilderungen uneingeschränkt zu glauben.

1. Auf S. 11 steht, dass das Rainiai-Massaker das einzige in Litauen ohne Zeugen ist und der Tathergang nur anhand der exhumierten Leichen rekonstruiert werden konnte.

2. Ein Mann wird als Zeuge angeführt, der seinen ermordeten Vater als Fünfjähriger gesehen hat und beschreibt die schlimmen Folterungen.

3. Auf Seite 87 gab es plötzlich doch einen überlebenden Zeugen (J. Šapalas).

4. Die Zeugenaussage des litauischen Gefängniswärters A. Žutautas hört sich nicht sehr überzeugend an.

5. Im Wikipedia gibt es einen Eintrag, in dem es heißt, dass die deutschen SS-Offiziere Taten ihrer eigenen Vorkommandos als litauische Aktionen aussehen ließen:

"There is controversy over who is primarily responsible for initiating the massacres, local Lithuanians or Nazi officials.

Lithuanians cite Franz Walter Stahlecker's report of October 15 to Heinrich Himmler. Stahlecker wrote that he had succeeded in covering up actions of the Vorkommando German vanguard unit and made it look like an initiative of the local population."

6. Neben dem Unverständnis, warum jemand mit solcher Brutalität Gefangene behandelt, die alle zum Tode verurteilt sind, kam noch mein größter Zweifel:

7. Die Zeit. Die Erschießung fand in der Nacht vom 24.6. auf den 25.6.1941 statt und der Transport war improvisiert. Die Wehrmacht nahm die 30 Kilometer entfernt liegende Stadt Plunge am 23.Juni ein. Warum sich die Soldaten Zeit nahmen, einen Wasserkocher und Strom zu installieren und die Gefangenen zu malträtieren statt zu flüchten, war und ist für mich unverständlich.

8. Handschriftlich musste sich einer der maßgeblichen Verantwortlichen des Massakers P. Raslanas gegenüber dem Vorsitzenden der KP Litauens, A. Snieckus, im Oktober 1942 äußern. Er schrieb, dass die Deutschen die Verteidigungslinien von Telsiai durchbrachen, während die Offiziellen im Gefängnis noch die Urteile der Gefangenen besprachen. Die Flucht wurde in Eile vollzogen und nach seinen Aussagen die 76 Gefangenen im Wald von Rainiai erschossen.

 

 

[1]  Zu den litauischen Verbündeten zählen Litauer und litauische Juden. Nach dem russischen Einmarsch von 1940 bekamen die Juden erstmals die Chance in den Staatsdienst einzutreten. Deshalb, und weil die meisten Juden Russisch konnten, war ihr Anteil in den Sicherheitsorganen anfänglich überproportional hoch. Darüber wurde schon viel geschrieben und ich will hier nicht weiter darauf eingehen. Für die Bestialität in Rainiai ist das natürlich keine Erklärung und auch kein Grund.

[2]  Zur politischen Ausrichtung der Zeitung i'Laisve

 

Der Landsbergis-Report   "Forgotten Soviet War Crime" 

Die schriftliche Aussage von P.Raslanas (von Archyvai.lt)  Dokument   1 2 3 4 5 6

 

Meine (absolut nicht provokativ gemeinte) Frage im Forum des Litauischen Historischen Clubs:

 

 

 

Zu diesem Thema schreibt Liuda Truska in Holocaust in Litauen auf S. 266:

"Ende der 79er Jahre wurden in der liberalen litauischen Exilpresse in den USA als populärste Stereotypen der im Westen lebenden Litauer über den Holocaust genannt:

...

3. Bei der Behandlung der Frage nach der litauischen Beteiligung am Holocaust dürfe nicht vergessen werden, dass die Juden sich bei der sowjetischen Vernichtung des litauischen Volkes hervorgetan hätten. Der sowjetische Sicherheitsdienst (NKWD, NKGB) in Litauen habe vorwiegend aus Juden bestanden. Sie seien verantwortlich für die Ermordung von Litauern während der ersten Kriegstage in Rainiai, Pravieniskes und anderen Orten."

 

Und gibt auf diese Anschuldigung auch gleich die Antwort:

"...  Die Mordaktion der Rotarmisten leiteten der Leiter der NKGB Sektion des Kreises Telsiai, P. Raslanas (Litauer), sein Stellvertreter Jermolajev (Russe), der Vorsitzende des Exekutivkommitees des Kreises Telsiai, D. Rocius (Litauer), und der Mitarbeiter der politischen Abteilung der 8. Armee, Kompanec. ..."

 

Scheinbar kein Jude in leitender Funktion, aber ich glaube, bei der Diskussion um die "jüdische Schuld" geht es auf litauischer Nationalistenseite längst nicht mehr um Vernunft und die Wahrheit. (Natürlich ist Litauen da in guter Gesellschaft).

 

 

Um die damalige Lage in Litauen besser zu verstehen, hier noch ein Textauszug von Gershon Greenberg aus dem Buch:

The Vanished World of Lithuanian Jews 

In August 1948 the chimney sweeper Kazys Zavalys (born 1901 in Libavy, Latvia) stated:

  • "I joined the partisans on the second day of the German occupation ... My duty was to guard the arrested people who were held in the basement of the partisans' headquaters. At the beginning of July 1941 I was one of those guarding the arrested Jews. They were gathered in the Telsiai market square. I was also in the Rainiai camp, where Soviet citizens of the Jewish nation was kept (AK: was für eine bescheuerte Umschreibung. Natürlich waren das litauische Juden). While I was there, the partisans killed about 80 from the Jewish nation...I did not shoot anyone. But I did bring six-eight people to the pits... I received twenty-five Reichmark for the entire period of service to the Germans. At the end of June or beginning of July 1941 I escorted two groups of Jews, six to seven people each from the barracks in Rainiai camp [to the killing site]. Later I was a guard at the killing site for about two days. My job was to stop those to be shot from fleeing... All the people imprisoned in the Rainiai camp had to be killed, because they were Jewish... I carried a German gun."

 

Interessant ist hier auch die Aussage, dass zu dem Judenmassaker von Telsiai im Juli 1941 acht Deutsche in einem LKW kamen. Die restliche "Unterstützung" bekamen sie von Kräften vor Ort. Das entspricht dem Vorgehen der Rollkommandos von Karl Jäger.

 

 

Auf der Website Kehialinks steht ausführlich, wie es den Juden von Telziai nach dem deutschen Einmarsch ergangen ist. Hier kurz eine Textstelle zu Rainiai:

"After eight days the men (AK.: Juden) were taken to work, their first task being to dig up from their graves the corpses of 73 political prisoners who had been imprisoned in Telz prison and had been murdered by Soviet security men before they withdrew. Under the pretext that Jews had taken part in that murder, the Telz men were forced to wash the corpses, to kiss them and lick the decayed wounds. The thirty men who were the victims of this abuse, having been beaten and wounded, were forced later to kneel in the street during the funeral of the murdered. The Catholic Bishop Staugaitis proclaimed the day of the funeral, July 13, as "Holy Sunday", to symbolize victory over Soviet Rule."

 

Richard J. Evans schreibt in "Das dritte Reich: Krieg"  (2008) über ähnliche Vorgänge in der Ukraine (S. 283):

"Tatsächlich hatte der sowjetische NKWD in Lemberg wie in anderen Städten versucht, 'konterrevolutionäre Elemente' noch vor dem Eintreffen der Deutschen aus den Gefängnissen zu holen, und hatte alle umgebracht, die nicht gehfähig waren. [In Telsiai sollten alle ermordet werden, zweifellos] Unter den Ermordeten befanden sich auch einige deutsche Kriegsgefangene. Viele der Opfer waren zu Tode geprügelt worden, und bei ihrer Exhumierung stellte sich heraus, dass man ihnen auch die Knochen gebrochen hatte, während umlaufende Gerüchte, man habe ihnen die Augen ausgestochen oder die Genitalien verstümmelt, wahrscheinlich auf das Werk von Ratten und anderen Aasfressern anspielten. Zudem spricht einiges dafür, dass ukrainische Nationalisten in Lemberg Leichen an die Gefängniswände genagelt, gekreuzigt oder Brüste und Genitalie abgeschnitten hatten, um den Eindruck zu erwecken, dass die sowjetischen Greuel noch viel schlimmer gewesen waren, als es tatsächlich der Fall war."

Die Entdeckung der Leichen hatte natürlich eine Gewaltorgie zur Folge, an der Wehrmacht, Ukrainische Nationalisten und Einsatzkommandos beteiligt waren.

 

 

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