IX. Fort Kaunas

 

Das "Neunte Fort" (litauisch: Devintas Fortas) liegt am westlichen Stadtrand von Kaunas an der A1 und ist schon von weitem an der monumentalen Skulptur "Kampf, Sieg und Leid des Widerstandes" zu erkennen.


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Oben links das IX. Fort unten rechts das Museum

 

1958 wurde ein Museum über die Verbrechen der Nationalsozialisten errichtet. Damals wurden die Juden nicht explizit genannt. Jüdische Opfer waren immer (übrigens bei allen Gedenkstätten der Sowjetunion) sowjetische Bürger.

1902 war das Fort im Zarenreich als Teil eines Befestigungssystems um Kaunas herum gebaut worden (beendet 1914). Acht Festungen sollten die Stadt vor Angreifern schützen. Im I. Weltkrieg reichte ein Kanonenschuss der deutschen Armee und die Besatzung gab das IX. Fort auf. (Bild vom Einschuss ist weiter unten).

Lijana zeigt auf das 9. Fort als eines von 8 Festungen    Die blauen Punkte zeigen die neun Geschützrampen

 

1924 errichteten die Litauer dort eine Außenstelle des Kaunaser Gefängnisses. 1940-41 ging es mit dem NKWD weniger zimperlich weiter. 1941 übernahmen dann die Deutschen, die im Fort unter dem Decknamen Fabrik 1005 B ein Konzentrationslager einrichteten. Hier wurden Juden aus dem Kaunaser Ghetto sowie aus Frankreich, Österreich und München ermordet (die ersten Münchner Juden kamen schon 1941), sowie russische Kriegsgefangene.

Da im Netz und in den Reiseführern unterschiedliche Opferzahlen herumgeistern, hier die offiziellen Zahlen des IX. Fort Museums:

The Ninth Fort was a site of execution during the Nazi occupation. From 1941 till 1944 more than 50.000 people of different nations, among them more than 30.000 Jews, inhabitants of Kaunas, prisoners of the Kaunas Ghetto were killed in the Ninth Fort.

 

Also sind etwa 30.000 Juden aus Kaunas, die erwähnten Juden aus Westeuropa sowie russische Kriegsgefangene ermordet worden.

[Interessant sind dabei die Zahlen von Wikipedia, die je nach Land vollkommen unterschiedliche Opferzahlen angeben. Die englische Wiki Seite zählt wie die litauische 10.000 Opfer auf. Die tschechische und französische 5.000, die spanische und holländische nennt 30.000 und die deutsche Wiki Seite legt sich nicht fest sondern nennt 18.500 bis 50.000 Opfer.]

1943 mussten die Massengräber von jüdischen Gefangenen (den sogenannten Leichenbrennern) geöffnet und die Leichen auf Feuern verbrannt werden. Der Glaube an den Endsieg war am schwinden und die deutsche Führung begann zu bangen, was nach dem Krieg wohl mit ihnen passiert. Also wurden die Spuren der deutschen Gräuel beseitigt.

Trotz der traurigen Geschichte des 9. Forts ist ein Besuch sehr empfehlenswert. Auch für Kinder. Die Architektur erweist sich im Inneren als weitaus interessanter als man außen ahnt.

Devintas Fortas Kaunas

Das Museum des IX. Forts   Das Fort selber liegt links dahinter.

 

Beim Kauf der Eintrittskarte kann man eine Führung durchs Fort buchen.

Die unterirdischen Gänge und der Ausguck sind nur mit Führung zu besichtigen.

Zuerst besichtigt man die Ausstellung im Museum, einer Art Betonbunker der sowjetischen Periode, der schon altersschwach wirkt. Hier, wie überall in Litauen, überwiegt das Andenken an die litauischen Opfer der russischen Okkupation von 1940 und ab 1944. Sibirien und Waldbrüder begegnen dem interessierten Besucher ja in jedem Museum in Litauen.

Die deutsche Besatzung scheint in der offiziellen Geschichtsauffassung nicht so richtig stattgefunden zu haben. Nur an wenigen Tafeln wird an das Kaunaer Ghetto und den Holocaust erinnert.

Vom Museum hoch zum Fort

 

Das Fort wurde 1902, Festung Daugavpils Lettland, als Verteidigungsanlage vom zaristischen Russland gebaut. Im I. Weltkrieg reichte ein Kanonenbeschuss und das Fort wurde aufgegeben. (Foto weiter unten)

Ab 1941 diente das Fort als Gefängnis und die Deutschen begannen hier die Insassen des Kaunaer Ghetto umzubringen.

Nach dem Betonmuseum bietet sich ein Spaziergang um das Fort herum an, um das riesige Monument "Kampf, Sieg und Leid im Widerstand" vorbei (hier befinden sich auch viele Gedenktafeln weil dort die Massengräber der Ermordeten waren) und lasse den Ort auf mich wirken.

Wer sich dafür interessiert, warum ich schreibe: waren, der kann bei Alex Faitelson nachlesen warum.

 Denkmal für den Widerstand Kaunas

Denkmal für den Widerstand

 

Kaunas 9.Fort  Kaunas 9.Fort Klick mich

Vorderseite des Forts. Links sieht man das riesige Denkmal "Kampf, Sieg und Leid im Widerstand"

 

Fort Kaunas Mauern

Mauern mit Einschusslöchern um das IX. Fort

 

Aussichtsturm Kaunas   Beobacghtungsturm Kaunas Klick mich

Der Ausguck auf dem Fort

ausguck fort kaunas

 Ein besseres Foto von Wikipedia

 

Gefechtsturm   Treppen zum Turm Klick mich

Nicht so leicht durchzuschauen: der gepanzerte Ausguck

 

Bemerkenswert sind die gepanzerten Gucklöcher, die aus den Erdwällen rausschauen. Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man auf einen Aussichtsturm klettern, die enge Leiter hoch: sehr interessant!

 

Lijana Führung Kaunas

Lijana vor den Besucherzellen im Eingangsbereich des Gefängnisses

 

Lijana ist eine der englischsprachigen Guides.

 

Wasserpumpe   Gefängnistüren
Von Hand (später E-Motor) angetriebene Brunnenpumpe      Gepanzerte Türen

 

Lijana erklärt in sehr gutem Englisch alle Details und auch alle Gänge. Die Besteigung von einem Wachturm war sehr interessant! Das ganze Fort erscheint mir als unglaublich gut geplant: Belüftungsanlagen um den Rauch der Kanonen zu entsorgen, Fallgruben für Munitionshülsen, Schießscharten in alle Richtungen. Es gibt sogar einen Brunnen, sowie Aufzüge für die Munition. Der Architekt hat gute Arbeit geleistet. Von außen sieht der Bau viel kleiner aus als von Innen.

Lange Gänge im Fort

Panzertüren und lange Gänge unter dem Fort

 

Hofbereich 9.Fort Kaunas Einschussloch

Hofbereich IX. Fort mit Beschussspuren aus dem I. Weltkrieg

 

Leider war der Stand der Militärtechnik aber mittlerweile so weit, dass wie gesagt ein Schuss genügte (Lijana meinte, die Besatzung des Forts hätte keine Kampfausbildung gehabt), um die Anlage aufzugeben.

Durchbohrte Tür der Leichenbrenner Kaunas

Von den Leichenbrennern durchbohrte Tür

 

Lijana zeigt mir die Tür, durch die die Leichenbrenner Weihnachten 1943 entkommen sind. Wie nahe mir die Geschichte ist!

Als Leichenbrenner werden die Gefangenen bezeichnet, die ab 1943 auf Befehl Himmlers (Sonderaktion 1005- "Abäscherung der Ostfront") die Spuren der deutschen Gräueltaten beseitigen sollten. Sie mussten die Leichen aus den Massegräbern wieder ausgraben (auf verstecktes Gold untersuchen) und auf Scheiterhaufen verbrennen. Die Knochen wurden dann zermahlen. Im Dezember 1943 konnte eine Gruppe von Leichenbrennern aus dem IX.Fort durch eine aufgebohrte Tür entkommen. Seltsamerweise haben nur die Juden überlebt, die die Flucht zurück in das Kanaser Ghetto gewählt hatten. Die Logik ist schwer zu verstehen, wird aber deutlich, wenn man die judenfeindliche Lebensumgebung in Litauen versteht. Für flüchtende Juden gab es nur das Ghetto, die russischen Partisanen, bei viel Glück ein Unterkommen bei litauischen Bauern (besonders für Kinder und Frauen) oder das Konzentrationslager. Alex Faitelson hat die Lage der Juden, der Leichenbrenner, das Leben im Ghetto und den Partisanenkampf eindrucksvoll beschrieben.

Um keine Zeugen zu hinterlassen, waren alle Leichenbrenner dem Tode geweiht.

Ich hätte gerne noch mit ihr über Faitelsons Buch gesprochen, aber nach der Führung durch die Gänge des Forts erreichen wir den Gefängnistrakt mit den Zellen und schon ist sie mit ihrem Sohn verschwunden.

Gänge im Fort Kaunas

Gänge im Fort Kaunas

 

Hat ja auch lange gedauert, unsere Wanderung durch die Abgründe des Forts.

  Gefängnis Kaunas

Flur des Gefängnisses mit Kanonenofen

 

Kaunas Gefängnis

Pritschen der Gefangenen

 

Das IX. Fort ist unbedingt einen Besuch wert, wegen der Bedeutung für den Holocaust, aber auch rein architektonisch!!

Leider gibt es weder im noch am Museum ein Cafe in dem man rasten und die Informationen und Eindrücke verarbeiten kann.

Adresse und Öffnungszeiten IX.Fort:

http://www.muziejai.lt/Kaunas/9_fortas.de.htm

Adresse: Zemaiciu pl.  73     Kaunas   Litauen

Nach dem Museumsbesuch bietet sich ein Ausflug zur nahen Burg Raundondvaris an.

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