Litauen und der Holocaust

 

 „ Į  krūmus žemaičiai,  į  krūmus aukštaičiai,  į  krūmus visa Lietuva!“

(„In die Büsche Žemaiter, in die Büsche Aukštaiter, in die Büsche ganz Litauen“. A. Bartusevicius. Aufruf sich vor den Nazi Rekrutierern in Sicherheit zu bringen. Annaberger Annalen 21/2013)

 

Im Sela Museum in Birzai gibt es einen Ausstellungsraum (links vom Haupteingang), in dem an die drei Besetzungen von Litauen im 20. Jahrhundert erinnert wird.
Das Thema ist so interessant und umfangreich, dass ich es aus der rein touristischen Betrachtung von Birzai /Litauen und dem "Sela-Museum" herausnehmen möchte und in eine eigene Rubrik einbringe
 
Vorweg ist zu sagen:
 
Deutschland ist für den Holocaust verantwortlich.

Der Antisemitismus hat auch in Deutschland eine sehr lange "Tradition" und besteht sicher auch in seiner blutigen Ausprägung nicht erst seit 1933. Mit der Machtübernahme Hitlers begann zwar seine radikalste Ausprägung, aber begonnen hat dieses Gedankengut und deren praktische Anwendung schon sehr viel früher.

 

Am 8.April 2012 sagte Marcel Reich-Ranicki in einem Interview in der FAZ als Reaktion auf das israelkritische Gedicht von Günther Grass:

Würden Sie sagen Günther Grass ist ein Antisemit? "Nein. Ich meine etwas anderes. Ich meine, es gibt eine große Anzahl von Bürgern in diesem Land, gab es vor 50 Jahren, vor dreißig Jahren und gibt es heute, die antisemitische Neigungen haben. Und Günther Grass drückt das aus".

Macht Ihnen das Angst? "Na ja. Dass viele Leute das gerne hören und das gerne zur Kenntnis nehmen, das weiß ich, das ist klar". 

 

Warum der Massenmord an den europäischen Juden in Litauen losging, warum die litauischen Juden keine Chancen zu entkommen hatten, warum 95 % der Juden umgebracht wurden, und warum die Beteiligung der Litauer an diesen Verbrechen bisher in Litauen kaum diskutiert wurde - dies soll in "Litauen zu Kriegszeiten" diskutiert werden.
 
 
 
Litauen den Litauern
Foto aus der Altstadt von Vilnius. Darunter das Symbol für Litauens Freiheit: die stilisierte Burg von Gediminas. 
"Litauen den Litauern" (Natürlich, das findet man in jedem Land)
 
Laut der österreichischen Zeitung "Der Standart" hat ein Gericht in Klaipeda das Hakenkreuz als Symbol der Sonne zum Teil des litauischen nationalen Erbes erklärt. Der Trend dieser Diskussion geht in diese Richtung (natürlich nicht nur in Litauen, wir haben in Deutschland ja sogar die "NSU")  Hier ein Video von einer 1. Mai Demo aus Vilnius, bei der die Teilnehmer sich über drei Deppen mit Hakenkreuz Plakaten beschwerten. Das mittlere Plakat zeigt die Birute (Freiheitsstatue aus Rokiškis). Die Statue wurde aber wirklich schon 1930 gebaut.
 
Tomas Venclova (geb. 1937, litauischer Lyriker, Professor für Slavische Sprachen an der Yale Universität, USA) schreibt dazu:
"Die litauisch-jüdischen Beziehungen stagnieren. Auf litauischer Seite hält sich der Ärger um Efraim Zuroff, und weiterhin gibt es Versuche, eine Theorie des "doppelten Genozids" zu fundieren [die Verbrechen an den Juden werden hier gleichgesetzt mit den sowjetischen Verbrechen am litauischen Volk. Man wurde also von den Juden provoziert, die angeblich die Sowjets unterstützten], während gleichzeitig gefordert wird:" Wagt es nicht, uns eine Nation von Judenmördern zu nennen." 
Zweifellos sind die Litauer keine Nation von Judenmördern. Doch unglücklicherweise hat es in jüngster Zeit Aktionen gegeben, die Argumente dafür liefern, die Litauer eine Nation von Fürsprechern von Judenmördern zu nennen. Was immer man über Efraim Zuroff denken mag, er hat Recht, wenn er sagt, dass die Litauer, anders als die Kroaten, keinen einzigen Judenmörder verurteilt haben. Im Gegenteil gibt es, auch wenn dies in der Öffentlichkeit und von den Gerichten so nicht artikuliert wird, eine deutlich wahrnehmbare Haltung, dass es vollkommen richtig sei, solche Verfahren stillschweigend zu sabotieren. Wir sind nicht reif genug zu verstehen, dass es unzulässig ist, einen Schwerverbrecher zu rechtfertigen oder zu unterstützen, nur weil er ein ethnischer Litauer ist (der sich selbst als Patrioten betrachtet) und seine Opfer oder Ankläger keine Litauer sind".
(Mehr über T. Venclova unter "Litauen, EU und Nationalismus"  und "Ich ersticke" Osteuropa Zeitschrift Januar 2011) 
 
 
 
Warum haben die Litauer über ihre Beteiligung am Holocaust, ihre Kollaboration mit den Nazis, lange Zeit geschwiegen?
 
 
Meine Gegenfrage: Warum konnte es bei uns eine Protestbewegung bürgerlicher Kreise gegen die Wehrmachtsausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" geben? (Peter Gauweiler, einer der Anführer der konservativen Protestler ist stellvertretender CSU Vorsitzender).
Für die Beteiligung der Wehrmacht am Massenmord im Osten und das Wissen der meisten Soldaten über die Gräueltaten, die sie nicht nur den Juden , sondern der ganzen Bevölkerung antaten, gibt es so viele Belege in der Literatur, dass ich hier nicht darauf eingehen kann. 
 
Ralph Giordano nennt die arbeitsteilige Täterschaft der Wehrmacht im Vorwort zu einem Buch über Karl Jäger (Wolfram Wette: "Nur seine Pflicht getan") so: "Wobei der Radius des Vernichtungsapparates stets identisch war mit dem der deutschen Fronten, ob Vormarsch oder Rückzug - der territoriale Machtbereich der Wehrmacht bildet die Voraussetzung für den Holocaust".
 
 
Der Katalog der Wehrmachtsausstellung ist sehr empfehlenswert. Gibt's bei Amazon.
Ohne die Wehrmacht und den ihr folgenden SD - Truppen (Sicherheitsdienst des Reichsführer SS, stellten die Einsatzgruppen zur Ermordung der Juden in den besetzten Gebieten auf) hätte es keinen Holocaust gegeben.
 
Etwas aus dem Zusammenhang, trotzdem interessant, ist die Argumentation zur Präventivkriegstheorie. Hitler sei mit seinem Krieg Stalin nur zuvor gekommen. Das der vorher alle seine Offiziere umbrachte, muss dann wohl geniale Taktik gewesen sein. 
 
deutscher panzer
Bildquelle Wikipedia
 
Litauen wurde 1940 im Rahmen des Hitler Stalin Paktes von sowjetischen Truppen besetzt.
 
Am 24. Juni 1941 nahm die Wehrmacht die litauischen Städte ein und begannen Hitlers Mordpläne zu vollbringen.
 
1944 eroberten russische Truppen Litauen von den sich zurückziehenden deutschen Truppen zurück.
 
Litauen hatte unter allen Besatzungsmächten zu leiden.
 
Hinweistafel über die Taten der sowjetischen Besatzer
1944-1951 haben hier die Besatzer gewirkt. Natürlich die sowjetischen. Schilder über die deutsche Besatzung findet man nicht.
 
 
Die Juden waren auch im I. Weltkrieg die Sündenböcke, diesmal für die russische Seite
 
 
Im ersten Weltkrieg befahl die russische Heeresleitung die Deportation der Bevölkerung im besetzten Polen und Litauen vor den sich nähernden Deutschen.
Da die flüchtenden Menschen aber zu einem großen Problem der russischen Versorgung wurden (die Wege waren verstopft), stoppte man die Deportation am 23.Juni 1914.
Dazu :
 
„Am 23. Juni wurde diese Lage im Stabe des Heeres schon als sehr ernst beurteilt und die Unterbrechung der Deportationen beschlossen, aber mit Ausnahme der Juden, denen man die Schuld für die russischen Schlappen an der Front weiterhin zuschieben wollte. Mit dem Ausschluss der Nichtjuden von den Deportationen suchte man ein Gefühl der Schadenfreude und Bosheit der litauischen Bevölkerung gegenüber den Juden hervorzurufen.
Dazu dienten auch verschiedene verleumderische Beschuldigungen. Die berüchtigtste war die Erfindung des „Verrats der Juden“ in dem litauischen Flecken Kuziai, Kreis Siauliai (Schawli), wo sechs jüdische Familien lebten. Ihnen wurde unterstellt, sie hätten den deutschen Soldaten geholfen, eine russische Truppe zu vernichten. Diese Gräuelgeschichte wurde im ganzen russischen Reich sehr intensiv verbreitet ... Sie verursachten dort gefährliche Ausschreitungen gegen die Juden ...„
Eine Kommission der russischen Duma stellte bei einem Besuch in Litauen fest, dass die beschuldigten jüdischen Familien zur „Tatzeit“ schon evakuiert waren, sie also gar nicht beteiligt sein konnten.
 
 
Aus Abba Strazhas "Deutsche Ostpolitik im Ersten Weltkrieg" 1993
 
 
 
 
Einige Schlagworte: Jäger Report     ("Wird trotzdem eine Jüdin schwanger, so ist sie zu liquidieren!",
 
Koniuchy Massaker, Waldbrüder, Partisanen, LAF, PG (Erläuterungen siehe unten im Text)  
 
 
Lietukis Garage Killings (Morde an der Lietukis Garage) Die Massaker an der Lietukis Garage fanden am 26. Juni 1941 in Kaunas statt.
(Die Operation "Barbarossa", der Angriff gegen die Sowjetunion, begann am 22. Juni 1941).
Bei dieser Lynchaktion wurden Juden dafür bestraft, dass sie Juden sind. Der offizielle Grund war ihre Kooperation mit den russischen Besatzern.
Nicht zum letzten Mal wurde die deutsche Propaganda angewandt:
 
Jude = Kommunist= Partisan
 
 
Die Wehrmacht, der SD und die SS waren scheinbar nicht aktiv involviert, wussten aber Bescheid und ließen es geschehen.
 
Zeugenaussagen von deutschen Soldaten (auf Englisch) hier Fotos sind hier
 
 
Heute werden ehemalige jüdische Partisanen angeklagt, die gegen die deutsche Besatzung kämpften. Koniuchy Massaker
Über die Problematik dieser Anklagen: hier (Litauische Kollaborateure wurden kaum verfolgt. Obwohl 212.000 Juden getötet wurden, sind bisher drei Litauer wegen Kriegsverbrechen angeklagt worden. Zwei wurden verurteilt, aber alters - und krankheitsbedingt nicht festgenommen).
 
 
Yitzhak Arad sagte in einem Interview, mit den Ermittlungen der litauischen Staatsanwaltschaft konfrontiert:
 
 
"It is easy for you to pose such questions, when you sit in a reclined position in a comfortable armchair in a fully airconditioned office. We were fighting there to survive. It was a jungle. Without food from the peasants we would not be able to survive in the forests even one day".
Aus "Litauen und die jüdischen Partisanen" von Burkhard Schröder hier der Text
Vertiefung folgt.
 
Der heutige Besucher hat das Glück, eine Ausstellung zu betrachten, die noch das etwas einseitige Geschichtsbild der Wendezeit widerspiegelt.
 
 
Man kann noch sehen, wie viele Litauer nach der Unabhängigkeit gedacht haben, und ich persönlich hoffe die jetzige Ausstellung später als Teil eines ausgewogeneren Konzeptes wiederzufinden.
 
Für Litauen war der "Molotow-Ribbentrop-Pakt" (deutsch-russischer Nichtangriffspakt), mit der darauf folgenden russischen Besetzung des Landes und dem Verlust seiner Unabhängigkeit ein Trauma, das bis heute nachwirkt.
 
 
Nach dem russischen Einmarsch wurde sofort die litauische Intelligenz nach Sibirien deportiert. Dieser Verlust an Menschen und die zweite russische Besatzung 1944 bis 1990 führten zu den heutigen Lebensbedingungen.
Dagegen beherrschte das Großfürstentum Litauen in Personalunion mit dem Königreich Polen um 1600 riesige Gebiete bis zum Schwarzen Meer. Vor dem Krieg hatte Litauen einen hohen Enwicklungsstand.
 
 
Litauen und Estland sagten ihre Teilnahme an den Feiern zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes in Moskau ab.
 
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Gruppe Kommunisten 1940: "Ich war in der UdSSR" (Dank an das "Sela Museum")
 
 
Einige litauische Juden arbeiteten wegen ihrer russischen Sprachkenntnisse, andere aus Idealismus, für die Besatzungsmacht.
 
Versetzt man sich in die Lage der litauischen Juden dieser Zeit - Hitler seit 1933 an der Macht, die Wehrmacht stand schon in Polen, hatte man neben der Emigration oder den Bolschewisten (hier meine ich keine russischen Anhänger von irgendeiner Dialektik, Lehre von Marx oder Lenin, sondern die Vollstrecker von Stalins Staatsterrorismus) keine Alternative. In diesem Zusammenhang sei an die Deutschen im "Hotel Lux" erinnert.
Im Gegensatz zu den Mitgliedern der LAF (Litauischen Aktivistischen Front), hatten sie ob den Zielen Hitlers keine Zweifel.