Adolfas Ramanauskas


Adolfas Ramanauskas Vanagas



Adolfas Ramanauskas war ein wichtiger litauischer Partisanenführer mit dem Codenamen "Vanagas". Deshalb wird sein Name auch oft Ramanauskas-Vanagas geschrieben.
Er wurde am 6. März 1918 in den USA geboren. Seine Familie kehrte 1921 in das nun unabhängige Litauen zurück und kaufte etwas Land südlich von Vilnius. Er besuchte 1939-40 die Kriegsschule von Kaunas und schloss als II. Lieutenant der Reservekräfte ab. Seine Klasse von 1940 war der letzte Jahrgang des unabhängigen Litauens vor der sowjetischen Besetzung.

Zu Ramanauskas und den Details, die gegen eine Ehrung 2018 sprechen, siehe bei: Partisanen (Ramanauskas ...Aufstand 1941)

Nach seinem Abschluss zog er in die Nähe von Druskininkai (Krivonys) und arbeitete als Lehrer.

Als die Deutschen am 22.6.1941 die Sowjetunion überfielen, beteiligte sich Adolfas Ramanauskas am antisowjetischen Aufstand. (Kritische Kommentatoren schrieben aber auch schon, dass die Aufständigen den vor den Deutschen flüchtenden Sowjets in den Rücken schossen).

Als Führer einer litauischen Miliz zog er mit den Deutschen in die Stadt Druskininkai ein. Damals war fast ein Viertel der Bevölkerung Juden. Seine Einheit war bewaffnet und es starben laut litauischem Polizeibericht 28 Kommunisten bei diesem "Aufstand". Im sowjetischen Terminus würden diese Toten '28 sowjetische Bürger' heißen. Wir können sie auch einfach als das bezeichnen, was sie waren, ... Juden.

Bei den Nazis und den litauischen Patrioten von 1941 waren sie Bolschewisten.

Und damals galt die Parole: "Alle Juden sind Kommunisten und müssen getötet werden".

Allerdings gibt es keine Beweise darüber, ob Ramanauskas wirklich an der Ermordung der Juden beteiligt war. Er war zwar der Anführer der Druskininkaier Partisanen, die auch nachweislich bewaffnet waren. Aber es gibt tatsächlich (wie bei vielen anderen litauischen Nazi-Kollaborateuren auch) keine Beweise.

Nicht alle Aufständigen (auch Partisanen oder Weißarmbändler genannt (wegen ihrer Armbinden als Erkennungszeichen)) waren Judenmörder. Aber wie S. Ginaite schrieb:

" Zweifellos waren nicht alle baltaraišciai Judenmörder, aber an diesen Tagen zwischen Juni und August 1941 trugen alle Judenmörder weiße Armbinden, sie waren baltaraišciai." S. Ginaite Holocaust in Litauen, S.44  
Nach seinem Einsatz in Druskininkai arbeitete Ramanauskas weiter als Lehrer in Alytus und unterrichtete Mathematik, Sport und Litauisch.

Als die Wehrmacht aus Litauen zurückgedrängt wurde, schloss sich Ramanauskas den sogenannten "Waldbrüdern" an. Diese kämpften gegen die sowjetischen Besatzer und bestanden aus völlig unterschiedlichen Menschen. Darunter Litauer, die nicht von den Sowjets zum Militär eingezogen werden wollten, echte litauische Patrioten, aber auch Leute, die mit den Nazis kollaboriert hatten. Ramanauskas Einsatz als Partisan in Druskininkai wäre sicher Grund genug für eine lange Verbannung nach Sibirien gewesen.

Am 1. Juli 1945 wurde Ramanauskas zum Kommandeur der Merkys Brigade ernannt. 1947 übernahm er den Dainava Bezirk und 1948 schon ganz Südlitauen. Ab 1949 war er Stellvertreter von Jonas Zemaitis (dem Chef der Partisanen).
Zudem gab er verschiedene Partisanenzeitungen heraus und schrieb für sie.

Im Februar 1949 kam es zu einem Treffen der litauischen Partisanenkommandeure in Minaiciai (zwischen Siauliai und Panevezys), wo die Union der Litauischen Freiheitskämpfer (LLKS) als Oberkommando der Partisanen gegründet wurde. Ramanauskas wurde in das Präsidium gewählt und war Stellvertreter von Jonas Zemaitis. Als letzterer 1952 wegen seines schlechten Gesundheitszustands zurücktrat, wurde Ramanauskas Chef des LLKS.
Allerdings hatte der bewaffnete Partisanenkampf nach starken Verlusten schon nachgelassen. Ramanauskas befahl den bewaffneten Kampf zugunsten eines passiven Widerstandes aufzugeben. Er lebte versteckt unter falscher Identität und schrieb in dieser Zeit seine Memoiren ("Viele Söhne sind gefallen ..."), die versteckt wurden und erst wieder im Glasnost von 1988-89 zum Vorschein kamen.

Der KGB, angeführt von Petras Raslanas und Nachman Dushanski , verhaftete Ramanauskas am 11. Oktober 1956, nachdem er von einem Klassenkameraden aus der Kaunaser  Kriegsschule verraten worden war. Im Gefängnis wurde er schwer gefoltert und am 25. September 1957 zum Tode verurteilt. Am 29. November 1957 wurde er hingerichtet.
Sein Begräbnisort ist unbekannt.

1998 wurde ihm vom litauischen Präsidenten der Rang eines Brigadegenerals und einige hohe Orden verliehen. Viele Tafeln in Litauen erinnern an ihn, Schachturniere wurden nach ihm benannt. Es gibt sogar eine Schule in Alytus mit seinem Namen.


Adolfas Ramanauskas-Vanagas war verheiratet und hat eine Tochter, die 2008 ins litauische Parlament (Seimas) gewählt wurde.


International wurde Adolfas Ramanauskas durch das Buch "Musiškiai" bekannt, in dem die litauische Autorin Ruta Vanagaite die litauische Beteiligung am Holocaust thematisierte. In der nachfolgenden heftigen Diskussion in Litauen verbreitete sie offensichtlich falsche Behauptungen über Ramanauskas, worauf ihr Verlag die Zusammenarbeit kündigte und alle Bücher aus den Geschäften nahm. Auch die, die garnichts mit litauischer Geschichte zu tun hatten. Kritische Stimmen behaupten, dass die Empörung über Vanagaites falsche Behauptungen nur vorgeschoben sei. Vielmehr war ihr Buch über die litauische Beteiligung an den deutschen Massakern so manchen litauischen Konservativen ein Dorn im Auge.

2018 wurde Adolfas Ramanauskas-Vanagas zum hundertjährigen Bestehen Litauens als Märtyrer geehrt. Eine umstrittene Entscheidung, da niemals klar sein wird, ob er an den Judenmorden im Juni 1941 in Litauen beteiligt war, oder nicht. Fest steht, er war Anführer einer bewaffneten Partisaneneinheit, als die Nationalsozialisten Litauen besetzten und der Holocaust in Litauen begann.

Dazu schreibt die Historikerin Ekaterina Makhotina:
"Die persönliche Verantwortung von Ramanauskas für den Judenmord kann nicht eindeutig bewiesen werden. Zugleich kann man eine antisemitische Grundstimmung in der von ihm angeführten Kampfeinheit nicht ausschließen. Dass in der Bewegung der litauischen antisowjetischen Partisanen Antisemitismus verbreitet war, ist durch die Historiographie belegt."  
Und:
"Ausgeblendet wird dagegen, dass in der Ideologie das Feindbild vom jüdischen Bolschewik besonders stark betont wurde. Nachdem Litauen wieder in den sowjetischen Herrschaftsbereich geraten war, flüchteten mehrere tausend Litauer in die Wälder, um der Anklage der Kollaboration mit der deutschen Besatzungsmacht zu entgehen; Waffen, Munition und Ausrüstung nahmen sie meistens mit."

Und Christoph Dieckmann meint:
"In der Tat waren in der Weltanschauung zahlreicher Litauer seit Ende der 1930er Jahre – wie bereits dargelegt – nationale und antisemitische Ziele zu zwei Seiten einer Medaille geworden. Dass die Perspektive die Vertreibung war und nicht in erster Linie die Vernichtung, ändert nichts daran, dass Gewalt bis hin zum Mord gerade von Aufständigen vielfach ausgeübt wurde."

Zeugen sagten zwar aus, (“Zeuge Visockas der gleichen Truppe  bestätigte während seiner Befragung durch den KGB, dass er Ramanauskas nicht bewaffnet gesehen habe: ‚Ich habe Ramanauskas während der Märsche der inhaftierten sowjetischen Bürger oder während neuer Arreste nicht gesehen.‘“) dass sie Ramanauskas bei dem Zusammentrieb der Juden in Druskininkai (nichts anderes heißt 'inhaftierte sowjetische Bürger') nicht gesehen haben. Aber diese Aussagen bedeuten im Umkehrschluss, dass die Weißarmbändler in Druskininkai waren, als die Juden zusammen getrieben wurden. Und das sie bewaffnet waren.

So steht das auch in den erhaltenen litauischen Polizeiberichten, wo der Polizeichef von Druskininkai seinem Kollegen in Alytus am 14.Juli 1941 schrieb:
"Alle weapons and the militaries' and Soviet Union's property is ordered to be collected and turned over to the Germans. They left the police 25 guns."

In einer Nachricht (unterschrieben von V. Bajercius) vom 18. Juli 1941 steht:
"There are 38 (Lithuanian) partisans. All disarmed by the Germans. They are commanded by former regional border police chief lieutenant Jakavonis, retired. At this time partisans patrol the streets at night, guard supplies and bases and assist police in moving Jews to the seperate quarter. After things have been put in order, the need for their assistence will lessen. [...]"

Die litauischen Partisanen haben also zumindest bei der Bewachung und dem Abtransport der sowjetischen Bürger (also den Juden von Druskininkai) geholfen.

Und Adolfas Ramanauskas-Vanagas war Anführer der Hälfte dieser Partisanen.


Quellen:
Wikipedia
Arbeiten von Evaldas Balciunas (DefendingHistory.com)
Enrika Žylite
Violeta Davoliute
Ekaterina Makhotina (Eure Helden, unsere Täter: Die litauische Holocaust-Debatte ist auf’s Neue entflammt)
Christoph Dieckmann (Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-44)

 

Wie immer: Korrekturen, Hinweise und Tipps sind willkommen!

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