Donelaitis Metai 

 

Donelaitis  Metai

 

 

Christian Donelaitis, auf Litauisch Kristijonas Donelaitis, oder, wie er sich selber nannte: Christian Donalitius, war ein protestantischer Pfarrer in Ostpreußen. Er lebte 1714 bis 1780 und war 37 Jahre Pfarrer in Tollmingkehmen (heute Kaliningrader Oblast).

Donelaitis war vielseitig interessiert, er konnte Pianos bauen, Barometer schleifen, musizieren und dichten.

Vor seiner Metai Dichtung hat Donelaitis schon andere Gedichte in litauischen Hexametern geschrieben. Ich finde seine Allgemeinbildung verblüffend (kann man das eigentlich auf die heutigen Verhältnisse übertragen?). Immerhin war er Pfarrer in einem 3.000 Seelen Dorf in Ostpreußen. Er konnte neben Litauisch und Deutsch auch Latein, Hebräisch, Griechisch und Französisch. Kannte wahrscheinlich Werke von Hesiod, Vergil, Heraklit und Theokrit. Donelaitis ahnte nicht, dass er das erste weltliche Buch Litauens geschaffen hatte. Er gilt heute als Wegbereiter der litauischen Schriftsprache.

 

Wie es um die litauische Sprache stand, von der nahezu nicht existenten Schriftsprache ganz zu schweigen, beschreibt der berühmte Sprachforscher August Schleicher anhand Donelaitis "Metai" 1857:

"Beim lesen dieses meisterwerkes bedauert man innig, daß eine solche sprache zugrundegeht, ohne eine literatur zu besitzen, die an formvollendetheit mit den werken der Griechen , Römer und Inder hätte wetteifern mögen. ... Im preußischen Litauen ist die litauische sprache und nationalität schon tief herabgedrückt und fast ausnahmslos auf die niederste volksschicht beschränkt. Besonders im süden des sprachgebietes ist das litauische in ziemlich raschem aussterben begriffen."

 

In Ostpreussen sprach man offiziell Deutsch, in Kernlitauen Polnisch, Russisch oder Jiddisch.

 

Litauer?

Donelaitis stand in deutschen Diensten, hatte eine deutsche Frau, war ein treuer Untertan des Königs (Friedrich Wilhelm I.), sprach gut Litauisch, weniger gut war er in der litauischen Orthographie. Während Wilhelm Storost sein wichtigstes Buch "700  Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" auf Deutsch schrieb, eben weil die Deutschen die Adressaten seiner Botschaft, der deutsch-litauischen Verständigung waren, schrieb Donelaitis "Metai" auf Litauisch. Er selber bezeichnete sich als Litauer, wobei die Übergänge der Volkszugehörigkeit, besonders im Grenzgebiet von Deutschland zu Litauen, fließend waren. Die Gedichte in Metai, aber auch die Beschreibung von Hermann Buddensieg im Nachwort erinnerten mich immer wieder an einen deutschen Pfarrer (ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass Litauer so sein können). (Siehe auch weiter unten im Text "...ins Bett pissen...").

Buddensieg schreibt über Donelaitis Lebensfreude auf Seite 128:

"Das Mißbehagen an aller "Weltlust", in der sich im Grunde die Orthodoxie und der Pietismus einig sind, durchzieht die Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern (des Donelaitis). Mißfallen erregt da das Tanzen, das Lombrieren, sich in lustige Gesellschaft wagen und alles mitmachen, "schön lustigsein", das Kartenspiel. Auch in der Munterkeit sollten gerade die Geistlichen nicht "ausschweifend und ärgerlich im Umgang sich aufführen".

 

Sein Mißbehagen an aller "Weltlust". Ebenso ist ihm die Freude des Tanzes ein Gräuel, lustige Gesellschaft mag er nicht, Kartenspielen sowieso, Lustigsein ist auch nicht sein Ding. Hört sich sehr Deutsch an.

 

Wahrscheinlich waren die Gedichtfragmente (die später als Jahreszeiten, Jahr oder litauisch "Metai" herausgegeben wurden) Teile seiner Predigten, die er den litauischen Bauern seiner Gemeinde hielt. Er hat sie nie veröffentlicht, vielmehr sind nur Abschriften der Gedichte vorhanden. Auch einige wenige Gedichte in deutscher Sprache sind erhalten.

 

 

In vier Idyllen (die epische Idylle ist eine literarische Gattung, die auf die Werke des griechischen Dichters Theokrit zurückgeht, die in Gedichten das ländliche Leben zu ihrem Hauptthema macht ;-)  ), beschreibt der lutherische Pastor Donelaitis in "Metai" (Das Jahr) in nicht chronologischer Reihenfolge, ohne durchgehende Verbindung, das Leben und die Leiden der litauischen Bauern in Ostpreußen um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Auch kommen immer wieder Ermahnungen an die Bauern für ein vernünftiges Leben vor. Man solle sein Haus nicht abbrennen, das Vieh versorgen und nicht quälen, sparen, wenn was zum Sparen da ist und nicht nach der Ernte alles verprassen.

 

Und es ist wirklich keine Idylle, in der die litauischen Bauern in Ostpreußen leben. Donelaitis betreibt keine Schönfärberei, er schildert die Not und die Last der Scharwerker (Arbeit, die in einer Schar, also mit mehreren Leuten abgeleistet werden musste), den Frondienst in der Landwirtschaft, bei der die Bauern gezwungen waren, mehrere Tage der Woche Dienst für den Adligen oder König zu leisten und die Willkür der die Bauern durch Adlige und staatliche Steuereintreiber ausgesetzt waren.

Donelaitis lässt Klage anklingen gegen die Fürsten, die "ihre Landeskinder verschachern, wie andernorts Neger verkauft werden, gegen die Herren, die das Letzte der Habe der Armen, das Bett, pfänden lassen, bei Jagden das Land verwüsten, die Töchter verführen". (Buddensieg).

Donelaitis Gedichte zeigen das Leben aus der Sicht der einfachen Bauern, seine Nöte, die Härte des Landlebens aber auch die Ausschweifungen auf Festen. Er identifiziert sich mit "seinen" Bauern, hält ihnen aber auch einen Sittenspiegel vor und ermahnt sie zu einem gottgefälligen Leben ohne Ausschweifungen.

 

Seine Darstellung des Lebens auf dem ostpreußischen Land klingt ganz anders als die Dichtung von Mörikes Idylle vom Bodensee: "... gemächlichen Tun des gleich hinschleichenden Tages" oder Voßens Bauern beim "Heureigen", denen nach "Dalderaldei" und "Juchhei" zumute ist. Die ostpreußischen litauischen Landleute drehen dagegen auf, wenn sie der Schnaps erhitzt hat. Dann kann schon mal das "hochzeitliche wilde Brüllen" ausbrechen, das Raufen und Rüpeln losgehen.

 Adriaen Brouwer, Bauernrauferei beim Kartenspiel (c. 1630–1640).jpg

Adrian Brouwer  Bauernrauferei beim Kartenspiel (Wiki)

 

Diese offene, rustikale, ungeschönte Art der Darstellung, der von der modernen Zivilisation noch nicht erreichten litauisch-ostpreußischen Landbevölkerung, ist laut Buddensieg einzigartig in der Weltliteratur. Als ein solch einzigartiges Sittengemälde lobt es ja auch Mieckiewicz (Metai wäre ein "...treues Abbild des litauischen Volkes...").

Allerdings kam sie nicht überall gut an. So schrieb Friedrich Kurschat (preußisch-litauischer Theologe, Sprachwissenschaftler und Publizist) 1876:

"Christian Donalitius Littauische Dichtungen... sind zwar in ganz littauischer Ausdrucksweise geschriebene episch-idyllische Erzählungen, aber beim Volk nicht beliebt, weil darin das alltägliche prosaische Volksleben (in Hexametern) dargestellt wird, zum Theil aber in übertriebenen Formen und verzerrten Bildern, woran das Volk kein Wohlgefallen findet".

"Metai" wurde zuerst ins Deutsche, dann ins Estnische, Georgische, Lettische, Polnische, Russische, Tschechische, Ukrainische, Weißrussische und teilweise auch ins Englische, Lateinische, Italienische, Sorbische und Jiddische übertragen. Es ist das zweite weltliche Buch auf Litauisch (1818 gedruckt!). Donelaitis gilt somit als Begründer der litauischen Nationalliteratur. Hierbei muss man immer die spezielle litauische Situation bedenken, dass der Staat durch die Union mit Polen polonisiert wurde und Litauisch nur noch von der Landbevölkerung gesprochen wurde. Jeder Litauer kennt heute Donelaitis und "Metai" wird in den Schulen gelesen.

Es gibt mehrere Übersetzungen des "Metai", wobei L.J. Rhesa, Nesselmann und Passarge Textpassagen abmilderten (wegließen), aus Sorge, sie könnten manchen Leser wegen seiner Derbheit schockieren. Hermann Buddensieg als letzter Übersetzer (1966) hat sich genau an die Vorlage gehalten und seine Übersetzung gilt als die gelungenste. Außerdem finde ich das Nachwort von Hermann Buddensieg interessanter als das eigentliche "Metai" Buch. Buddensieg schafft es, durchaus mit Humor, die Zeit, in der Donelaitis lebte, auch für den Laien zu beschreiben. Donelaitis hat die Litauer seiner Zeit in Tollmingkehmen portraitiert. Der Übersetzer Buddensieg legte noch einen drauf und beschreibt Litauer und Zeitumstände. In einer Szene beschreibt Buddensieg die Zustände in der damaligen ostpreußischen Kirche. Manche Priesterkandidaten hatten noch nie eine Bibel in der Hand gehabt, ein anderer konnte kein Litauisch, so dass die Beichtenden erzählen konnten, was sie wollten. An anderer Stelle beschreibt er das Schulwesen, wo König Friedrich Wilhelm nach dem Siebenjährigen Krieg möglichst Soldaten als Schulmeister unterbringen wollte. Zuerst nahm man Dienstgrade, dann aber auch Mannschaftsgrade auf, so dass die Klage aufkam: daß  "... sich gemeinhin Leute zu Schulmeistern melden, die zu allem sonstigen zu dumm sind und von den Predigern angenommen werden müssen, weil keine besseren zu haben sind". 

 

Die Preussischen National Blätter schreiben 1830 zu "Metai":

„... daß das Litthauische eine so liebliche, gemüthliche und sanfte Sprache sey, kann, da sie sich bis jetzt nicht zur Schriftsprache ausgebildet hat, ihr Bestehen nicht begründen. Sie hat kein einziges originelles Werk, selbst Donelaitis Jahreszeiten sind eine Folge germanischer Bildung und von Germanismen nicht frei; und jetzt ist die Sprache schon ganz germanisiert und verliert das Gepräge der Eigenthümlichkeit immer mehr. (...) Wir finden darin nichts Widernatürliches, wenn der Preußische Staat auf das Erlöschen der Nebensprachen mit Erfolg einwirken und Deutsche Bildung und Sprache allgemein macht.“ (Preußische Provinzial-Blätter 3 1830, Wiki)

 

Gegen diese Tendenz hat Vydunas gekämpft.

 

Metai Inhalt

 

Der Name Metai, unter dem die Gedichte Donelaitis heute bekannt sind, kam nicht von ihm selber, sondern wurde von seinen späteren Herausgebern erfunden. Der Versepos in Hexametern ist eine lose Sammlung, wie schon erwähnt, ohne durchgehenden Verlauf. Auch war eine Veröffentlichung nie geplant. Inhaltlich wird das Leben der litauischen Bauern in Ostpreußen geschildert. Damals hatten die Bauern Frondienst für den König oder den Adligen zu leisten. Sie wurden dermaßen belastet und ausgequetscht, dass sie kaum Zeit hatten ihre eigenen Höfe zu bewirtschaften. Prügel durch die Wachtmeister und hohe Abgaben lasteten obendrein auf den Menschen. Donelaitis übt immer wieder Kritik über die Herren, die sich mit "Kaviar" vollfressen und fremdländischen "Rheinwein" saufen. Er schildert alle Menschen als grundsätzlich gleich: auch die Kinder der Herrschaften "scheißen in die Windel", oder bekommen Ärger, wenn sie Nachts ins Bett "pissen". Dieser letzte Satz hört sich (siehe oben) ziemlich Deutsch an. Aber auch diese Botschaft: "Kinder, hütet euch, nichtiges Neues für euch zu entdecken, Ruhig lebt so wie wir, eure Väter einstens auch lebten, Geht nur stets mit Verstand, schön gemächlich an euere Arbeit, schont euch nur klug...".

 

Was aber ist nichtiges Neues? Hat König Friedrich Wilhelm nicht Salzburger, Franzosen und Deutsch nach Ostpreussen gebracht, um dort die Landwirtschaft anzukurbeln und Städte aufzubauen? Konnten die Litauer nicht von den besseren Methoden der Deutschen lernen? Donelaitis scheint es lieber zu sein, dass "seine" Litauer weiter ein Leben führen, wie eben schon immer. Großen Wert legt er auf die litauischen Bastschuhe, gemacht aus Lindenrinde. Fast kein Wort kommt so oft in seinem "Metai" vor. Preußen verabschiedete sogar ein Gesetz gegen das Abrinden der Linden, weil dies wohl oft zum Verlust der Bäume führte. Lederschuhe waren für Donelaitis ein Synonym für die Fremdlinge, die Modernen und die Herrschenden.

An Predigten erinnern auch seine Ermahnungen in Metai, fleißig aufs Feld zu gehen, um zu säen, was das Zeug hält. Die Frauen sollen spinnen, damit genügend Kleidung vorhanden ist. Auch soll das Vieh nicht misshandelt werden.

 

Der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz (aus einer Zeit, wo Litauen und Polen ein Land war, besetzt von Russland) schrieb über "Metai":

"... Das genannte Poem ist sowohl als Gegenstand als auch im Hinblick auf die schöne Ausdrucksweise des Lobes wert und hat deshalb für uns ein besonderes Interesse, da es ein treues Abbild des litauischen Volkes ist".

Angesichts der teilweisen sehr groben Schilderung der Litauer, kann man das auch als Ironie verstehen.

 

 

Litauisches Leben

Eine Szene, die den Litauern peinlich sein könnte (siehe Kurscheit):

"... Wenn der Durst ihn plagt, dann möchte er ein Schlückchen auch trinken.

Was aber wird er dann trinken, wenn niemand ein Dünnbier ihm bietet?

Ach, dann springt er aus Not zu einer beliebigen Pfütze,

Lang auf den Boden gestreckt, schwer seufzend, schlappert er Wasser,

Wo so mancherlei Käfer vereint mit Fröschen sich tummeln;

Sieh, und da prügelt noch Diksas mit einem Knüppel den Armen." 

 

Gute alte – böse neue Zeiten

Auch neue Essgewohnheiten stören Donelaitis: 

"... Aber auch unsere Speisen, auf Litauer Weise bereitet,

Scheute sich nicht manch dämlicher Esel großprotzig zu tadeln.

Unsere verständigen Väter, die köstlichen Kissel (eine Art Rote Grütze) sich kochten,

Und ihn vermengt mit Milch dem Gesinde zum Mittagsmahl reichten,

Machten damit ihrem ganzen Hause besondere Freude,

wenn sie ihm manchmal recht dickes Erbsengemengsel auch kochten,

Und dazu gar ein Stückchen vom Speck noch als Zugabe legten,

Ach, wie lobten sodann die gesättigten Knechte den Hausherrn.

Jetzt aber sperrt ein jeder sein Maul tagtäglich nach Fleisch auf,

Oftmals entreißt ers ihm wie ein Hund und plagt so den Bauern".

 

 

 "... Jetzt aber, da wir gebürtigen Preußen Christen geworden,

Schämten wir Litauer uns doch nicht, so abscheulich zu schlingen,

Daß selbst die Deutschen, so dumm sie auch sonst, sich höchlichst verwundern".

 

 

" Ach, wohin seid ihr geschwunden, ihr lieben Altlitauer Zeiten,

Da die Pruzzen noch nicht die deutsche Sprache verstanden,

Da weder Halbschuh noch Stiefel in unserem Land man kannte,

Und man sich rühmte, wie Bauern es zukommt, nur Bastschuh zu tragen?

Damals brauchte noch niemand der ehrbaren Nachbarn und Freunde

Sich zu schämen und sie mit harten Worten zu tadeln.

Jetzt, daß Gott sich erbarm, eine Schande ist es zu sehen,

Daß die Litauer gleichwie die Deutschen prächtig gestiefelt

Oder in Schuhen im Herbst großmächtig beim Gastmahl sich zeigen".

 

 

"Klumpen, wie wir mit deutschem Wort unsre Holzschuhe nennen,

Ziemen den Litauer ebenso wenig wie Schuhe und Stiefel,

Denn unsre Voreltern auch, die wollten sie keineswegs loben;

Denn solche Stiefel, aufgeschniegelt nach Art der Franzosen,

Auch die protzigen Schuhe schämten sie sich nur zu nennen,

Bis die Franzosen auf ihren Wagen zu uns sich verirrten

Und die Manieren des Franzmanns uns auch in Litauen lehrten.

Unsere Väter von einst, die keine Schuhe noch hatten,

Kannten wies scheint, keine Fibel und nicht Katechismen.

Auswendig lernten sie deshalb die heiligen christlichen Lehren,

Aber sie hielten Gott nur umso mehr noch in Ehren

Und sie gingen zusammen an Festtagen immer zur Kirche.

Jetzt aber, Gott bewahre uns, ists eine Schande zu sehen,

Wie die Litauer sich fast ganz französisch schon kleiden,

Kaum in die Kirche den Kopf noch stecken, ein bißchen zu hören,

Aber dann gleich in die Kneipe hinlaufen zum Spielen und Tanzen.

Manche von ihnen, nachdem sie ganz sinnlos voll sich gesoffen,

Fangen nachher gleich an, derb bäurisch und schweinisch zu schwatzen,

Nicht mehr die Worte gedenken, die in der Kirche sie hörten,

Vielmehr lachend mit Bauernpossen im törichten Kopfe.

Andre jedoch, wegen nichts und wieder nichts schändlich sich zankend,

Packen in ihren Räuschen einander sich grob an die Köpfe,

Raufen wie Räuber und erbrechen sich bös auf dem Estrich.

Daß das Erbrochene überall in der Kneipe herumspritzt."

 

Wenn Donelaitis seine Predigten tatsächlich so gehalten hat, mussten seine Schäfchen einiges aushalten. Oder er schrieb einfach seine bitteren Gedanken zwischen die Predigtpassagen.

 

 

Soziale Kritik

"...Aber der Herr von hohem Geschlecht, der vor Bauern sich aufbläht,

Schwimmt wie ein Fettauge immerfort oben auf siedenem Wasser,

Aber das Bäuerlein, das in der Hand die durchlöcherte Kappe,

Schaut den blitzenden Herrn blöd, am kalten Ofen noch zitternd,

Oder von Ferne schon, tief gebückt, Referenz ihm erweisend.

Wohl, es gab schon Gott den passenden Platz einem jedem,

Daß der eine dann wie ein gefürchteter Fürst seinen Kamm trägt

Und der andere, watend in Schlammpfützen, nurmehr den Mist wühlt".

 

Juden

Heute in Deutschland (außer bei den Pegidaisten) ein Tabu: Schlechtes über Juden zu sagen. Nun stellten die Juden in Litauen (also nicht Preussen!) und in Vilnius teilweise bis zu 50% der städtischen Bevölkerung. Es gab Parallelgesellschaften. 1941 wurden 95% der litauischen Juden vernichtet. Donelaitis erwähnt "die" Juden in Metai zweimal.

 

"... Aber unter den Bauern findet man auch manchen Trampel,

Der, nachdem er den Speck und den ganzen Vorrat gefressen

Und statt des Biers nur Dünnbier oder Wasser muss schlürfen,

Dann aus Not wie ein Jude sich ans Betrügen gewöhnt hat."

 

 

"Wenn da so irgend ein polnischer oder ein jüdischer Gauner

Sich nicht entblödet, wie'n Unmensch zu klemmen und zu bemogeln

Oder vielleicht auch ein Deutscher mit seinem teutonischen Flunkern

Und sich erdreistet, die Herrn wie die Bauern stets überzulegen,

Nun, so wunderts mich nicht, das steckt von Geburt her in ihnen.

Aber was denkt ihr, wenn da unter uns so'n Geriebner sich findet,

Der zwar litauisch spricht, doch anfängt, geschickt zu beschummeln,

und dabei sich nicht bedenkt: ein Krizas behumbst da den Krizas?"

 

 

 Deutsche – Litauer

"... Deutsche halten den Litauer oftmals nur für einen Lümmel,

Und das Franzosengesindel lächelt, grinst höhnisch, wenn sie uns sehen,

Grinsen, scheints, aber sie loben das treffliche Brot, das wir backen,

Essen mit wahrem Behagen auch unsere geräucherten Würste,

Aber sieh, nachdem sie vom Litauer Speck schon ganz voll sind

Und mit Gewalt unser ganzes Bier bereits völlig getrunken,

Schämt sich doch keiner, den biederen Litauer frech zu beschimpfen.

Du französischer Laffe mit dem stumpigen Schweizer

Und was sonst noch hierherkam, Litauen übel zu quälen.

Wer befahl euch zu uns und die Unseren so zu mißachten?

Konntet ihr dort denn nicht bleiben, wo aus dem Nest ihr geschlüpft seid?

Und man euch Frösche und Kröten zu fressen gelehrt hat?".

 

Zur Erinnerung: die protestantischen Schweizer wurden in ihrer Heimat verfolgt, ebenso die französischen Hugenotten und Salzburger Emigranten. Sinn ihrer Ansiedlung in Ostpreußen war die Erhöhung der Produktivität der Landwirtschaft, nachdem zu Anfang des 18. Jahrhunderts zwei Pestepidemien die Region entvölkert hatten. Ihre Anbaumethoden waren ebenso wie die der Deutschen moderner, also effektiver, als die litauischen.

Quellen: Metai (incl. Nachwort von Hermann Buddensieg), Wikipedia 

 

Metai gibt es gebraucht bei Amazon oder im ZVAB. Für den Litauen Freund ein Muss.

 

Zur oben angedeuteten Farge nach der Nationalität Donelaitis (die wir nicht überbewerten wollen) hier noch ein Hinweis von Roland Begenat.

Im Johannes Bobrowski gewidmeten Band 165 aus der Reihe TEXT + KRITIK gibt es folgenden Text:


Die Literaturwissenschaftlerin Maria Behre schreibt dort  in ihrem Essay "Bobrowskis Litauische Claviere" auf S. 87: "Die Eigenheit des
Protagonisten Donelaitis (*im Roman!*) ist es, innerhalb einer deutsch-litauischen Bikulturalität zum Litauertum zu stehen, obgleich die Möglichkeiten beruflichen Aufstiegs und literarischen Ruhms nur über das Deutsche gegeben wären. Das Engagement für die litauische Sprache hat einen weiteren Grund, der über die Würdigung einer kleinen Sprachgemeinschaft hinausgeht. Die Sprache droht unterzugehen, wird verdrängt von Süden nach Norden. Gegen die Okkupation durch eine fremde Sprache setzt Donelaitis die einzige Gegenwehr, eine Verschriftlichung im Literaturdenkmal, ...".

Diesem Donelaitis setzt Bobrowski seinerseits ein Denkmal in seinem Roman. Und dieser Roman ist ein Baustein in seinem Werk, das sich gänzlich unserer Schuld gegenüber den Völkern des Ostens widmet.


Beiträge erwünscht!

 

Da es aus Donelaitis Lebzeiten keine Bilder von ihm gibt, waren manche Litauer ideenreich welche zu besorgen. Hier eine nette Geschichte über diese Bilderstehung aus den Annaberger Annalen "Das erste Portrait von Donelaitis"

 

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