Litauen 20.-28.10.2014 mit dem Unimog

 

Ausführlicher und sehr schöner Reisebericht von Thomas Gruß, der mit seinem zum Wohnmobil umgebauten Sani Unimog 2014 Litauen bereiste. Seine Unimog Seite mit weiteren Touren und Tipps zum Unimog heisst Unimog 1300L

Alle Fotos und © Thomas Gruß

 

Für Schnell-/Querleser sowie Überfliegende finden sich unter:

 

I          Einige Informationen zum Land, zu Litauern und zur Natur

 

II         Litauens Geschichte im letzten Jahrhundert in Kurzfassung

 

III       Hinweise und Informationen zu den bereisten Orten

 

IV       Ein Anhang mit einer Übersicht der von mir verwendeten Reiseliteratur und brauchbaren Internetlinks

 

I          Land und Leute

 

Knapp 3.000.000 Einwohner (davon 83,9% Litauer, 6,6% Polen und 5,4% Russen) leben in Litauen. Die Bevölkerungszahl ist durch Sterbefälle wegen Überalterung der Gesellschaft und Abwanderungen von Menschen, die im Ausland eine zukunftsträchtigere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt sehen, stetig sinkend. Heute leben rund 2/3 der Bevölkerung in den Städten und 1/3 auf dem Land. 1959 waren noch 3/5 der Bewohner auf dem Land wohnhaft.

Mit einer Fläche von 65.303 km2 ist Litauen fast so groß wie Bayern. Nahe der Stadt Vilnius liegt der geographische Mittelpunkt Europas. Es gibt vier ethnografische Regionen (Zemaitija, Aukstaitija, Suvalkija, Dzukija), die sich in Dialekten, Trachten und Gebräuchen unterscheiden. Ca. 54% der Landesfläche sind Felder und Wiesen, ca. 30% sind Wälder, ca. 7% bestehen aus Mooren und Sümpfen und rund 1,5% sind Wasserflächen. Im 20 Jahrhundert wurde von ursprünglichen 20% der Landesfläche vieles trockengelegt und für die Landwirtschaft nutzbar gemacht. Das Land Litauen beinhaltet 758 Flüsse, wobei der bekannteste Fluss, der 937 km lange Nemunas (früher die Memel) ist, der auf einer Strecke von rund 150 km die Grenze zum Kaliningrader Gebiet in Russland darstellt. Nach der Schmelze des Gletschereises im Anschluss an die Eiszeit bildeten sich in Litauen eine Vielzahl von kleinen Seen (heute rund 1600), wobei es weitere 2833 Seen mit Flächen > 0,5 ha gibt. Als „die blauen Augen der Natur“ betitelt der Volksmund die Binnengewässer.

250 Naturschutzgebiete und 5 Nationalparks finden sich in Litauen. Hier ist die Kurische Nehrung hervorzuheben, die von der Unesco als Welterbe geschützt ist und bei deren Befahren man eine Gebühr bezahlen muss. Um auf die Nehrung zu gelangen, muss man zwangsläufig vom litauischen Festland per Fähre übersetzen, wenn man nicht über Russlands Straßen anreist.

 

II         Historisch Bedeutsames

 

Von 1915 bis 1918 war Litauen von der Deutschen Wehrmacht besetzt. 1917 wurde mit Billigung der Deutschen ein Litauischer Rat gewählt, dessen Vorsitzender am 16.02.1918 die Unabhängigkeit ausrief. Auch heute ehren die Litauer diesen Tag noch in Form eines gesetzlichen Feiertages. Am 01.01.1919 wurde dann die neue litauische Flagge in der heutigen Hauptstadt Vilnius gehisst. Auch dieser Anlass wird noch heute in Litauen als Gedenktag gewürdigt. Im Jahr 1920 erkannte die Sowjetunion die Souveränität Litauens an bevor das Land im Herbst von Polen besetzt wurde. 1921 wurde Litauen dann Mitglied des Völkerbundes, bevor sich 1934 die baltischen Staaten im Schulterschluss der Baltischen Entente präsentierten. 1939 war Litauen unter dem Druck Hitlers gezwungen, die Abtretung der Memelregion an das Deutsche Reich zu akzeptieren. Als Zusatzklausel zum Nichtangriffspakt zwischen Stalin und Hitler wurde Litauen, ebenso wie alle weiteren baltischen Staaten, der UDSSR als Interessengebiet versprochen. In Litauen stationierte die Rote Armee sodann eine Vielzahl von Stützpunkten und 1940 rückten rund 150.000 russische Soldaten ein. Eine von den Sowjets eingesetzte Regierung bat die UDSSR dann um Aufnahme in das russische Reich und die Selbständigkeit Litauens war vorbei. Wer in dieser Zeit ein litauischer Intellektueller, Beamter, Regierungsvertreter etc. war, hatte Glück, wenn er nicht einer in der ersten Welle von 18.500 Massendeportierten war und sich urplötzlich in einem sibirischen Gefängnis wiederfand. 1941 besetzten die Deutschen dann erneut Litauen, das dann von 1944-1945 von der Roten Armee befreit, besetzt und sukzessive wieder in die UDSSR integriert wurde. Bis 1953 wurden dann weitere 120.000 Litauer deportiert und systematisch Russen angesiedelt. Amtssprache sowie der Unterricht in Schulen waren russisch. Erst 1989 wurde im Zuge der Gorbatschow-Ära wieder die litauische Sprache zur Amtssprache und im Jahr 1991 erkannte die Sowjetunion Litauens Autonomie an. 1994 schloss sich Litauen dem Programm „Partnerschaft für Frieden“ der Nato an und 1995 kam es zu einem Assoziierungsprogramm mit der Europäischen Union. Erst im Jahr 2004 wurde Litauen vollwertiges Mitglied der Nato und der EU. Die offizielle Währung sind derzeit (Stand Oktober 2014) noch Litas. Jedoch bemüht sich Litauen seit dem Jahr 2007 um die Einführung des Euros und verärgerte hierbei durch sein Auftreten die Verantwortlichen der Europäischen Kommission. Das Land büßte während des Prozederes Sympathiepunkte in der Europäischen Gemeinschaft ein (s. auch weiterführender Link in der Anlage). Zum 01.01.15 soll nun endlich der Euro Einzug halten, bis dahin gilt der Umrechnungskurs 1 Euro = 3,5 Litas.

Die Litauische Flagge in den Farben gelb-grün-rot versinnbildlicht die Entwicklung des Landes und gibt die geistigen Werte des litauischen Volkes sowie die Schönheit des Landes wider. Die Farbe gelb steht für die Sonne, das Licht und das Wohlergehen. Die Farbe grün ist ein Synonym für die Schönheit der weitläufigen Natur sowie für Hoffnung und Freude, wohingegen das Rot in der Flagge für den Mut, das Blut und die Opfer der Litauer im Kampf um ihre Freiheit steht.

 

III       Hinweise und Reisebericht

Vorab einige kurze Hinweise für Freunde der vierrädrigen Reisezunft: Wer sich in Litauen auf Autobahnen bewegen möchte und wessen Unimog als LKW zugelassen ist, sollte sich vorab über etwaige Mautstrecken, die auf seiner geplanten Route liegen, informieren (s. Linkliste im Anhang „Erläuterungen zur Autobahnmaut für LKWs“). Wer stattdessen wie wir mit einem Sonder-KFZ des Typs Unimog-Wohnmobil in der < 7,5 t-Kategorie reist, befährt Autobahnen mautfrei. Die Tempolimits für Wohnmobile können ebenfalls der Linkliste des Anhangs entnommen werden. Die Befestigung eines Nationalitätskennzeichens (das ovale D-Schild) am Fahrzeug ist nicht erforderlich, denn Litauen erkennt als EU-Land die am linken Rand des Nummernschildes ausgewiesene neue D-Kennzeichnung an. Man reist in Fahrzeugen zur Vermeidung von Bußgeldern grundsätzlich angeschnallt und schaltet stets das Abblendlicht ein. Das Mitführen von Personalausweis, Führerschein, KFZ-Schein, grüner Versicherungskarte (empfehlenswert), Verbandkasten, Warnweste, Warndreieck sowie eines Feuerlöschers sind obligatorisch. Das freie Übernachten/Campen ist lt. ADAC außerhalb geschlossener Ortschaften zulässig.

Aus Nordfriesland ist die Anreise nach Litauen mit einem Unimog auf dem Landweg recht beschwerlich und zeitintensiv. Dies insbesondere dann, wenn man keinen Spaß daran hat einen Großteil des knapp bemessenen Reisefensters, das bei uns leider nur knappe 8 Tage umfasste, auf der Autobahn zu verbringen.

So nutzten wir eine Fährverbindung von Kiel (Ostuferhafen 15, Kiel), starteten dort um 14:00 Uhr und kamen am anderen Tag in Klaipeda (Int.Ferry Terminal Perkelos 10, 93270 Klaipeda) gänzlich entspannt um 12:30 Uhr (Zeit in Litauen: MESZ + 1 Stunde) an. Die Fährfahrt für den Unimog, zwei Erwachsene in einer Innenkabine mit Bad sowie Abendbrot und Frühstück kostete im Oktober 2014 hin und zurück 543,- Euro. Eine Online-Buchungsmöglichkeit schließt die Schifffahrtgesellschaft für „eigenumgebaute“ Wohnmobile leider aus. Man muss den Direktkontakt suchen: DFDS Seaways Baltic GmbH Port Kiel  Telefon 0049 431 20976-480, Telefax 0049 431 20976-102.

Als ich vor gut fünf Jahren in der touristischen Nebensaison erstmalig in Litauen war, habe ich mich auf der Kurischen Nehrung sehr wohl gefühlt. Über die Kurische Nehrung schrieb Wilhelm von Humboldt 1809 in einem Brief an seine Frau (abgelichtet im Thomas-Mann-Museum in Nida):

Kurische Nehrung Humboldt

Um diese positiven Eindrücke auch meiner Frau zugänglich zu machen, entschieden wir uns, bei unserer Kurzreise den ersten angefangenen Tag noch bestmöglich zu nutzen und trotz der damit verbundenen Kosten für eine einzige Übernachtung auf die Nehrung zu fahren. Dorthin gelangt man leider nur per Fähre, wenn man nicht über das Festland Russlands einreist. Für ein schwergewichtiges Wohnmobil incl. 2 Personen kosteten die beiden Fährfahrten 162,90 Litas (Hin und Rückfahrt zusammen). Hinzu kam eine Art Ökosteuer/Sonderabgabe in Höhe von 50,- Litas, die an einer Art Mautstelle auf der Nehrung erhoben wird. Leichtgewichtige Fahrzeuge zahlen für Fähre und Ökosteuer weniger. Links für die eigene Preisermittlung reisefreudiger Wohnmobilisten finden sich im Anhang.

Die fast 100 km lange Halbinsel ist zu einem Großteil litauisches Hoheitsgebiet und der andere Teil gehört zu Russland. Die hohen und langgezogenen Wanderdünen von Nida (u.a. 55°17'42.95"N 20°59'12.09"E), die früher ganze Ortschaften verschlangen, sind entstanden, weil die Eroberer (z.B. Kreuzritter, Preußen, Russen …) anders als die naturverbundenen Litauer ab dem 15.  Jahrhundert die Mischwälder abholzten. Das war ein Fehler, denn zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert wurden rund 14 Fischerdörfer unter dem vom Wind aufgeschichteten Sand begraben. Erst im 19. Jahrhundert begannen die Litauer mit Aufforstungsversuchen, um die Dünen zu stabilisieren. In Europa kenne ich keine gleichartige Dünenlandschaft.

Neringa

Nehrung Duenen

Duenen Haff Nehrung

Selbst die hohen Dünen im polnischen Leba reichen bei Weitem nicht an die langgezogenen  litauischen Wanderdünen mit rund 60 m Höhe heran. Sie sind in jedem Fall für einen Besuch empfehlenswert. Zwischenzeitlich soll es übrigens eine Art ökologischer Umkehr geben. In Nida hat die Düne durch die angepflanzten Kieferwälder in den letzten zwei Jahrzehnten angeblich 20 m Höhe verloren.

In dem auf der Haffseite liegenden Städtchen Nida findet sich auch das ehemalige Ferienhaus von Thomas Mann.

Thomas Mann Nida

Thomas Mann Haus Nida Litauen

Blick vom Thomas Mann Haus aufs Haff

Der Schriftsteller verbrachte dort mit seiner Familie mehrere Sommer . Er arbeitete an seinen Werken und bezeichnete den Blick aus seinem Arbeitszimmer als „Italienblick“. Das Haus ist heute ein Museum (Eintritt 6 Litas/Person) zu Ehren des Schriftstellers (55°18'48.53"N  21° 0'48.04"E) und es gibt dort zahlreiche kulturelle Veranstaltungen (Lesungen, Konzerte etc.). Für Interessierte findet sich im Anhang ein weiterführender Link zum Museum. Die Erben Thomas Manns haben im Jahr 2011 ihren Verzicht auf das Anwesen erklärt und im Museum hängt ein Brief einer der Töchter Thomas Manns aus, in dem ihre Freude zum Ausdruck kommt, dass die Litauer das Haus ihres Vaters betreuen.

Thomas Mann Sommerhaus

Nachfolgend noch ein Bild von der überdimensionalen Sonnenuhr, die auf einer der Dünen steht und von der aus man auf das Hafenstädtchen Nida herabblicken kann:

Sonnenuhr Kurische Nehrung

Blick aufs Haff und Nida

Glücklicher Weise fanden wir aufgrund der herbstlichen Jahreszeit Ende Oktober auf der Nehrung eine wirklich sehr sehr geringe touristische Frequentierung vor, um nicht zu sagen, es gab eigentlich gar keinen Tourismus mehr.

Als wir den Unimog nachmittags gegen 17:00 Uhr im Hafen parkten und auf dem Foto im Hintergrund den Leuchtturm einfingen, waren wir im Hafenbereich die einzigen Touristen.

Unimog auf der Kurischen Nehrung

Hier noch ein Foto aus dem Hafen der Haffseite bei dem sich ein handzahmer Storch auf die Innereien, der von den Anglern gefangenen Fische freut:

Angler Storch Nida

Eine interessante künstlerisch ambitionierte Souvenierbude im Hafenbereich, die bereits beräumt in den Winterschlaf entlassen wurde, zeigt folgendes (leider ohne Polarisationsfilter geschossenes) Bild:

Hafenbreich Nida Souvenir

In der sommerlichen Hauptsaison hätte ich die Halbinsel nicht besucht, denn man würde dort vermutlich kaum ein Bein auf den Boden bekommen. Andererseits laden die herrlich langgestreckten Sandstrände im Sommer (anders als bei unserer Reise im Oktober) natürlich zum ausgiebigen Baden ein.  Der Strand ist weder von Steinen noch Muscheln durchsetzt.

Baltisches Meer Nehrung

Kurische Nehrung Ostsee

Ostsee Neringa

Wildes Campieren ist auf der Kurischen Nehrung übrigens untersagt, was durch zeitlich befristete Parkschilder an den öffentlichen Parkplätzen entlang der Straße bekräftigt wird. Somit ist der örtliche Campingplatz zwingend zu nutzen (55°17'56.73"N  20°58'59.40"E), wenn man nicht in einer der unzähligen Pensionen einkehren möchte. Der Campingplatz wies jedoch während unseres Oktober-Besuches keinen einzigen Besucher auf und an der Rezeption fand sich ein Schild, dass wenn man die Einrichtungen des Platzes nutzen will, man doch den Besitzer telefonisch kontaktieren solle. Wir fanden dann einen abgelegenen und betonierten Platz zum Übernachten (N55.31983°, E21.01310°), der wie eine Konversionsfläche aussah und augenscheinlich in Kürze irgendeinem EU-Projekt weichen soll, wenn wir das Schild an der Straßeneinfahrt richtig gedeutet haben:

EU Projekte Kurische Nehrung

Am folgenden Tag verabschiedeten wir uns zu unserem Bedauern bereits wieder von der Kurischen Nehrung und besuchten nach der Fährüberfahrt das Steinmuseum in Mosedis (56°10'11.30"N 21°34'19.43"E), das für geologisch Interessierte eine wahre Fundgrube sein dürfte. Eiszeitliche Verschiebungen sorgten dafür, dass im litauischen Umfeld Unmengen an Steinen vorhanden sind. Hierzu gehören in Mosedis Steine für die Hosentasche, aber auch nette Findlinge bis zu 2m Höhe und rund 1,2t Gewicht. Der zwischenzeitlich verstorbene Dorfarzt Vaclovas Intas hat dort Umengen dieser Steine zusammengetragen und in Form eines Parks voller Steinalleen angelegt.

Steinmuseum Mosedis

Mosedis Steinmuseum

Litauen Mosedis

Steinmuseum Litauen

Steinmuseum Mosedis Litauen

Bank Mosedis

Eingang Steinmuseum Mosedis

Steinmuseum Mosedis Muehlstein

Anschließend ging es weiter zum Grabsteinlabyrinth , dem Garten der Familie Orvyu (Orvidu  sodyba 56° 3'3.75"N  21°36'36.93"E). Es ist eines der Zeichen für die Religiosität der Litauer und deren ungebrochenem Willen gegenüber Besetzern. 1960 sollten aufgrund eines Befehls der russischen Besetzungsmacht alle Grabsteine auf Litauens Friedhöfen entfernt werden. Ein Steinmetz namens Orvyu erlaubte dann zahlreichen einheimischen Familien das Aufstellen ihrer von den Familiengräbern zu entfernenden Grabsteine in seinem Garten. Das sprach sich herum und so fügten auch Menschen aus anderen Gemeinden ihre Grabsteine dem Garten Orvyus bei. Die Sowjets ließen den Garten beräumen, drangsalierten die Familie, errichteten nachdem die Litauer erneut Grabsteine in den Garten verbrachten, einen Zaun und stoppten ihre Repressalien erst, nachdem Gorbatschow im Jahr 1980 zu einem Besuch vorbeischaute. An diesem interessanten kulturellen Ort erwartete uns außer einem angeketteten kläffenden Hofhund folgendes Schild:

Orvidu sodyba

Schade, so konnten wir nur einen kurzen Blick über den Zaun des Eingangsbereiches werfen:

Orvidas Sodyba Litauen

Die zwei konsultierten Reiseführer irrten leider in puncto der Öffnungszeiten des Parks oder vielleicht war der Parkverwalter auch unpässlich. Zumindest an „unserem“ Besuchsmittwoch war das Grabsteinörtchen leider geschlossen.

Wir fuhren weiter nach Kurtuvenai, um auf einem Campingplatz (55°49´37" N 23°02´47" E) zu nächtigen. Wie schon beim letzten Platz, war die Campingsaison für beendet erklärt. Durch Zufall trafen wir jemanden, der uns die Rezeptionistin bestellte, die uns wiederum zuvorkommend den seit Anfang Oktober geschlossenen Platz öffnete. Die Übernachtungskosten betrugen 60 Litas für zwei Personen mit einem Wohnmobil. Der mit drei Sternen ausgezeichnete Platz hatte durchweg annehmbare sanitäre Einrichtungen (zwei WC´s, drei Waschbecken je Geschlecht und insgesamt drei Duschen bei 15 Stellplätzen) samt einer großen Küche mit zwei Spülen und Kochgelegenheit. 230V standen an jeder Parzelle zur Verfügung. Der Campingplatz lag in landschaftlich reizvoller Umgebung.

Unimog  Kurtuvenai

Campingplatz Litauen

Als nachteilig an diesem Platz waren lediglich zwei Dinge anzumerken. Es gab zum Einen keine Entsorgungsmöglichkeit für Fäkalien oder sonstiges Abwasser aus Wohnmobilen und zum Anderen war die Trinkwasserqualität mit ihrem „nicht europäischen“ Standard auffällig. Das Wasser schmeckte „muffig“. Die Betreiber haben hierauf jedoch exzellent reagiert und eine mehrsprachige Erklärung (sogar in deutscher Sprache) neben den Zapfstellen in der Küche publiziert:

Trinkwasseranalyse Brunnen Camping Litauen

Was uns überraschte, war der plötzlich einsetzende Temperatursturz. Während wir kürzlich auf der kurischen Nehrung nachmittags noch im Sonnenschein bei rund 15°C spazieren gingen, verzeichneten wir am Morgen gegen 07:00 Uhr auf dem Campingplatz – 5°C. Die alte dieselbetriebene Bundeswehrheizung und die beim Unimoginnenausbau aufwendig eingebrachte Isolierung machten den Kofferaufbau – anders als das unbeheizte Fahrerhaus - jedoch zu einem Wohlfühlort.

Unimog Kaelte Litauen

Auf dem Weg nach Kurtuvenai, wurde deutlich, dass in den ländlich strukturierten Bereichen vielfach die Landflucht eingesetzt hat. Zahlreiche alte Holzhäuser verfallen langsam aber stetig.

Alte Holzhaeuser  Litauen

Verlassene Bauernhaeuser Litauen

Hier mal ein Häuschen auf dem Land, bei dem die Wasserversorgung noch der hauseigene Brunnen (links im Bild) darstellt:

Verlassene Farmen Litauen

Die uns in Orvidu sodyba entgangenen Eindrücke wollten wir gern am folgenden Tag am Berg der Kreuze, nahe der Ortschaft Meskuiciai „ersetzen“. Er ist eine Art Wallfahrtsort und steht ebenfalls symbolisch für das Leid und den Widerstand der Litauer, die stark von Religiosität geprägt sind. Im Jahr 1831 wurde ein Aufstand der Litauer gegen den russischen Zaren niedergeschlagen und man begann damit, Kreuze für die Gefallenen aufzustellen. Das Aufstellen wurde in den folgenden Jahrzehnten stets geprägt von Bitten und Dank für verschleppte bzw. zurückgekehrte oder aber im Andenken an verstorbene Angehörige, deren Leichname in der Ferne fremder Besatzungsmächte verblieben sind. 1961 und 1975 sollen sowjetische Besetzer die Kreuze dem Erdboden gleich gemacht haben. In Windeseile stellten die Gläubigen die Kreuze jedesmal wieder auf. 1993 besuchte Papst Johannes Paul II den Berg der Kreuze, der sich zwischenzeitlich stark erweitert und sich zu einer der touristischen Hauptattraktionen Litauens entwickelt hat. Die meisten Touristen hängen oder stellen kleine Kreuze, die sie zuvor am kostenpflichtigen Parkplatz (Gebühr 10 Litas für Wohnmobile) erworben oder von Zuhause mitgebracht haben, zu den anderen Kreuzen.

Berg der Kreuze

Berg der Kreuze  Kryze Kalnas

Der Berg und die angrenzenden von Kreuzen bedeckten Flächen sind durchzogen von kleinen Gängen.

Holzkreuze Litauen

Berg der Kreuze Litauen 1

Litauen Berg der Kreuze

Maria Berg der Kreuze

Während unserer Besichtigung währten nur wenige Besucher an dem religiösen Platz. Zwei davon waren ein junges Brautpaar, das sich vor der oben abgebildeten Marienstatue ablichten ließen. Das Aufsuchen bedeutsamer Plätze gehört bei litauischen Hochzeiten einfach dazu. Manchmal erfolgt dies auch erneut am gleichen Ort, dann jedoch zu einer anderen Zeit mit einem anderen Partner, da die Scheidungsrate in Litauen zu einer der weltweit Höchsten zählen soll.

Immer wieder fand man im Wirrwar der Kreuzvielfalt Einzelstücke, die menschlich berührten und zum Nachdenken anregten.

Berg der Kreuze Litauen 2

Anschließend verschlug es uns in den Nordosten des Landes. Litauen hat insgesamt fünf Nationalparks mit einer Gesamtgröße von rund 1394 km2, von denen wir Einen (die Kurische Nehrung) bereits besucht hatten. Auf dem Plan stand nun der Aukstaitija (übersetzt „Hochland“) Nationalpark mit Wäldern, Sümpfen, Mooren, mehr als 120 Seen und 30 Flüssen. Kanufahrer, Angler, Hobbybiologen und Ornithologen dürften sich auf einer Fläche von 302 km2 wie im Paradies fühlen. Innerhalb des Nationalparks gibt es u.a. zwei Reservate, die nur mit Rangern betreten werden dürfen sowie ethnokulturelle Schutzgebiete, wie ein Gräberfeld etc. Man hätte dort sicherlich locker eine Woche erholsamen Urlaub machen können, um das ganze Gebiet zu erkunden, aber die Zeit hatten wir leider nicht und so blieb es bei einer kurzen Stippvisite bevor wir einen Ausflug zum geographischen Mittelpunkt Europas, nach Purnuskes (54.90812°N 25.32090°E), der durch eine Granitsäule gekennzeichnet ist, fortsetzten.

Zentrum Europas Litauen

Übernachtet wurde inmitten von Feld und Flur zwischen zwei winzigen Dörfern (N54.89564° E25.34685°).

Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wäre es am folgenden Tag wie folgt weitergegangen:

Gerne hätten wir den Europas-Parkas (54°49'50.69"N  25°21'6.28"E) besichtigt. Mehr als 100 Skulpturen verschiedener Künstler wurden dort seit 1991 aufgestellt. Faszinierende Exponate, wie eine Installation mit 2903 nicht mehr funktionstüchtigen alten sowjetischen Fernsehern, treffen sicherlich nicht jeden Geschmack, wären aber für Kunstinteressierte einen netten am Wegesrand liegenden Abstecher wert gewesen. Und dann hätte das Kontrastprogramm zur beschaulichen Natur und den ländlichen teils ärmlichen Bereichen Litauens folgen sollen, nämlich eine Stippvisite in den Stadtteil Uzupis in der Hauptstadt Vilnius (oder Wilna). In der 1005 Jahre alten Stadt brummt es. Rund 530.000 Einwohner tummeln sich auf 430 km2. Mehr als 30 katholische Kirchen, rund zehn russisch orthodoxe Gotteshäuser und wenige Kirchen sowie eine Synagoge für weitere Gläubige finden sich in der Stadt. Vilnius füllt in einem unserer Reiseführer 70 Seiten, darauf kann man in diesem Bericht schlicht und ergreifend nicht eingehen. Wir interessierten uns für die im Jahr 1997 im Rahmen eines PR-Gags ausgerufene und eigenständige Republik Uzupis in Vilnius. Uzupis (übersetzt „hinter dem Fluss“) ist ein kleines Viertel mit Cafes, Künstlern, Galerien, alter Architektur und rund 2000 Bewohnern, das auch mit dem Künstlerviertel Montmartre in Paris verglichen wird. Es gibt eine aus 12 Männern bestehende Armee und eine eigene beeindruckende Verfassung mit 41 Artikeln (z.B. „Menschen haben das Recht zu sterben, aber es ist keine Pflicht“, „Ein Hund hat das Recht ein Hund zu sein“,  „Lass Dich nicht unterkriegen!“. Als Parlamentsgebäude fungiert ein Cafe und nur am 01.04. gibt es Grenzkontrollen sowie eine eigene Währung.

Das war der Plan desjenigen, der den angedachten Reiseverlauf mit Kultur und Natur dichtgepropft hatte und in der Kürze der Zeit so viel wie möglich von der Seele Litauens schwammartig aufnehmen wollte. Der kühne Fahrzeugführer, der in den Staukästen des Unimogs Unmengen an verschiedenen Flüssigkeiten mit sich führte und aufgrund eines obskuren Totalausfalles während eines früheren Schwedenurlaubs nunmehr auch einen kompletten Satz Keilriemen und Dieselvor- sowie Hauptfilter mitgenommen hatte, hatte bei der Reisevorbereitung schlichtweg gepennt. Er hatte sein Augenmerk zwar per Internetvorausschau vor der Abreise auf die zu erwartenden klimatischen Verhältnisse gerichtet, aber sein Fahrzeug nicht auf die „Manchmal kommt´s halt anders als man denkt“-Variante vorbereitet.

Im Klartext: Als wir morgens bei strahlend blauem Himmel den Blick zur Sonne richteten und das Thermometer befragten, zeigte es -10°C, was darauf schließen ließ, dass es in finsterer Nacht noch um einiges kälter gewesen sein muss. Und dann passierte das, worauf der Fahrzeugführer nicht geachtet hatte, das Behältnis für die Flüssigkeit mit dem Startpilotzeugs zur Startunterstützung bei Minusgraden war leer, denn bei einem Saisonkennzeichen für den Zeitraum von April bis Oktober wurde das Zeugs bislang nicht benötigt. Folgerichtig verweigerte der Unimog bei diesen Niedrigtemperaturen seinen Dienst. Flugs wurde der zweiflammige Propangasherd aus dem Kofferraum gepult und im Bereich des Motorraums entzündet, aber man hätte vermutlich in den Weiten des Weltalls auch ein Streichholz anzünden können, der Effekt wäre bei diesen Außentemperaturen und Wind ähnlich gewesen. Den Gedanken unter der Motorwanne des Unimogs eine stattliche Feuergrube in den hart gefrorenen Boden zu kämpfen und dort mit Zündelei für ein wenig Erwärmung des Umfeldes zu sorgen, hätte ich bei der Frage „Leben oder Tod!?“ sicherlich umgesetzt, er erschien mir aber - bezogen auf die nervliche Angespanntheit meiner liebreizenden Gattin - etwas unangemessen. Was dann folgte, war der Anruf beim ADAC und zahlreiche weitere Anrufe mit dem ADAC-verpartnerten Unternehmen in Litauen. Das größtmögliche zur Verfügung stehende Abschleppfahrzeug konnte 5t huckepack nehmen, wie man nach einer vergangenen Zeitstunde fernmündlich mitteilte. Die Krux aber war, niemand wollte abgeschleppt werden. Es wurde nur ein bisschen chemikalische Startunterstützung benötigt. Das ganze Drama zog sich von 10:45 Uhr – 13:15 Uhr. Dümmlicher Weise war der Unimog am Abend zuvor so geparkt worden, dass die aufgehende Sonne erst das Heck und dann die Seite wärmte, bis sie sich auf ihrem weiten Weg am Firmament endlich zum Motor aufmachte. Um 13:15 Uhr war es dann so weit und der Unimog sprang nach Orgelei und Qualmbildung ohne die Hilfe Dritter wieder an. Was dann folgte, war die telefonische Danksagung für die Mühen an ADAC sowie den litauischen Partner, die noch niemanden mit einem Fläschchen Chemie auf den Weg zu uns gebracht hatten. Dann machten wir uns in die Hauptstadt Vilnius/Wilna zum großen Mercedesgott auf. Die zuvorkommende Behandlung in der Mercedeswerkstatt, die auch LKW´s behandelte, hat mich sehr gefreut, auch wenn man mir nach 10 minütiger Suche am PC mitteilte, dass man meine benötigte Dose Mercedes-Starterpilot weder in Litauen, noch in weiteren baltischen Staaten oder aber in Russland hätte. Solch ein Fläschchen hätte man letztmalig vor 5 Jahren in den Händen des Lageristen gesehen, aber man könne die Ware natürlich bestellen (angeblich aus Gernsheim).  Als ich erklärte, dass meine Fähre nach Deutschland in drei Tagen (hoffentlich mit meiner Frau, dem Unimog und mir) fahren soll und dazwischen ein Wochenende liegt, half man mir anders als erwartet. Direkt neben dem Mercedes-Betrieb gibt es einen freien Händler namens Europarts, der das hat, was ich brauchen würde. Man avisierte mein Kommen telefonisch und ich bedankte mich für die Mühen. Interessant fand ich, dass man mich sowohl bei Mercedes als auch beim „Freien Händler“ bestens in Englisch und auf Deutsch verstand und wirklich sehr zuvorkommend behandelte. Ein Angestellter erklärte mir noch, dass seine Tochter gerade in Holland bei +17°C urlauben würde, was mich erneut in puncto unseres Urlaubsortes nachdenklich stimmte, denn ein Anruf in der Heimat bestätigte mir zuvor dortige +12°C. Ich erwarb für den litauischen Sommer-Dieselkraftstoff der bei den überraschend auftretenden Minusgraden zum Ausflocken neigt, ein Döschen „Fließ-Fit“ und erhielt weiterhin ein Starthilfespray. Das Spray hatte natürlich an der Dose den handelsüblichen Sprühknopf, weil es zum Injizieren im Bereich des Luftfilters gedacht war (lt. Aufdruck der rein deutschsprachigen Beschreibung!), was jedoch nicht zum originalen Mercedes-Behältnis-Ansatzpunkt passte. Also Sprühkopf abgehebelt und dann guckte mich der dosenübliche „Strohalmstift“ an. Erst als ich diesen gewaltsam abriss und mit einem deftigen an die Unimogkonstrukteure gerichteten Fluch auf den Lippen die Sprühdose mit Gewalt auf die Halterung presste, um das Original-Mercedes-Behältnis zu befüllen, wurde mir wohler.

Startspray Unimog

Es zischte und scheinbar füllte sich das Töpfchen. Der folgende Tag zeigte, dass das Prozedere von Erfolg gekrönt war. Und natürlich musste es zuvor noch kommen, wie es kommen sollte, als die beste Ehefrau von allen die Frage aller Fragen stellte: „Mit so einem normalen schönen Wohnmobil wäre das nicht passiert, überleg doch bitte wirklich mal ernsthaft, ob es nicht besser wäre, wenn….“. Mit einem anderen Fahrer, der solche Minustemperaturen entgegen der Internetaussage hellseherisch vorhergesehen hätte, wäre all das allerdings auch nicht passiert, waren meine Gedanken.

Zur Übernachtung suchten wir einen Campingplatz in Totoriskes auf (N 54.66852° E 24.92781°), da der Campingplatz in der Hauptstadt Vilnius seine Pforten bereits am 10.09. geschlossen hatte und man das Unimogfahren in der Hauptstadt ohnehin als nervlich sehr belastend bezeichnen kann. An dieser Stelle sei nochmals angemerkt, dass die Campingsaison in Litauen Ende Oktober schon lange beendet zu sein schien. Wir sahen auf unserer bisherigen Reise in Litauen doppelt so viele Unimogs wie Wohnmobile oder am Straßenrand vorbeilaufende Elche. Die Anzahl der Unimogs belief sich bislang auf zwei Stück (ein Pritschenfahrzeug der Landesverteidiger und einer vom Straßendienst)!

Der Campingplatz in Totoriskes hat eine tolle Lage. Er liegt direkt am See und man kann auch das schöne Wasserschloss von Trakai sehen, welches wir am nächsten Tag besuchen wollten.

Auf dem Luftbildplakat liegt der Campingplatz im unteren rechten Waldstück:

Bild Trakai

Ein Paradies für Kanuten sollte man meinen. Für 68 Litas können zwei Personen mit einem Wohnmobil einen Stellplatz für eine Übernachtung (incl. Strom, CE-Stecker erforderlich!) erhalten. Es gab WC´s und Duschen (ohne Münzeinwurf) sowie eine Entsorgungsmöglichkeit für die Campingtoilette und das Spülwasser. Internetanbindung gibt es im Bereich der Rezeption, die Kochgelegenheiten hingegen sind im Winter verschlossen. Ich würde darauf wetten, dass der Platz im Sommer überlaufen ist. Bei unserem Besuch waren wir die einzigen Camper. Nach solch einem Wintercampingtag bei dem man sich wider Erwarten durch zahlreiche sinnlose Unimogschrauberaktionen, wie „Ach, ich probier nochmal was“ immer wieder mal länger im minusgrädigen Freien aufhielt, um der Angetrauten zu zeigen, dass sie sich bitte keine Sorgen machen müsse, denn der Stillstands-Standplatz in der Wallapampa wird auf alle Fälle lebend verlassen, da ist eine abendliche zwanzigminütige Campingplatzdusche mit der Wärmestufe „hummerkochend“ einfach nur als grandios zu bewerten.  

Am nächsten Tag nahmen wir unser ursprüngliches Reiseprogramm - ohne den Nichterlebnissen des Vortages zu sehr hinterherzutrauern - wieder auf und fuhren nach Trakai. Dieses inmitten eines Nationalparks liegende Städtchen war im Mittelalter einmal die litauische Hauptstadt als dort noch die Fürsten residierten. Uns zog es dort zu Europas einziger Wasserburg (Eintritt je Person 18 Litas, Fotografiererlaubnis 4 Litas, Parkgebühr im Nahumfeld 10 Litas).

Trakai Litauen

Innenhof Trakai

Turm Trakai

Museum Trakai

Trakai Museum 2

Trakai Museum 3

Lampe Trakai Litauen

Interessant an Trakai ist, dass dort rund 70 der knapp 260 in Litauen lebenden Karäer wohnen. Ihren Ursprung haben sie in einer jüdischen Sekte, die im 8. Jahrhundert n. Chr. gegründet wurde und nicht den Talmud sondern nur das Alte Testament anerkannte. Bis heute hat sich diese ethnische Gruppe ihre Gebräuche und Sitten aber auch ihre eigene Sprache, die mit dem Türkischen verwandt ist, erhalten. Die Karäer sind die kleinste vom litauischen Staat anerkannte Volksgruppe des Landes.

Von dort ging es weiter nach Rumsiskes. Im dortigen ethnografischen Freilichtmuseum, das zu den größten Europas zählt, hat man sich bemüht, die Entwicklung Litauens vom Beginn des 17. bis zum 20. Jahrhundert in rund 180 Gebäuden mit den vier ethnografischen Regionen darzustellen. Jeder dieser Regionen wurde ein kleines Dorf gewidmet.

Rumsiskes Plan

Beim einem Besuch außerhalb der Saison (16.10-30.04) sollte man sich nicht von den mit Schranken versperrten Parflächen abschrecken lassen. Die Kasse ist besetzt und der Zugang zum Gelände ist möglich. Im Sommer sind die Gebäude in den Dörfern geöffnet. Als wir das Gelände besuchten, konnten wir nicht in die Gebäude hinein, aber den kompletten Park begehen (Parkeintritt 3 Litas/Person) und einen 7 km langen Rundparcour bewältigen.

Einige der errichteten Gebäude wurden andernorts angeblich bewohnt, dort abgetragen und dann in dem Freilichtmuseum wieder errichtet. So findet man Gebäude vom einfachen Wohnhaus bis hin zum prächtigen Gutshof.

Rumsiskes Kirche 1

Rumsiskes Kirche

Holzfenster Rumsiskes

Rumsiskes Holzhaus

Rumsiskes Freilichtmuseum

Rumsiskes Litauen Freilichtmuseum

Rumsiskes Museum

Wir fuhren weiter in Richtung Druskininkai. Vor fünf Jahren hielt ich die Gruppe, mit der ich durch Litauen reiste, einen Tag lang auf, weil der Kühler meines Jeeps defekt war und dort in einer Werkstatt demontiert und gelötet wurde. Währenddessen war der Rest der Truppe im Skulpturenpark Grutos Parkas (Link zur Homepage im Anhang), den wir nunmehr besuchten (Eintritt 42 Litas für zwei Personen, Übernachtung mit dem Wohnmobil auf dem angrenzenden betonierten Parkplatz direkt am See 21 Litas). Ein litauischer Millionär hat im Grutos Parkas unzählige Relikte der Sowjet-Vergangenheit zusammengetragen. Die Statuen und Denkmäler zierten seinerzeit meist öffentliche Plätze. Der Errichter verlor seinen Vater in sibirischer Gefangenschaft und betrachtet die Ansammlung der russischen Hinterlassenschaften als Mahnmahl für die den Litauern aufgezwungenen Greuel der Besatzungsmacht. Er erhielt im Jahr 2001 für sein Werk den alternativen Nobelpreis, jedoch auch erheblichen kritischen Gegenwind für sein Projekt, das Gegner als „geschmacklosen Ort der stalinistischen und leninistischen Verehrung“ bezeichnen.

Lenin Grutas Park

Wachturm Grutas Park

Indoktrinationssaal Grutas Park

Partisanan gegen sowjetische Wahlen Grutas

Monumentaldenkmaeler Grutas Park

Langsam aber sicher wurde es Zeit uns auf den Rückweg zu machen. Hier wollten wir den Kontakt zum Fluss Nemunas (früher Memel) suchen und so planten wir den Besuch mehrerer an deren Verlauf gelegenen Burgen ein.

Begonnen haben wir bei einer Kirche in der Stadt Serezius.

Serezius Litauen

Dort trafen wir auf einen deutschsprachigen Einheimischen, der uns mit einigen Informationen versorgte. Das Örtchen wies zu Zeiten seines Großvaters noch 2000 Einwohner auf und jetzt nur noch 1000 Menschen. Junge Leute ohne Zukunftsperspektive flüchten in Länder wie Irland, England, Deutschland, um dort Arbeit und ihr Glück zu finden. Er selbst arbeitete viele Jahre in Frankfurt am Main und hatte eines der schönsten Häuser im Ort. Er baute es im „schwedischen Stil“ mit rot angestrichenen Brettern und grünem Dach, wobei er die Nägel und die Farbe aus Schweden mitgebracht hat. Er erklärte uns den Weg zu einem Gutsschloss namens Belvedere, das wir suchten. In seiner Jugend war es noch eine Schule mit tollen Parkettböden, jetzt ist es nicht mehr zugänglich und sieht so aus:

Belvedere Litauen

Seitenansicht Belvedere Litauen

Belvedere Litauen Front

Wir fuhren an dem Fluss Nemunas weiter nach Raudone, um dort den Turm auf einer Burg (55° 5'48.50"N  23° 7'49.35"E) zu besteigen.  Ein Holzhändler ließ im 16 Jahrhundert die Berghänge abholzen und baute von dem Erlös sein Repräsentationsobjekt. Heute dient das Gebäude als Schule, lediglich der rund 35 m hohe Turm kann bestiegen werden. Von dort hat man einen tollen Rundumblick über die Landschaft und den Fluss, wie ich bei einer früheren Reise erfahren durfte. Bei unserem Besuch war der Turm leider verschlossen.

Burg Raudone Litauen

Turm Raudone Litauen

Es ging weiter nach Vytenai zum Schloss Panemune (N55.09965° E22.98549°).

Panemune Litauen

Im Jahr 1961 wurde es in die Liste der litauischen Kulturdenkmäler aufgenommen und befindet sich derzeit im Besitz der Kunstakademie Vilnius. Es ist in einem Teil modernisiert (Cafe, Hotel, kleines Museum innenliegend) und im anderen nicht.

Panemune Innenhof

Für 4 Litas pro Person zzgl. 5 Litas Fotografiererlaubnis kann man das kleine Museum, den oben abgebildeten Turm und einen begehbaren Teil des unrestaurierten Schlosses besichtigen.

Nachfolgend Blicke vom Turm aus in den Innenhof und auf den Nemunas:

Panemune Ansicht von oben

Panemune Blick auf die Memel

Wer den Turm erklimmen möchte, muss steile Treppen steigen:

Panemune Museum Treppen

Weiter ging es zeitweise auf schönen „Endlospisten“:

Litauen Schotterpiste

Wobei wir bemüht waren, den Kontakt zum Fluss Nemunas nicht abreißen zu lassen, weil dessen Flussmitte ungefähr ab der Stadt Jubarkas bereits die Grenze zu Russland darstellt.

Man kam zwar an Hinweisschilder, aber nicht mehr so recht an den Fluss, weil die Flächen in Flussnähe bereits als „Betreten verboten“-Zone ausgewiesen waren.

Litauen Grenzzone

Grenze Litauen

Zum Übernachten suchten wir uns einen Platz nahe einer Straße (N55.30134° E21.39305°) und am Folgetag ging es dann nach zur Verschiffung in die Heimat wieder zum Hafen nach Klaipeda.

In der Quintessenz:

Litauen ist schön (auch im Oktober schon schön kalt, wobei es bereits am Tag unserer Abreise morgens schon wieder +8°C waren). Es ist sowohl ein sehr geschichtsträchtiges und religiöses als auch naturbelassenes Land. In ländlich strukturierten Bereichen war häufig Armut anzutreffen, gelegentlich tauchten aber auch prächtige Anwesen Wohlsituierter auf. Wir haben die Innenstädte großer und mittelgroßer Städte, da sie meist mit LKW- Verbotsschildern gekennzeichnet waren, zwangsläufig gemieden und umfahren. Größere Städte wiesen beim Durchhuschen rein optisch einen europäischen Standard auf. Der rasante Fahrstil der Litauer - sowohl auf löchrigen Fernstraßen als auch auf mehrspurigen innerstädtischen Straßen - war gewöhnungsbedürftig. Warum wir in der ganzen Zeit nur einem Wohnmobil (einem Deutschen!) begegnet sind, ist erklärlich, da die meisten Campingplätze und Restaurationen Ende Oktober bereits geschlossen waren. Letzeres fanden wir schade. Wir hatten was das Wetter anging wirklich Glück. Die Temperatur rutschte nachts sowie an manchen Tagen bei klarem blauen Himmel auch tagsüber deutlich unter den Gefrierpunkt, aber es gab glücklicher Weise noch keinen Schnee und wir hatten tagsüber auch sonst keinerlei Niederschläge und konnten alle Outdooraktivitäten (bis auf das Sitzen in den umsonst mitgenommenen Campingstühlen im Freien) durchführen. Die meisten Einheimischen waren höflich, zuvorkommend und freundlich. Ausnahmen bestätigen wie in jedem anderen Land die Regel. Im Dialog mit Einheimischen erfuhren wir, dass die älteren Litauer Angst vor der Einführung des Euros am 01.01.15 haben, die Flucht junger Menschen aus den ländlichen Räumen zum Aussterben der Dörfer führt und man wegen der jüngsten Aktivitäten der russischen Nachbarn auf der Krim und in der Ukraine, dankbar ist Mitglied der Nato zu sein. Wir waren bestrebt in einem Affentempo so viele Eindrücke wie möglich zu sammeln, auch wenn uns bewusst war, dass unsere Zeit in diesem Land, um sich ein umfassendes Bild zu machen, eigentlich viel zu kurz war. Wir würden Litauen wieder besuchen, dies jedoch weder Ende Oktober oder in der touristischen Sommerhauptsaison sondern lieber so um Mitte September herum, im Idealfall dann mit einem Kanu auf dem Dach und … ich als Fahrer hätte gerne mehr Zeit auf Waldwegen und abgelegenen Plätzchen verbracht, als es uns bei diesem Sightseeingurlaub möglich war. Wer weiß, vielleicht nutzen wir die für uns praktische Fährvariante von Kiel nach Klaipeda beim nächsten Mal, um Litauen einen kurzen Besuch auf dem Weg ins angrenzende Lettland abzustatten. Die baltischen Länder scheinen in jedem Fall eine Reise wert zu sein.

 

IV       Quellennachweise, Internetlinks und Sonstiges

 

Für die Vorbereitung unserer Reise habe ich mich einer Vielzahl von Internetlinks und einigen Reiseführern gewidmet. Ich hafte nicht für die Inhalte der nachfolgend aufgeführten Internetseiten.

 

Literaturquellen

Für die Reiseplanung kann ich an dieser Stelle eine Empfehlung für einen wirklich sehr guten Reiseführer aussprechen. Es handelt sich um das rund 400 Seiten starke Taschenbuch „Litauen, Handbuch für individuelles Entdecken“ von Günther Schäfer, 7. Auflage 2011, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, ISBN 978-3-8317-1959-4.

Kaufen würde ich das Buch „Litauen Go Vista Infoguide“, Vista Point Verlag GmbH, ISBN 978-3-86871-692-4 nicht noch einmal. Einzig positiv für mich, war die darin vorhandene Landkarte (M 1:630.000).

Praktisch fand ich eine „Camping Map Baltic States 2014“ in der Campingplätze in Litauen, Lettland und Estland mit postalischen Adressen und GPS-Koordinaten angegeben sind. Gleiches dürfte aber auch ein ADAC-Campingführer bieten, oder man nutzt einen weiter unten angegebenen Link.

 

Sonstiges

Online-Fährbuchung bei DFDS Seaways geht mit einem „originalen/nicht umgebauten“ Wohnmobil hier: http://www.dfdsseaways.de/faehre/faehren-baltikum/

Die Fährbuchung bei DFDS Seaways geht mit einem Unimog bzw. einem zum Wohnmobil umgebauten Unimog nicht online sondern hier:

DFDS Seaways Baltic GmbH Port Kiel  Telefon 0049 431 20976-480, Telefax 0049 431 20976-102 (mitgebucht werden kann Kabinenunterbringung, Verpflegung im Bordrestaurant sowie Reiserücktrittsversicherung)

 

Viele Informationen zu Litauen

http://www.alles-ueber-litauen.de

http://www.planet-wissen.de/laender_leute/baltische_staaten/litauen/kurische_nehrung.jsp

 

Chronologie der zum 01.01.15 geplanten Euro-Einführung

http://www.euro-anwaerter.de/anwaerter/litauen.html

 

Erläuterungen zur Autobahnmaut für LKWs (nicht für Wohnmobile):

http://www.lra.lt/en.php/road_charges_and_tolls/user_charge_vignettes/8591

 

Tempolimits für LKW´s:

http://www.meine-auto.info/ratgeber/verkehr-in-europa/tempolimits-in-europa.html

 

Tempolimits für Womos > 3,5 bis 7,5 t:

http://campingfuehrer.adac.de/camper-service/files/cam23_02_2014.pdf

 

Fährkosten zum Übersetzen von Klaipeda auf die Kurische Nehrung

http://www.keltas.lt/

 

Zusatzabgabe beim Befahren der Kurischen Nehrung (Ökosteuer):

http://www.visitneringa.com/de/main/info/levy

 

Thomas-Mann-Museum auf der Kurischen Nehrung

http://www.mann.lt/de/

 

Freilichtmuseum Rumsiskes

http://www.llbm.lt/de/das_freilichtmuseum_litauen_/

 

Gruto-Parkas in Druskininkai

http://www.grutoparkas.lt/

 

Campingplätze in Litauen:

www.camping.lt

http://campingfuehrer.adac.de/europa/litauen/litauen.php?p=1

 

Zulässigkeit des Campens außerhalb von Campingplätzen:

http://campingfuehrer.adac.de/camper-service/files/cam23_02_2014.pdf

 

Weitere Reiseberichte von Wohnmobilisten

http://www.dani2008.de/urlaub2011baltikum_litauen.html

http://www.reiseberichte-europa.reisemobil-fahren.de/Polen-Baltikum/Litauen/litauen.html

http://www.amr-outdoorwelt.de/Reise-Infos/Europa/Lettland/Baltikum.pdf

 

Dokumentation des Senders arte „Wildes Baltikum“ (2 x 45min) auf youtube:

http://www.youtube.com/watch?v=HmNaDJkw7VU

http://www.youtube.com/watch?v=q503XoYYEzg

 

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