Telšiai

 

Telsiai die Maria Himmelfahrt Kirche

Maria Himmelfahrt Kirche

 

Hier stand die erste Kirche 1536, gestiftet von König Zygimantis. Mehrfach ausgebrannt, bauten die Russen hier 1864 eine erste Orthodoxe Kirche. Zum Leidwesen der Litauer. Nach der litauischen Unabhängigkeit kam es zum Streit um die Kirche. Ein Gericht klärte die Besitzverhältnisse salomonisch: es wurde entschieden, dass das Grundstück den Katholiken gehörte, die Kirche aber den Orthodoxen. Man einigte sich auf den Kauf der Kirche und die Orthodoxen bauten sich eine schöne neue Kirche im Kubismus Stil.

 

Orthodoxe Kirche Telsiai

Orthodoxe Kirche Foto ©Wikipedia

 

Friedhof für Soldaten des 2. Weltkriegs

Vor der Maria Himmelfahrt Kirche sind deutsche Soldaten aus dem II. WK beerdigt


Telšiai ist eine Kleinstadt (zwölftgrößte Stadt Litauens) in Zemaitija, also Nord-West Litauen. Sie liegt an der Strecke Šiauliai-Klaipeda. Ihre Innenstadt zählt zu den sieben geschützten Altstädte Litauens. Interessante Ziele in der Nähe von Telšiai sind der Plateliai See sowie die Raketenabschussbasis in Plokstine.

Maria Himmelfahrtkirche Innen

Maria Himmelfahrt Innenansicht

 

Die Stadt liegt am See Mastis, die Innenstadt zwischen der Kathedrale (gebaut Ende des 18. Jahrhunderts) und der Maria Himmelfahrtkirche, die beide auf einem der sieben Hügel der Stadt gebaut wurden.

Blick auf den Mastis See Telsiai

Im Mai 2017 hat es in Litauen ordentlich geschneit.  Blick auf den See Mastis.

 

Insgesamt kann man Telšiai (von der Innenstadt her) am ehesten mit Rokiskis vergleichen. Den jüdische Wohnstil, Juden bildeten seit dem 17. Jahrhundert einen großen Teil der Telšiaier Bevölkerung, kann der aufmerksame Beobachter auch heute noch sehen. Sogar die Treppenstufen zu den Eingängen der Häuser, im Judentum von besonderer religiöser Bedeutung, sind oft noch erhalten.

Touristeninformation Telsiai

Die Touristeninformation von Telšiai .

 

In der Innenstadt schön anzusehen ist das Haus der Touristeninformation. Leider war die Dame nicht sehr informiert und ihr Engagement bestand aus der Herausgabe von Karten der Region. Bei der späteren Kommunikation war das TIC von Telsiai sehr hilfsbereit und freundlich.

 

Glockenturm von Telsiai mit dem Goldbären

Der Telšiaier Uhrenturm mit seinem Bären


1997 betrug der jüdische Anteil der Stadt etwa 51 %.

Kleine Anmerkung dazu: im I. Weltkrieg (Litauen war ja von Russland besetzt), wurden die Juden von den russischen Behörden wegen erwarteter Deutschfreundlichkeit aus dem Kampfgebiet entfernt und ins Kernland gebracht.
Viele kamen nach dem Krieg zurück.

 

Die Yeshiva von Telsiai in Litauen

Die Yeshiva von Telšiai . Sie wurde 1940 von den Sowjets geschlossen. Sagt ein Schild an der Hausmauer. Kein Hinweis auf das weitere Schicksal der Telšiaier Juden.

 

In Telšiai gab es von 1873 bis 1940, als sie von den einmarschierenden Bolschewisten geschlossen wurde, eine berühmte Yeshiva, eine jüdische Hochschule. Die Jahreszahl 1940 steht auch auf der Tafel am Gebäude. Sie galt als eine der größten jüdischen Hochschulen ihrer Zeit und zog Juden aus aller Welt zum Studium an.
Zwei überlebende Yeshiva Leiter siedelten die Hochschule von Telšiai 1941 in die USA nach Cleveland um.

Viele Telšiaier Juden haben den Holocaust nicht überlebt. Man geht in Litauen von 95 % Vernichtung der jüdischen Einwohner aus, die höchste in allen von Deutschland besetzten Gebieten.

 

Eine hölzerne Synagoge aus Vorkriegszeiten hat die Wirren der Zeit überlebt. Das Haus beherbergt heute einen Hausgeräte- und Möbelladen. Telse Gatve 5. Ich habe leider kein vernünftiges Foto. Man kann es aber sehr gut auf Google Street View sehen.

 

Telsiai Kathedrale Antonius von Padua

Kathedrale des Hl. Antonius

 

Innenansicht Kathedrale Telsiai

Innenansicht der Kathedrale

 

Beide Kirchen sind schön anzusehen. Die Kathedrale wurde Ende des 18. Jahrhunderts im Stil des Spätbarock/Klassizismus gebaut. Sie ist dem heiligen Antonius von Padua gewidmet und besitzt sieben Altäre.
Im renovierten Kellergewölbe kann man Särge besichtigen. Bei meinem Besuch war das Licht aus und ich habe mich nicht getraut hinunter zu gehen.

 

 Diözese Telsiai

Diözese von Telšiai

 

Neben der Kathedrale steht die Diözese. Sie ruft nach Renovierung, sieht aber immer noch gut aus.

  

Legenden von Samogitien
Skulptur Zemaitijer Legenden

 


Unter dem Hügel, auf dem die Kathedrale steht, hat man eine Statue errichtet, die an die Bremer Stadtmusikanten erinnert. Zu sehen sind Žemaitische Menschenkinder und ein Bärchen auf einem Bären. Der Text lautet Samogitia Patria Una – Hauptstadt von Zemaitija.

Die Figur erinnerte an den litauischen Volksglauben, dass die Bären bei der Erziehung der Kinder geholfen haben. Rubbelt man an der Nase des Bären, kann man sich was wünschen.

 

Monument Telsiai

Telšiaier  Globus

 

Der Ausblick von hier auf den See Mastis ist schön und das Monument mit dem schönen Namen Zemaitischer Globus.

 

Telsiaier Globus Monument

Kämpfer für Zemaitija - Samogitien

 

Auf dem Denkmal steht:

"Zur Erinnerung an das Schicksal des historischen Landes Zemaitija (Samogitien), das von 1236-1422 heldenhaft ums Überleben kämpfte sowie der Schlacht von Durbe, die von den den Armeen der Zemaitier gewonnen wurde.

13.7.1260 entschied das Schicksal von Zemaitia, Litauen sowie des gesamten Ostbaltischen Region."

 

Dziuga Käse Telsiai Litauen

Dziuga Käse der Molkerei Zemaitijos Pienas

 

Gegenüber dem "Zemaitischem Bären" gibt es ein Ladenlokal des litauischen Dziugas Käse. Dziugas wird sogar bei Lidl in Deutschland vertrieben und stammt von der "Zemaitijos Pienas" Molkerei. Neben dem Dziugas Käse gibt es hier ein Cafe. Der Legende nach gab es einen litauischen Ritter Namens Dziugas, der die Stadt Telšiai gründete. Ob dieser roch wie der Käse ist nicht überliefert. Der Käse ist aber lecker.

 


Im Heimatmuseum "Alka" kann man typische Antiquitäten der Region besichtigen.

Auf einer Landzunge im Mastis See gibt es ein 1983 eröffnetes ethnografisches Freilichtmuseum, mit 16 alten Gebäuden aus der Region. Also Rumsiskes in kleiner.

 

Die Stadt Telšiai hat einige berühmte Litauer hervorgebracht, manche davon allerdings auch berüchtigt. Justas Paleckis, Kommunistenführer und litauischer Präsident von Moskaus Gnaden, der abgesetzte litauische Präsident Paksas sowie der erste polnische Präsident Narutowicz. Telsiais erster Bischoff war Justinas Sturginskis. Justinas war wie sein Bruder Augustinas Mitunterzeichner der ersten litauischen Unabhängigkeitserklärung, deren Kopie 2017 in deutschen Archiven gefunden wurde.

 

Augustinas Sturginskis war der erste litauische Präsident nach der Unabhängigkeit und Führer der litauischen Christdemokraten.

 

 

Traurige Berühmtheit erfuhr Telšiai aber durch die Ereignisse beim deutschen Einmarsch am 24.6.1941. Die im Stadtgefängnis einsitzenden Litauer wurden von den abziehenden Sowjets mitgenommen (seltsamerweise zogen die Russen nicht Richtung Šauliai ab, das wäre die östliche Richtung, sondern nach Süd-Ost) und im Wald beim Dorf Rainiai grausamst gefoltert. Die Folterungen sind durch die Litauer und Deutschen dokumentiert und dermaßen grausam, dass ich sie bis heute kaum glauben kann.

 

Die Wehrmacht rückte in ihrem Blitzkrieg rasant an, trotzdem fuhren die Sowjets im Wald von Rainiai Wasserkocher und Stromgeneratoren auf. Die Gefangenen wurden mit kochendem Wasser verbrüht, mit Strom gefoltert, Gliedmassen abgeschnitten und zum Teil in den Mund gestopft. 

 

Die verscharrten Gefangenen wurden ein paar Tage später von örtlichen Juden ausgegraben. Natürlich nicht freiwillig. Deutsche und Litauer machten die Juden für das Massaker in Rainiai verantwortlich. Für die 76 getöteten Litauer wurden alle örtlichen Juden von den Deutschen und ihren litauischen Helfern erschossen und in Gruben verscharrt.

 

Hinweisschild Gedenkstätte Rainiai

"Grabstätte des Massakers an Juden" steht auf dem Hinweisschild

Das Schild steht links neben "Gatve" (Karte unten).

 

 

Hier auf der Bing Karte sieht man das obere Wäldchen, in dem die 76 Litauer gefoltert wurden. Mittig im Bild steht die Kapelle. Unten rechts ist ein kleiner Parkplatz, von dem ein Pfad (nach links) zum Ort der Massaker an den Juden führt.

 

 

Wald von Rainiai mit Namensbäumen der ermordeten Litauer

Folgt man dem Pfad zum Grabmal der ermordeten Juden von Telsiai, kommt man durch ein Wäldchen, an dem jeder Baum den Namen eines der litauischen "Märtyrer" trägt.

 

Hinweisschild Massaker Grab Rainiai

Holocaust Massengrab

 

Massengrab Rainiai Litauen

Wald, ein Grabstein, ein paar Erinnerungskieselsteine  Hier wurden 1941 tausende litauische Juden umgebracht    Klick mich!

 

Massengrab in Rainiai Grabstein

Grabstein Rainiai

 

 Kirche der Märtyrer von Rainiai

Kapelle der Märtyrer von Rainiai

 

Kapelle der Märtyrer von Rainiai

Inschriften der 76 "Märtyrer"

 

An die Märtyrer von Telsiai, wie sie heute genannt werden, erinnern Schilder im Wald von Rainiai sowie eine 1991 gebaute Kirche, auf der alle Namen der ermordeten Litauer stehen.

Gedenkstätte der Märtyrer von Rainiai

Auf der Google Karte wäre der Standort das obere kleine Wäldchen. 

Rainiu Kankiniu Zudiniu Vieta – Gedenkstätte des Massakers der  Märtyrer von Rainiai 

 

Kreuze am Ort des Massakers Rainiai

Die Gedenkstätte hat scheinbar ihre besten Tage schon hinter sich. 

 

Denkmal für die Märtyrer von Rainiai

Denkmal für die Märtyrer

 

 

Wenn man sich die litauische Erinnerungskultur am Beispiel von Rainiai und Telsiai anschaut, fallen einem zwei Sachen auf. Einmal die Diskrepanz zwischen jüdischem Leiden und das der ethnisch litauischen Opfer. Den 76 litauischen "Märtyrern" baute man nach der litauischen Unabhängigkeit eine Kirche, pflanzte für sie einen Wald, benannte Bäume nach ihnen, exhumierte und untersuchte ihre Leichen 1941 und schrieb viele Artikel (der bekannteste ist der von Vytautas Landsbergis). 

Die Juden machte man in der Stimmung der damaligen Zeit (1941) für den Tod der Männer verantwortlich. Ein Jude war nach litauischer und deutscher Propaganda im Gefängnis von Telsiai für die Folterungen verantwortlich. Nachman Dushanski sei es gewesen. Er selber sagte später, er hätte versucht in dieser Zeit seine Familie zu retten.

Aber auch nach der litauischen Unabhängigkeit sah man keinen Grund Mitleid zu artikulieren. Heute erinnert ein Grabstein an den Ort des Massakers.

 

 

Die Juden mussten dann auch die 76 verwesten Litauer ausgraben. Und wurden alle umgebracht. In Rainiai. Männer, Frauen und Kinder. Heute erinnert ein kleiner Grabstein an sie. 76 Litauer zu fast 3.000 litauische Juden.

 

 

Die zweite Sache die ins Auge fällt ist die Vernachlässigung der Gedenkstätte für die 76 Litauer. Das ist ein gutes Zeichen. Scheinbar ist der litauische Nationalismus nicht mehr so stark wie am Anfang der 90 er Jahre. Vielleicht schämt man sich auch für die unterschiedliche Erinnerungskultur. In den Diensten der deutschen Einsatztruppen standen ja nicht wenige Litauer:

 

Mehr zu den Rainiai Massakern.

 

 

 

 

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