7. Tag Samstag Kaunas Memel

 

Heute ist mein letzter Tag in Litauen. Wie geplant geht die Fahrt über die Via Baltica nach Kaunas zum IX. Fort. Auf der Via und auch auf der Umgehungsstraße von Panevezys nerven die Spurrillen. Nicht tief, aber spürbar.

Nach Panevezys wird's besser und es geht schnell voran. Das Navi braucht man nicht, die A1 Klaipeda- Kaunas kann man nicht verfehlen. Auf der A1 geht's Richtung Kaunas und dann kommt das Fort auf der rechten Seite an der Ausfahrt Richtung Warschau.

Devintas Fortas Kaunas

Das Museum des IX. Forts   Das Fort selber liegt links dahinter.

 

Rechts abgebogen und auf dem Museumsparkplatz geparkt. Wolken sind aufgezogen aber noch ist es trocken.

Beim Kauf der Eintrittskarte frage ich nach einer Führung und ich bin später froh das so gemacht zu haben.

Zuerst besichtige ich die Ausstellung im Museum, einer Art Betonbunker der sowjetischen Periode, der schon Altersschwach wirkt. Hier, wie überall in Litauen, überwiegt das Andenken an die litauischen Opfer der russischen Okkupation von 1940 und ab 1944.

Die deutsche Besatzung scheint in der offiziellen Geschichtsauffassung nicht stattgefunden zu haben. Nur an wenigen Tafeln wird an das Kaunaer Ghetto und den Holocaust erinnert.

Vom Museum hoch zum Fort

 

Das Fort wurde 1902, wie etliche andere auch, als Verteidigungsanlage vom zaristischen Russland gebaut. Im I. Weltkrieg reichte ein Kanonenbeschuss und das Fort wurde aufgegeben.

Ab 1941 diente das Fort als Gefängnis und die Deutschen begannen hier die Insassen des Kaunaer Ghetto umzubringen.

 Denkmal für den Widerstand Kaunas

Denkmal für den Widerstand

 

Kaunas 9.Fort  Kaunas 9.Fort Klick mich

Vorderseite des Forts. Links sieht man das riesige Denkmal "Kampf, Sieg und Leid im Widerstand"

 

Fort Kaunas Mauern

Mauern mit Einschusslöchern um das IX. Fort

 

Nach dem Betonmuseum wandere ich um das Fort herum, an dem riesigen Monument "Kampf, Sieg und Leid im Widerstand" vorbei (hier befinden sich auch viele Gedenktafeln weil dort die Massengräber der Ermordeten waren) und lasse den Ort auf mich wirken.

Wer sich dafür interessiert, warum ich schreibe: waren, der kann bei Alex Faitelson nachlesen warum.

Aussichtsturm Kaunas   Beobacghtungsturm Kaunas Klick mich

Der Ausguck auf dem Fort

 

Gefechtsturm   Treppen zum Turm Klick mich

Nicht so leicht durchzuschauen: der gepanzerte Ausguck

 

Bemerkenswert sind die gepanzerten Gucklöcher die aus den Erdwällen rausschauen. Lijana erlaubt mir auf einen Aussichtsturm zu klettern, die enge Leiter hoch: sehr interessant!

 

Lijana Führung Kaunas

Lijana vor den Besucherzellen im Eingangsbereich des Gefängnisses

 

Im Fort angekommen spricht mich Lijana an, sie macht die Führung durch das Fort.

 

Wasserpumpe   Gefängnistüren
Von Hand (später E-Motor) angetriebene Brunnenpumpe      Gepanzerte Türen

 

Sie erklärt in sehr gutem Englisch alle Details und auch alle Gänge. Die Besteigung von einem Wachturm war sehr interessant! Das ganze Fort erscheint mir als unglaublich gut geplant: Belüftungsanlagen um den Rauch der Kanonen zu entsorgen, Fallgruben für Munitionshülsen, Schießscharten in alle Richtungen. Es gibt sogar einen Brunnen, sowie Aufzüge für die Munition. Der Architekt hat gute Arbeit geleistet. Von außen sieht der Bau viel kleiner aus als von Innen.

Lange Gänge im Fort

Panzertüren und lange Gänge unter dem Fort

 

Hofbereich 9.Fort Kaunas Einschussloch

Hofbereich IX. Fort mit Beschussspuren aus dem I. Weltkrieg

 

Leider war der Stand der Militärtechnik aber mittlerweile so weit, dass wie gesagt ein Schuss genügte (Lijana meinte, die Besatzung des Forts hätte keine Kampfausbildung gehabt), um die Anlage aufzugeben.

Durchbohrte Tür der Leichenbrenner Kaunas

Von den Leichenbrennern durchbohrte Tür

 

Lijana zeigt mir die Tür, durch die die Leichenbrenner Weihnachten 1943 entkommen sind. Wie nahe mir die Geschichte ist!

Ich hätte gerne noch mit ihr über Faitelsons Buch gesprochen, aber nach der Führung durch die Gänge des Forts erreichen wir den Gefängnistrakt mit den Zellen und schon ist sie mit ihrem Sohn verschwunden.

Gänge im Fort Kaunas

Gänge im Fort Kaunas

 

Hat ja auch lange gedauert, unsere Wanderung durch die Abgründe des Forts.

  Gefängnis Kaunas

Flur des Gefängnisses mit Kanonenofen

Kaunas Gefängnis

Pritschen der Gefangenen

 

Das IX. Fort ist unbedingt einen Besuch wert, wegen der Bedeutung für den Holocaust, aber auch rein architektonisch!!

Wieder draußen angekommen, hat es angefangen zu regnen. Leider gibt es im Museum (dort konnte ich Helm und Tankrucksack lassen) keine Restauration. Nix.

Eine Museumsaufpasserin lässt mich auf ihrem Stuhl sitzen und ich warte bis der Regen aufhört. Tut er nicht, also wird der Regenüberzug angezogen und die Tour geht weiter Richtung Jurbarkas an der Memel entlang.

 

Die Fahr dauert nicht lange, denn ein Schild weist nach rechts auf das Rote Schloss "Raudondvaris" hin. Dort angekommen hat der Regen aufgehört und es ist sehr schwül.

raudondvaris litauen kaunas

An dem 1615 gebauten Schloss (der Wehrturm ist Attrappe) tummeln sich die Kaunaer Hochzeitspärchen zum Fotografieren.

 

Raudondvaris Kaunas Litauen Herrenhaus

 

Das Schloss steht in Verbindung mit den Namen Radvila und Tiszkiewicz, also Familien denen gefühlt alle Schlösser und Herrenhäuser in Litauen gehörten.

raudondvaris kaunas litauen   Raudondvaris Herrenhaus Kaunas Litauen  audondvaris Kaunas Litauen Statue

Das Eingangstor wird bewacht als sei hier eine Bank oder ein Geheimdienst untergebracht.

 

Vilkyos

Weiter gehts den Nemunas entlang. Bei Vilkijos halte ich kurz, die Aussicht auf die Memel ist hier sehr schön.

Ringoves Burgberg Litauen

Kurz danach kommt der Hügel der Bergburg Ringoves. Außer dem Hügel ist hier aber nicht viel zu sehen.

 Blick auf Seredzius Memel Litauen

 Blick auf Seredzius

Palemono Burg Memel Litauen

Die nächste ehemalige Verteidigungsanlage ist der Palemono Berg. Auch hier ist außer der Erdaufschüttung nichts erhalten.

 Veliuona Memel Litauen  Veliuona Memel Litauen  Klick mich

Veliuona

 

Danach kommt der Burghügel von Veliuona. Und gut das ich hier abgebogen bin. Die BMW parke ich gerade neben der Maria Himmelfahrt Kirche, als mich der Küster anspricht und einlädt die Kirchturmkuppel zu besichtigen. Glück muss man haben. Natürlich gehe ich gerne mit.

Maria Himmelfahrt Veliuona Litauen  Veliuona Litauen Klick mich

Kirche und Marktplatz Veliuona mit Vytautas Statue

 

Und die Besteigung erweist sich als absoluter Glücksfall. Über enge Stiegen klettern wir hoch, kommen an einem Museum vorbei in dem alte Kirchensachen, aber auch Dokumente aus der deutschen Besatzungszeit ausgestellt sind.

Maria Himmelfahrt Veliuona Litauen  Kirche Maria Himmelfahrt Litauen  Klick mich

Aufstieg auf den Turm

 

Blick auf die Memel Nemunas Litauen

Die Aussicht auf die Memel vom Kirchturm ist gut und alles zusammen ein super Erlebnis.

 urg Raudone Litauen Memel

Burg Raudone

 

Danach kommt die Burg von Raudone, wobei der Name von den roten Ziegelsteinen herkommt. Wie die Burg Raudondvaris war sie ein reiner Repräsentationsbau, da sie einem Angriff niemals standgehalten hätte.

Burg Raudone Litauen    Raudone Litauen

Ein Spaziergang um die Burg lohnt sich, wobei Raudondvaris und die Burg Panemune schon um einiges interessanter und auch schöner sind.

 

Als letzte Burg liegt Panemune auf meinem Weg und ich habe das Glück, dass heute das Burgmuseum eröffnet wurde.

Panemune Pilis Litauen Klick mich!

Burg von Panemune

 

Man kann die ganze Burg besichtigen und auch den Turm besteigen. Der Blick auf die Memel ist aus dieser Höhe natürlich klasse. Mir gefällt Panemune von allen Schlössern und Burgen an der Memel am besten.

Panemune Litauen   Panemune Litauen Klick mich

 

Panemune Burg Litauen  Panemune Litauen  Klick mich!

 

Danach komme ich durch Jurbarkas, die Stadt, in der ich bei meinem ersten Besuch in Litauen 1992 Halt machte. Tatsächlich ist hier nicht viel Schönes zu sehen. Selbst bei einer Fahrt über die Memelbrücke wird die Ansicht Jurbarkas nicht besser.

Jurbarkas Nemunas Litauen

Dementsprechend gibt es auch keine besseren Bilder.  Brücke über den Nemunas

Gabelung Kaliningrad Klaipeda

Das ehemalige deutsche Memelgebiet und Ostpreußen. Geradeaus nach Königsberg, rechts nach Heydekrug und Memel (Šilute und Klaipeda).

 Vilkyskiai Litauen   "Vergiss mein Volk die teuren Toten nicht"  Klick mich

Kriegerdenkmal I. Weltkrieg

Mittlerweile sehen die Häuser stark deutsch geprägt aus. An der Straße in Vilkyskiai (Willkischken) steht ein deutsches Kriegerdenkmal, als ob die Zeit stehen geblieben ist. Wie konnte das die russische Besatzung überdauern?

Lena Grigoleit aus Schmalleningken, dem heutigen Smalininkai (das liegt ein paar Kilometer zurück Richtung Jurbarkas), berichtete 1992 in einem Interview über das Wüten der Deutschen in den ersten Kriegstage in Jurbarkas. Wer Interesse hat, liest hier: Das Schreien der Juden war weit zu hören.

Deutsche Häuser in Vilkyskiai Litauen  Häuser in Vilkyskiai Litauen

Strassenkreuzung Vilyskiai

 

Hier gibt es evangelische Kirchen und Backsteingebäude, die sich von den traditionellen litauischen Häusern unterscheiden. Tatsächlich ist die Architektur in Litauen ziemlich unterschiedlich. Im ehemaligen Memelland wurde viel Backstein verbaut. Juden besaßen in den Städten oft Steinhäuser. Und auch die Polen bauten viel mit Backstein.

 Juknaiciai 

Juknaiciai die ehemalige Vorzeigekolchose       Evangelische Kirche nahe Juknaiciai

 

An Juknaiciai, der ehemaligen Vorzeigekolchose kann man ruhig vorbeifahren. Hier ist nichts mehr zu sehen.

Endlich erreiche ich Silute, das ehemalige Heydekrug. Meine erste Litauenreise ging 1992 hier hin.

Katholische Kirche Silute  Simon Dach Denkmal Silute Litauen  Klick mich

Im Memelland am Ortsrand: Katholische Kirche Šilute    Simon Dach Denkmal     

 

Amphibienfahrzeug der Feuerwehr für Rusne

Amphibienfahrzeug der Feuerwehr

 

Am Ortseingang die katholische Kirche (Backstein), schon ein Anachronismus in Litauen, da meistens die katholischen Kirchen dominieren und in der Stadtmitte sind. Aber das Memelland war halt deutsch-evangelisch.

Altes Amtsgericht Silute Litauen

Altes Amtsgericht

 Bücherei deutsche Reklame

 Bitte Bild anklicken um die Reklame zu vergrößern

 

Im Zentrum sind für den Heimattourismus einige deutsche Spuren konserviert worden. Bei meinem ersten Besuch 1992 lachten die Litauer darüber, dass die russische Beschriftung an den Häusern abblätterte und tatsächlich (habe ich selber gesehen), die deutsche alte Schrift wieder hervorkam.

Evangelishce Kirche Silute Litauen

 Die Evangelische Kirche Silute steht in der Ortsmitte

 

Siluter Herrenhaus Litauen

Das Herrenhaus von Silute beherbergt heute das Heimatmuseum und die Touristeninformation (TIC) 

 

Silute ist eher etwas für deutsche Heimattouristen (Rusne und das nahe Windenburger Eck ist für jeden interessant!). Ich wollte hier meinen Freund Algis besuchen.

 

Nach weiteren 56 Kilometern erreiche ich abends den Hafen von Klaipeda. Ich stelle fest, dass man sich nicht mehr im Fährgebäude anmelden, sondern davor an einer Bude anstellen muss.

Abfertigungsgebäude Klaipeda Fährhafen  Abfertigungsbude Klaipeda Fährhafen 

Fährterminal Klaipeda                             Abfertigungsbude      

 Fähre nach Kiel Klick mich

 Fähre Victoria Seaways                                                                

Pünktlich beginnt die Abfertigung und wir fahren näher an die Fähre heran. Dann wieder warten. Endlich können wir auf die Fähre fahren und schlängeln uns in engen Kurven in den Schiffsbauch.

 

Das befestigen der Motorräder wird auf der Victoria Seaways noch schlechter gemacht. Es gibt keine Matten um den Sitz vor den Gurten zu schützen. Als ich meine Sachen an Deck gebracht habe und nach der BMW schaue, muss ich mit Schrecken feststellen, dass sie an den Auspuffrohren festgeschnallt wurde.

 

Die Rückreise war wie die Hinreise. Ruhige See, gutes Essen und leckeres Svyturis, aber feiernde Litauer und schlechtes Wetter. Diesmal wäre eine Kabine zum schlafen besser gewesen.

 

Um 23:00 Uhr kann ich in Kiel die Fähre verlassen und bin um 3:00 Uhr zu hause.

Eine schöne Fahrt und unheimlich viel Glück mit dem Wetter!

 

Fazit: Ich würde die Fahrt immer wieder so machen. Durch die späte Ankunft der Fähre muss man eine Übernachtung in Klaipeda einkalkulieren. Das Hotel kann man mit dem Navi leicht finden. Einen Besuch der Kurischen Nehrung empfehle ich ausdrücklich. Ich glaube, jeder der auf der Nehrung war, kommt auch zurück nach Litauen! Von Birzai aus konnte ich alle Orte, die ich besichtigen wollte leicht erreichen. Für Vilnius sollte man aber mindestens eine Übernachtung einkalkulieren, je nachdem, was man alles sehen möchte.

 

Für Anregungen und Kritik bin ich immer offen (Kontaktformular nutzen). 

 

Gerhard aus Berlin schreibt folgendes:

Moin Andreas,
habe gerade Deinen Reisebericht gelesen und er hat mir sehr gut gefallen.
Besonders Deine immer wieder eingefügten Verweise finde ich gut, um sich weiter über Litauen informieren zu können (
Habe noch nicht alle lesen können).
Da Du ja nicht das erste Mal in Litauen warst und auch Verwandte und Bekannte dort hast, war es für Dich sicher leichte sich zurecht zu finden.
Als "Alleinfahrer" würde ich mir so eine "Erstbefahrung" nicht zutrauen. Zu Zweit oder zu Viert wohl schon, auch um aufeinander besser aufpassen zu können,
falls es mal Probleme mit Mensch und Maschine geben sollte.
Dein Reisebericht hat mich aber neugierig gemacht auf das Land, die Menschen und die Geschichte.
Werde mich mal in den nächsten Tagen weiter, anhand Deiner Verweise, in die Materie einlesen.
Danke für Deinen schönen Bericht (und die Bilder) und die Anregung sich auch mal mit den östlichen Nachbarn zu beschäftigen.

 

Antwort

Obwohl ich schon oft in Litauen war, war die Gesellschaft von Marianne und Thorsten auf dem Weg von der Fähre zum Hotel und am nächsten Tag nach Nida sehr angenehm. So war man nach einem Tag wieder akklimatisiert und hatte keine Probleme alleine zu fahren.

 

Ziel meines Berichtes ist es, dem einen oder anderen Fahrer (in) die Scheu vor einem Trip ins Baltikum zu nehmen. Mit der Fähre von Kiel ist die Reise wie eine Kreuzfahrt auf der Aida (glaube ich zumindest, dass es auf der AIDA so ist ;-)  ).

Ein Hotel ist leicht zu buchen. Litauen ist in der EU und es herrscht dort kein rechtsfreier Raum, so wie in Russland. Wir Deutsche sind mit Kreditkarte und Euroschutzbrief sowieso gut abgesichert. Man kann sich ein Hotel in Klaipeda oder wie ich in Klaipeda und Birzai nehmen (in Birzai kostet eine Privatunterkunft 10 Euro/Person) und von dieser "sicheren" Basis das Land erkunden. Die Landstraßen sind so gut wie frei und gut ausgebaut. Benzin an der Tanke ist bestimmt besser zu erkennen als bei uns (95 Oktan).

 

Und so mancher Litauer freut sich über das Interesse an ihrem Land. Meine Angaben über Litauen kann man auch auf Lettland und Estland übertragen. Beides wunderschöne Länder mit sehr schönen ehemaligen Hansestädten.

Andreas

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