In der litauischen Geschichtsforschung über die Jahre 1940 und 1941 gibt es drei verschiedene Ansätze

 

1. Die sowjetische Sicht

2. Die romantisierende Sicht, meist von litauischen Emigranten in den USA

3. Die moderne, nicht einseitige Sicht

 

Einer der litauischen Historiker, die nach dem dritten Ansatz forschen, ist Saulius Suziedelis

 

Saulius Suziedelis, Professor Emeritus der Millersville Universität in Pensylvania

Geboren 1945 in Gotha, verbrachte er seine frühen Jahre in der litauischen Brockton Gemeinschaft in Massachusetts. Seinen Doktortitel erwarb er 1977 in der Universität Kansas über russische und osteuropäische Geschichte. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel.

Seit 1998 ist er Mitglied der Internationalen Kommission zur Erforschung von Sowjet und Naziverbrechen in Litauen. Er hält unter Anderem Vorlesungen in der Universität von Vilnius.

 

 

"Der einzige Weg für Litauer, sich von ihrer schweren Last iher schwierigen Geschichte von 1941 zu erleichtern, ist der, sich ihrer anzunehmen."

 

 

Folgender Aufsatz beschreibt die heutige Situation in Litauen.

 

 

THE BURDEN OF 1941 Die Bürde von 1941

Von Saulius Suziedelis



Erschienen in Lituanus, Litauisches Journal für Kunst und Wissenschaft
Verwendung und Übersetzung mit freundlicher Erlaubnis des Autors.



Vielen Dank an die Übersetzter Christine Bombeck (Mai 2011) und Wolfgang Amadeus Möckel



Wenige Themen fordern mehr zu Streitgesprächen heraus als die Liebe zur Nation und seiner Geschichte.
Dies gilt in besonderer Weise dann, wenn es um das Gefühl von Menschen geht, Opfer zu sein. Dann wird die Diskussion im Flüsterton geführt, passend zu den heiligen Erinnerungen, oft an Gebiete, welche als „heiliger Grund“ geweiht sind, wie es Lincolns gefeierte Phrase ausdrückte.

Es ist schwierig, sich eine Gesellschaft von Bedeutung (national oder religiös) ohne die Mythen, Zeremonien und Rituale - die mit Erinnerung verbunden sind - vorzustellen.

Wir sind letzten Endes das, was wir waren, oder immerhin das, was wir dachten zu sein; In diesem Sinne sind Nationen “Eingebildete Gemeinschaften“.


Zweifellos: Wie wir uns die Vergangenheit vorstellen, ist ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Auslöser für die Entwicklung der gemeinschaftlichen Identität, insbesondere die des nationalen Bewusstseins.


Das Ziel der Erinnerung ist die Bestätigung einer bestimmten Sicht auf die gemeinsame Geschichte und die Stärkung der Gruppenloyalität - die Veranstaltung von verschiedenen Gedenkfeiern ist, im Grunde genommen, ein politischer Akt.

Schon von Natur aus lässt der Akt der Erinnerung keine kritische Analyse zu, Grautöne sind nicht willkommen.



Das ist besonders zutreffend für historische Ereignisse, die sich durch Massengewalt auszeichnen.

Kriege, Revolutionen und Völkermorde ziehen Sieger sowie Verlierer nach sich, Täter sowie Opfer, und es ist natürlich, dass dabei unvereinbare Erinnerungen aufeinandertreffen.


Kaum eine historische Periode ist für die Litauer dermaßen verzwickt wie der Sommer und Herbst 1941, Monate, die Zeugnis ablegen für beispiellose Katastrophen der Nation, die Massendeportationen der „Juni-Tage“ ; der Nazi- Einmarsch und der darauf folgende anti-sowjetische Aufstand und vor allem, der Holocaust.
Nichts in der nationalen Vergangenheit hätte das litauische Volk auf diese Katastrophe vorbereiten können, besonders für den Umfang der Gewalt, der keine historischen Parallelen, weder im quantitativen noch im qualitativen Sinne hatte.
Der 28. Oktober 1941 steht für einen brutalen Rekord.

neuntes Fort Kaunas

IX. Fort Kaunas, heute ein Museum, ein Besuch lohnt sich


An diesem Tag, vor sechzig Jahren, wurden fast 10.000 litauische Juden im IX. Fort in Kaunas von den Nazis und ihren örtlichen Kollaborateuren ermordet.
Niemals zuvor waren so viele Menschen auf litauischem Boden in so kurzer Zeit ermordet worden.
Es ist kein Wunder, dass der schmerzliche Rekord von 1941 weiterhin die litauische Gesellschaft konfrontiert, beschämt und quält.



Die Politik der Erinnerung dieser Vorfälle des Jahres 1941 ist aus psychologischen und politischen Gründen kompliziert.
Viele Litauer und Juden erinnern sich an diese tragische Geschichte, besonders der ersten Woche des Nazi-Sowjetischen Krieges, aus so unterschiedlichen Perspektiven, dass es manchmal unmöglich scheint, das sie sich auf das gleiche Ereignis beziehen.

Deutscher Einmarsch in Russland 1941

Deutscher Einmarsch in Russland Bundesarchiv

 


Bisweilen haben politische und kommunale Führungspersönlichkeiten das Wasser getrübt, indem sie sich einmischten und vereinfachte Versionen der Vergangenheit beisteuerten, um ihren Anhängern zu gefallen, anstatt die viel komplexeren historischen Prozesse zu erklären.
Viele Leute der älteren Generation, die sich immer noch an die Geschehnisse erinnern können, verbleiben starr in einer Art Gedächtnisfestung und reagieren heftig auf jede vermeintliche Drohung gegen ihren lange aufrechterhaltenen Tunnelblick auf die Vergangenheit.
Aus gutem Grund halten sich sowohl Juden als auch Litauer für Opfer des „Zweiten Weltkrieges“. Es gibt keinen Grund, diesen Status in Frage zu stellen.

Karte mit Angaben der von Einsatzgruppe A durchgeführten Exekutionen (Stahlecker an Heydrich, Holocaust Museum)

 

Aber die Betonung des Märtyrertums und der Opferrolle hat im Laufe der Jahre geholfen,
ein starres Muster aus kollektiven Erinnerungen aufzubauen, undurchdringlich für jede auf neuen Forschungsergebnissen basierender Korrektur.
Zwei Beispiele werden genügen. In einer kürzlichen Rezension der Memoiren des Tivadar Soros wies der bekannte ungarische Gelehrte Istvan Deak darauf hin, dass „es sehr viele mitfühlende Zuschauer außerhalb Dänemarks gab,“ und kritisierte die Verfechter einer vereinfachten Ansicht, „die meinten, dass es während des Holocaust lediglich Täter, gefühllose Zuschauer , abgestumpfte Opfer und bloß eine handvoll Retter gab.“
Das litauische jüdische Museum hat kürzlich umfangreiche Listen litauischer Retter veröffentlicht, die mittlerweile auf mehrere Tausende geschätzt werden, provozierte damit aber etwas Gemurre, die Litauer würden versuchen, die Zahl der guten Nichtjuden „aufzublähen“.
In einer Nation von drei Millionen ist das beträchtlich mehr als eine Handvoll.

[AK: Yad Vashem hat 772 Litauer zu Gerechten unter den Völkern erklärt im Vergleich zu 476 Deutschen]


Ihrerseits haben die Litauer oft behauptet, dass es nur eine kleine Schar einheimischer Täter während des Holocausts gab, quasi der Abschaum der Gesellschaft, und dass ein großer Teil der Morde von Deutschen in litauischen Uniformen ausgeführt wurde.
Letzteres ist ein Mythos, für den es keine zuverlässigen Beweise irgendwelcher Art gibt.
Schlimmer noch, versuchen viele den Völkermord als Vergeltung für die angeblichen „Verbrechen der Juden“ zu rechtfertigen.


Als der Zusammenbruch der Sowjetunion den Weg zu bislang unzugänglichen Archiven öffnete, gab es große Erleichterung darüber, endlich die störenden historischen Fragen beantworten zu können, und besonders freuten sich diejenigen, die Grund hatten, die Sowjets der Manipulation historischer Forschung zu verdächtigen.
Der nationale Schatz der nun befreiten umfangreichen historischen Sammlungen würde letztendlich die Wahrheit ans Licht bringen und der politisierten Spekulation über bestimmte historische Fakten ein Ende setzen!
Einige predigten, das Urteil der Archive zu akzeptieren, unabhängig davon, ob die Ergebnisse die nationale Seele verletzten.
Es ist verblüffend, wie schnell diese Liebe zur Geschichte und den Archiven verschwand, sobald klar wurde, dass man auf die verstaubten Sammlungen nicht zählen konnte, um die lang gehegten und verehrten Versionen der Vergangenheit bestätigt zu bekommen; wenn überhaupt hatten die Dokumente neue Rätsel über das Jahr 1941 ans Licht gebracht.

 

Jäger Report Bundesarchiv/Wiki, detaillierte Listung Männer, Frauen, Kinder, Politkommissare etc.



Eine komplette Dokumentation der Tragödien und Verbrechen der Nazi-Besatzung muss noch abgewartet werden, aber vieles ist bereits von litauischen Wissenschaftlern unter Einbeziehung der Primärquellen getan worden. Unter anderem können wir Dres. Alfonsas Eidintas, Valentinas Brandisauskas und Arunas Bubnys erwähnen.

 

A. Eidintas (Wiki) A.Bubnys


Die meisten würden zustimmen, dass die umstrittensten Themen die Ereignisse der ersten Kriegswoche sind, einschließlich der Rolle der Litauischen Provisorischen Regierung (Provisional Government, PG), die zwischen dem 23. Juni und dem 5. August 1941 existierte, sowie die Ermordung der Juden am Höhepunkt des Nazi Genozids, also der Sommer und Herbst 1941.
In dieser letzten Periode, der Zeit der Schlachtfelder Litauens, wurde das Judentum des Landes vernichtet, und sie ist die blutigste Seite der modernen Geschichte der Nation.


Niemand sollte daran zweifeln, dass der anti-sowjetische Aufstand von 1941, der den Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieg begleitete, mehr als gerechtfertigt war.

Die Wut der Bevölkerung wurde durch das ungeheuerliche Verhalten der Stalinisten ausgelöst, die zusätzlich zu ihrem brutalen Verhalten während des Jahres der Sowjet- Besatzung, hunderte unschuldige Menschen während des chaotischen Rückzugs der Roten Armee ermordet hatten.
Das Bildnis der heroischen sowjetischen Antifaschisten, denen von einer heimtückischen fünften Kolonne litauischer Verräter „in den Rücken“ geschossen wurde, ist natürlich ein albernes Märchen, das von den Kreml –Verfechtern verbreitet wird.
Doch ist es auch wahr, dass der Aufstand Zeiten von schrecklicher Gewalt gegen echte und vermeintliche Kommunisten, und besonders gegen Juden, entfachte.

27.Juni 1941 wurden an der Lietukis Gargae mehr als 50 jüd. Männer geqüalt und vor den Augen der litauischen Zivilbevölkerung und deutscher Soldaten mit Eisenstangen erschlagen.

Rechts hinten ein Judenhasser in Aktion

Morde an der Lietukis Garage (Bilder Landesjustizverwaltung Ludwigsburg)


Die Massaker der Nacht vom 25. auf den 26. Juni in Vilijampole sowie die Lietukis- Garagen- Morde des 27. Junis 1941 sind die entsetzlichsten Beispiele.
Die Deutschen ermutigten, beobachteten und lauerten im Hintergrund, trotz alledem: Die Mörder waren meistens ethnische Litauer.
Es gab auch vereinzelt Vorfälle auf dem Land, einige jüdische Flüchtlinge wurden aufgegriffen, als sie versuchten, nach Osten zu flüchten.
Andererseits, trotz einer Reihe solcher Vorfälle, unterstützen die vorhandenen Beweise nicht das Bild eines großen Mobs von Einheimischen, die Juden zu Tausenden jagten, noch bevor die Deutschen einmarschierten, wie manche behaupteten.
Trotzdem gab es genug Gewalt gegen Juden.

Eines der umstrittensten Themen ist die Frage nach der Rolle der Litauischen- Aktivisten- Front (LAF), die antisowjetische Hauptwiderstandsbewegung, und seine kontroverse Nachkommenschaft, die Litauische Provisorische Regierung (Lietuvos laikinoji vyriausbe).
Im September 2000 beschloss die Litauische Seimas (A.d.Ü.: Parlament) eine Resolution, die dieser Regierung Rechtmäßigkeit bei der Wiederherstellung der Souveränität des Landes zubilligte.
Dies löste einen Sturm der Entrüstung aus.
Der Vorschlag war so schlecht durchdacht, dass der Führer der Konservativen Vytautas Landsbergis, der die Maßnahme befürwortet hatte, Präsident Adamkus unverzüglich darum bat, den Durchgang zu blockieren.
Die Legislative, die in einer klassischen tragikkomischen Situation gefangen war, widerrief das Gesetz und fachte damit eine weitere Runde der gegenseitigen Schuldzuweisung über die Rolle der Provisorischen Regierung und die blutige Geschichte des Sommers 1941 an.


An dieser Stelle könnten wir uns fragen: Welche Schlussfolgerung kann man mit ziemlicher Sicherheit über die PG und die LAF ziehen?
Niemand bezweifelt deren aufrichtigen Bemühungen für die Wiederherstellung Litauens Unabhängigkeit. Die eigentlichen Probleme entstehen, wenn man überlegt, was für ein Litauen sie schaffen wollten.
Und hier sind die Indizien ziemlich beunruhigend.
Das Litauen, wie es sich die LAF und die PG vorstellten (und Gott sei Dank damit nicht durchkamen), war klar als Gegenteil zur Ersten Republik 1918- 1940 gedacht.

Antanas Smetona


Bei allen Problemen unter der Smetona-Diktatur, die der Staat Litauen zwischen den Weltkriegen hatte, war es doch ein relativ tolerantes Land, das ethnische und religiöse Unterschiede akzeptierte und die westliche katholische Kultur unterstützte.
Trotz des zunehmenden Antisemitismus der 1930er Jahre und den Lockrufen der verschiedenen politischen Systeme, ob Faschismus oder Kommunismus, muss sich das Smetona-Regime nicht vor einem Vergleich mit dem gewaltsamen Rassismus, öffentlichen Lynchen und der Faszination für Eugenik der Amerikaner im gleichen Zeitraum scheuen.
Aber die radikalen LAF-Ideologen, besonders der Polemiker Bronys Raila, verspotteten Smetona. Sie wollten das „Neue Litauen“ als eine antisemitische, nationalistische Ein-Parteien-Diktatur mit einem Führer (vadas). Dieser sollte eine disziplinierte, ethnisch und kulturell monolithische Nation zu einer neuen Zukunft unter Leitung von „Großdeutschland“ führen.

A.Voldemaras (lks. auf der Bank) mit G.Stresemann

 


Eine extreme Fraktion von Unterstützern Augstinas Voldemaras , eine Gruppe die innerhalb der LAF arbeitete, hatten sich ein rassisch rein „arisches“ Litauen vorgestellt.
Diese Handvoll radikaler Offiziere war in ihrer Weltsicht durch und durch nazifiziert.
(Die älteren Mitglieder der LAF, z. B. General Stasys Rastikis, konnten sich nur schwer mit dieser neuen Radikalität abfinden). Es ist wichtig zu erkennen, dass diese Beschreibung des Parteiprogramms keine sowjetische Propaganda ist. Man braucht nur die Schriften und Dokumente der Radikalen zu lesen.



Keineswegs waren alle Litauer fasziniert vom „Neuen Europa“, aber diejenigen die es waren, hatten eine Menge Gesellschaft
Von Frankreich über die Slowakei, Norwegen und Kroatien, 1941 war die Stunde derer, die eine heroische Sichtweise auf einen wiedererstarkten Kontinent hatten , der sich von den jüdisch-bolschewistischen Fesseln und der bedrückenden „Plutokratie“ des korrupten „angelsächsischen“ Kapitalismus zu befreien suchte.
Um das zu sehen, müssen wir nur lesen, was die Bewunderer der „Neuen Ordnung“ selber vorschlugen.
Zweifellos würden die meisten Litauer, die sich die Mühe machten, diese Autoren heute zu lesen (sollte man jedenfalls hoffen), tief beschämt sein, aber diese Männer sind genauso Teil der Landesgeschichte wie die Märtyrer und Helden.

Da der Genozid der Juden die größte einzelne Gräueltat in der modernen litauischen Geschichte darstellt, ist es kaum überraschend, dass die aktuelle litauische Forschung die zwei Hauptthemen, die den Kern der „Bürde von 1941“ bilden, gegenüberstellt: die Rolle der politischen und kommunalen Führer des Landes im Angesicht des Holocaust sowie die Art und Weise des Genozids an sich.
Zwangsläufig müssen wir dann die Aktivitäten und Überzeugungen von zwei Institutionen untersuchen: der PG und der litauischen Polizei.
Die antisemitischen Überzeugungen der LAF und der PG sind bekannt.

Zeitung der LAF vom 27.7.1941 (jewishgen.org)

 


Jeder, der die erste Ausgabe von “I Laisve“ gelesen hat, ist betroffen von der Polemik auf der Titelseite.
Die Stunde der Befreiung wird begrüßt mit der Anschuldigung, dass „Juden und Bolschewisten“ ein und dasselbe sind.
Es gibt sogar noch schärfere Stellen in Naujoji Lietuva (herausgegeben in Vilnius) und in Zeitungen der Provinz.
Obwohl es wahr ist, dass die deutschen Militärzensoren ihre Arbeit wenige Tage nach dem Einmarsch begannen, initiierten sie diese Artikel nicht (wenngleich sie den Inhalt gebilligt haben werden).
Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass litauische (oder kroatische oder französische) Antisemiten ihre Hassreden mit Nazigewehren an ihren Köpfen verfassten.
Die PG verstand die antisemitische Atmosphäre im Lande.
Wie die meisten Regierungen, versuchte sie die Bevölkerung daran zu hindern, dass Gesetz selber in die Hand zu nehmen.
Andererseits verdeutlichen die neu entdeckten Protokolle der PG-Kabinettsitzungen, dass sie zwar keine Absicht hatte, Juden in Massen zu töten, aber dennoch bereit war, antijüdische ökonomische Maßnahmen, (basierend auf den Nürnberger Gesetzen der 1930er Jahre), zu verordnen.
Der umfassendste Ausdruck des offiziellen Antisemitismus der PG war der Entwurf des Kabinetts über die „Statuten der Situation der Juden“ (Zydu padeties nuostatai) vom 1.August 1941.

 

[AK: Siehe dazu auch: Holocaust in Litauen,V. Brandišauskas, S. 52f]

Die Männer der PG fühlten sich deutlich unwohl, waren schockiert von den Ausschreitungen, und es ist aktenkundig, dass sie sich von den Progromisten distanziert haben, besonders von der berüchtigten „Klimaitis–Bande“.

Juozas Luksa, Viktoras Vitkauskas, Petras Naujokas, Bronius Trumpa and Kazys Sirvys Klimaitis Freunde (Axis History Forum)

 

Die Protokolle besagen, dass Minister Landsbergis-Zemkalnis von der extrem grausamen Folter an den Juden in der Lietukis-Garage in Kaunas berichtete, als er Zeuge der berüchtigten Morde des 27. Juni 1941 wurde.
[A.K.: am 22.6.1941 begann der Angriff gegen die Sowjetunion, am 25.6.1941 marschierte die Wehrmacht in Kaunas ein]
Was entschied also das Kabinett?
In ihren eigenen Worten: „ Trotz der Notwendigkeit von Maßnahmen gegen die Juden wegen ihrer kommunistischen Aktivität und angerichteten Schäden bei der Deutschen Armee sollten Partisanen und Einzelpersonen öffentliche Hinrichtungen von Juden vermeiden“. [Hervorhebungen durch den Administrator]
Das ist kaum als eindringliche Verurteilung der antijüdischen Gewalt zu verstehen.
Der Metropolit des Landes, Erzbischof Juozas Skvireckas, welcher seinem Tagebuch anvertraute, dass Hitlers „Mein Kampf“ auch ein paar gute Punkte über die jüdische Weltverschwörung enthielt, schrieb auch über sein Entsetzen wegen der Lietukis- Garagen- Morde, und sandte seine rechte Hand, Monsignore Kazimieras Saulys, um bei den Kaunaer Machthabern gegen solche Exzesse zu intervenieren.
Aber all dies führte nicht zu Protesten der Öffentlichkeit, die zum Überdenken des Verhaltens wenigstens einiger der Litauer hätte führen können, die mehr oder weniger freiwillig bei den Morden mitgemacht hatten.
Die Einheiten, die weiter den Tod in den Festungen um Kaunas herum verbreiteten, bestanden nicht aus Außerirdischen: Das waren junge litauische Männer, die trotz allem in einem vorwiegend katholischen, westlich orientierten Land aufgewachsen waren.
(Natürlich kamen viele Nazis aus einer ähnlichen Kultur).
Nur öffentliche Führung hätte die schlechte Atmosphäre des ethnischen Hasses dämpfen können.
Mit anderen Worten, die Institutionen, die die Verantwortung für die Wiederherstellung einer befreiten Nation übernahmen, unterließen es, eine klare Botschaft abzugeben.
Eine einzelne Stimme innerhalb des Kreises der PG, die des Historikers Zenonas Ivinskis, drängte die PG angeblich dazu, sich öffentlich von den Morden an den Juden zu distanzieren, jedoch vergeblich.
Es ist wahr, dass der stellvertretende Premierminister Juozas Ambrazevicius (Brazaitis) während der letzten PG–Sitzung bedauerte, dass die PG die Ermordung der Juden in den Provinzen „nicht hatte beeinflussen können“.
Erneut war das kaum eine strenge Anklage der Massenmorde von Tausenden von Bürgern dieses Landes.



Keine Handlung der PG, wie auch jeder anderen litauischen Führung, hätte den Holocaust verhindern können.
[Hervorhebung AK]
Auch wenn nicht ein einziger Litauer den Finger gegen die Juden erhoben hätte, hätten die Deutschen die meisten ihrer Taten mit einem oder zwei zusätzlichen ihrer Polizeibataillone erreicht.
Öffentlicher Widerstand gegen die Massaker seitens der politischen Führer hätte die Juden nicht gerettet, aber die Ehre der Nation bewahrt.
Anfang Juli war der litauische Militärkommandant von Kaunas, Col. Jurgis Bobelis, zum Rapport bei der PG.
Zur gleichen Zeit veranstalteten die Nazi- Einsatzkommandos Massenerschießungen in den Forts von Kaunas, für die das litauische Büro des Kommandanten, (eingesetzt Mitte Juli von einer Nazi-Fraktion litauischer Offiziere unter Leitung der Gestapo), eigentlich die Verantwortung hatte.
Die PG hatte keine richtige Kontrolle über die litauischen Organe, die bei den grausamen Aktionen kooperierten, sie hatte ihrer Bildung aber zugestimmt.
Außerdem ließ die öffentliche Ausrichtung der PG auf das Reich und seine kriecherische Dankbarkeit für Hitler und das „Großdeutsche Reich“ die Öffentlichkeit nicht gerade vor den Völkermordabsichten der Nazis warnen.
Keine ausländische Regierung erkannte die PG an und sogar das litauische Diplomatische Corps, welches in den westlichen Hauptstädten noch funktionierte, war beunruhigt über die politische Richtung der Rebellenregierung.
Das war das unselige Regime, das die Seimas [A.K.: Litauische Parlament] mit den Patrioten des 16. Februar 1918 und 11. März 1990 gleichsetzen wollte.


Zu deren Verteidigung: Die meisten Mitglieder der PG weigerten sich, dem von den Nazis eingesetzten Rat, geleitet von General Petras Kubiliunas, beizutreten.
Die Regierung wurde am 5. August 1941 formal aufgelöst, obwohl sie immer noch auf Freundschaft mit Deutschland beharrte.
Dennoch blieb eine rudimentäre Verwaltung intakt, welche mit der Wahrung von Recht und Ordnung beauftragt und größtenteils von Offiziellen besetzt war, die schon vor der sowjetischen Besatzung dort gearbeitet hatten.
Die wichtigste inländische Strafverfolgungsbehörde war die litauische Polizeiabteilung, welche ihre Hauptabteilung in Kaunas hatte und von Oberst Vytautas Reivytis beaufsichtigt wurde.
Diese Behörde sollte eine fatale Rolle bei der Zerstörung des litauischen Judentums spielen.
Der Entschluss für den Massenmord wurde in Berlin getroffen.

 

Karl Jäger Leiter Einsatzkommando 3 (SS-Standartenführer)

 

In Litauen war Leiter und Buchhalter der Zerstörung der SS – Standartenführer Karl Jäger, dessen Berichte [A.K.: Jäger-Report] vom 1. September und 1. Dezember 1941 als grausige Geschäftsberichte des Völkermords hervorstechen.
Aber der Meister des Details, Leiter des täglichen Tötens, war ein ziemlich rangniedriger Nazi-Scherge aus Kiel, der 28 jährige SS-Sturmbannführer Joachim Hamann.
Der ältere Vytautas Reivytis hätte sich gegenüber Hamann hinsichtlich Dienstgrad und sozialen Status überlegen fühlen können. Als Sohn eines angesehenen Patrioten aus Mazeikiai fing der junge Reivytis 1925 im Polizeidienst an, nachdem er das Studium der Kriminalwissenschaften in Kaunas und Berlin abgeschlossen hatte. Er stieg in der Polizeibürokratie auf und erhielt einen hohen Rang bei der Bahnpolizei.
Als begabter Schütze, Jiu – Jitsu-Experte (der mit einigem Erfolg an internationalen Wettkämpfen teilnahm) und Luftfahrt-Begeisterter, passte Reivytis in das Image der Voldemarininkai, [A.K.: Anhänger von Augustinas Voldemaras] der harten rechtsradikalen „Männer der Tat“.
1940 flüchtete Reivytis nach Deutschland, bevor die Sowjets sein Schicksal in die Hände nehmen konnten.


Im Laufe des Sommers und Herbstes 1941 durchstreifte ein mobiler Trupp (das Rollkommando) unter Führung des energischen Hamanns das Land und tötete zehntausende Juden auf brutale Weise.
Die Einheit beschäftigte etwas ein Dutzend Deutsche und mindestens fünfmal so viele Litauer, die von Leutnant Bronius Norkus befehligt wurden.
Wo auch immer sie hingingen, wurden Hamann und Norkus von Mitgliedern der lokalen Polizei unterstützt, die unter geheimer Anweisung von Reivytis die bedauernswerten Juden zusammentrieben und bewachten.
Während großer Aktionen wie in Marijampole und Rokiskis wurden lokale Männer hinzugezogen, um die Reihen der Schützen aufzustocken.
Wann immer Probleme aufkamen, bat Reivytis Hamann unverzüglich um Anweisungen, selbst für kleinste Details der Operation.
Man weiß nicht ob sich der Oberst über seine demütige Unterordnung unter einen kleinen SS- Sturmbannführer ärgerte, aber es gab keinen Zweifel über seine Unterwürfigkeit und Loyalität gegenüber den Deutschen während der Besatzung.
Obwohl der Holocaust vor allem ein deutsches Projekt war, leisteten der unterwürfige Reivytis und viele seiner Polizisten ziemlich viel, um die Mörder einzusetzen und zu unterstützen.



Eine detaillierte (vorläufige) Untersuchung der Zahl der Todesopfer zwischen Juni und Dezember 1941, die unter der Leitung der historischen Kommission des litauischen Präsidenten über die nationalsozialistische und sowjetische Besatzung durchgeführt wurde, zeigt, dass mehr als 120.000 Bürger der litauischen Republik, meistens Juden, während dieser Periode von Rollkommandos (deutschen Nazi- Spezialeinheiten), bestimmten litauischen Polizeibataillonen und anderen ausgewählten, meistens einheimischen irregulären Kräften getötet wurden.

Bei einer vorsichtigen Schätzung über die Anzahl der Mörder kommt man auf mindestens ein paar tausend Täter.
Viel neues Material bezüglich des Holocaust in Litauen wurde bereits veröffentlicht und Historiker bereiten Studien vor, die uns bald mit einem weit besseren Verständnis der Tragödie von 1941 versorgen werden.
Größtenteils ist das professionelle historische Establishment der Zweiten Republik, besonders die Gelehrten, die für das Litauische Institut für Geschichte arbeiten, das Forschungszentrum zum Genozid und zum Widerstand (Anmerkung: Lietuvos gyventojų genocido ir rezistencijos tyrimo centras) als auch die litauischen Universitäten zu einer ehrlichen Untersuchung über die Geschichte übergegangen, die lange geleugnet und verzerrt wurde.
Insbesondere die jüngeren Gelehrten scheinen weniger abgeneigt, sich mit einer schmerzhaften und beschämenden Vergangenheit zu konfrontieren.


Diese allgemeine Sicht auf die Rolle der PG und der litauischen Polizei bei den Vorfällen von 1941 läuft in eine ganz andere Richtung als das, was in den Köpfen von mindestens zwei Generationen vorhanden ist.
Die Resonanz auf die vernichtenden Enthüllungen ist deshalb absehbar gewesen.
Wie jeder weiß, der die Polemiken, Rezensionen und akademischen Diskussionen kennt, haben die Standpunkte der neuen Forschung ein breites Spektrum: von völliger Zurückweisung und Leugnung (mit den üblichen Verschwörungstheorien) über das Bezweifeln bestimmter Fakten und Schlussfolgerungen bis zu ihrer Akzeptanz.
Es ist sinnlos, weitere lächerliche Fantasien zu diskutieren, zum Beispiel, dass das NKWD [A.K.: sowjetischer Inlandsgeheimdienst] hinter den Lietukis Morden stand: Solche Grübeleien bringen der Diskussion natürlich gar nichts, obwohl sie die geistige und moralische Unpässlichkeit eines Teils der litauischen Gesellschaft, mehr ein Thema für Sozialpsychologen als für Historiker, widerspiegeln.

Versuche, eine überzeugende entlastende Erklärung für die Aktionen der PG zu konstruieren, sind kläglich gescheitert.
Ernsthaftere Kritik kam von manchen Akademikern, sowohl von Nichtfachleuten als auch von Historikern, die die Authentizität und die Bedeutung der aktuellen Archivfunde und deren Interpretationen in Frage stellten.


Tatsächlich gibt es Widersprüche und Lücken in der historischen Aufzeichnung.
Vielleicht sind manche auch beabsichtigt, denn die sowjetischen Autoritäten waren ziemlich interessiert daran, „bürgerlichen Nationalismus“ anzuzweifeln, und sie waren engagiert, wenn es um Desinformationen ging, besonders während der 1970er und 1980er Jahre.
Aber es gibt keinen Beweis, dass irgendwelche wichtigen Dokumente, auf denen die aktuellen Studien basieren, in irgendeiner Form verändert oder gefälscht wurden.
Jeder Fachmann, der mit Dokumenten in den Archiven gearbeitet hat, weiß, dass sie Unstimmigkeiten, Widersprüche, ja sogar gelegentlich Tatsachenfehler enthalten können.
Sekretärinnen vertippen sich bei Daten, Funktionäre übertrieben gegenüber ihren Vorgesetzten; manchmal logen die Autoren, verdrehten Tatsachen oder verschwiegen etwas.
Sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, die kleinen Widersprüche von den großen zu trennen, ist Teil des Historikerhandwerks.
Keine wissenschaftliche Rekonstruktion der Vergangenheit ist jemals vollendet, jemals wirklich perfekt bis auf den letzten Baustein zusammengefügt worden.
Gelehrte können auch anderer Meinung über die Bedeutung von Beweisen sein, auch wenn sie die Beweise an sich anerkennen.
Eine der Taktiken der amerikanischen Kreationisten ist es, mit Freude die Unstimmigkeiten unter den evolutionären Biologen und die Lücken in den fossilen Daten als Beweis gegen die wissenschaftliche Basis der Evolution zu zitieren.
Aber wir wissen, dass kein seriöser Wissenschaftler glaubt, das die Erde 6000 Jahre alt ist, selbst wenn sie nicht genau sagen können, wann auf der Erde wirklich Leben entstanden ist.

Mit anderen Worten: das allgemeine Bild bleibt gültig, selbst wenn manche Teile des Puzzles nicht ganz passen.
Als Reaktion über die Funde der Kabinetts – Protokolle der Provisorischen Regierung aus dem Jahr 1941 kam es auch zu Fragen im „Kreationisten Stil“.
Vielleicht gibt es für diejenigen, die sich nicht am politischen Rand befinden, keinen anderen Weg um die Auseinandersetzung mit den unschönen Wahrheiten, die aus den Archiven aufsteigen, zu vermeiden.
Der einzige Weg für Litauer, sich von der Last ihrer schwierigen Geschichte von 1941 zu erleichtern, ist der, sich ihrer anzunehmen.
Wie kunstvoll auch immer präsentiert, die Strategien des Leugnens und der Ausflüchte, das Zeigen und die selbstgerechte Empörung auf die anderen führen nur dazu, die Gesellschaft weiter zu belasten.
Zuzugeben, dass die moralischen und politischen Führer des Jahres 1941 versagten, und dass Tausende von Litauern am Holocaust beteiligt waren, ist eine der Vorbedingungen für Litauens Akzeptanz als Mitglied der transatlantischen Gemeinschaft der Nationen.
Das Erkennen einer historischen Last ist nicht das gleiche wie das Akzeptieren einer kollektiven Schuld.
Keine rechtschaffene Person behauptet, dass Litauen ein Land von Kriminellen ist, oder das die heutigen Litauer verantwortlich dafür sind, was 1941 passierte (nicht mehr als heutige Amerikaner für die Sklaverei verantwortlich sind).
Aber das Erbe dieser Verbrechen - die historische Bürde – wird bleiben.
Versuche des Ausweichens, Leugnens, Minimierens oder des Umdeutens der historischen Vergehen werden langfristig nicht erfolgreich sein.
Am 60. Jahrestag des Holocaust in Litauen, dem 20. September 2001, hielt die Seimas [A.K.: Parlament] eine Gedenkfeier, während der Alfonsas Eidintas (der Historiker ist nominiert als nächster litauischer Botschafter in Israel) eine eloquente Rede hielt.
Seine Rede mag die direkteste und ehrlichste öffentliche Abrechnung mit der litauischen Judenvernichtung sein.


Der schrecklichste und wichtigste Aspekt der traurigen Geschichte war, so folgert er, dass „manche litauischen Bürger beim Mord anderer litauischer Bürger geholfen haben“.


Wenn man sich das eingesteht, akzeptiert man die Bürde von 1941.

 

Das englische Original mit Anmerkungen gibts hier

 

Zurück