Lietukis Garagenmorde 1941

 

auch bekannt als Morde vom Vytautas Prospect in Kaunas oder Morde an der NKVD Garage Kaunas

 

Hier die Zeugenaussagen zu dem Massaker

Und ein 2016 aufgefundener Feldpostbrief vom 29. Juni 1941

English translation of the letter of soldier Heinrich Sandt

 

"Aber wir müssen über das, was geschehen ist, sprechen...ohne innere Zensur, ohne propagandistische Verzerrung, ohne völkischen Komplex, ohne Angst.

Wir müssen für alle Zeit verstehen, dass die Vernichtung der Juden unsere eigene Vernichtung ist, die Erniedrigung der Juden unsere eigene Erniedrigung ist, und die Zerstörung der jüdischen Kultur ein Angriff auf uns selbst ist."

Tomas Venclova  (Zydai ir lietuvai 1975)

 

 

Ein berühmtes Foto: der Totschäger von Kaunas (hinten rechts)

 

Als am 22. Juni 1941 der deutsche Angriff auf die Sowjetunion begann, startete zeitgleich ein Aufstand der Litauer und der LAF (Litauische Aktivisten Front) gegen die abziehende Rote Armee. Gleichzeitig kam es zu Auschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Die von Deutschland aus gesteuerte LAF hatte den Nationalsozialistischen Antisemitismus verinnerlicht. Ziel war ein deutscher Sieg über die Sowjetunion und ein freies Litauen. Außerdem sollte Litauen reinrassig - und die ca. 8,5 % litauischen Juden, die sogenannten Litvaks, ins russische Kernland umgesiedelt werden. Am 23.6.1941 rief die LAF eine Provisorische Regierung aus, die allerdings nur ein sehr kurzes Dasein hatte, denn natürlich war ein unabhängiges Litauen in den Plänen der Nazis nicht vorgesehen. Als am 25.6.1941 die Wehrmacht ohne Gegenwehr in Kaunas einmarschierte, liefen die Pogrome gegen Juden schon an.

Wie Walter Stahlecker, Führer einer der Vernichtungsgruppen (Partisanenbekämpfung oder genauer gesagt Judenvernichtung) sagte (siehe weiter unten), kamen vom 25.6. auf den 26.6.1941 etwa 1500 Juden durch litauische Partisanen, auch Weissarmbändler genannt, ums Leben.

Waren die Pogrome auf den litauischen Hass gegen die Juden zurückzuführen, oder mussten die Deutschen nachhelfen?

"Stahlecker drängte die Partisanen dazu, ihre Einheiten nicht allein gegen Kommunisten und Aktivisten einzusetzen, sondern auch gegen die Juden von Kaunas, was die Partisanen nicht als vordringlich angesehen hatten." (Knut Stang: Kollaboration und Massenmord)

Das Treffen von Stahlecker mit den Anführern der Partisanen kann frühestens am 26.6.1941 stattgefunden haben. Da waren schon viele Juden tot. Wie und was auf dem Lietukis Garagenhof passierte ist aber bis heute nicht völlig geklärt. Die litauische Sicht differiert teils stark von der Sicht internationaler Historiker, russischer Seite und natürlich der jüdischen Sicht.  Schon die überlieferten Zeiten variieren vom 25.6. bis zum 27.6.1941.

 

Dazu schreibt Christoph Dieckmann in "Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944"

" An dieser Stelle sei jedoch daran erinnert, dass Deutsche und Litauer in den Monaten vor Kriegsausbruch mit Pogromen rechneten. Die deutsche Sicherheitspolizei hatte spätestens fünf Tage vor Kriegsbeginn den konkreten Auftrag, Pogrome auszulösen. Am 17. Juni 1941 hatte der Chef des RSFLA, Reinhard Heydrich, die Führer der Einsatzgruppen und -komandos versammelt, wie aus Schreiben hervorgeht, die Heydrich kurz nach Kriegsbeginn verschickt hat. Heydrich schrieb am 29. Juni 1941 an die Chefs der  Einsatzgruppen, er bringe unter »Bezug auf meine bereits am 17. VI. in Berlin gemachten mündlichen Ausführungen« in »Erinnerung«: »Den Selbstreinigungsbestrebungen antikommunistischer oder antijüdischer Kreise in den neu zu besetzenden Gebieten ist kein Hindernis zu bereiten. Sie sind im Gegenteil, allerdings spurenlos auszulösen, zu intensivieren, wenn erforderlich, und in die richtigen Bahnen zu lenken, ohne dass sich die örtlichen >Selbstschutzverbände< später auf Anordnungen oder auf gegebene politische Zielsetzungen berufen können. [...] Die Bildung ständiger Selbstschutzverbände mit zentraler Führung ist zunächst zu vermeiden; an ihrer Stelle sind zweckmäßig örtliche Volkspogrome, wie oben dargelegt, auszulösen«. Bei diesem Fernschreiben handelte sich somit nicht um einen Befehl, der erst eine Woche nach Kriegsbeginn die Leiter der Einsatzgruppen erreichte, sondern um die Erinnerung an eine gemeinsame Besprechung zwölf Tage zuvor."

C.Dieckmann "Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944"

 

Immer wieder umstritten ist, ob Frauen und Kinder als Zuschauer dem Massaker beiwohnten. Auf dem folgenden Bild kann man auf der rechten Seite recht gut einige Frauen und Jugendliche sehen.

Lietukis Morde Kaunas Frauen

Schätzungsweise neun Frauen sind zu sehen. Am rechten Rand scheinen zwei Kinder/Jugendliche zu stehen. Auf den Originalfotos würde man die Personen besser erkennen können.

 

 Lietukis Garagen Morde Litauen

Auf dem Garagenhof wurden Juden aus der Umgebung zusammengetrieben und von Weissarmbändlern, also den litauischen Partisanen der LAF, mit allen möglichen in der Garage vorhandenen Gegenständen erschlagen. Vorher mussten sie mit bloßen Händen Mist wegschaffen und wurden danach mit Wasserschläuchen abgespritzt. Dann begann das Morden. Einigen Opfern wurden die Wasserschläuche in den Mund gesteckt und Wasser in die Körper geleitet, bis sie platzten. Die Angaben über die Opferzahlen variieren von 10 bis 70, wobei sich das Litauische Institut für Völkermord und Widerstand scheinbar auf 50 Opfer einpendelt, Schon auf den vorhandenen Fotos, die von mehreren Wehrmachtssoldaten aufgenommen wurden, kann man mehr als 10 Opfer sehen.  Nach der Mordorgie soll einer der Weissbändler mit einem Akordeon auf die Leichen gestiegen sein und die litauische Nationalhymne gespielt haben.

 

Mit der Zeit sammelten sich immer mehr Schaulustige an, wie man auf den Fotos erkennt, darunter Frauen und Kinder. Dabei sind auch Wehrmachtsoldaten, unter anderem einer Bäckerkompanie. Die Deutschen greifen aber nicht ein. Sie melden den Vorfall ihren Vorgesetzten, wo die Vorfälle schon bekannt sind. Einer dieser Soldaten machte private Fotos. Sein Film wird voll, er kann die Rolle gerade noch aus der Kamera nehmen, als ein anderer Soldat seine Kamera konfisziert. Aber der Film ist gerettet und die Bilder tauchen nach dem Krieg in verschiedenen Archiven auf. Ein Fotograf der Wehrmacht macht ebenfalls Fotos, weigert sich aber der Aufforderung der SS nachzukommen, seine Kamera abzugeben. Dafür müsste man seinen Vorgesetzten um Erlaubnis fragen.  

 

Diese Darstellung stützen fast alle Historiker. (Siehe Zeugenaussagen Lietukis Garagenmorde).

 

Eine andere Sicht der Dinge stammt von Aleksandras Bendinskas, der in der litauischen Zeitung "Gimtasis Krastas" 1989 eine ganz andere Version präsentiert.

Demzufolge hatten sich die LAF Partisanen (Bendinskas war Mitglied im Stab der LAF, später Chef des Stabes, selbst aber angeblich nicht vor Ort) in fünfer Gruppen aufgeteilt. Diese Gruppen sollten litauische Einrichtungen vor Zerstörungen durch die abziehende Rote Armee schützen. Eine dieser Gruppen wollte den Fuhrpark der Lietukis Garage schützen (von diesem Garagenhof wurden bis vor dem Krieg Deportationen durchgeführt), als sich das letzte Personal des russischen Sicherheitspersonals in Sicherheit bringen wollten. Die Partisanen nahmen die Flüchtenden gefangen und sperrten sie in die Garagen ein. Seltsamerweise waren alle Gefangenen Juden, obwohl der prozentuale Anteil von Juden in den Sicherheitsorganen ein ganz anderer war. 

Die Bolschewisten waren der Hauptfeind der Partisanen, hatten die Sowjets doch mehr als ein Jahr in Litauen gewütet und Tausende Litauer nach Sibirien deportiert. Durch die Nationalsozialisten und der von Kazys Skirpa aus Berlin gesteuerten LAF  machte das Gleichnis vom Juden=Kommunist=Bolschewist die Runde.

Als aus den KGB Gefängnissen freigelassene Litauer ihre Peiniger in der Garage erkannten, nahmen sie blutige Rage und erschlugen sie. Wobei die Opferzahlen bei "ein paar mehr als Zehn, vielleicht weniger..." lagen.

(Quelle: Bitter Legacy von Zvi Gitelman) 

Natürlich stimmt diese Version überhaupt nicht mit anderen Berichten überein. Ich verstehe auch nicht (siehe unten angefügte Links) wie man Bendinskas Version als die wahrscheinlichste ansehen kann.

 

Den kompletten Text von Bendinsaks gibt es unter Zeugenaussagen Lietukis!

 

Leonid Olschwang schrieb 1984 im Spiegel (Die Mörder werden noch gebraucht):

 

"...In Kaunas wurden die Juden besonders grausam geschlachtet- von Litauern. So wurden an einem Tag Juden in dem großen Garagenhof der Genossenschaft "Lietukis" an der Strasse Vytauto Prospektas zusammengetrieben. Manche zwang man ebenfalls, Mist zu essen; anderen stopfte man einen Schlauch in den Mund und pumpte Wasser hinein, bis die Körper platzten. Die meisten wurden mit Eisenstangen erschlagen..."

 

Der gesamte Artikel von Olschwang ist interessant und weiter unten verlinkt.

 

"Im Dienste der SS" von J.Vicas aus dem Jahre 1961 gibt die Zeugin N. Goldsteinas  etwa 100 Opfer an.

M.Eglinas schildert im Buch "Festung des Todes" die schon genannten Szene, bei der ein Weissarmbändler mit einem Akkordeon auf den Leichen Musik spielt. (Siehe auch die Zeugenaussage von Gunsilius). Andere tanzen betrunken um die Leichen.

 

 

Interessant und gleichzeitig traurig ist die unterschiedliche Darstellung der Lietukis Morde von jüdischer und litauischer Seite. Ich habe das Gefühl, das die litauische Darstellung die Opferzahlen minimiert (Bendinskas nennt 10) und die Taten gleichzeitig als Rache an Peinigern darstellt. Zufällig alles Juden, na ja. (Siehe hier auch die verlinkte Diskussion im Axis Geschichtsforum).

 

Ganz anders und viel detaillierter die Darstellung der jüdischen Seite, die sich natürlich als Opfer mit dem Holocaust eingehend beschäftigt hat, ganz anders als die Litauer, die erst unter sowjetischer Besatzung schweigen mussten (es waren keine Juden ermordet worden, sondern Sowjetbürger) und nach der Unabhängigkeit den Holocaust lieber aussparte und eine eigene Schuld verneinte.

 

Alex Faitelson schreibt in seinem Buch "Truth and nothing but the truth" ein umfangreiches Kapitel über die Lietukis Morde. 

Er beschuldigt die litauische Presse wiederholt die Morde dadurch zu rechtfertigen, dass die Mörder sich an den jüdischen NKVD Mitarbeitern gerächt haben, die sie im Jahr der Besatzung gequält und deportiert hatten. Sein Bericht ist umfangreich und gut recherchiert. Er nennt die Zeugenaussagen von anwesenden deutschen Soldaten aus Verhörprotokollen aus Deutschland von 1959, die Namen der Fotografen und Aussagen von Nachbarn der Lietukis Garage. Außerdem verweist er auf einen Artikel in der SPD Zeitung "Vorwärts" von 1958, der mit Fotos von den Morden in Litauen berichtet.

 

In deutschen Archiven fand er 2000 die Verhörprotokolle der Soldaten.

 

Das Verhör des Soldaten Karl Röder, der in der Bäckerkompanie eingestzt war und an der Lietukis Garage Fotos machte, fand 1959 in Düsseldorf statt.

Röder war im Sommer 1941 in der Bäcker Kompanie Nr. 562, die zur 16. Armee gehörte. Laut seiner Aussage fuhr er auf dem Weg zu seinem neuen Quartier an der Lietukis Garage vorbei und sah eine Ansammlung von Leuten. Neugierig stieg er auf sein Auto um wegen der Menschenmenge besser sehen zu können. Er sah litauische Zivilisten, die andere Zivilisten mit allen möglichen Dingen bis zur Leblosigkeit schlugen. Im Unverständnis was dort ablief, fragte er einen deutschen Soldaten, der ihm die Auskunft gab, dass hier aus der Stadt eingesammelte Juden umgebracht würden. Sie würden getötet von eben aus dem Gefängnis entlassenen Litauern. Als Röder den Garagenhof erreichte, waren etwa 15 Menschen ermordet und weitere wurden herangeführt. Man konnte auch Mitglieder der LAF mit ihren Armbändern sehen. In den zehn Minuten an der Garage, sah er wie etwa zehn bis fünfzehn Juden erschlagen wurden. Alle Wehrmachtsangehörigen, die vor Ort waren, kamen durch Zufall dahin und haben sich an den Taten nicht beteiligt. Auch SS und SD war nicht zu sehen. Als Röder den Morden zuschaute, war der auf späteren Fotos zu sehende Weissarmbändler mit der langen Eisenstange noch nicht da.

 

Stahlecker-Bericht (Auszug)

Walter Stahlecker, Führer der Einsatzgruppe A, zu den Pogromen im Juni 1941 in Kowno (Kaunas/Kauen)

"Auf Grund der Erwägung, dass die Bevölkerung der baltischen Länder während der Zeit ihrer Eingliederung in die UdSSR unter der Herrschaft des Bolschewismus und des Judentums auf Schwerste gelitten hatte, war anzunehmen, dass sie nach der Befreiung von dieser Fremdherrschaft die nach dem Rückzug der Roten Armee im Lande verbliebenen Gegner in weitgehendem Maße selbst unschädlich machen würde. Aufgabe der Sicherheitspolizei musste es sein, die Selbstreinigungsbestrebungen in Gang zu setzen und in die richtigen Bahnen zu lenken, um das gesteckte Säuberungsziel so schnell wie möglich zu erreichen. Nicht minder wesentlich war es, für die spätere Zeit die feststehende und beweisbare Tatsache zu schaffen, dass die befreite Bevölkerung aus sich selbst heraus zu den härtesten Maßnahmen gegen den bolschewistischen und jüdischen Gegner gegriffen hat, ohne dass eine Anweisung deutscher Stellen erkennbar ist.
In Litauen gelang dies zum ersten Mal in Kauen durch den Einsatz der Partisanen. Es war überraschenderweise zunächst nicht einfach, dort ein Judenpogrom größeren Ausmaßes in Ganz zu setzen. Dem Führer der oben bereits erwähnten Partisanengruppe, Klimaitis, der hierbei in erster Linie herangezogen wurde, gelang es, auf Grund der ihm von dem in Kauen eingesetzten kleinen Vorkommando gegebenen Hinweise ein Pogrom einzuleiten, ohne dass nach außen irgendein deutscher Auftrag oder eine deutsche Anregung erkennbar wurde. Im Verlaufe des ersten Pogroms in der Nacht vom 25. zum 26. 6. wurden über 1.500 Juden von litauischen Partisanen beseitigt, mehrere Synagogen angezündet oder anderweitig zerstört und ein jüdisches Wohnviertel mit rund 60 Häusern niedergebrannt. In den folgenden Nächten wurden in derselben Weise 2.300 Juden unschädlich gemacht. [...]
Durch Unterrichtung der Wehrmachtsstellen, bei denen für dieses Vorgehen durchweg Verständnis vorhanden war, liefen die Selbstreinigungsaktionen reibungslos ab. Dabei war es von vornherein selbstverständlich, dass nur die ersten Tage nach der Besetzung die Möglichkeit zur Durchführung von Pogromen boten. Nach der Entwaffnung der Partisanen hörten die Selbstreinigungsaktionen zwangsläufig auf."



(Aus: Stahlecker-Bericht über die Tätigkeit der Einsatzgruppe A. vom 22. Juni bis 15. Oktober 1941, 15. 10. 1941, zit. nach: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Nürnberg 1949, Bd. XXXVII, S. 682 f.)

 

 

 

Quellen:

Leonid Olschwang: "Die Mörder werden noch gebraucht"

Solomonas Atamukas "The hard long road to the truth"

Axis History Forum "What really happened at the Lietukis garage in 1941"

Elisabeth Boeckl-Klamper "Pogrome in Kaunas 1941" im DÖW (Dokumentationsarchiv des österreich. Widerstandes)

Klee, Dreßen, Rieß "Schöne Zeiten" Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer

Zvi Gitelman "Bitter Legacy     Confronting the Holocaust in the USSR"

 

Die Fotos kann man sehen beim Bundesarchiv

 

 

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