Waldbrüder - Kampf um Litauen

Nach der neuerlichen Besetzung Litauens durch die "Rote Armee", zogen sich viele Männer in die dichten litauischen Wälder zurück. In der Hoffnung mit alliierter Hilfe die russische Besatzung schnell zu beenden, kam es zur Gründung kämpfender Verbände, zuerst aus den Reihen der "LAF". Diese Gruppen werden im Volksmund "Waldbrüder" genannt. Anfangs waren noch versprengte deutsche Soldaten dabei. Von Ruth Leiserowitz.

Ruth Leiserowitz ist stellvertretende Direktorin am Deutschen Historischen Institut in Warschau.

 

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Zuerst erschienen in Horch und Guck 2004

Waldbrüder – der bewaffnete Widerstand im Nachkriegslitauen

Am 4. Juli 1944 überschritt die Rote Armee die litauische Grenze im Nordosten des Landes. Damit begann innerhalb von vier Jahren die zweite sowjetische Okkupation.

Das ZK der Litauischen Kommunistischen Partei (LKP) und der Rat der Volkskommissare (RdV) der Litauischen sozialistischen Sowjetrepublik (LSSR) wandten sich am 5. Ju­li an die litauische Bevölkerung: "Schon ist die lang ersehnte Befreiungsstunde her­ange­kommen. Die Zeit ist gekommen, da wir mit Freude die Rote Armee der Befreier bei ihrem Einmarsch in Litauen begrüßen können [...]."1 Die Pravda schrieb: "Litauen ist in die sowjetische Völ­kerfamilie zurückgekehrt!"2 Moskau versuchte, die Ok­ku­pationspolitik von 1940 fortzusetzen und verlangte im Juli 1945 sogar von der sowjetlitauischen Re­gierung, den fünften Jahrestag der LSSR zu begehen.

 

Die Machtübernahme der sowjetischen Kom­­munisten war mit Ausnahme der Einbe­rufungsaktionen für die Rote Armee bis zum Sommer 1945 noch nicht so stark spürbar. Nach sowjetischen Quellen mobilisierte man in Litauen ca. 100 000 Männer zwischen 18 und 37 Jahren.3 Bei der Musterung wurde nicht sehr streng verfahren, so daß viele, die vorher in den Reihen der Deutschen gekämpft hatten, jetzt auf der anderen Seite standen.

Snieckus Snieckus (Wiki)

Die Männer an der wieder existierenden Staats- und Parteispitze, der Erste Sekretär der LKP, Antanas Sniečkus, und der Vorsitzende des RdV Mečyslovas Ged­vilas, hatten ihre Positio­nen schon im Sommer 1940 bekleidet und sich während der deutschen Okkupationszeit in der UdSSR aufgehal­ten. Die wieder eingesetzte Regierung stand nun vor der schwier­igen Auf­gabe, die drei verschiedenen Landesteile – das Kaunaser Litauen (vor­mals die unab­hängige Republik Litauen), das Wilnagebiet (während der Zwi­schenkriegs­zeit auch als Mittellitauen bezeichnet) und das Memelland (mit starkem deut­schen Einfluß) – zu einem Staatsgebilde zu vereinen. [AK: Litauische Geschichte in Kurzform: Geschichte Litauen]

 

Litauen hat­te durch die sowjetischen Deportationen des Jahres 1941 und durch die deutsche Besatzung große Be­völkerungs­ver­luste erlitten: Nach dem Anschluß der baltischen Republiken an die UdSSR im Juli 1940 und deren Umgestaltung in Sowjetrepubliken wurden für Juni 1941 umfangreiche Verbannungsaktionen beschlossen. Vom 14. – 21. Juni wurden in Litauen insgesamt 35 000 Bürger hauptsächlich aus politischen Gründen lebenslang verbannt, darunter vor allem ehemalige Beamte der Republik Litauen: Offiziere, Lehrer und deren Familien. Männer wurden dabei von ihren Familien getrennt. Die Depor­tationswelle endete durch den Einmarsch der deutschen Wehrmacht. Hinzu kam die Zahl von 200 000 ermordeten li­tauischen Juden wäh­rend des Zweiten Weltkrieges.4 Bei Kriegsende befan­den sich viele Litauer auf deutschem Boden. Ein Teil war zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden, ein anderer Teil war vor der Roten Armee geflohen. Nach Kriegsende war­teten 64 000 Litauer in den Lagern der westlichen Besatzungszonen auf eine Aus­wan­derungsmöglichkeit, denn in die besetzte Heimat wollten sie auf keinen Fall zurück.5 Andere Angehörige der Mittelschicht und der Intelligenz hatten 1944 die Flucht ergriffen, so daß es nun an Kräften man­gelte, die die politischen Forderungen der LKP nach Alleinherrschaft auf demokratischem Wege hätten in Frage stellen können. Diese Alternative wurde natürlich auch durch den Mangel an demokratischen Tradi­tionen in der nur kurzen Eigenstaatlichkeit erschwert. Daher griffen die Einwohner auf die seit Jahrhunder­ten geübten Widerstandsformen, vor allem auf den Rückzug in die Wälder, zurück.6 Viele Männer versteckten sich vor­über­gehend in den dichten litaui­schen Wäldern, da sie nicht ihr Leben in einem Krieg riskieren wollten, der nach ihrer Meinung nur noch wenige Monate dauern konnte.

Die ersten widerständischen Gruppen, deren Mitglieder im Volksmund "Waldbrüder" genannt wurden, rekrutierten sich aus Angehörigen der Litauischen Aktivistenfront (im folgenden LAF)7, Soldaten der Plechavičius-Armee (prodeutscher Einheiten), der militärischen Organisation "Kes­­tu­tis", geflüchteten Soldaten, Angehörigen der Schutzbataillone und der Polizei in der deutschen Besatzungszeit. Sie alle einte das Vorhaben, eine erneute Installierung der sowjetischen Macht in Litauen keinesfalls zu dulden und mit allen nur erdenklichen Mitteln zu bekämpfen.

Faktisch wurde die LSSR wie auch die gesamte UdSSR von der Par­tei – der KPdSU – regiert. Die LKP war Bestandteil der KPdSU und zählte Anfang 1945 nur 3 500 Mitglie­der. 1948 war sie schon auf 22 200 Mitglieder ange­wachsen. Häufig traten die Zugezogenen in die Partei ein. Der Anteil der Litauer in der LKP betrug 1948 nur 18,5 %.8 Die LKP war zu jener Zeit damit quasi eine für die Litauer fremde Or­ga­nisa­tion. Seit 1944 schickte Moskau regelmäßig Parteifunktionäre nach Litauen. Darüber hinaus wurde auf Be­schluß des ZK der KPdSU vom 11. November 1944 ein litauisches Büro errichtet und zum höchsten Exekutivorgan der LSSR er­klärt. Bis zum Frühjahr 1946 leitete es Michail Suslov, von dessen Abberufung bis zur Auf­lösung des Büros im März 1947 stand ihm Vla­dimir Ščerbakov vor. Suslov war in den ersten beiden Jahren der eigentliche Herrscher in Litauen. Die Einrichtung des Büros sowie die Entsendung sowjetischer Kader wurden offiziell als "brüderliche Hilfe für die junge Sowjetrepublik Litauen" bezeichnet. Suslov hatte die Aufgabe, die Integration der LSSR in die UdSSR voranzutreiben sowie die Regierungstätigkeit der Litauer zu beauf­sich­tigen. Suslov kannte Sniečkus aus der Kriegszeit und zeigte sich beeindruckt, mit welcher Entschiedenheit dieser unter Zuhilfenahme aller erdenklichen Mittel be­strebt war, den Klassenfeind zu vernichten.9 Als Suslov 1946 Litauen verließ, prophezeite er: "Litauen wird weiter exi­stie­ren, aber ohne Litauer, und es wird sowjetisch sein."10 Nach Suslovs Abberufung aus Wilna schwankte Sniečkus Position. Im Som­mer 1946 schickte das Moskauer ZK eine Inspektionskommission unter Lei­tung von Žvo­ron­kov, die den litauischen Parteisekretär ablösen sollte.11 Sniečkus gelang es, die Vor­würfe gegen ihn abzuschwächen, zog aber seine Lehren daraus. Es ist kein Zufall, daß gerade 1946 ein kompromißloser Kampf gegen die Bauernschaft einsetzte, der sich an er­prob­ten sowjetischen Mustern orientierte. Auch die Verfolgung der Intelligenz sowie der katholischen Gläubigen und Kirchenoberen nahm zu.12

Der Bevollmächtigte des NKVD-NKGB für Litauen, Generalleutnant Tkačenko be­richtete am 25. November 1945 an Berija: "Unberücksichtigt der Tatsache, daß seit dem Be­schluß des ZK der KP vom 15. 8. 1945 ›über die Unzulänglichkeiten und Fehler des ZK der KP Litauens in der parteipolitischen Führungsarbeit‹ schon drei Monate vergangen sind, wird die politische Arbeit weiterhin auf niedrigem Niveau fortgeführt."13

Zu diesem Zeitpunkt hatte allerdings bereits ein umfangreicher Austausch von Ka­dern in Litauen begonnen. Diese Kampagne setzte auf Initiative des Suslov-Büros ein. Al­lein in den Jahren 1944 -1946 wurden aus verschiedenen Einrichtungen ca. 10 000 Mitar­bei­ter aus politischen Gründen entlassen, an deren Stelle man russische Neuan­kömmlinge einstellte.14 So erging Ende 1944, Anfang 1945 Order an ca. 1 000 russische Eisenbahner, nach Li­tauen umzusiedeln und dort Leitungs­posi­tio­nen zu bekleiden.15 Es fand eine intensive Russi­fizierung auf allen Gebie­ten statt. Bei der Mehr­heit der litauischen Bevölke­rung mußte das einen Eindruck der Besatzung hervorrufen, zumal Russisch als Fremdsprache nur von wenigen Litauern beherrscht wurde. So schrieb der Parteisekretär von Lazdijai, Grigonis, in sei­nem Bericht am 22. Sep­tem­ber 1944 an das litauische ZK: "Wenn man ihnen [der Be­völkerung – R.L.] anfängt zu erklären, daß sie jetzt keinem Besatzer dienen, sondern ihr Land verteidigen, antwor­ten sie, daß es keinen Unterschied gibt: Zuerst haben uns die Deutschen besetzt, jetzt die Russen. Dieser Eindruck entsteht, da in den Behörden, in der Musterungskommission, in NKVD und NKGB, überall Russen arbeiten und es wenige litauische Angestellte gibt."16

Nach dem Krieg gab es auch in Litauen, wie in anderen osteuropäischen Ländern, ei­nen originären Linkstrend. Die Kommunisten nutzten diese Haltungen geschickt für sich aus. Eine nicht kommu­nistische Linke war in Litauen fortan nicht mehr vorhanden.

Es ist schwierig, wie auch Ben Fowkes schon festgestellt hat, "ein pas­sendes Wort oh­ne irreführende Nebendeutung für kompromißlose Gegner des kommunistischen Systems zu finden".17 In diesem Aufsatz soll deshalb der litauische nationale Untergrund als nationaler Widerstand bezeichnet werden. Auch die volkstümliche Bezeichnung "Waldbrüder" ist zulässig, während der in der litauischen Geschichtsschreibung verwandte Terminus "Partisan" für die Anhänger des nationalen Untergrundes eher für Verwirrung sorgt und deshalb ausdrücklich nicht verwandt wird.

Nach Meinung des sowjetischen "Gouverneurs" in Litauen, Michail Suslov, und anderer sowjetischer Funktionäre han­delte es sich bei den Widerständlern um Räuberbanden, die im Auftrag der deutschen Gestapo agierten. Suslov behauptete in der Presse, daß die Resistenzkämpfer "Kapitalisten, Gutsbesitzer, Tagelöhner der Deut­schen, Polizisten, höhere Beamte des Smeto­naregimes [sind], die sich bemühen, um jeden Preis ihre Macht und ihr Gut zurück­zuerhalten".18 Die sowjetische Presse bezeichnete sie generell als "Banditen", also mit dem gleichen Terminus, den die Deut­schen 1943 für die gegen sie kämpfenden Partisanen einge­führt hatten.

Da die sowjetische Propaganda stets verbreitete, die Untergrund­be­wegung könne nur durch Unterstützung von Personen und Waffenlagern der deut­schen Wehrmacht existieren, versuchten die Litauer, solchen Behauptungen die Grundlage zu entziehen. Es gab noch immer zahlreiche deutsche Soldaten, die sich nicht in Gefangenschaft begeben hatten, da sie ihre Überlebenschancen in den baltischen Wäldern – eine bewaffnete Widerstandsbewegung existierte auch in Lettland und Estland19 – höher ein­schätzten, als in sibirischer Kriegs­gefangenschaft. Den­noch durften Deutsche in sämtlichen Einheiten des Unter­grundes keine führenden Positionen einnehmen und wurden oft­mals auch nur in separaten Gruppen geduldet.

Der litauische Widerstand gab sich nicht der Illusion hin, die größenmäßig weit überlegene Rote Armee allein besiegen zu können. Vielmehr hoffte man auf die Unterstützung der westlichen Alliierten und versuchte, bis zu ihrem Eintreffen in den Wäldern auszuharren.20 Wäre den Litauern von vornherein klar ge­wesen, daß der Westen die baltischen Freiheits­bestrebungen nicht unter­stützt und keine Aussicht auf irgendeine Form von Interven­tionen besteht, wäre der Zulauf zu den bewaffneten Einheiten weitaus geringer gewe­sen. Die so­wje­tische Propaganda nährte die Gerüchte über einen bevorstehenden näch­sten Krieg, besonders nach Churchills Rede in Fulton, die in der kommunisti­schen Presse propagandistisch ausgeschlachtet wurde. Diese Rede trieb dem Wider­stand wei­tere Mitglieder zu und erleichterte es damit nach Meinung des NKVD, den Klassenfeind zu erkennen und dann unter Waffengebrauch bekämpfen zu können.

Der Widerstand gliederte sich in drei Zeit­ab­schnitte, wobei die erste Etappe von Herbst 1944 bis Frühling 1946 währte. In den ersten Nachkriegs­jah­ren hatten sich ca. 30 000 Unter­grund­kämpfer in den dichten Wäldern verschanzt und torpedierten die Sowje­tisie­rungsversu­che – sie schüchterten Bewohner ein, die den Aufbau der neuen Strukturen unterstützten, sabotierten die Errichtung von sowjetischen Staatsgütern, entfernten sowjetische Propaganda etc. Die sowjetische Führung stationierte daraufhin zwei NKVD-Divisio­nen in Litauen, die gegebenenfalls durch weitere Militärein­hei­ten, auch aus Weiß­rußland und dem Kaliningrader Gebiet, unterstützt wurden.21 Etwa 50.000 Militär­an­gehö­rige bekämpften den Untergrund. Mit dem Einzug des NKVD begann die Tätig­keit der stribai, deren ursprünglicher Name istrebitel [Ver­nichter] lautete. Diese Män­ner, einheimische oder russische de­mo­bi­li­­sierte Armee­angehörige, Partei- oder Kom­somol- bzw. Gewerkschaftsvertre­ter, wurden in den Dörfern eingesetzt, um Volks­feinde aufzuspüren und un­schädlich zu machen, ei­ne Art offensiver bewaffneter Sicherheitsdienst also. Diese Vernichter-Bataillone oder auch "Volksver­teidiger"-Batail­lone waren auf Grund eines Beschlusses des ZK der Litauischen KP vom 24. Juli 1944 gegründet worden. Im Sommer 1945 gab es insge­samt 9 700 solcher "Volksverteidi­ger" auf den Dörfern. Suslov stellte auf dem ZK-Plenum der LKP im Sommer 1945 fest, "daß die istrebiteliai [...] die Menschen auf dem Dorf sind, die uns am meisten ergeben sind."22 Kleinere Gefechte und bewaffnete Über­fälle waren an der Tagesordnung. Es exis­tier­te gleich­falls eine breite Unter­grundpresse. Die offi­ziellen Medien, deren Informationsgehalt zugunsten breiter Propaganda fast völlig geschwunden war, wurden von der Bevölkerung boykottiert.

In der zweiten Phase des bewaffneten Widerstandes, von 1946-1948 be­schlossen die Anführer, ihre Taktik zu ändern und unnötigen Kämpfen auszu­weichen. Sie versuchten, alle Kräfte für die Wiederherstellung des unabhängigen Litauen zu schonen. Die Kämpfer beschränkten sich darauf, Organisationsversuche der örtlichen Kommunisten zu behindern und für die Bevölkerung die Hoffnung auf Freiheit zu ver­körpern. Dazu nutzten sie hauptsächlich ihre breite Pressearbeit, in der sie ausführlich auf außenpolitische Nachrichten eingingen.23 Am 12. Dezember 1947 faßte das ZK der LKP einen Beschluß "Über den ver­stärkten Kampf mit dem bourgeois-nationalistischen Untergrund und seinen bewaffneten Gruppen", in dem drei "Feinde des litauischen Volkes" benannt wurden: Die Groß­bauern, die bourgeoisen Nationalisten und die re­aktionäre katholische Geist­lichkeit.24 Nach 1948 schleusten die Sicherheitsorgane immer mehr Spitzel in den Unter­grund ein. Die langen Jahre im Untergrund und die konspirativen Leb­ensumstände hatten inzwischen auch viele Kämpfer zermürbt und demorali­siert. Seit 1946 waren Angehörige des bewaffneten Widerstandes nach Sibirien ver­bannt worden, wobei De­nun­ziationen nicht überprüft wurden und oftmals der bloße Verdacht ausreichte.

Zur Vergegenwärtigung der Nachkriegssituation Li­tau­ens muß daran erinnert werden, daß das Land innerhalb von nur vier Jahren drei politische Umstürze erlebt hatte: die sowjetische Besatzung von 1940, die deutsche Besatzung von 1941 und die erneute sowjetische Besatzung von 1944. Dieses mußte Spuren in den Biographien der Einwohner hinterlassen und bewirkte Ressentiments und Rache­motive in den unterschiedlichen Bevölkerungstei­len: Russen und Ukrainer, die unter den Deutschen als Zwangsar­beiter nach Litauen gekommen waren, rächten sich an ihren litaui­schen Arbeitgebern. Sympathisanten des Sowjetsystems und Opportunisten traten in die sowjetische Miliz ein und bewarben sich um administrative Po­sten. Hausdurchsuchungen standen auf der Tagesordnung, Wertsachen wur­den konfis­ziert, Einwohner registriert. Die Mehrzahl der sowjetischen Funk­tio­näre trug damals Waf­fen. Übergriffe und Tö­tungsverbrechen galten als Alltagserscheinung. In einem Schrei­­ben des Staatsanwaltes der LSSR, Beliskov, vom 19. Juni 1946 an Sniečkus hieß es: "Die Tatsache, daß Rechtsverletzungen ein Ausmaß gefunden haben, läßt sich daraus schließen, daß allein im Zeitraum von sechs Monaten des Jahres 1945 und 1946 wegen Erschlagens, Erschießens, Mißhandlung und Diebstahls 201 beim Ministerium [dem NKVD - R.L.] angezeigte Personen zur Verantwortung gezogen wurden, darunter 112 Offiziere."25 Die meisten Mitarbeiter des NKVD hielten sich an die Regel: "Erst verhaften, dann untersuchen." Nach Angaben der Staatsanwaltschaft be­fan­­den sich im Frühjahr 1945 bereits 10 800 Personen in den Gefängnissen der Republik. Hinzu kamen 18 700 Per­sonen, die in den Kellern der Kreisbehörden des NKVD arretiert waren.26 Ein Vergleich der Berichte der Staatsanwaltschaft an das ZK zeigt, daß die Übergriffe der Mitarbeiter des NKVD in den Jahren 1947 - 1948 zurückgingen.27 Die LKP jedoch hatte aber keinerlei Einfluß auf die Repressions­organe der Nachkriegszeit, die faktisch Moskau direkt unterstanden.

Noch vor Kriegsende setzte der NKVD die sowjetischen Deportationen nach Sibirien – wie schon 1941 – fort. Als erste Gruppe wur­den 300 litauendeutsche Familien aus Kaunas, Marijampole, Vilka­viškis und Tau­rage am 2. Mai 1945 nach Tadžikistan verbannt.28 Im Sommer 1945 folgten weitere Depor­tationszüge mit Litauern. Die Gesamtzahl der Deportierten betrug 1945 mehr als 5 400 Personen.29 Schon im Oktober 1944 erschien eine Anordnung, Bibliotheken in Schu­len und Ein­richtungen von faschistischer und antisowjetischer Literatur zu säubern. Personen, die "feindliche" Literatur verbargen, wurden zur Verant­wortung gezogen. Auch die Ka­der in Wissenschaft und Kultur muß­ten sich einer "Reinigung" unterziehen. Im so­wjetischen System hatte die Intelligenz an der "ideologischen Front" zu stehen und "Partei und Volk" zu dienen. Blieben Ergebenheitsadressen aus, drohten auch Schweigenden Disziplinarstrafen.
Litauen war ein typisches Agrarland. Kurz nach dem Krieg gestal­tete sich die Situ­a­tion für die Landwirte einigermaßen erträglich. Das Abga­ben­soll erreichte 1945 - 1946 noch nicht die Höhe aus der ersten sowjetischen Besatzung von 1940 – 1941 und lag mit ca. einem Fünf­tel der Eigenproduktion unter den scharfen Forderungen der deut­schen Besatzungsmacht. 1947 begann eine neue stark verschärfte Abgabenpolitik, die die Einzelbauern in den Ruin trieb und auf diese Weise den Weg für die Kollektivierung der Landwirtschaft ebnete.
Nachdem die Wider­standsbewegung geschwächt worden war, konnte die sowjetische Agrarpolitik ihre Zwangskol­lek­ti­vierung in Litauen vollständig durchsetzen. In der dritten und letzten Phase des bewaffneten Widerstandes demonstrierten die Käm­pfer vor allem, daß sie nicht aufgeben wollten. Auf einer gemeinsamen Stabstagung 1949 beschlossen die Partisanen, de­ren Kräf­te bereits zahlenmäßig, physisch und psychisch nachließen, massiv gegen die Kollektivierung vorzugehen und vor allem der Auflösung der Einzelhöfe entgegenzuwirken, die einen Teil ihrer Stützpunkte bildeten. Allein die Existenz der Waldleute verzögerte die Entstehung von Kolchosen maßgeblich. Andererseits muß man zu­geben, daß die Bauern in den Dörfern durch Terror von beiden Seiten bedroht wurden. Sowohl die Partisanen als auch die NKVD-Einheiten requirierten Lebensmittel und Schnaps und vollzogen drastische Bestra­fungsmaßnahmen, wenn ihnen zu Ohren kam, daß jemand die gegnerische Seite unterstützt habe. In den Dörfern lebte man in Angst und Schrecken vor jeglichem nächtlichen Besuch. Immer mehr Verräter und Provokateure schleuste die Sowjetmacht in die Reihen der Waldleute ein, ganze Einheiten wurden verraten und umgebracht. 1953 versteckten sich nur noch kleine Grüppchen des bewaffneten Widerstandes in den westlitauischen Wäldern.

Die Waldleute lebten in kleinen unterirdischen Bunkern, die meistens nur einen Ausgang hatten. Wurden sie dort aufgespürt, blieb ihnen praktisch keine Verteidi­gungsmöglichkeit. Bunker gab es in Wäldern, auf Höfen und auch an den Dorfperipherien. Mit der Zeit mangelte es, auch bedingt durch die Erhöhung des Abgabensolls und die Kollektivierung, an Lebensmitteln.

In den ersten Jahren nutzte man vor allem deutsche Waffen, erst 1948 ging man zu sowjetischen Gewehren über, die meist im Kampf erbeutet worden waren; trotzdem reichte die Munition nie aus.

Die langen Jahre im Untergrund und das konspirative Leben hatten auch viele Kämpfer zermürbt. Seit 1946 wurden Angehörige der Waldleute trotz Amnestien nach Sibirien verbannt. Oftmals wurde eine Denunziation nicht überprüft, der bloße Verdacht reichte aus. Leichen von Mitgliedern der Untergrundbewegung wurden häufig zum Zweck der Identifizierung von Mitarbeitern des MGB öffentlich auf Markplätzen ausgestellt. Verriet sich ein Bürger durch sein Verhalten als Angehöriger, konnte er mit dem Verbannungsbefehl rechnen. Waldleute durften nicht öffentlich beerdigt, ihre Gräber nicht gepflegt werden.

Auch von der letzten Phase des bewaffneten Kampfes zeugen Aufzeichnungen und Tagebücher: Der Widerstandskämpfer Lionginas Baliukevičius, Deckname Dzu­kas, schloß sich 1946 dem bewaffneten Untergrund an, wo er bis zu seinem Tod 1950 aktiv war. Teile seiner Tagebücher sind erhalten geblieben und wurden 1994 veröffentlicht.30 Diese Dokumente schildern deutlich, in welcher Situation, unter welchen Umständen und geistiger Verfassung die Kämpfer Ende der vierziger Jahre lebten. "Ich mag keine großen Wälder. In ihnen fühle ich mich immer, wie in einem Sack. In einem großen Wald kriegt man schwer mit, daß Gefahr droht und wenn sie kommt, dann so unerwartet, daß sie große Verluste bewirkt. Am wichtigsten ist, daß große Wälder die Wachsamkeit vermindern, ist man doch in waldlosen Gebieten an Gefahren gewöhnt, lebt mit ihnen und ist auf diverses Unglück vorbereitet. Vielleicht formt das auch den Menschen, denn ich habe bemerkt, daß die Flachländer immer mutiger sind als die aus der Heide. Sie gehen keinem der zahlreichen Zusammen­stöße aus dem Weg, planen Hinterhalte und Angriffe, während die anderen in ihren Wäldern schlummern. Natürlich gibt es hier auch Ausnahmen, beispielsweise die Leute aus Perloja, die sich durch die Heide treiben. Offensichtlich ist das ein spezifischer lokaler Charakter: mit allen Mächten kämpfen. Schließlich kann man die Heideleute nicht der Ängstlichkeit bezichtigen, im Gegenteil, sie sind kühn, nur ihre Führer sind schon ›zu festgesessen‹. Ein kühner Führer motiviert mit seiner Ausstrahlung alle anderen.

Unbequem an der Heide ist, daß die Leute in Dörfern wohnen und nicht in Einzelgehöften. Es gibt viele Orte, wo die Dörfer bis dicht an den Wald heranreichen, so finden sich hier bequeme Hinterhalte für die Russen. Da reicht eine kleine Gruppe Russen und du setzt keinen Fuß ins Dorf. Aber die Flachländer gehen auf allerlei Weise, durchs das Getreide, durch Wiesen, Strauchgelände; umgeht man die Gehöfte, geht man auch leicht den Russen aus dem Weg."31

Die Hoffnung auf eine Veränderung der internationalen Lage, die viele 1946 noch gehegt hatten, war endgültig zerschlagen. So schrieb Dzukas 1947 anläßlich der Moskauer Außenministerkonferenz:
"Vor uns liegt Ungewißheit und schreckliches Un­wissen. Diese angelsächsischen Diplomaten entscheiden in Moskau über Millionen Schicksale. Kaum zu glauben, daß sie an uns (und hier denke ich nicht nur an die Resistenzleute und an Litauen, sondern an ganz Osteuropa) denken werden. Sie werden sich höchstwahrscheinlich nicht um uns kümmern. Hauptsache, der imperiale britische Löwe magert nicht ab und der Dollar bleibt hart [...] solche häßliche Prosa mag ich nicht – sie paßt nicht zu diesen schönen Tagen."32
Auch die Unterstützung durch die einheimische Bevölkerung ließ nach. Die wirtschaftliche Situation hatte sich immens verschlechtert, es war nicht mehr so ohne weiteres möglich, einen Personenkreis außerhalb des eigenen Haushaltes mit zu versorgen. Andererseits zeichnete sich keine baldige Perspektive ab, während die Repressionen zunahmen, so daß die Mehrzahl der Litauer versuchte, sich irgendwie der neuen Situation anzupassen.

Der schon erwähnte Tagebuchschreiber klagte:
"Die Arbeit wird auch durch die Uneinheitlichkeit der Menschen erschwert. Es gibt viele hervorragende und prächtige Leute. Die Resistenz hat Hunderte von Helden hervor­gebracht, die sich diesen Namen hundertfach verdient haben. Aber es gibt auch Schwächlinge. Ich bin geneigt zu glauben, daß dies das Resultat der mangelnden Kultur unseres Volkes ist. Hier nur ein kleines Beispiel: Vor kurzem kamen wir zu einem Menschen und wollten Lebensmittel haben. Der ist als Bauer nicht schlecht, um mit den Bol­schewiken zu reden, ein ›Kulak‹.33 Wir baten ihn um Fleisch. Der Mensch bot uns ein Stück Brot an und begann zu jammern, daß er überhaupt nichts hätte.

Es stellte sich heraus, daß er sechs Schweine hatte und mehrere Dutzend Stück Geflügel. Natürlich nahmen wir uns einige Truthähne, dennoch muß man sich vorstellen, daß er uns innerlich verflucht hat, verdammt hat und uns vielleicht ein rasches Ende wünschte. Dieses verblendete Menschlein zitterte wegen ein paar Kilo Fleisch, während wir Resistenzler uns nicht über unser Leben aufregen und häufig auf Stribai und NKVD-Leute treffen, die kommen, um von diesem Menschen Abgaben zu fordern. Er zittert um seine Pfennige, während wir alles opfern und unsere Schätze wie einen abgetragenen Handschuh weggeworfen haben. Er fürchtet sich, einen Fetzen zu verlieren."34

Gerade im Winter mußten die Kämpfer lange Zeit in ihren Bunkern sitzen und auf besseres Wetter warten. Da blieb viel Zeit für verschiedene Überlegungen.
"Unser ganzes Ziel ist, so eine Partisanenbewegung zu erhalten, daß man mit Achtung über sie sprechen kann. Schade, daß sich immer noch Flecken finden, dunkle Flecken, die uns beschmutzen. [...] Was wird das für ein Litauen sein, wenn das Volk seine besten Bestandteile verliert (da denke ich nicht nur an die Widerstandskämpfer)? Was wird aus Litauen, wenn im Moment der Entscheidung keiner mehr da ist, der sich erheben könnte, der es wieder herstellen könnte?"35

Die existienziellen Probleme nahmen immer mehr zu. Aber es gab andererseits auch kein Zurück, keine Möglichkeit der Legalisierung. So schrieb Dzukas: "Manchmal beginne ich mich selbst zu beruhigen: Na, es wird doch alles gut. Wir werden eine Druckerei einrichten, Buchstaben zum Satz haben wir schon, ich werde die gesamte Presse­abteilung übernehmen, wir werden unsere Propagandamaschine mit ganzer Kraft anschieben. Aber wie willst Du sie in Bewegung setzen, wenn das Radio kaputt ist, und man kein Gramm Papier bekommen kann? Wenn nur ein Teil fehlt, steht die ganze Arbeit. Und so ist es jetzt: Wir haben keinen Bunker und einen so einzurichten, daß er sich für unsere Arbeit eignet, ist schwierig. Aber wenn es nur um die Einrichtung eines Bunkers ginge... Es gibt keine Leute, keine Intelligenz, und diejenigen, die noch übriggeblieben sind, verringern sich allmählich. Es ist schwer, neue zu finden, die an die Stelle der Gefallenen treten, und die, die kommen, ersetzen sie nicht. In unserem Bezirk sind schon über 1 000 Mann gefallen. Eine schreckliche Zahl! Schwer, darüber nachzudenken. Auch die Uneinigkeit unserer Leute erschwert unsere Arbeit. Es gibt viele vorzügliche und verdiente Menschen. Der Partisa­nenkampf hat viele Helden hervorgebracht, die sich diesen Namen verdient haben, aber es gibt auch Schwächlinge. Ich glaube wie gesagt, daß dies die Folge der geringen Bildung unseres Volkes ist."36

Insgesamt läßt sich resümieren, daß Litauen in der Nachkriegszeit, 1944 - 1953, durch Bürgerkrieg und Deportationen schlimmere Verluste als im Zweiten Weltkrieg erfuhr. Der Terror ebbte erst ab, als die Kollektivierung der Landwirtschaft vollzogen, die Untergrundbewegung vernichtet und die Einwohnerschaft durch Deportationen stark dezimiert worden war.

Ruth Leiserowitz (geb. Kibelka), Dr. phil., geboren 1958, 1987-1990 freiberufliche Dolmetscherin und Übersetzerin für Polnisch und Litauisch, 1990-1996 Studium der Geschichte und Polonistik in Berlin und Vilnius, 1997 Promotion im Fach Neuere und Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin: "Die deutsche Bevölkerung zwischen Anpassung und Ausweisung nördlich und südlich der Memel 1945-1948", seit 1997 Forschungs- und Lehrtätigkeit in Klaipeda, Potsdam und Berlin. – Veröffentlichungen u.a.: "Ostpreußens Schicksalsjahre 1944-1948", Berlin 20012, "Memellandbuch", Berlin 2002, "Wolfskinder. Grenzgänger an der Memel", Berlin 20034.

1 Liudas Truska, Lietuva 1938 – 1953 [Litauen von 1938 bis 1953], Kaunas 1995, S. 142.
2 Pravda, 20. 12. 1944.
3 Taagepera, Rein u. Misiunas, Romualdas: The Baltic States. Years of Dependence 1940 – 1980, London 1986. (Zitiert nach der litauischen Ausgabe: Baltijos valstybes, Vilnius 1992), S. 77.
4 Liudas Truska, Lietuva 1938 - 1953 [Litauen von 1938 bis 1953], Kaunas 1995, S. 125.
5 Zemskov, V.: "Repatriacija i vtoraja volna emigracjii" [Die Repatriierung und die zweite freie Emigration], in: Rodina 1991, Nr. 6 - 7. Die Mehrzahl dieser Litauer gehörte dem Beamtentum und der Intelligenz an. Erinnert sei stellvertretend für andere Fälle an die Verhaftung von 46 führenden Intellektuellen und Professoren der Universität Wilna im März 1943 nach dem litauischen Boykott der Mobilisierung für die SS. Die Häftlinge wurden in das KZ Stutthof gebracht.
6 Gemeint ist hier vor allem der Bauernaufstand von 1863, bei dem der Rückzug in die Wälder eine wichtige Rolle spielte.
7 Die LAF wurde am 17. November 1940 in Berlin gegründet, rekrutierte sich zu großen Teilen aus Mitgliedern des von der sowjetischen Besatzung aufgelösten Siauliu sajunga, organisierte einen bewaffneten Aufstand im Juni 1941. Die deutsche Besatzungsmacht löste die LAF am 26. September 1941 auf.
8 Truska, Liudas: Lietuva 1938 - 1953. [Litauen von 1938 bis 1953], Kaunas 1995.
9 Tininis, Vytautas : Sniečkus 33 metai valdžioje [Sniečkus 33 Jahre an der Macht] Vilnius 1995, S. 39.
10 Ebd. S. 38.
11 Grunskis, Eugenijus: "Sovietiniu liaudies gyneju (stribu) Lietuvoje istoriografia" [Die sowjetischen Volksverteidiger (stribai) in der litauischen Historiographie], in: Laisves kovu archyvas 19, S. 13.
12 Stalins Pläne für den baltischen Raum zerschlugen sich vor allem durch die Weigerung der Alliierten, die sowjetische Okkupation dieser Gebiete anzuerkennen.
13 Gosudarstvennyj archiv Russkoj federacji [Staatsarchiv der Russischen Föderation in Moskau ] GARF: F. R-9401, Op. 2, D. 102, L. 44 – 49.
14 Sniečkus, S. 38.
15 Truska, (a.a.O.) S. 137.
16 Lietuvos valstybinio visuomenes archyvas [Archiv der staatlichen Organisationen Litauens (ehemaliges Parteiarchiv der KPdSU in Litauen)] LVVOA: F. 1771, Ap. 8, B. 150, L. 41.
17 Fowkes, Ben: Aufstieg und Niedergang des Kommunismus in Osteuropa (Osteuropa-Studien, Bd. 1), Frankfurt/M. 1994, S. 9.
18 Tiesa, Vilnius (16. Januar 1995).
19 Angehörige der Kurlandarmee gingen im Mai 1945 direkt zu den lettischen Widerständlern über, statt sich in sowjetische Kriegsgefangenschaft zu begeben.
20 In einem Flugblatt vom 10. Mai 1945 hieß es: "Die Sowjetunion, von einem eisernen Ring anti­bolschewistischer Fronten auf allen Seiten umgeben, befindet sich kurz vor ihrer Zerschlagung. – Tod dem Bolschewismus in seiner eigenen Höhle. [...] Nach den politischen Prinzipien des USA-Präsidenten Truman, der für alle Völker sorgt: Die großen Völker dürfen nicht über die kleinen Völker herrschen, sondern müssen ihnen dienen ... ." Zitiert nach: Nenugaletoji Lietuva 3 [Das unbesiegbare Litauen], Vilnius 1992, S. 30.
21 Centr chranenija i izučenija dokumenty novejšych istorii [Archiv der staatlichen Organisationen] CCHIDNI (Moskau): F. 17, Op. 121, D. 545, L. 35, 36. Volker Frohbarth (Kiel) hat diese Quelle freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
22 LVVOA, F.1771, Ap. 8, B. 151. Die gegenwärtige litauische Historiographie versucht den li­tauischen Anteil der "stribai" und deren gesamte Tätigkeit abzuschwächen. S.: Grunskis, Euge­nijus: " Sovietiniu liaudies gyneju (stribu) Lietuvoje istoriografia" [Die sowjetischen Volksver­teidiger (stribai) in der litauischen Historiographie], in: Laisves kovu archyvas 19. Der litauische Historiker Liudas Truska hat die Behauptung aufgestellt, es habe sich bei diesen Nachkriegs­kämpfen nicht um einen Bürgerkrieg gehandelt, da Litauen besetzt war und der Wider­stand hauptsächlich von Ausländern niedergeschlagen wurde. Die Tatsache, daß sich unter den Einheimischen Helfer gefunden hätten, würde nichts daran ändern. Truska führt weiter aus: "Während des Zweiten Weltkrieges hatten die deutschen Nationalsozialisten in Frank­reich, Holland und Belgien viel mehr Kollaboranten als die Sowjets nach dem Krieg in Li­tauen. Dennoch würde niemand auf die Idee verfallen, den antifaschistischen Widerstandskampf in West­europa als Bürgerkrieg zu bezeichnen. Bürgerkriege finden nur in real unabhängigen Län­dern statt." Unabhängig von der Schlüssigkeit der Truskaschen Argumentation, ist es nahezu unseriös, Schluß­folgerungen zu ziehen, bevor die Nachkriegsphase 1944 - 1953 wenigsten in Ansätzen allseitig erforscht ist. – Der frühere Staatspräsident Algirdas Brazauskas hat – noch als Erster Sekretär der LKP – im Dezember 1989 auf dem Abspaltungsparteitag in Wilna Positionen zur Bewertung des bewaffneten Wi­derstandes geäußert, wobei er beiden Seiten – bewaffneten Widerständlern und Volksvertei­digern – gleichermaßen Schuld am Tode Unschuldiger zusprach. Damit sprach er sich gegen die damals vorherrschende Tendenz aus, den bewaffneten Wider­stand prinzipiell zu idealisieren (Komunistas 1990, 2, L.4 - 8). Natürlich handelt es sich hier um eine parteipolitische Position, die als solche von der gegenwärtigen Regierungspartei auch bekämpft wird.
23 Manche Ausgaben erreichten Auflagen von bis zu 1.000 Exemplaren z. B. "Laisvés varpas" [Freiheitsglocke].
24 LVVOA: F. 1771, Ap. 190, B. 5, L. 179.
25 Starkauskas, Juozas: "Pokario Lietuva čekistu dokumentuose" [Das Nachkriegslitauen in den Dokumenten der Tschekisten], in: Laisves kovu archyvas 19, S. 75.
26 LVVOA: F. 1771, Ap. 9, B. 260, L. 108, L. 121 – 124.
27 Starkauskas (a.a.O.), S. 83.
28 LVRM: F. 5, Ap. 7, D. 14, L. 5.
29 Truska (a.a.O.), S. 148.
30 Justinas Lelešius-Grafas u. Lionginas Baliukevičius-Dzukas, Dienorasciai [Tagebücher]. Kaunas 1994.
31 Ebd. S. 366.
32 Ebd. S. 310.
33 In der sowjetischen Terminologie: ein Großbauer. Da es in Litauen aber keine echten Großbauern mehr gab, das soziale Feindbild aber erhalten bleiben sollte, deklarierten die Behörden kurzerhand Mittelbauern zu Kulaken.
34 Grafas, Baliukevičius-Dzukas, S. 258.
35 Ebd. S. 252.
36 Ebd.


 

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