Grigori Kanowitsch

 Grigori Kanowitsch

Ein Zicklein für zwei Groschen

Roman, Aufbau Verlag 1993, übersetzt von Waltraud Arndt

 

Grigori Kanowitsch (über die verschiedenen Schreibweisen seines Namens: siehe bei "Litauische Persönlichkeiten Kanovich")  ist ein litauischer Schriftsteller. 1929 in Jonava (nahe Kaunas) geboren, floh er mit seiner Familie vor den Nazis nach Russland. 1945 kam er nach Litauen zurück und begann, erst auf Litauisch, später (Litauen war von der Sowjetunion besetzt) auf Russisch zu schreiben.

 

Wichtigstes Thema in seinen Werken ist das Leben der litauischen Juden in der Zeit, in der Litauen zum zaristischen Russland gehörte (1795 bis 1918). Sein Buch "Ein Zicklein für zwei Groschen" wurde 1989 geschrieben und beschreibt das Zusammenleben (bzw. die Reibereien und Ressentiments) der Juden mit Litauern und dem russischen Staat. Das Zusammen- oder besser nebeneinanderher leben. "Auf der Welt gibt es so viele verschiedene Völker und Stämme: die Russen, die Litauer, die Polen, und wir..." läßt Kanowitsch Ephraims Freund Awner sagen. Und für den Rabbi aus Ephraims Dorf ist nur Israel die wahre Heimat.

 

Und gegen weitläufige (antisemitische) Vorurteile, dass alle Juden reich und mächtig sind, beschreibt Kanowitsch das Leben der armen Juden im Grenzgebiet zum Deutschen Reich am Nemunas (Memel). Es geht um den Steinmetz Ephraim, den Wasserträger Schmule-Sender (mit gestrenger Frau und im reichen Paradies (New York) lebendem Sohn), sowie dem Bettler Awner.

 

Steinmetz Ephraim stirbt am Anfang der Geschichte die dritte Ehefrau, seine geliebte Lea. Von Fieber geschüttelt, gibt es in Miškiniai (im zum Zarenreich gehörenden Litauen) weit und breit keine ärztliche Hilfe. Ephraim geht über die zugefrorene Memel ins Deutsche Reich um den Arzt Brave zu bitten seiner Lea zu helfen ("Herr Doktor...Majn froj...krank...nicht gut") . Der Arzt hat aber wenig Lust über die Grenze zu gehen ("Der Gefangene in seinem Unglückspelz zappelte, verfluchte die 'gewalttätigen Juden', verfluchte die Nachbarschaft mit dem unzivilisierten Rußland...").  und so hilft Ephraim etwas nach. Aber auch Brave (mit wenig Engagement) kann nichts mehr für Lea tun. Dieser Anfang ist sehr traurig.

 

Bald dringen Nachrichten zu Ephraim, dass sein Sohn Hirsch Dudak Probleme mit dem Gesetz hat und in Vilnius im Gefängnis steckt. Ephraim möchte ihm unbedingt helfen, ihn zumindest noch einmal sehen.

 

Denn alle seine Kinder sind aus dem Haus. Er ist einsam, so dass er mit seiner Ziege spricht, die "nicht einfach ein Tier, sondern eine kluge, prophetische, eifersüchtige Hausherrin" ist. Sogar eine Seele hat sie, sehr zum Unwillen des Rabbis: "Ich kann hören, wie sie mit mir frühmorgens spricht. Ich melke und höre sie".  "Die Ziege?" "Ihre Seele." "Seelen sprechen nur mit Seelen", sagte der Rabbi Awiëser. Mein Gott, daß der Steinmetz so knifflige Fragen stellte!" Überhaupt werden die jüdischen Religionsinstanzen nicht über jeden Zweifel erhaben dargestellt, sondern wie hier, Rabbi Awiëser überfordert, oder es wird sogar der Glaube völlig hinterfragt.

 

Ephraims jüngster Sohn Ezra treibt sich auf Jahrmärkten rum und führt mit seiner nichtjüdischen Freundin ein unstetes Leben.

Die Tochter Zerta lebt in Kiev.

Sohn Schachna lebt in Wilna und soll beim Gouverneur "als studierter Jude" einen hohen Posten haben.

Und nun sitzt Sohn Hirsch wegen Schüssen auf den Gouverneur im Gefängnis. Ephraims Söhne sind völlig verschieden. Schachna lebt die Thora, Hirsch hält ein Maschinengewehr für die heutige Thora.

 

Ephraim macht sich zusammen mit seinen Freunden auf den beschwerlichen weiten Weg nach Wilna. Unterwegs haben die alten Männer einige Abenteuer zu bestehen.

 

Tatsächlich darf er Hirsch noch einmal besuchen. Dass sein Sohn Schachna in Vilnius für die Regierung (also den Zaren) arbeitet, wird Ephraim verheimlicht. Nach weiteren Abenteuern in Vilnius reist Ephraim wieder in sein Heimatdorf.

Und es gibt schlussendlich noch so etwas wie ein Happy End zwischen dem ganzen Leid, das Ephraim widerfährt.

 

Kanowitsch's Buch ist eine mit Weisheit und Witz ausgestattete Schilderung des Lebens im Zaristischen Litauen Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Sicht der litauischen (russischen) Juden. Ephraims Sohn Schachna beginnt am Glauben zu zweifeln. Statt seine Laufbahn als Rabbi weiter zu verfolgen, beginnt er für den russischen Staat zu arbeiten.

Seine Argumentation [ich habe nicht verstanden, warum es dafür einer Argumentation bedarf] war:

"Je mehr ehrliche Menschen beim Bösen in Diensten stehen, dachte er, umso schneller wird die Zeit des Guten und der Gerechtigkeit anbrechen."

Für mich war besonders bemerkenswert, dass Kanowitsch die Juden (die in russischen Diensten standen) schildert, als ob sie sich für ihre Arbeit schämten. Ephraims Sohn Schachna Dudakow (eingerussischt 'Semjon Jefremowitsch') verheimlicht seine Arbeit als Dolmetscher bei der Untersuchungsabteilung vor seinem Vater und vor seinen Glaubensbrüdern (die ihm vorwerfen würden, er verkaufe sich für ein Linsengericht). Als sie es doch rausfinden, bricht der Hass aus: "Schlagt ihn!" kreischte der Schüler. "Er diente in der Gendarmerie! Er diente dem Teufel!"

 

Bei seiner ersten Dolmetschertätigkeit geht es um einer der sogenannten Bücherträger, die illegal Bücher aus dem Deutschen Reich über die Grenze nach Litauen bringen (die russische Regierung hatte wegen Separatismusbestrebungen Bücher in litauischer Sprache verboten). Der war zufällig auch Jude (sonst müsste Schachna ja auch nicht übersetzen). Beide unterhalten sich auf Jiddisch und der Gefangene fragt, wie teuer er seine Seele verkauft hat. Während sein Arbeitgeber die Bücherschmuggler jagt, sieht Schachna das ganze liberal und pragmatisch. Wieder etwas aus diesem Buch, das man als Lebensweisheit täglich umsetzen kann.

Nebenbei werden die Bücherschmuggler beschuldigt sozialistische Literatur zu schmuggeln. Das konterkariert etwas mein bisherigen Wissen, dass die Litauer einfach gerne Bücher auf Litauisch lesen wollten.

Folgender Dialog zwischen dem Gendarmerie Oberst Ratmir Pawlowitsch Knjasew und Schachna Dudak (Knajasew untersucht das Attentat auf den Gouverneur und will Dudakow als Dolmetscher) zeigt den Konflikt, in dem Schachna steht:

 

" 'Euer Wohlgeboren! Ich schätze mein weiteres Verbleiben im Amt ist weder möglich noch erwünscht.'  'Genug Semjon Jefremowitsch. Was ist schon dabei - ein Halbbruder! Man kann leicht mit Ergebenheit brillieren, wenn es um die Bestrafung Fremder geht Fremde sind irgendwie gar keine Menschen... Etwas anderes ist's bei den eigenen Leuten. Die tun einem immer leid. Aber wirkliche Ergebenheit beweist sich erst, wenn es um die eigenen Leute geht.'

 

'Ergebenheit wofür?'  'Na aber! Fürs Vaterland natürlich.'  'Ja, außer dem Vaterland gibt es auch noch Gott' 'Gott ist weiter oben, das Vaterland ist uns näher. Das Vaterland ist es nämlich, Semjon Jefremowitsch, welches uns das Gehalt zahlt.'

'Die Liebe zum Vaterland sollte sich nicht auf Tscherwonzen [AK: russisches Geld] stützen, denn bezahlen kann man auch für den Galgen.'

...

'Euer Wohlgeboren! Ich teile weder seine (Schachnas inhaftierter Bruder Hirsch, der die Schüsse auf den Gouverneur abgefeuert hat) Ansichten...noch die Ihren".

 

Und das sagt er nicht als russischer Bürger, sondern als Jude, der in Russland (Litauen) lebt.

 

Wie manche Russen über die Juden dachten, schildert Kanowitsch in einer Szene, in der Schachna den Vater einer Dame trifft, in die er verliebt ist:

"Sie meinen mein Volk [die Juden]? Aber das kann man nicht brechen, nicht ins Altersheim sperren, nicht einfach wegwerfen." "Doch, man kann, junger Mann. Man kann. Brechen, einsperren, auf den Müll schmeißen...Ihr Volk, haben sie die Güte nicht zu zürnen, ist ein Relikt, eine Rarität...Eines Tages werden die Museen für das letzte Exemplar eines auf der Welt befindlichen Juden Tausende in Gold bieten... Mir bereitet der Gedanke kein Vergnügen, daß dieses letzte Exemplar mein Enkel sein könnte... ".

 

Kanowitsch beschreibt das Leben der Juden im litauischen Russland, mit der alltäglichen Armut, den Problemen mit der russischen Staatsmacht und der tiefen jüdischen Sehnsucht an die "Heimat der Großväter". Gemischte Partnerschaften zwischen Juden und Christen werden von beiden Seiten nicht gerne gesehen. Manche Juden betätigen sich als Revoluzzer und bekämpfen den Zaren mit Waffengewalt und "zerstören dadurch ihr eigenes Haus". Die Protagonisten im Buch wundern sich selbst, dass sie in Litauen leben, aber die Sprache der Einheimischen nicht verstehen. Dem Leser bieten sich viele Gelegenheiten über das damalige Leben im Vielvölkerstaat nachzudenken und vielleicht mehr Verständnis zu entwickeln für die weitere litauische (1940-45 traumatische) Geschichte.

 

Am Schluss einige Kostproben von Kanowitsch Weisheit und Witz:

"Lügen ist keine Arbeit, Lügen ist ein Vergnügen."

"... daß man für die Wahrheit weniger Geld und mehr Schläge bekommt."

"Das beste Grabmal für ihre Eltern sind ihre lebendigen und glücklichen Kinder."

"... um das Gute mit Macht auszustatten oder die Macht mit Güte zu krönen, nicht unbedingt Kartätsche oder Gewehr vonnöten sind. Der Verstand - das ist die Kartätsche des Guten und der Macht."

 "An Heiligkeit kann man genauso ersticken wie an Erbrochenem."

"Knjasew, Grjasew, Perelman - alles einerlei. Das Gute weiß nichts von Rasse oder Rang. Wer fragte denn, ehe er einen Menschen rettet: Wer bist du? Woher stammst du? Das fragende Gute ist ein Diener der Sünde."

Als Schachna verliebt ist: "Die Thora hat eine Rivalin...und diese Rivalin ist die Frau."

"Ist es denn seine Schuld, daß es leichter ist, als Jude zu sterben, denn als Jude zu leben?"

"Aber die Juden! Weiß der Teufel, was das für ein Völkchen ist! Sie sind alle, durch die Bank, unzufrieden. Mal gefällt ihnen dies nicht, mal jenes."

"Wenn alle schweigen, ist auch Grunzen schon eine Heldentat."

"Warum, mein Herzallerliebster, seid ihr Juden die eifrigsten Rebellen im Imperium [Russland]? Du sagst, ihr werdet gedemütigt, aber uns demütigt man auch."

"Es gibt auf der Welt keine Idee, die ein Menschenleben wert ist. Eine Idee, für die man sich oder andere opfern muß, ist auch nur eine Form des Mordes...Durch Mord kann man die Anzahl glücklicher Menschen nicht vermehren".

"Die Bauern haben mit unsereinem kein Mitleid. Weil wir nicht pflügen und nicht säen."

"Und was halten Sie für die jüdische Gemütskrankheit? Gleichheit, Brüderlichkeit, Freiheit."... "Und ein Zuhause zu haben."

 

Und zum Schluss:

"Die Welt läßt sich nicht einfach einteilen in Gut und Böse, in Wahrheit und Unwahrheit: alles auf der Welt ist miteinander verflochten und verquickt...in jedem Juden steckt auch ein Russe, in jedem Russen ein Jude, in jedem Litauer ein Pole, in jedem Polen ein Deutscher."

 

 

Kaufempfehlung!

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