Holocaust in Litauen

 

holocaust in litauen

 

V.Bartusevicius, J.Tauber, W.Wette u.A.   Mit einem Vorwort von Ralph Giordano     Böhlau Verlag  2003

Gemeinschaftswerk litauischer, deutscher und amerikanischer Historiker um die Judenvernichtung in Litauen 1941 aufzuarbeiten

 

"Die Juden waren die einzige Opfergruppe, für die ein deutscher Sieg die völlige Katastrophe bedeutet hätte".

 

Holocaust in Litauen ist ein Gemeinschaftswerk verschiedener internationaler Historiker und Zeitzeugen, die die Geschehnisse der Jahre 1941 bis 1945 in Litauen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.

Mich hat das Buch sehr berührt, beschreibt es doch detailliert die Judenvernichtung in Litauen als Holocaust im Holocaust.

Litauen war eines der ersten von den Deutschen besetzten Länder und direkt hinter den Linien der Wehrmacht kamen die Einsatztruppen und begannen Hitlers Idee einer judenfreien Welt in die Tat umzusetzen.

Kann man am Anfang von willkürlichem Töten sprechen, perfektionieren die Deutschen mit Hilfe einer nicht unbedeutenden Mitarbeit lokaler Helfer (Partisanen, Politiker, Geistliche, Militärs, Polizei) die Vernichtung der litauischen Juden. Nachdem erst vorwiegend Männer ermordet wurden, reiste das Rollkommando Hamann (Rollkommando weil motorisiert) durch die Dörfer und ermordete die zuvor von örtlichen Hilfskräften festgesetzten Juden meist in nahen Wäldern. Hier wurde kein Unterschied mehr zwischen Alter und Geschlecht gemacht.

Bis Herbst 1941 wurden 136.000 Juden ermordet und verscharrt.

 

Die verschiedenen Autoren beleuchten dabei den Massenmord aus verschiedenen Blickwinkeln und fokussieren sich auf unterschiedliche Details.

 

" Das Buch ist ein Standartwerk"

Ralph Giordano schrieb das Vorwort. Er geht auf die enthusiastische Haltung vieler Litauer ein, die nicht nur den deutschen Angriff auf Russland guthießen, sondern den Besatzern oft, wahrscheinlich zu oft, bei der Ermordung ihrer jüdischen Landsleute halfen.

Giordano widerlegt auch eine der litauischen Erklärungen für den weit verbreiteten Antisemitismus, nämlich der des Juden als Kommunisten.

"Ich gebe dem Buch schon heute den Rang eines Standartwerks, das zum Fundament jeder weiteren Forschung des litauischen Holocaust im Holocaust werden wird, eine Lektüre die auch einen Mann wie mir, der sich schließlich lebenslang mit der Shoah befasst hat, hart zusetzte und nicht ohne Pausen und Unterbrechungen sein konnte".

 

"Schuld sind die Juden"

Alfonsas Eidintas betrachtet die litauischen Juden im Jahre der sowjetischen Besatzung 1940. Warum assoziierte ein großer Teil der Litauer die Juden als Handlanger der Kommunisten? Eidintas belegt die litauischen Ressentiments anhand von Stimmungsbildern aus der Bevölkerung und belegt anhand von Fakten den überschätzten Einfluss von Juden in den russischen Organen Litauens.

 

Wehrmacht in Litauen

Kim C. Priemel berichtet über die Rolle der Wehrmacht im besetzten Litauen.

"Bei SS und Sicherheitspolizei war man mit der Wehrmacht zufrieden. Die Zusammenarbeit mit den Heeresverbänden habe sich "im allgemeinen gut, in Einzelfällen [...] sehr eng, ja fast herzlich " gestaltet. (Dr. Walther Stahlecker , SS-Brigadeführer, Chef von Karl Jäger (Jäger Report)).

Die Wehrmacht wurde von Hitler auf eine bis dahin unbekannte Brutalität in der Kriegsführung eingeschworen.

Partisanen seien zu erschießen, der Kommissarsbefehl strikt zu befolgen.

Zu den Massakern in Kaunas im Juli 1941 schreibt er über den Chef der Sicherungsdivision 281, Generalleutnant Friedrich Bayer:

"Auch für die zeitgleich in Kaunas stattfindenden Pogrome fühlte sich Bayer nicht zuständig. Seiner Truppe befahl er daher, "in die Selbstjustiz der litauischen Dienststellen mit Zivilisten [...] nicht einzugreifen", diese aber auch nicht zu unterstützen".

Und Generalmajor Wolfgang von Ditfurth (403. Sicherungsdivision in Vilnius) machte sich Sorgen, dass die Massenerschießungen der litauischen Juden bei seiner Truppe nicht ähnlich positiv ankamen, wie bei ihm und regte deshalb an:

"dass diese Erschießungen möglichst unauffällig stattfinden und der Truppe verborgen bleiben".

Als Fazit von Priemels Aufsatz kann man wohl sagen, dass es den Massenmord an litauischen Juden ohne die Wehrmacht nicht gegeben hätte.

 

Zur kollektiven Erinnerung von Juden und Litauern

Joachim Tauber

"In der zweiten Hälfte des Jahres 1941 fielen die litauischen Juden einer Vernichtungsorgie zum Opfer, die in ihrer Brutalität und Grausamkeit, in ihrer Schnelligkeit und in ihrem Umfang selbst im Rahmen des Holocaust einen besonderen Stellenwert beanspruchen muss".

Tauber beschreibt die litauischen und jüdischen Reaktionen auf den Kriegsausbruch "Was für eine Freude, KRIEG" gegenüber Schock und Angst.

Eine Flucht war wegen dem rasanten Frontverlaufs nicht mehr möglich.

Tauber macht auch klar, wer für die Juden das kleinere Übel war:

"Die jüdische Reaktion bedarf wohl keiner weiteren Erklärung; nicht zuletzt durch die Juden in Vilnius und die dorthin aus Polen geflüchteten Menschen war vieles von der nationalsozialistischen Besatzungspolitik im Generalgouvernement bekannt geworden. Insofern gab es keine Alternative zur sowjetischen Herrschaft: "[..] we were terrified of the Soviets, accepting their regime only when we would compare it to a German  occupation- we referred to the Soviets as the 'lesser of two evils' [...]"

 Für die heutige Wahrnehmung der Judenmorde von 1941 zitiert Tauber einen Satz von Maurice Halbwachs:

"Das Gedächtnis einer Gesellschaft erstreckt sich, soweit es kann, d.h. bis dorthin, wohin das Gedächtnis der Gruppe reicht., aus denen sich die Gruppe zusammensetzt. Es vergisst eine so große Menge früherer Ereignisse und Gestalten keineswegs aus bösem Willen, aus Antipathie, Widerwillen oder Gleichgültigkeit.  Vielmehr sind diejenigen Gruppen verschwunden, die sie in ihrer Erinnerung bewahrten."

 

Neue Dokumente aus der Zeit der Provisorischen Regierung Litauens

Valentinas Brandisauskas

Valentinas Brandisauskas  betrachtet die Rolle der Provisorischen Regierung und deren Verordnungen (Bestimmungen der Lage der Juden) und Verhalten in den ersten Tagen des deutschen Einmarsches, sowie der Umgang mit den Juden im Arbeitsleben und die Aufteilung der jüdischen Wertsachen.

 

Deutsche und litauische Interessen

Christoph Dieckmann

Der Text von Christoph Dieckmann beleuchtet die unterschiedlichen Interessen von Litauern, Juden und Deutschen und hat mich (neben den Zeitzeugenberichten) am meisten berührt.

Während es den Juden gereicht hätte zu überleben, träumten die Litauer von einem eigenen Land und die Deutschen vom Endsieg und der Endlösung.

Ein paar Zitate:

"Litauen stand von Juni 1941 bis zum Sommer 1944 gut drei Jahre unter deutscher Besatzungsherrschaft. Die Opfer, die die deutsche Besatzungspolitik kostete, waren immens. Insgesamt verloren mindestens 410.000 Menschen aufgrund der deutschen Herrschaft ihr Leben. In über 200 litauischen Orten wurden die litauischen Juden innerhalb weniger Monate ermordet. Von über 200.000 Juden blieben nur etwas 45.000 Juden in den Ghettos in den größeren Städten und einigen Dutzend Arbeitslagern vorläufig am Leben. Das Kriegsende im Frühjahr 1945 erlebten etwa 8.000 in ganz Europa verstreute litauische Juden. Das litauische Judentum wurde fast gänzlich ausgelöscht".

"In etwa einem Dutzend der Orte und Städte auf litauischen Territorium und an der deutsch- litauischen Grenze gab es Kriegsgefangenenlager, in denen insgesamt mindestens 170.000 sowjetische Kriegsgefangene umkamen, die meisten von ihnen in den ersten neun Monaten deutscher Besatzungsherrschaft bis zum Frühjahr 1942".

Interessant auch dieser Satz von Dieckmann, der die prosowjetische Haltung der litauischen Juden erklärt:

 

"Die Juden waren die einzige Opfergruppe, für die ein deutscher Sieg die völlige Katastrophe bedeutet hätte".

 

Ist der Holocaust schon gigantisch, weist Dieckmann auf Pläne der deutschen Führung hin, über 30 Millionen Russen dem Hungertod preiszugeben, um im Reich genügend Nahrung zu haben (Lebensraum im Osten). Außerdem war geplant die komplette russische Führung zu töten, also nicht nur die Kommissare (Kommissarbefehl).

Anfang November 1940 informierte das Amt Ausland des Oberkommandos der Wehrmacht die Exillitauer, dass 1941 die Sowjetunion angegriffen werde und bat um Unterstützung bei der Kriegsführung.

 ...

Bei der Verfolgung und Ermordung der Juden in den litauischen Provinzen und in den Städten arbeiteten die litauische und deutsche Polizei und Verwaltung eng zusammen. Es ging um vermeintliche Feinde: die Juden. Gegen sie waren kleine Gruppen zur direkten Beteiligung am Massenmord bereit, und der Antisemitismus der übrigen Bevölkerung war groß genug, die Morde hinzunehmen und die Gelegenheit zum Raub zu nutzen.

...

Dieckmann schreibt aber auch klar:

Es wäre auch ohne litauische Involvierung zum Holocaust in Litauen gekommen.

Aber die Überlebenschancen der Juden wären besser gewesen...

 

War anfänglich kein Widerstand der Litauer (außer natürlich der litauischen Juden) gegen die Besatzer zu spüren, änderte sich das Bild laut Dieckmann, als die Deutschen die Litauer in SS, Wehrmacht und Zwangsarbeit zu pressen versuchten (1943).

Die Litauer wehrten sich wo sie konnten. Als Strafe wurde eine Gruppe Intellektueller (u.A. Balys Sruoga) in das KZ Stutthoff deportiert.

Litauen war neben Polen übrigens das einzige Land ohne eigene SS-Legion.

 

SS-Standartenführer Karl Jäger

Von Wolfram Wette

Wolfram Wette stellt uns den scheinbar normalen Deutschen Karl Jäger aus dem Breisgauer dörflichen Milieu vor, der im litauischen Einsatz als SS-Standartenführer für die Ermordung der litauischen Juden verantwortlich war. Jäger wurde bekannt wegen seinem detaillierten Bericht an Berlin über ermordete Juden in Litauen.

Anhand dieser Liste kann man erkennen, dass anfänglich Kinder und Frauen verschont wurden. Später tötete man alle Juden.

"Schließlich gab er sogar- gleichsam als Gipfel der Inhumanität - den Befehl, schwangere Jüdinnen zu erschießen".

Mehr zum Thema Karl Jäger und Wolfram Wette steht unter Litauen im Krieg

 

Die Ermordung der Juden in den ländlichen Gebieten

Eric Heine

Heine beschreibt die Zusammenarbeit von Karl Jäger mit Joachim Hamann, der in Litauen als Rollkommando (weil motorisiert) Hamann bekannt wurde. Hamann machte mit seinen 8-10 Mann die schmutzige Arbeit bei der Judenvernichtung.

Im Vorfeld wurden die Juden in den jeweiligen Städten und Dörfern von lokalen Kräften, sprich litauischer Polizei und den Partisanen (LAF) erfasst und zusammengetrieben. Dann fuhr das "Rollkommando" von Kaunas aus zu den Hinrichtungsstätten. Die Juden wurden in Wälder getrieben und erschossen.

Der Kerngruppe von Hamanns Kommando bestand laut Heine aus litauischen Hilfspolizisten, Angehörige des Polizeihilfsbataillons das aus aufgelösten Partisaneneinheiten bestand.

Heine schreibt, dass weder vor noch zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion ein Befehl zur vollständigen Ermordung der Juden vorlag.

Dagegen begannen Hamann und seine Leute recht schnell unterschiedslos alle Juden, ob Greis oder Baby, Männer und Frauen, umzubringen.

 

 

 

Die litauische Sicherheitspolizei in Vilnius 1941-1944 

Michael McQueen 

McQueen geht auf die Inanspruchnahme litauischer Organe für die deutsche Besatzungspolitik ein. Er schreibt:

"Eine der Besonderheiten der deutschen Besatzungspolitik im Baltikum war der Umfang, in dem Polizeiaufgaben , einschließlich der sicherheitspolizeilichen Arbeit, an vertrauenswürdige einheimische Kollaborateure übergeben wurde."

 Die Sicherheitspolizei SP (Saugumo policija) arbeitete mit den Besatzern auf vielen Ebenen, aber gerade auch bei der Vernichtung der Juden zusammen.

McQueen schreibt:

"Es ist unstrittig , daß die Deutschen die Richtlinien für die "Rassenpolitik" setzten und ihre "Realisierung" lenkten. Aber die SP als nachgeordnete Komponente innerhalb der Organisation des deutschen Polizeiapparats, der die "Rassenpolitik im besetzten Litauen durchführte, spielte eben doch eine Rolle bei der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, die deutlich über das hinausging, was Bubnys zuzugestehen bereit ist."

 

Die litauischen Hilfspolizeibataillone und der Holocaust

Arunas Bubnys

Bubnys beschreibt die litauischen Polizeibataillone, die hauptsächlich aus Teilnehmern am Aufstand gegen die sowjetischen Besatzer im Juni 1941 bestanden, Partisanen der LAF, Mitglieder des Nationalen Arbeitschutz (TDA) und litauische Deserteure der russischen Armee. Die Bataillone wurden von den Deutschen beim Massenmord der Juden ebenso eingesetzt, wie z.B. bei der Bewachung des KZ Majdanek und der so genannten Partisanenjagd in Weißrussland (Judenvernichtung).

"Einiges spricht dafür, daß an vielen Stellen Litauens die Juden von der lokalen Polizei und "Partisanen" ohne Beteiligung des Rollkommandos umgebracht wurden".

Das I. Polizeibataillon ermordete mit den Deutschen in der zweiten Hälfte 1941 mehr als 39.000 Juden. Die Zahlen könnten wesentlich höher liegen.

Bubnys Fazit:

"Als Zwischenfazit bleibt festzuhalten, daß praktisch alle 1941 aufgestellten Polizeibataillone am Judenmord beteiligt waren, wobei der Grad ihrer Involvierung variierte".

 

Die Mordstätten von Paneriai (Ponary) bei Vilnius

Christina Eckert

Christina Eckert beschreibt den Ort Paneriai bei Vilnius, bei dem der größte Teil der litauischen Juden in noch von den Sowjets ausgehobenen Gruben ermordet wurden. Bis zu 70.000 Juden, 20.000 Polen sowie Russen und Roma wurden getötet. Davon "viele, wenn nicht die überwältigende Mehrheit der jüdischen Opfer in Litauen unter Beihilfe oder direkt von Litauern".

Die Besatzungsmacht versuchte die Morde geheim zu halten, konnten aber Beobachtungen, z.B. durch die Paneriai Nachbarn nicht verhindern. Der polnische Augenzeuge Kazimierz Sakowicz hat über die Morde ein Tagebuch geführt. Darin heißt es etwa im Juli 1941, dass nur eine Frau ermordet wurde (anfänglich wurden vorwiegend jüdische Männer ermordet. Diese "Hemmschwelle" fiel aber sehr schnell. (Mehr darüber hier im Jäger Report). 

"Für die tödliche Schnelligkeit und Effizienz, mit der die Juden in Paneriai ermordet wurden, waren die Arbeitsteilung der Täter und eine strikte Organisation die entscheidenden Voraussetzungen. Die Opfer wurden zuerst im Lukiskes-Gefängnis gesammelt und dann von dort zu Fuß, mit Lastwagen oder mit der Eisenbahn nach Paneriai gebracht. Die 4.861 Quadratmeter große Erschießungsstätte war abgesperrt, das Gelände vermint, zudem waren 100 litauische Schützen um das Waldstück postiert".

Sakowicz schrieb in sein Tagebuch, dass am 19. August in Paneriai auch Frauen und viele Jugendliche ermordet wurden. Eckert hält die Opferzahlen von Karl Jäger sogar für zu niedrig angesetzt, die Zahl der ermordeten Juden in Paneriai hätte viel höher gelegen.

 

Die Kleidung der Ermordeten wurde der weiteren Verwertung zugeführt (blutige Kleidung war auf polnischen Märkten billig zu kaufen). Das führte zu Gerüchten, die auch ins Ghetto drangen.

Trotzdem glaubten noch viele Juden an Umsiedelungen.

 

Leben und Sterben im Ghetto Kaunas 1941

Alexander Neumann

Bevor Neumann den Alltag im Ghetto Kaunas beschreibt, erwähnt er kurz die Bevölkerungsanteile der Juden in Kaunas (36 %). Da Vilnius von Polen annektiert war, galt Kaunas als wichtigste Stadt für die litauischen Juden.

Bei den Deportationen von (als nicht vertrauensvoll eingestuften) Litauern durch die sowjetischen Besatzer im Juni 1941 waren (im Verhältnis zur Einwohnerzahl) überproportional viele Juden betroffen (15%, da wegen ihrer Läden als Kapitalisten eingestuft). (Trotzdem machten die Litauer die Juden für die sowjetische Besatzung verantwortlich).

Bei der Einrichtung der Ghettos dachten viele Juden noch, dies diene als Schutz vor litauischen Übergriffen (siehe LAF). In Wahrheit konnten die deutschen Besatzer die jüdische Bevölkerung nun besser kontrollieren.

Das Leben im Ghetto war hart. Wertsachen mussten abgegeben werden. Der Handel mit Lebensmitteln außerhalb des Zaunes verboten, die Rationen minimal. Der Judenrat war umstritten und die Juden waren der Willkür der Deutschen ausgesetzt.

Da die Deutschen dringend Arbeitskräfte brauchten, wurden nicht alle Juden umgebracht. Eine Arbeitsbescheinigung, der so genannte  "Jordanschein", war ein Garant um außerhalb des Ghettos arbeiten zu dürfen. Man bekam dann etwas mehr Essen und wurde (erstmal) am Leben gelassen.

Für ein halbes Jahr ab Dezember 1941 durften sogar Schulen eingerichtet werden. Es wurde sogar geheiratet.

Geschickt gingen die Deutschen vor, um aufkeimenden Widerstand im Ghetto zu verhindern.

So wurde am 18. August 1941 nach Helfern für litauische Archive gesucht. Natürlich meldete sich die jüdische  Intelligenz die dann im IV. Fort ermordet wurden.

Neumann berichtet von mehreren Ghettoaktionen zur Selektion und Ermordung der Juden. Alle Aktionen waren furchtbar und man kann beim Lesen die weit verbreitete deutsche Meinung, man solle die Vergangenheit ruhen lassen, nicht verstehen.

Am 28. März wurden bei der "Kinder und Alten Aktion" 1000 Kinder und 300 alte Leute aus dem (inzwischen in ein KZ umgewandelten) Ghetto geholt und nach Auschwitz und Majdanek überführt.

 

Durch den Anmarsch der Roten Armee lösten die Deutschen das KZ Kaunas auf. Sie sprengten und verbrannten die Häuser. Dabei kamen viele der noch verbliebenen Juden trotz heftiger Gegenwehr um, oder verbrannten in ihren Verstecken.

 

 

 Leben in der Abwesenheit

Die Erinnerung an das Gute und Schöne im Elend des Ghettoalltags

Mirjam Triendl

Mirjam Triendl beschreibt das kulturelle Ghettoleben in Vilnius, die Eröffnung der Bibliothek, das kulturelle Leben, dass ausgeprägter vorhanden war als in anderen Ghettos und von den Bewachern geduldet wurde. Die Juden sollten sich in Sicherheit wähnen.

"Über seine vielfältigen, äußerlichen Merkmale vermittelte das Ghetto ein starkes Gefühl der Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Im Ghetto lebte man nicht mehr, wie zuvor, unter und mit dem Feind, sondern plötzlich und seit langem wieder nur unter Juden...". [AK:?]

 

 Der noch rechtzeitig vor den Deutschen geflüchtete Schriftsteller Chaim Grade besuchte nach seiner Heimkehr die sieben Gassen des Ghettos :

"Was ich nicht verstehe ist, wie Juden hier leben konnten, von einem Abschlachten zum nächsten. Wie konnten sie Lieder singen, Konzerte besuchen, heiraten und die Feiertage begehen? Ich verstehe, wie sie im Ghetto starben, aber ich verstehe nicht , wie sie hier lebten".

"Aber etwas gibt es, das die Menschen selbst unter diesen infernalischen Bedingungen aufrecht hält, die Hoffnung, dass irgendwann alles ein Ende haben wird, dass der Moment kommen wird, da wir aus getretenen, geschlagenen, getriebenen Kreaturen wieder zu Menschen werden[...]"

"Von den knapp 300 Vertretern des kulturellen Lebens im Ghetto, Pädagogen, Schriftsteller, Musiker, Wissenschaftler und Künstler - überlebte fast niemand.

Von den tausend Kindern, die im Ghetto die Schule besucht hatten, blieben nur zwei bis drei Dutzend am Leben. Von den Mitgliedern der Schriftstellervereinigung überlebten zwei, von den Musikern und Juristen keiner". 

 

Wie die Schafe zur Schlachtbank?

Jüdischer Widerstand im Ghetto von Vilnius

Petra Peckl

Petra Peckl beschreibt anhand von Beispielen den Widerstand im Ghetto von Vilnius. Sie schildert die Probleme mit denen die Widerstandskämpfer zu tun hatten, geht aber auch ans "Eingemachte", wenn sie anhand von Zitaten schreibt:

"...Allerdings wären hierfür [AK: für den Widerstand] Freundschaft, Übereinstimmung und ein gemeinsamer Gedanke vonnöten, der die tapferen Menschen verbände. Doch leider existierte von all dem nicht das geringste. Die Menschen gingen vereinzelt zur Schlachtbank, wie eine Schafherde, völlig apathisch. Niemand bekundete auch nur den geringsten Protest, und alle klammerten sich bis zur letzten Minute an die trügerische Hoffnung, daß sie auf irgendeine Weise am Leben bleiben würden, daß ein Wunder geschehen und ihnen der Tod erspart werden würde". (Grogorij Schur, jüdischer Journalist im Ghetto Vilnius in seinem Tagebuch).

 

Neben der interessanten Beschreibung der jüdischen Widerstandsorganisationen in Litauen und deren Wirken, weist sie darauf hin, dass es (im Gegensatz zu Kaunas) in Vilnius nie zu litauischen Pogromen gegen die Juden gekommen ist.

 

 Feldwebel Anton Schmid

Judenretter in Vilnius 1941-1942

Schmid wurde in Vilnius Leiter der Versprengtenstelle der Wehrmacht und konnte so auf Kurierfahrten viele Juden aus Vilnius wegbringen. Dies rettete ihnen erstmal das Leben. Außerdem waren in seiner KFZ Werkstatt etwa 140 Juden als Mechaniker beschäftigt, denen er Arbeitsscheine ausstellte.

Schmid war auch mit Abba Kovner bekannt:

"Die Taten von Anton Schmid zählen zu den verblüffendsten  und seltensten Episoden in der Geschichte dieser Zeit."

Schmid wurde enttarnt und am 13. April 1942 erschossen.

Eigentlich ein Lichtblick unter all den deutschen Soldaten im Osten.

 

Rettung und Widerstand in Kaunas

Joheved Inciuriene

Frau Inciuriene versuchte beim Einmarsch der Deutschen mit ihrer Familie über Dünaburg nach Russland zu fliehen, wurden aber von der Wehrmacht eingeholt und musste zurück nach Kaunas. Sie beschreibt besonders die Taten der "baltaraiciai", der litauischen Weißarmbandträger, im litauischen Holocaust. (Siehe auch unter LAF)

Die Meinung ihrer litauischen Nachbarn gegenüber Juden hatte sich scheinbar seit dem Tag des deutschen Einmarsches grundlegend geändert.

"...die Weißbindenträger machten Jagd auf alt und jung, Frauen und Kinder ."

"In der Stadt kam das Gerücht auf, daß die "Weißbindenträger" die eingefangenen Mädchen ins VI Fort verschleppten, dort vergewaltigten und hernach umbrächten. Diese Gerüchte haben sich nach dem Kriege durch Zeugenaussagen bestätigt."

Der Aspekt der Vergewaltigung von Jüdinnen ist meines Wissens bisher weitgehend ausgeklammert worden. Siehe dazu auch das Buch "Soldaten- Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" von Neitzel/Welzer auf Seite 164.

Waren die Weißbindler eine Schande für Litauen, so bekam Frau Inciuriene doch auch viel Hilfe aus der litauischen Bevölkerung und konnte so bis zum russischen Einmarsch überleben.

 

Aus dem Ghetto Kaunas gerettet

Fruma Vitkin Kucinskiene

Frau Kucinskiene schildert ihre Kindheitserlebnisse während des sowjetischen Einmarsches 1940 und der deutschen Besatzung ab 1941.

Im Ghetto versteckte sich die ganze Familie in einer vom Vater gebauten Maline, einem unterirdischen Versteck. Die Schilderungen der Augenzeugen wühlen den Leser noch mehr auf, als die relativ nüchternen Beiträge der Historiker.

Schilderungen über litauische Übergriffe, aber auch über die Hilfe durch Litauer werden hier deutlicher dargestellt.

 

 

Auch die Beiträge von Tobias Jafetas und Fanja Branzowska-Iocheles schildern den harten Kampf ums Überleben und die Hilfe durch Litauer.

Frau Branzowska-Iocheles gelangte aus dem Ghetto zu der Partisaneneinheit "Keršytoja" (Rächer siehe hier auch Faitelson).

 

Die offizielle Darstellung des Holocaust in der Sowjetzeit (1945-1990)

Michael Kohrs

Kohrs beleuchtet die sowjetische Darstellung der Judenmorde und stellt fest, dass es nur wenige Publikationen zu diesem Thema gibt. Zunehmend wurden nach 1945 die jüdischen Opfer zu sowjetischen Bürgern umgedeutet und sogar Mahntafeln (Panariai 1952) an Massakerorten im ganzen Land entfernt.

Die sowjetischen Anschuldigungen, Litauer hätten die meisten Morde an Juden selber begangen, stießen natürlich so manchem litauischen Historiker übel auf.

Dazu Kohrs:

"...Und wie sollte dieser Litauer verstehen, daß der gegenüber dem Westen erhobene Vorwurf, die Kriegsverbrecher nicht konsequent genug zu verfolgen, nach 1991 plötzlich umgekehrt und gegenüber den Justizbehörden des unabhängigen Litauen erhoben wurde?

Ein Litauer wiederum, der die Berichte über Kriegsverbrecher im westlichen Ausland für vom KGB initiiere und gesteuerte Propaganda hielt, musste sich nach 1991 um so mehr wundern, dass Litauen zur Rücknahme und Aburteilung eben solcher Kriegsverbrecher aufgefordert wurde. Hinzu kommt, dass sich in einigen Punkten, so etwa in der Bewertung der Rolle der "Provisorischen Regierung" im Juni 1941, der Rolle der LAF oder des Stereotyps vom "kommunistischen Juden" starke Übereinstimmungen in der Kritik sowjetlitauischer und heutiger Historiker an der Historiographie des Exils finden lassen. 

Es ist nicht immer leicht nachzuvollziehen, wie die vormalige "Propaganda" heute auf einmal leicht überarbeitet als Wahrheit zurückkehrt."

 

Laut Kohrs gibt es ein Fundament für die unvoreingenommene Forschung "...wenn man es richtig zu nutzen weiß und dies auch will."

 

 

Litauische Historiographie über den Holocaust in Litauen

Liudas Truska

"...Die Kernfrage lautet, ob die heutigen Litauer bereit sind, das, was damals vor mehr als einem halben Jahrhundert in ihrem Lande geschah, anzuerkennen, uneingeschränkt ihre schuldig gewordenen Landsleute zu verurteilen und für ihre Taten die moralische Verantwortung zu übernehmen, oder ob sie auch weiterhin - wie bisher - versuchen, sich herauszureden, die Taten der Mörder zu rechtfertigen und sogar die Opfer zu beschuldigen."

Ich habe fast den gesamten Text von Truska angestrichen und kann hier unmöglich alle interessanten Stellen wiedergeben.

 

Die Suche nach litauischen Kriegsverbrechern in Australien, den Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien 1979-2001

Martin Dean

Dean schreibt über die Verstrickung der litauischen Polizei und Militäreinheiten am Holocaust und den Mangel an historischen Daten in den Archiven.

Durch die wahnsinnige Schnelligkeit der Ermordung der litauischen Juden und die mobilen Einheiten, die die Massaker ausübten (es waren weniger lokale Polizeistationen an den Tötungsaktionen beteiligt), sind wenige Daten über konkrete Täter erhalten.

Dies führte zu Problemen bei der Verfolgung der Täter.

 

 

Im Anhang ist der komplette "Jäger Report" abgedruckt.

In diesem Bericht an seine Vorgesetzten im "Reich" listet Jäger alle von seinen Leuten durchgeführte Exekutionen in Litauen auf und meldet es als "Judenfrei".

Unterschieden wird nach Männer, Frauen, Kinder, Kommunisten und Geisteskranke.

 

 

 Fazit

 

Holocaust in Litauen ist ein zutiefst verstörendes Buch. Nach dem Lesen habe ich in Litauen an jeder Ecke einen "Weißarmbindler" gesehen und mir die alten Häuser mit ihren früheren Bewohnern vorgestellt. Rokiskes zum Beispiel mit seinem großen Marktplatz und seinen kleinen Häusern hat noch viel vom jüdischen Schtetl.

Ich war mir zwar bewusst, wer für den Holocaust verantwortlich war, musste mir aber klar machen, dass wir Deutschen die Täter waren und die Litauer die Mitläufer. Vielleicht stimmt es, dass die litauischen Kollaborateure die meisten Schüsse auf Juden abgegeben haben. Die Deutschen haben das Morden angeordnet und überwacht.

Ein großes Ziel unseres ehemaligen Reichskanzlers und Führers ist damit in Erfüllung gegangen, Europa judenfrei zu machen.

Welche Qualen die litauischen Juden erleiden mussten, dass macht dieses Buch deutlich.

Die Beiträge von überlebenden litauischen Juden zeigten aber auch, dass in der litauischen Bevölkerung Mitleid vorhanden war und man den Juden half.

Interessant ist hier auch ein Vergleich der Anzahl von "Gerechten unter den Völkern", einer Ehrung des Staates Israel für Nichtjuden, die während der Nazizeit ihr Leben für einen Juden einsetzten.

 

Ich empfehle dieses Buch zum einen natürlich den an Litauen und seiner Geschichte Interessierten, aber auch all denen, die den "Holocaust im Holocaust" studieren wollen. Hier kann man im kleinen sehen, was später in ganz Europa passierte.

 

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